Oliver Hilmes führt uns - wenig überraschend angesichts des Buchtitels - ins Jahr 1943, das man als Wendejahr des zweiten Weltkrieges sehen kann: In Stalingrad wird die deutsche 6. Armee vernichtet, die Amerikaner landen in Sizilien, und alliierte Bombergeschwader legen Hamburg und Berlin in Schutt und Asche. Von Blitzkrieg und unwiderstehlichen Vorstößen ist die Wehrmacht weit entfernt, und jeder, der offenen Auges ist, wird die unvermeidliche deutsche Niederlage nahen sehen.
Karlrobert Kreiten ist einer von denen. Mit den Nazis hat er nicht viel am Hut, vor allem aber blockiert ihm der Weltkrieg seine Pianistenkarriere, die bis dahin einen steilen Aufstieg genommen hat. Kreiten logiert in Berlin bei einer Bekannten, einer glühenden Nationalsozialistin und heißen Hitlerverehrerin, und die geht ihm derart auf die Nerven, dass er ihr gegenüber freiweg vom Leder zieht. Die Dame ist schockiert, erkundigt sich bei Freundinnen (von denen eine in Goebbels’ Propagandaministerium arbeitet), was man da tun solle, und prompt wird Kreiten von der Gestapo verhaftet, vom Volksgerichtshof des Roland Freisler wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt und im September erhängt.
Seine (authentische - das ist ein Sachbuch!) Geschichte erzählt uns Hilmes, das Martyrium von Haft und dem Leid vor der Hinrichtung vielleicht ein wenig zu suggestiv auskostend, dazu liefert er uns die Werdegänge der Menschen aus Kreitens Umgebung: Verteidiger, Staatsanwälte, Richter. Und um den Kontext besser zu vermitteln, reichert er diesen Bericht eines Jahres an um Zeugnisse aus den Tagebüchern von Joseph Goebbels, Erich Kästner und Victor Klemperer, aus den Erinnerungen von Werner Höfer und Hans Rosenthal (Dalli Dalli? Die Älteren unter Ihnen werden sich dunkel erinnern), der Geschwister Scholl und noch anderer Zeitgenossen.
Das Prinzip des Buches folgt ein wenig der Idee, die Florian Illies in seinem fulminanten „1913“ vorgelegt hat, auch Hilmes selbst hat bereits ein Buch dieser Art verfasst, über die 16 Tage der Olympischen Spiele von Berlin 1936 (das ich allerdings nicht kenne)
Kreitens Namen und Schicksal kannte ich bis dahin ebenfalls gar nicht, er muss wirklich ein bemerkenswerter Klavierspieler gewesen sein. Sonst wird das Buch vermutlich seinen Leser_innen umso mehr Gewinn bringen, je weniger sie mit den Details der Nazizeit vertraut sind. Wer den Klemperer schon im Regal hat und wusste, dass es Kästner war, der das Drehbuch zur Ufa-Sensation „Münchhausen“ schrieb (mit zähneknirschendem Einverständnis Goebbels’), der wird über die Kreitengeschichte hinaus nicht schrecklich viel Neues erfahren, aber das macht nichts, es liest sich rund und gut - und dass Nazis Scheiße sind, kann man in diesen zusehends finsteren Zeiten eh gar nicht oft genug verbreiten.