Selbstverliebte Klischeeattacke
Wer glaubt, in diesem Buch ginge es um das Feeling auf einem Notfall, den grossen Herausforderungen für die dort tätigen und sich dorthin begebenden Menschen gleichermassen, um die wirklich belastenden Momente und Aspekte wie auch die frohen und belebenden, die oder der irrt.
Ich habe kurz vor Ende des Buches endgültig kapitulieret, denn zuletzt geht es nur noch um den Beziehungsschmalz eines Paares, von dem man nicht mehr erfährt, als dass sie sich gegenseitig gerne ihre Hände unter die Kittel schieben. Oder an das jeweilige Geschlechtsorgan, mit dem einzigen Ziel innerhalb kürzester Zeit möglichst viele Orgasmen zu produzieren. Selbstverständlich trägt der weibliche Teil dieses Paares den niedlichen Namen Nicki, eine putzige, sich schlagfertig wähnende Assistentin. Von dem männlichen Teil erfährt man lediglich, dass er Dienstpläne schreibt, NEF fährt, flache Sprüche macht und, trief trief, leicht angegraute Schläfen hat. Ach ja, eine Vasektomie hatte er mal vornehmen lassen, aber die schnuckelige Nicki wird trotzdem schwanger, wohl aber von einem anderen, ein frustiger, betrunkener One Night Stand, das Kind geht zum Glück von alleine ab, nur doof, dass die kleine Assistentin nach fünf gemeinsamen Orgasmen plötzlich doch ein Kind will- vom grau beschläften Oberarzt….
…aber halt: sollte es nicht eigentlich um Notfallmedizin gehen? Manchmal tut es das kurz, dann werden Patientinnen und Patienten mit sarkastischen Aussagen abgefertigt und ein paar Sätze zur hohen Arbeitsbelastung im Schichtsystem verloren. Meist aber geht es auch hier dick und fett um Klischees, Sexismen und, man ahnt es schon: Rumgevögele in allen Varianten- angesichts der Problematik von sexueller Belästigung in Spitälern fast schon fahrlässig.
Da ich selbst in der Notfallmedizin tätig bin, habe ich ein paar mal eher müde gegrinst, oft gedacht, soll das witzig sein? Und mich noch öfter richtig geärgert. Die Handlungen der Protagonisten spotten jedem Versuch von Kliniken, respektvolle und von sexueller Übergriffigkeit befreite Kulturen aufzubauen. Wäre dieses Buch vor 20 Jahren erschienen, hätte es dem Zeitgeist entsprochen; wieso die Autorin jetzt diesen Rückgriff macht, statt ein von patriarchalen Strukturen befreite Vision und Version zu schaffen, habe ich nichz verstanden. Hat eventuell was mit Verkaufszahlen zu tun?