„Die wirksamste Propaganda sind nicht die Lügen, sondern das Verschweigen der Wahrheit.“ Dieser Satz von George Orwell sagt schon alles aus. Gezielte Manipulation ist die erste Waffe, die in bilateralen Auseinandersetzung eingesetzt wird, und kurioserweise fruchtet sie bei sehr vielen Menschen. Sobald sich Fronten bilden, ist man geneigt, den Regierenden zu glauben, denen man sonst lieber misstraut. Wenn man sich die breite Masse der Verschwörungstheorien nicht nur auf Social Media anschaut, ist man geneigt zu denken, die ganze Welt ist verrückt geworden.
So geht es auch dem ICH Erzähler, der genau wie der Autor Dimitrij heißt. Er hadert sehr damit, dass seine Mutter der russischen Propaganda an den Lippen hängt. Dabei kommen sie aus Kyjiw, und sind anfang der 90er Jahre als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland eingewandert. Mama betreibt ein kleines Geschäft, in dem Spezialitäten und Nützliches aus der Heimat verkauft wird. Der Laden heißt „магазин“, was im Deutschen schlicht „Magazin“ heißt. Die Leute kommen allerdings nicht nur zum einkaufen, sondern auch um sich zu treffen und sich auszutauschen. Ein Treffpunkt aller Osteuropäer und besonders die Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion sind hier wieder vereint. Der Überfall Russlands 2014 auf ukrainische Gebiete und die Zuspitzung 2022 verändert einiges. Auf einmal ist wird auch in diesem kleinen Kosmos deutlich, dass man aus zwei unterschiedlichen Welten kommt, aus Freunden werden Feinde und das Geschäft steuert auf sein Ende zu. Und russische Informationsquellen werden die ständigen Begleiter von Dimitrijs Mutter.
Das gefällt ihm gar nicht. Er liebt seine Mutter, und er liebt die russische Sprache, obwohl er sie nicht perfekt beherrscht, aber dass sie den Sprachrohren Putins mehr glauben schenkt als anderen weltweit zugänglichen Quellen findet er sehr befremdlich und er sorgt sich, dass der Keil, der zwischen Russen und Ukraine getrieben wurde auch in seiner Familie zerstörerische Kräfte entwickelt. Kurz entschlossen macht er sich auf den Weg in die Ukraine, kein risikoloses Unterfangen - und sucht dort nach Erinnerungen und Menschen, die im Nahe stehen. Sinulja- was so viel wie Söhnchen bedeutet– möchte die schrecklicher Realität des Krieges, wie ein Souvenir einpacken und mit nach Hause nehmen. Ob ihm das glückt müsst, ihr selber lesen
Kapitelman hat in diesem Buch ein Phänomen der Gegenwart eingearbeitet, dass auch mich immer wieder fassungslos macht. Die mangelnde Reflektion manipulativer Videos, auf Basis eigener Erfahrungen scheint in manchen Gesellschaftsschichten nicht möglich zu sein, und so verfällt man Worten die eigentlich sofort als Lügen zu entlarven sind. Die Suche nach den Ursachen, warum seine Mutter plötzlich mit Blind- und Taubheit geschlagen scheint scheint genauso aussichtslos wie die Suche nach Möglichkeiten diesen Krieg zu beenden. Doch es schimmern immer wieder Sätze durch, die zeigen, wie tief die kollektive Sehnsucht nach besseren Tagen sitzt, und wie sehr sie sich mit einem nostalgisch Rückblick auf die eigene Jugend vermischt. Dass seine Mutter zum Beispiel nur auf die Ukrainer schimpft und sie die Russen fast nie erwähnt, begründet sie damit, dass ihr Letztere egal sind und sie sich die Ukraine von vor 30 Jahren zurück wünscht, wohlgemerkt die, die sie verlassen und die ihr aus mehreren Gründen das Leben schwer gemacht hat. Dabei entlarvt sie genau das, was ich als großes Problem in unserer gegenwärtigen Gesellschaft empfinde: man sehnt sich nach einer Jugend voller Hoffnung zurück obwohl damals gar nicht alles besser war, aber man war jung und optimistisch. Nun kommt man mit den düsteren Zukunftsvisionen der Gegenwart gar nicht klar, und Schuld sind immer die anderen.
Die Figurenzeichnung des Autors ist hervorragend. Natürlich hat er besonders der Mutter einen bestimmten Anstrich gegeben, der mir großes Vergnügen bereitet hat, dieses Buch zu lesen. Es entbehrt nämlich trotz der Schwere des Themas nicht einem gewissen Humor. Dass sich Mutterliebe im Osten Europas in erster Linie daran zu erkennen gibt, dass man seine Söhne daran erinnert, die Mütze anzuziehen, ist dabei nur ein Beispiel. Die Ignoranz, die sich auch in den lesenswerten Dialogen ganz wunderbar offenbart, haben, mich regelmäßig zum Schmunzeln gebracht. Ich konnte mich in die zwischen, Verzweiflung und Resignation schwankenden Stimmungen des Sohnes wunderbar hineinversetzen. Der Kriegsalltag in der Ukraine ist gleichermaßen erschreckend wie banal. Hier hat der Autor, die Alltäglichkeit der Angriffe und die Abstumpfung gegenüber den damit verbundenen Gefahren, sehr realitätsnah eingefangen. Außerdem füllt er seine Story auch noch mit dem gegenwärtigen Lebensgefühl im Osten Deutschlands auf, und es wird sehr deutlich, wie eng unser Land an die Entwicklungen in der Ukraine geknüpft sind.
Das Ganze ist dann auch noch sprachlich sehr fein geschliffen. Ich habe so viele schöne Sätze entdeckt und schnell gemerkt wie viel Spaß es macht diesen Text zu lesen.
Deshalb empfehle ich das Buch gerne weiter, und würde mich freuen, wenn es besonders viele Menschen lesen, die sich den Erfahrungen als Immigrant*in mit kulturell anders geprägter Vergangenheit literarisch auseinandersetzen möchten. In diesem Roman bekommt ihr das gesellschaftspolitisch reflektiert und literatursprachlich verfeinert serviert.