Holzfällen – eine erregende Deutung
Während alle in dem Buch Bernhards noch auf den Burgschauspieler warteten oder der Erzähler selbst noch auf dem Graben in Wien hin und her lief, fuhr ich in meinem Auto auf dem Oslovej in Silkeborg, Dänemark, zurück nach Hause, nachdem ich meine Kinder in der Schule und im Kindergarten gelassen hatte, und da, auf dem Autositz sitzend, fing ich nochmals an, Holzfällen als Hörbuch zu hören. Ich dachte, dass es ein verheerender Fehler gewesen war, allein nach Hause zu fahren, wo ich den ganzen Morgen frei bin, bis ich um 2 Uhr nachmittags meine Arbeit in der Fabrik anfangen soll, wo ich wegen des stumpfsinnigen, repetitiven Produktionsprozesses auch andauernd Hörbücher hören kann und jetzt nochmals Holzfällen, das wer weiß wie viele Male ich schon gehört und gelesen habe. Und ich dachte noch, auf dem Autositz sitzend, warum ich nicht lieber ein bisschen mehr mit meinen Kindern gespielt habe und dann auch das Haus besser geputzt habe, vielleicht dazu etwas für meine Familie gekocht habe, etwas, das sie essen können, wenn sie zurück nach Hause kommen werden. Ich kann leider nicht auf sie warten, sie kommen erst, nachdem ich schon in die Fabrik gefahren bin, und auch sie warten nicht auf mich, wenn ich zurück nach Hause komme, sie schlafen dann schon seit Langem.
Und ich dachte, jetzt schon allein in meinem kleinen Gästezimmer, beim Tisch auf einem gewöhnlichen Secondhand-Ikea-Stuhl sitzend und schon auf meinem Handy mehr oder weniger dieselben Worte tippend und zwischen die Nebensätze immer wieder einen kleinen Schluck aus dem bitteren Kaffee machend, den ich mir selbst gekocht habe und den ich in der anderen Hand halte, nicht der rechten, in der ich mein Handy halte. Es sieht schon wie eine Buchbesprechung aus, dachte ich erregt, und schon wechselte ich mein Handy mit dem Laptop, und das war sehr leicht zu tun, weil ich Google Docs verwende. Es wird nochmals weder geputzt noch gekocht, jetzt tippte ich los mit beiden Händen, unbehaglich auf meinem Secondhand-Ikea-Stuhl sitzend, die sehr schwere deutsche Grammatik, die für meine eigene Schreibweise ungewöhnlich ist, aber nicht für Bernhard, die natürlichste, ja die einzig denkbare Schreibweise für Bernhard, aber für meine Hände und meinen Kopf, wenn ich ähnliche Sätze mit meinen eigenen Händen und aus meinem eigenen Kopf produziere, naturgemäß zu gewundene und sogar schwindelerregende Sätze. Der Kaffee inzwischen neben mir, schon seit Minuten unberührt, kalt werdend.
Als ich auf meinem Secondhand-Ikea-Stuhl saß, saß der Erzähler in seinem weltberühmten Ohrensessel und dachte, “daß es besser gewesen wäre, an diesem Abend und meinetwegen auch noch die ganze Nacht Pascal oder Gogol oder Dostojewskij oder Tschechow zu lesen, als auf dieses abstoßende künstlerische Abendessen in der Gentzgasse zu gehen.” Und ich dachte: Na ja, ich verstehe genau, warum diese Autoren genannt werden. Pascal – und auch Montaigne, der später erwähnt wird – ist ein Schwätzphilosoph. Die Franzosen waren ja die ersten und sind noch die allergrößten Schwätzphilosophen; sie haben die Schwätzkunst, die immer eine französische Kunst gewesen ist, zu einer SchwätzmitsichselbstinseinemeigenenKopfKunst gemacht. Leicht zu sehen, warum Bernhard mit ihnen eine Affinität hat.
Aber warum wird Gogol genannt? Das ist ein bisschen schwerer zu verstehen, und wir müssen dafür schon das Ende des Romans antizipieren. Gogol (dieser Autor mit einem runden Namen) vereint den Anfang des Holzfällens mit seinem Ende. Am Anfang spricht der Erzähler über die „Luft am Graben“ und den „Menschenwirbel“, und das ist wie in Gogols Newski Prospekt, wo die ganze Atmosphäre des nordischen Boulevards präsentiert wird, wo die grauen und beschäftigten oder die bunten und behaglichen Leute, die dort hin und her laufen, allesamt wie eine fremde Spezies betrachtet werden.
Am Ende des Holzfällens wird der Erzähler hier, wie der Erzähler in Gogols Tote Seelen, pathetisch und komisch, aber trotzdem authentisch und tief sentimental. Seine Hassliebe wird plötzlich und unerwartet rührend.
Dostojewskij ist ja der größte abyssale Psychologe, und wie wir sehen werden, sind alle Personen dieses Buches wie Dämonen.
Tschechow wird höchstwahrscheinlich von Bernhard als der Genie betrachtet, der eine echte Revolution im Theater gemacht hat. Tschechow ist der große Dichter des Nichtstuns der Gesellschaft.
Ibsen, der viel mehr als Tschechow in Holzfällen erwähnt wird – der Burgtheater-Schauspieler, der große Gast beim „abstoßenden künstlerischen Abendessen“, hat gerade in Ibsens Wildente gespielt – ist allerdings ein Klassiker und gehört, zusammen mit Strindberg, der auch erwähnt wird, mehr zum 19. Jahrhundert als zum 20. Jahrhundert. Die tolle Gegenüberstellung dieser beiden und die überflüssige Frage, wer klassischer ist – Ibsen oder Strindberg – ridikülisiert beide und zeigt sie als gleich irrelevante Sozialkritiker für die zeitgenössische Gesellschaft.
Die erste Dämonin dieses Buches ist, selbstverständlich, Joana, eine frühere Freundin des Erzählers und der Auersberger, von vor zwanzig Jahren, als sie noch Freunde waren. Joana war eine gute Person und eine sehr talentierte, aber in Wien gescheiterte Künstlerin. Sie hat sich vor einigen Tagen erhängt. Sie ist das Gespenst der Gesellschaft bei den Auersbergern. Das „abstoßende künstlerische Abendessen“ findet am selben Tag wie ihr Begräbnis statt, und die Gäste bei den Auersbergern kommen vom ersten zum zweiten Ereignis, ohne ihre Trauerkleidung zu wechseln.
Die Auersberger sind die dämonisierten (als fiktionalisierten) Lampersberger. Sie waren in Wirklichkeit Freunde Bernhards. Der Erzähler ist, vom literaturtheoretischen Standpunkt aus, der Dämon des Autors. Aber der Schauspieler ist ebenfalls ein Dämon, per Definition und als Beruf, wie alle Schauspieler. Darüber hinaus ist er auch der Dämon Bernhards, sein personifiziertes Sprachrohr, ein Dämon des Erzählers, der als Gast bei den Auersbergern meist schweigt. Der Schauspieler sagt am Ende allen ins Gesicht, wer sie sind.
Alle Frauenfiguren sind Dämonen der Dämonin Joana – nur mittelmäßige, dilettantische, aber gemütliche und selbstsichere Künstlerinnen. Frau Auersberger ist Sängerin, und manchmal begleitet sie ihr Mann, der ein „Komponist in der Weber-Nachfolge“ ist. Jeannie Billroth, die Schriftstellerin der Gesellschaft, ist selbstverständlich auch eine Dämonin Bernhards und eine Dämonin (als Epigonin) Virginia Woolfs:
“Nun saß ich der Wiener Virginia Woolf gegenüber, dieser abgeschmackten Gedichte- und Prosaschöpferin, die, das war jetzt aufeinmal klar, zeitlebens nur in ihrem kleinbürgerlichen Kitsch gebadet hat, wie ich denke. Und eine solche Person getraut sich ohne weiteres zu sagen, daß sie noch besser schreibe als die Virginia Woolf, die von mir, seit ich in schriftstellerischem Denken geschult bin, immer als die erste aller Dichterinnen bewundert gewesen ist, daß sie, die Billroth, in ihren Romanen weiter sei als Die Wellen, weiter als Orlando, weiter als Die Fahrt zum Leuchtturm.“
Diese Dämonenversammlung ist zugleich wie in Gogol und Dostojewski. Beide haben das Thema der Verdoppelung als Usurpation erforscht. In ihren Werken sehen wir auch, wenn auch auf eine offensichtlichere Weise als bei Bernhard, Doppelgänger als selbstzufriedene Eindringlinge.
All dies habe ich wie in einer Fuge auf meinem Laptop getippt. „Es klingt schon zu kompliziert“, dachte ich beim Nachlesen. „Aber ich muss diese Buchbesprechung ohnehin für die Bernhard-Fanatiker schreiben, sie werden verstehen“, dachte ich, während ich mich ein wenig in meinem Ikea-Stuhl zurücklehnte. Naturgemäß werden sie auch immer wissen wollen – ja, wissen sollen –, genau wo ich sitze, dachte ich, auf dem Secondhand-Ikea-Stuhl sitzend, weiter auf meinem Laptop schreibend. Wie das Buch eine Selbstparodie über Bernhards Person und Werke ist, so muss auch meine Besprechung eine Parodie seiner Selbstparodie und eine persönliche Selbstparodie zugleich sein, dachte ich, auf dem Secondhand-Ikea-Stuhl ungemütlich sitzend, diese für mich ungewöhnlich langen und gewundenen Sätze jetzt mit beiden Händen schreibend und editierend, während mein schwarzer Kaffee neben mir so kalt wurde wie die Luft in meinem kleinen Gästezimmer.
Holzfällen ist voll von „zweiter Hand“-Personen, dachte ich, während ich mich umschaute, wie auch mein Haus voll von Secondhand-Möbeln und -Objekten ist. Selbst das Buch Holzfällen habe ich gebraucht gekauft. Der anonyme Erzähler, der genau wie Bernhard seit 30 Jahren Schriftsteller ist, ist seine eigene Karikatur. Er trägt nicht seinen Namen wie der Erzähler in Wittgensteins Neffe, wo ein realistischer und autobiografischer Bernhard schreibt und spricht und tatsächlich Bernhard genannt wird. Der anonyme Selbstkarikaturist hier schwadroniert erwartungsgemäß alles und alle zu Grunde – aber nur in seinem und unserem Kopf. In diesem Roman ist er zumeist ein schweigender Gast.
Seine Gastgeber, genauer gesagt die „Künstlerische Abendessen“-Gastgeber und lächerlichen „Landmäzenaten“, also die Auersberger, sind alte Freunde, aber seit 30 Jahren Feinde des Erzählers. Sie sind auch die Karikaturen der in Wirklichkeit existierenden Lampersberger. Die Satire war für seine Zeitgenossen so offensichtlich, dass diese Lampersberger Bernhard wegen Verleumdung verklagt haben. Das Buch wurde aus den Buchhandlungen beschlagnahmt, und das Ganze war in Wien ein echter Skandal. Doch die Parodie und Selbstparodie, die Karikaturen und Selbstkarikaturen sowie andere Spiegelungen sind in dem Roman weitaus subtiler und heikler, als sie auf den ersten Blick erscheinen.
Ich glaube, dass alle Männerfiguren gewissermaßen verzerrte Abbildungen Bernhards sind. Der pathetisch betrunkene Auersberger ist ebenso lakonisch wie der Erzähler selbst, der meist hört, was die anderen sagen, während er einen langen inneren Monolog hält. Auersberger ist merkwürdigerweise immer an der Grenze zu seinen Gästen – mehr abwesend als anwesend –, meist nachlässig am Klavier sitzend, ohne zu spielen, in der charakteristischen Pose eines mittelmäßigen „Weber-Nachfolgers“. Er bildet einen echten Kontrast zum Erzähler, der ebenfalls beiseite sitzt, aber sehr nüchtern im Ohrensessel, die gesamte Handlung beobachtend und innerlich kommentierend – wie es einem Schriftsteller eben zukommt, dachte ich, auf dem Secondhand-Ikea-Stuhl sitzend, weiterschreibend.
Auersberger, der betrunkene, nachlässige Gastgeber, ist wie ein Schatten des nüchternen Erzählers, der von der anderen Seite des Gästezimmers aus seinem Ohrensessel heraus eine sehr enge Perspektive auf die gesamte Versammlung bei den Auersbergern ermöglicht. Der Erzähler ist während seines gesamten Besuchs in seine Beobachtungen und seinen inneren Monolog vertieft und äußert seltsamerweise nur einzelne Worte oder sehr kurze Sätze wie „künstlerisches Leben“ oder „Ekdal“ und dann „Aber was für ein Ekdal?“ Diese verbalen Eingriffe, so lakonisch sie auch sind, genügen jedes Mal, um Gäste und Gastgeber zu verblüffen und das allgemeine Gespräch am Tisch in eine unerwartete Richtung zu lenken.
Wir hören selbstverständlich nicht, was in Auersbergers Innerem vorgeht – vielleicht ist sein Geist eigentlich leer. Doch auch er drückt sich lakonisch aus, ebenso plötzlich und unvermittelt wie der Erzähler, nur im Gegensatz zu diesem ungeschickt und grob. So zum Beispiel, wenn er in Richtung der Küche schreit, wo die unsichtbare Köchin, die um Mitternacht für alle gekocht hat, sich befindet: „Ein scheußliches Essen!“ Überdies ist er ein unverblümter Menschenhasser, der im betrunkenen Zustand dazu fähig ist, fast skandierend im Gesicht all seiner Gäste zu verkünden: „Die Menschheit gehört ausgerottet.“
Der Erzähler, der auf dem weltberühmten Ohrensessel sitzt und sich selbst von der gesamten snobistischen Versammlung bei den Auersbergern ausschließt, scheint nur ein raffinierterer Misanthrop zu sein. Für alle Bernhard-Fanatiker ist er jedoch selbstverständlich nicht und niemals ein Menschen-, sondern ein Unmenschenhasser, dachte ich, auf meinem bescheidenen Ikea-Stuhl sitzend und weiterschreibend.
Der langerwartete Burgschauspieler trifft bei den Auersbergern ein, während der Erzähler in seinem Ohrensessel eingenickt ist. Der Letztere verschläft den Eintritt des Hauptgastes. Auf eine interessante Weise erscheint der Schauspieler, als käme er direkt aus dem Unbewussten des Erzählers. Später wird sich zeigen, dass er die extrovertierte Seite des ansonsten schweigsamen Erzählers verkörpert und gewissermaßen dessen Sprachrohr ist:
“Und ich hatte den Eindruck, daß das alle, die Zeuge dieses Ausbruchs des Burgschauspielers gewesen waren, nicht nur im Augenblick gefreut hat, sondern ihnen allen eine größere, doch länger als nur die kürzeste Zeit anhaltende Genugtuung gewesen ist. Natürlich, sie haben dieses ihr Gefühl nicht ausgesprochen, dazu hatten sie auch keine Veranlassung und sie hätten es sich auch nicht leisten können. Der Burgschauspieler aber konnte es sich leisten genauso, wie ich es mir habe leisten können, allein durch mein Schweigen dem Burgschauspieler gegenüber in allem, das er gegen die Jeannie vorgebracht hat, recht zu geben. Endlich, nach Jahren, nach Jahrzehnten, sagt ein Mensch jenem die Wahrheit ins Gesicht, dem wir sie wünschen, jahrzehntelang wünschen, genau die Wahrheit, die er vorher nie gehört hat, weil es bis dahin niemand gewagt hat, diesem Menschen die Wahrheit ins Gesicht zu sagen und ich dachte, allein wegen dieser von dem Burgschauspieler der Jeannie ins Gesicht gesagten Wahrheit, was immer diese Wahrheit sein mag oder nicht sein mag, hat es sich schließlich doch ausgezahlt, die Einladung zu dem künstlerischen Abendessen anzunehmen.”
(Hervorhebung von mir)
Besonders wichtig ist zu verstehen, dass der Aufenthalt in dieser Gesellschaft sich für den Erzähler letztlich wegen einer Sympathie lohnt, nicht wegen einer Antipathie.
Der Schauspieler sitzt im Zentrum der Gesellschaft und spricht viel mehr als alle anderen – schärfer und aufrichtiger, als sie es wagen. So sagt er etwa zu Jeannie Billroth, der arroganten österreichischen Pseudo-Virginia Woolf:
“Sie gehören zu diesen Leuten, die nichts wissen und die nichts wert sind und deshalb alles Andere hassen, so einfach ist das, Sie hassen alles, weil Sie sich selbst hassen in Ihrer Erbärmlichkeit. Sie reden andauernd von Kunst und haben keine Ahnung, was das ist”
Im Gegensatz dazu kommt der Hass des Schauspielers, des Erzählers und auch Bernhards nicht aus Hochmut oder Erbärmlichkeit, sondern hat einen moralischen Ursprung:
“Menschen wie Sie, sind gefährliche Menschen und man tut gut daran, mit solchen Menschen wie Sie, keinen Umgang zu pflegen. “
Die Dummen sind gefährlich:
“diese Person ist absolut eine dumme Person, wenn ich gewußt hätte, daß auch diese Person hierher kommt, wäre ich niemals Ihrer Einladung gefolgt, sagte der Burgschauspieler zu den Auersbergerischen pathetisch”
Am Anfang erscheint der Schauspieler dem Erzähler als eine lächerliche Figur – ein Hofnarr im Gästezimmer der Auersberger, der nicht fähig ist, mit seinem Schwätzen aufzuhören, selbst wenn er Suppe löffelt:
“Alle aßen hastig und hörten, was der Burgschauspieler zu sagen hatte, während er seine Suppe löffelte. [...] Der Ekdal, sagte er und löffelte die Suppe, der Ekdal ist schon jahrzehntelang meine Wunschrolle gewesen, und er sagte, wieder Suppe löffelnd, und zwar alle zwei Wörter einen Löffel Suppe nehmend, also er sagte der Ekdal und löffelte Suppe und sagte war schon und löffelte Suppe und immer meine und löffelte Suppe und sagte Lieblingsrolle gewesen und löffelte Suppe und er hatte auch noch zwischen zwei Suppenlöffeln seit Jahr- und dann wieder nach zwei Suppenlöffeln zehnten gesagt und das Wort Wunschrolle genauso, als redete er von einer Mehlspeise, denke ich.”
Doch dieser Narr verwandelt sich am Ende. Vom Schauspieler wird er – sozusagen – zum „Wahrspieler“:
“es hatte mich auch nicht im geringsten interessiert, was der Burgschauspieler während des Essens gesagt hatte, erst viel später, erst im Musikzimmer, also, nachdem der Burgschauspieler schon mehr, als ihm im Grunde zuträglich gewesen ist, getrunken hatte, war er auch für mich interessant geworden, weil er sich, wie ich jetzt denke, in der Zwischenzeit völlig verändert hatte”
Auch die anfängliche Abneigung des Erzählers gegenüber dem Schauspieler wandelt sich schließlich in Zuneigung:
“Der anfängliche Schwätzer, der nur durch seine faulen Witze und abgestandenen Anekdoten Eindruck hatte machen wollen zu Beginn, war im Laufe dieses künstlerischen Abendessens aufeinmal zur interessanten, ja sogar zur philosophischen Figur dieses künstlerischen Abendessens geworden, dachte ich und ich denke, daß wir das nicht an sehr vielen Menschen, aber doch ab und zu an alten beobachten können, daß solche Leute am Anfang als Schwätzer und als widerwärtige Witze- und Anekdotenerzähler auftreten wie der typische sogenannte künstlerische oder intellektuelle Wiener und dann nach und nach geradezu eine philosophische Entwicklung nehmen während eines Abends, während eines Abendessens, wie im Zuge dieses künstlerischen Abendessens bei den Auersbergerischen in der Gentzgasse, daß sie zuerst nur durch Lächerlichkeit und Dummheit und Aufgeblasenheit auffallen und dann mit der Zeit, wenn sie etwas und etwas mehr, als ihnen gut tut, getrunken haben, plötzlich unsere Abneigung gegen sie zu einer Zuneigung machen können, weil sie ein durchaus geistiges, wenn nicht gar philosophisches Element ins Spiel bringen.”
Fortsetzung und Ende im ersten Kommentar