Karitas wächst zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einfachen Verhältnissen in Island auf. Der Vater, ein Fischer, ist auf See geblieben, die Mutter zieht die sechs Kinder alleine groß und beschließt eines Tages, an die Küste zu ziehen, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Die Kinder, sofern alt genug, müssen mithelfen, Geld zu verdienen. Die älteren Schwestern schuften in der Fischverarbeitung, während Karitas zu Hause die Jüngsten hütet und, wann immer sie Möglichkeit hat, ihrer Leidenschaft frönt, dem Zeichnen und Malen.
Obwohl es unter ihresgleichen eher als nutzlose Spielerei gilt, bleibt Karitas' Talent bleibt nicht verborgen, und schließlich wird sie von einer wohlhabenden Dameentdeckt und gefördert. In ihrem Umfeld stößt das eher auf Unverständnis, und als sie selbst einen gutaussehenden Fischer heiratet, der den Großteil der Zeit unterwegs ist, findet sie sich in einem großen Zwiespalt wider zwischen dem, was Gesellschaft und Traditionen von ihr erwarten und dem, was sie selbst wirklich möchte (und am allerbesten kann).
Manchmal tut es schon fast weh, Karitas' Geschichte zu lesen, angefangen bei den schon fast schmerzhaft ärmlichen Lebensumständen und dem Mangel an vielem, was wir heute als selbstverständlich erachten. Und Karitas ist anders als die anderen, sie sehnt sich nach Schönem, Ungewöhnlichem, Mutigem und nach Anerkennung, doch ihre Kunst ist selbst den Menschen, die sie am liebsten hat, fremd und fern. Manchmal kann sie selbst auch schwierig und spröde sein, steht sich selbst im Weg und macht es sich schwerer, als es sein müsste.
Kristín Marja Baldursdóttir malt in wunderbaren Sprachbildern das Porträt einer außergewöhnlichen Frau, die in die falsche Zeit und den falschen Ort hineingeboren zu sein scheint und es nur selten schafft, aus dem Korsett der Umstände auszubrechen. Die Nebenfiguren wie auch die geographischen und historischen Hintergründe sind mit feinem Pinsel großartig gezeichnet, so dass man sich mit allen Sinnen in das karge Island jener Zeit versetzt fühlt. Die Bräuche, der herrschende Aberglaube, die harte Arbeit, die von den Jahreszeiten bestimmt wird, all das steht in scharfem Kontrast zu Karitas' modernen Kunstwerken, die immer wieder detailreich und stimmungsvoll beschrieben werden.
Einen recht großen Zeitsprung nach etwa 2/3 des Buches fand ich ein wenig schade, weil ich Karitas' Weg auch in der Zwischenzeit gerne verfolgt hätte, aber ansonsten hat mich das Buch sehr beeindruckt und mitgerissen, dank seiner ungewöhnlichen Protagonistin, dem nicht alltäglichen Setting und einer wunderschönen Sprache. Hut ab auch vor der Leistung der Übersetzerin Coletta Bürling, die die Sprache auch im Deutschen zu etwas Besonderem gemacht hat.