35 Sätze aus dem schönsten Exemplar des Buchs:
„Als würden die Sätze ihn ausfüllen, aus der Welt nehmen.“ (Vowinckel 2023: 24)
„Sie redete sich ein, dass es so war, das Erwachsenwerden: Man übte es tagsüber, nachts wurde man zum Kind.“ (Vowinckel 2023: 29)
„Im Schlaf sprach Margarita mit ihm am Esstisch, schrie ihn an, warf Sachen, kurz überlegte er, sie zu schlagen, schreckte auf, schlief weiter, traumlos.“ (Vowinckel 2023: 37)
„An der Gepäckausgabe fuhr ihr Koffer allein im Kreis, beinahe menschlich, wie er auf sie wartete.“ (Vowinckel 2023: 52)
„Sie warfen das Gras über die Schulter, es hatte kaum Gewicht, schwebte in der Luft, wie die Worte, die er sang.“ (Vowinckel 2023: 72)
„Es hatte sich ein Kämmerchen in den Lungen aufgetan, aus dem eine neue Stimme kam, mutiger, zugleich sanfter.“ (Vowinckel 2023: 101)
„In seiner Erinnerung roch auch dieser letzte Sex vor Margaritas Geburt nach Zimt und Kirschen, es war mitten am Tag gewesen.“ (Vowinckel 2023: 112)
„Würde es immer so weitergehen, dass eigentlich jede Erinnerung wie ein Film aus einem anderen Leben war, das sie niemals jemandem komplett offenbaren könnte?“ (Vowinckel 2023: 123)
„Sie spürte das Spannen der Haut an ihren Oberschenkeln, während sie an Liors Körper dachte, wie sie es jedes Mal tat, wenn sie auch nur kurz die Augen schloss, sogar, wenn sie blinzelte, tauchte er auf, wie er in sie stieß, seine dreckigen Fingernägel und das dichte Haar über seinem Penis.“ (Vowinckel 2023: 130)
„Mittlerweile gab es keine Zelle mehr an seinem Körper, die Marsha einmal angefasst hatte, keinen Zentimeter, den Marsha einmal begehrt hatte, so, wie er sie begehrt hatte, ein gieriges Verlangen, die Erinnerung an Sex mit Marsha beinah schmerzhaft, er hatte damals unverhohlen berührt und hatte sich noch unverhohlener berühren lassen.“ (Vowinckel 2023: 135)
„Er fragte sich, ob er auch im Dunkeln mit Hannah am Esstisch sitzen würde, ob sie ihr helles Lachen in seine Küche lachen würde.“ (Vowinckel 2023: 150)
„Die Stille, die Brise, die den Vorhang vor der Balkontür hereinwehte — so stellte sie sich das Erwachsensein vor, erleichternd.“ (Vowinckel 2023: 152)
„Sie starrte auf das Weinglas vor ihrer Mutter, stellte sich vor, wie sie hineinbiss, wie das Glas in ihrem Mund zerbrach, wie sie die Scherben schluckte, wie es sie von innen zerriss, es wäre viel einfacher, als diese Unterhaltung zu führen.“ (Vowinckel 2023: 166)
„Geborgen, der Kuss. Bergend.“ (Vowinckel 2023: 172)
„Während sie überlegte, was eigentlich war, dämmerte sie weg und erwachte einige Stunden später ungläubig: dass sie eingeschlafen war, dass sie geschlafen hatte, dass sie nun aufwachte, wie fragil der Zustand zwischen Wach und Schlaf, kein Schwarz und kein Weiß und kein Grau, eher ein Indigo und ein Royal, ein wacher Schlaf, ein schläfriges Wach.“ (Vowinckel 2023: 184)
„Stattdessen nur eine Sehnsucht, nicht nach Marsha, sondern nach den Erinnerungen an sie, lange hatte es so viele gegeben, dass er sich aussuchen konnte, an welche er sich beim Einschlafen klammerte, doch sie waren immer weiter verschwunden, wie sehr er sich auch daran festgehalten hatte mit Greifarmen, stark wie Margaritas kleine Babyfinger.“ (Vowinckel 2023: 184)
„Wie gut sie ineinandergepasst hatten, ihre Arme und Beine, ihre Lippen, alles andere.“ (Vowinckel 2023: 188)
„Wenn man sich nur selbst verlassen könnte, dachte er, er täte es.“ (Vowinckel 2023: 189)
„Doch er war so lange weitergetaumelt, bis es ein gutes Leben wurde, dem nur eines fehlte, nämlich die Liebe, aus der es entstanden war.“ (Vowinckel 2023: 190)
„[S]ein Gehirn stolperte, wollte keine Sprache finden, es trank bloß Marshas Stimme, wurde wortlos, sinnlos, bis sie auflegte.“ (Vowinckel 2023: 191)
„Er wäre nie endgültig satt geworden, wäre Marsha geblieben, er hätte begehrt, bis er gestorben wäre. Er war nur satt, weil er Angst vor dem Hunger hatte.“ (Vowinckel 2023: 195)
„Ihre Mutter zog sie zu sich heran, wurde schwerer und schwerer, Margaritas Nacken nasser und nasser, bis lautes Hupen die Umarmung beendete.“ (Vowinckel 2023: 199 f.)
„Griff nach der Trauer in Hannahs Augen, eine Trauer wie ein Spiegel, der Spiegel eines Vaters, wurde Harry, wurde Hannah.“ (Vowinckel 2023: 209)
„Oder er würde sich einen Hund kaufen und die Jahre bis zu seinem Tod abwarten, erst die Jahre bis zum Tod des Hundes, dann bis zu seinem eigenen.“ (Vowinckel 2023: 216)
„Sobald sich ihre Blicke trafen, begann sie, schnell zu sprechen, verhedderte sich, die Sprache plötzlich doch keine Vater-, sondern eine Fremdsprache, die Worte noch kehliger, weil sie am Kloß im Hals vorbei herausgepresst werden mussten.“ (Vowinckel 2023: 220)
„Als sie sich sicher war, dass er schlief, schmiegte sie sich an ihn, verzweifelt, schob ein Bein über seines, er schob es weg, nun schwebte es in der Luft, und sie wusste nicht, wohin damit, wenn es nicht klammern durfte, nicht schlingen, nicht liegen.“ (Vowinckel 2023: 227 f.)
„Kinder konnten das, er erinnerte sich an das befreundete Ehepaar, das nur wegen des komplizierten Beinbruchs ihres Sohnes nicht die Scheidung eingereicht hatte, später dann doch, als er wieder laufen konnte, in eine eigene Wohnung, in der er sie nicht mehr brauchte.” (Vowinckel 2023: 231)
„Margaritas Leben kam ihm plötzlich trostlos vor, während er betete, also betete er, der Trost möge zurückkommen, sie möge dieses Deutschland irgendwann einmal verlassen, damit auch er nicht mehr daran gefesselt sein würde.“ (Vowinckel 2023: 256)
„Sie beobachtete ihre Eltern dabei, wie sie durch die Ausstellung schritten, Marsha beinahe zu aufrecht, sie sah selbstzufrieden aus, wie sie mit wissenschaftlichem Blick die Exponate betrachtete, die Tafeln scheinbar in einem Affenzahn las oder nur überflog, der Vater, der immer wieder stehen blieb, sich die Lippen rieb, sich hinsetzte und die Interviews ansah.“ (Vowinckel 2023: 272)
„[S]ie wünschte sich, sie wäre freundlicher gewesen, nicht immerzu geflohen, sie hätte öfter ihr Essen gelobt und auf der Schaukel gesessen, die sie nur für sie in den Garten gebaut hatten.“ (Vowinckel 2023: 273)
„[…] wie jemand, der wusste, was Habitus war, aber nicht, wie er roch.“ (Vowinckel 2023: 286 f.)
„[W]enn ich ein Laut wäre, dann wäre ich ein Plosiv, dachte Margarita, aber keiner, der Bedeutung unterschied, sondern ein Zusatzplosiv, der alles zerhackte — die Worte und die Welt, die Menschen, sie selbst.“ (Vowinckel 2023: 306 f.)
„‚There is no such thing as poetic justice’, sagte Marsha, ‚and, my darling, that is the cruelest and the kindest thing about our lives.‘“ (Vowinckel 2023: 317)
„Er war voller Tage. […] Vielleicht passten keine Tage mehr in ihn.“ (Vowinckel 2023: 341)
„Es war, als hätte sie sich am Leben verschluckt.“ (Vowinckel 2023: 355)