Sie kennen sich seit der Kindheit und beginnen gerade, ihre eigenen Wege zu gehen, als plötzlich einer von ihnen als Mörder festgenommen wird. Er soll seinen Onkel aus Habgier erschlagen haben. In einem schier endlosen Indizienprozess wird das Unterste zuoberst gekehrt. Die Freunde kämpfen für den Angeklagten, denn er kann, er darf kein Mörder sein. Doch als 15 Jahre nach dem Urteil eine Journalistin sich der Sache noch mal annimmt, stellt sich die Frage der Loyalität wieder neu.
Christoph Poschenrieder, geboren 1964 bei Boston, studierte Philosophie in München und Journalismus in New York. Seit 1993 arbeitet er als freier Journalist und Autor von Dokumentarfilmen. Heute konzentriert er sich auf das literarische Schreiben. Sein Debüt ›Die Welt ist im Kopf‹ wurde vom Feuilleton gefeiert und war auch international erfolgreich. Mit ›Das Sandkorn‹ war er 2014 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Christoph Poschenrieder lebt in München.
Lies einen Poschenrieder, haben sie gesagt. Mach ich doch glatt und ich fürchte, ich habe wieder mal einen unbeabsichtigten Kardinalfehler begangen, indem ich exakt mit dem falschen Werk angefangen habe, um den Autor kennenzulernen. Am Anfang des Romans war ich noch sehr angetan, aber sehr schnell haben sich erste Irritationen aufgetan, die sich nach und nach sogar noch bis in ernsthafte Qualitätsmängel aus meiner Sicht verdichtet haben.
Wie gesagt das Ausgangssetting des Romans bietet viele Gesichtspunkte, Personen- und Szenenwechsel, aber der Autor hat diese Konstruktion gut entwickelt. Die unterschiedlichen sehr kurzen Erzählstränge sollen die Sicht von jedem einzelnen Mitglied einer Clique auf ein Verbrechen, das einer der Freunde begangen hat, darstellen. Hier ist überhaupt nichts wirr oder unklar oder auch zerhackt präsentiert, die Darstellung folgt genau der Intention, ein Verbrechen und die Sicht auf den potentiellen Täter möglichst aus vielen Blickwinkeln zu beleuchten.
Was mich als erste Irritation störte, waren Logikfehler bezüglich der Location an der der Roman spielt. Es wird der Anschein erweckt, es handle sich um Braunau am Inn als Geburtsstadt von Adolf Hitler. Die fiktive Reihenhaussiedlung in Straßen nach Bäumen Dichtern und Erfindern gibt es aber in Braunau nicht. Ich habe es extra auch noch gegoogelt, obwohl ich mich dort auskenne, weil ich jedes Jahr meine Sommerferien bei der Tante dort verbrachte. Zuerst dachte ich auch noch an den Vorort Laab oder Lach, aber auch in diesen Gegenden fanden sich keine Straßen mit den angegebenen Namen. Sorry, dass ich da so pingelig bin, aber wenn man schon eine reale Stadt im Plot verwendet, sollten zumindest die Location existieren und die Straßennamen stimmen. Das ist ganz schlechte Recherchearbeit eines Autors, wozu gibt es eigentlich Google Maps.
Nach und nach wird das Grundkonzept nur noch lähmend, der Plot entwickelt sich im Schneckentempo, denn die Geschichte kommt sehr langsam vom Fleck, da jeder einzelne Aspekt und jedwede Handlungsfolge der Straftat von jedem der Freunde Sebastian, Benjamin, Sabine,Till, Emilia, dem Anwalt und dem vermeintlichen Täter, genannt Gefangener, einzeln und ausführlich aus dem eigenen Blickwinkel betrachtet werden muss (Verbrechen, Verhaftung des Freundes, Verhöre, Zeugenaussagen, Enthaftungsforderung, Anwalt, Prozesseröffnung, Prozessverschiebung, Prozesstage…) Das dauert ewig und ist extrem langatmig.
So ein Handlungsaufbau gibt zwar sehr gute, intensive Einblicke ins Gerichtsverfahren, verleiht den handelnden Figuren auch ordentlich Tiefe, neigt aber neben dem bereits angesprochenen fehlenden Tempo auch noch zu Redundanzen und wer mich ein bisschen kennt, weiß, wie sehr ich Redundanzen verabscheue.
Fazit: Nichtsdestotrotz eine recht saubere literarische Arbeit, wenn sie auch gegen mein erstes Literaturgebot verstößt „Du sollst nicht langweilen“. Deshalb empfehle ich Euch einen anderen Poschenrieder zu lesen, aber nicht diesen. Wie wäre es mit dem? Das Sandkorn Diesen Roman empfiehlt eine Buchfreundin wärmstens.
Kann man von typischen Autoren bestimmter Verlage sprechen? Handke oder Bernhard die prototypischen Suhrkamp-Autoren? Jüngere genau richtig bei Eichborn, Rowohlt oder Fischer? Sagen wir mal so: Sollte s den prototypischen Diogenes-Autoren geben, dann könnte dies ganz sicher Christoph Poschenrieder sein. Seine Bücher sind sprachlich ausgesprochen fein, sie sind hinter-, manchmal tiefsinnig, vor allem aber – ein wirkliches Kriterium bei Diogenes – sind sie unterhaltsam. Sie sind spannend, erzählen eine Story, bieten in diesem Sinne Action, denn es treibt sie voran. Das alles trifft so auch auf Poschenrieders neuen Roman EIN LEBEN LANG (2022) zu.
Nach seinem Ausflug ins Historische mit DER UNSICHTBARE ROMAN (2019), nähert sich der Autor nun wieder der jüngsten Vergangenheit, wenn man so will der Gegenwart zu. Basierend auf einem „wahren Fall“ erzählt er multiperspektivisch von einer Freundesgruppe, die sich fragen muß, ob es gelingt, auch dann zu einem der ihren zu stehen, wenn dieser als Mörder angeklagt, verurteilt und nun, fünfzehn Jahre nach den Geschehnissen, die zu seiner Gefängnisstrafe führten, aus der Haft entlassen zu werden droht. Es sind die Freunde Sabine, Benjamin, Sebastian, Till und Emilia, die damit konfrontiert werden, daß ihr Kumpel des Mordes an seinem Onkel angeklagt wird. Dieser Kumpel bleibt im gesamten Text namenlos, wird wenn überhaupt als „der Gefangene“ eingeführt, wenn er selbst redet. Es ist eine ebenfalls namenlose Journalistin, die für ein Magazin den Fall noch einmal aufrollt und mit einem Verlag in Kontakt steht, um aus ihrer Befragung der Freunde später ein Buch zu gestalten; natürlich rechtzeitig zur möglichen Haftentlassung, wegen der Publicity. So liegen uns nun also die Gesprächsprotokolle vor, die die Journalistin bei ihren Befragungen der Freunde, des Gefangenen und dessen Anwalts aufgezeichnet hat. Und aus denen kann der Leser nun also die Loyalität ebenso herausfiltern, wie er auch auf Zweifel stößt, auf Gruppendynamik und auch auf Gruppenzwang.
Poschenrieder gelingt es nahezu bravourös, seine verschiedenen Figuren mit einer je eigenen Stimme auszustatten, man erkennt den jeweils Sprechenden schnell an seinem oder ihrem speziellen Idiom, der Ausdrucksweise, natürlich auch der spezifischen Argumentationsweise und Sicht auf die Dinge. Da ist Sabine, offenbar immer schon die Rebellische in der Gruppe, die die Dinge gern hinterfragt und keineswegs so stehen oder gelten lässt, wie sie erscheinen – und die folgerichtig auch diejenige ist, die sich auch rückbesinnend auf jene Monate, letztlich nahezu anderthalb Jahre, die der Prozeß gegen ihren Freund dauerte, kritisch erinnert. Emilia hingegen ist die ausgleichende Kraft, die den Mittelweg sucht, moderiert, austariert und versöhnen will. Sebastian und Till sind die beiden Jungs, bzw. Männer der Gruppe, die Loyalität und unbedingten Glauben an die Unschuld ihres Freundes am deutlichsten herausstellen und auch einfordern. Dabei ist Till ein sprachlich eher zurückhaltender Typ, der sich als Macher versteht; Sebastian ist in diesem Duo der Wortführer. Benjamin seinerseits war schon immer ein eher ruhiger Mensch, sachlich und abwägend, zur Zeit des Prozesses selbst bereits fortgeschrittener Student der Juristik und das Bindeglied zwischen Anwalt und den Freunden. Der Anwalt ist ein großmäuliger, sich möglicherweise überschätzender Jurist, der sich sehr sicher war und auch fünfzehn Jahre später noch ist, daß die Indizienlage seinerzeit dünn war und das Urteil nach wie vor einen Skandal darstellt. Und der Gefangene schließlich lässt sich wie einst nicht in die Karten blicken und neigt nach all den vielen Jahren in Gefangenschaft zur philosophischen Betrachtung seiner Situation, in der er es nicht mehr als sonderlich wesentlich erachtet, ob er nun schuldig oder unschuldig gewesen ist – die Jahre im Gefängnis und das soziale Stigmata, welches der Prozeß ihm beschert haben, sind nicht mehr rückgängig zu machen, „die Wahrheit“ also auch kein wesentlicher Faktor mehr in seinem Leben.
Poschenrieder beschreibt in einem Nachwort, daß es ein realer Fall gewesen sei, der ihn auf die Idee für den Roman gebracht habe. Dabei sei es weniger der Fall selbst – der Mord an einer Schickeria-Größe, für die sein angeblich geldgeiler Neffe verantwortlich war – gewesen, der seine Aufmerksamkeit erregt habe, sondern das Verhalten der Freundesgruppe des Angeklagten. Die nämlich hatten dem jungen Kerl über die gesamte Prozeßdauer von fünfzehn Monaten die Stange gehalten, waren entweder in voller Stärke oder immer mindestens zu zweit bei jedem einzelnen Prozeßtag aufgetaucht und hatten die Geschehnisse somit immer vor Ort verfolgt. So seien es eher die Fragen nach deren Zusammenhalt und ihrer Motivik gewesen, die ihn interessiert hätten, schreibt der Autor. Und diese Fragen stünden nun also auch im Zentrum des Romans. Der eindeutig ein Roman sei, denn alle Figuren, Fakten, Beweise und Indizien seien frei erfunden.
Leider will oder kann Poschenrieder dieses Versprechen nicht ganz einhalten. Denn um die Verunsicherung bspw. Sabines zu erklären, muß er auf all die Kleinigkeiten eingehen, die der Prozeß ans Licht bringt, muß die juristischen Spitzfindigkeiten erläutern und bewerten, die aus Gerechtigkeit Recht machen, er muß durchaus die Ermittlungsfortschritte erwähnen, die dezidiert auf den Freund als Täter hinweisen. So erwartet der Leser natürlich mehr und mehr – einem Kriminalroman oder dem Sonntags-Tatort entsprechend – eine Auflösung. So viel sei hier verraten: Poschenrieder bietet sie nicht. Gemessen an seinem Anspruch ginge dies auch gar nicht. Es ist gerade die Unsicherheit und Ungewißheit, die den Reiz dieser Interviews ausmachen. Wie weit geht der einzelne, um seine Freundschaft aber auch sein Selbstbild zu erhalten? Was können wir vor uns rechtfertigen? Und wie lang können wir für uns selbst Narrative aufrechterhalten und rechtfertigen, wenn die Evidenz der Wirklichkeit eine ganz andere Sprache spricht?
Gekonnt spinnt Poschenrieder die Geschichten seiner Protagonisten, ohne dabei je in Deskription zu verfallen. Man kann sich deren jeweilige Lebenswege inklusive ihrer eigenen Beurteilung dieser Lebenswege gut erlesen anhand oft auch nur kurzer Beiträge und Einschübe. Sie alle waren schon in der Schule befreundet, als der Mord geschah, waren schon einige Jahre seit dem Abitur vergangen, man traf sich noch, aber bei Weitem nicht mehr so häufig wie noch zu Schulzeiten. Die Interessen gingen auseinander, die eine oder der andere gingen für eine Zeit ins Ausland usw. Ganz normale Lebensgeschichten im Deutschland des frühen 21. Jahrhunderts. Doch das gemeinsam Erlebte hing ihnen allen, mal mehr, mal weniger, nach.
Das erfüllt all die oben genannten Kriterien eines wirklich guten Diogenes-Romans, bleibt schließlich aber doch unbefriedigend in seiner Gesamtheit, da den Leser mehr und mehr das Gefühl beschleicht, daß man da hätte mehr draus machen können. Tiefer hätte eintauchen können in die Gefühlswelten dieser fünf Menschen, sechs, nimmt man den Gefangenen hinzu; man hätte – einem Dostojewski gleich – die Metaphysik des Verbrechens erkunden können und die Frage nach dem Wert des Menschen in einer zunehmend menschenfeindlicheren Umwelt erkunden können. Es hätte eine große Meditation über den Wert der Freundschaft werden können und über die Konsequenzen dessen, was dies bedeutet. Eine hintergründige Parabel über Loyalität, Pflichtbewußtsein und Verbindlichkeit in immer unverbindlicheren Zeiten. Nichts davon bei Poschenrieder. Er sucht die Wahrheit in der Banalität des deutschen Alltags, er ruft die Soziologie auf, wo er die Lebenswelt dieser einst jungen Menschen erkundet, das Vorortdasein unter den Bedingungen bundesrepublikanischer Tristesse. Er sucht die Wahrheit aber auch in der Psychologie jener, die in der Postmoderne leben und streben und denen in der Kurzlebigkeit zwischen Handys, Whatsapp-Nachrichten und Netflix-Serien das Existenzielle und das Essenzielle abhanden zu kommen droht.
Und dem entsprechend franst das hier schließlich aus. Eigentlich scheint das Schicksal des Gefangenen selbst nur ein weiteres schnelles Ereignis, scheint sein Schicksal selbst nur ein kurzes Aufflackern zwischen Nachrichten, Filmclips und der nächsten Sensation zu sein. Sie alle werden weitermachen und so wird auch der Gefangene weitermachen, verloren, möglicherweise. Berühren kann das dann nur bedingt. Und das ist schade. Ein gutes Buch, das sich mehr hätte trauen sollen. Vielleicht.
Wie kann Freundschaft überleben und andauern, wenn ein scheinbar mysteriöser Mordfall hinzukommt? Eine Gruppe von Freunden, der Anwalt und der verurteilte Gefangene werden gebeten über den Mordfall zu erzählen und auch über die Bedeutung von Wahrheit, Wahrnehmung und Freundschaft zu sinnieren. Insgesamt fand ich die Art der Erzählung sehr interessant, es sind lediglich Fetzen von Monologen oder bestimmten Szenen, die man als Leser miterleben darf. Es hat sich angefühlt wie ein grober Entwurf für eine True Crime Serie, wo verschiedene Leute das Geschehen aus ihrer Sicht nacherzählen. Am besten hat mir das Zusammenspiel der unterschiedlichen Charaktere gefallen und auch die Spannung wurde sehr gut beibehalten, obwohl es kaum Überraschungen gab. Auch das Ende fand ich gut, wo der Leser bis zuletzt spekulieren darf, was nun wahr oder falsch war.
** Dieses Buch wurde mir über NetGalley als E-Book zur Verfügung gestellt **
Die Anfrage der Journalistin kommt unerwartet. 15 Jahre ist der aufsehenerregende Mord her, für den ihr gemeinsamer Freund verurteilt worden ist: lebenslänglich. Nun sollen die promovierte Astronomin Sabine, die Lehrerin Emilia, der Jurist Benjamin, der Musiker Till und der Pressesprecher Sebastian erzählen, woran sie sich von damals erinnern.
„Ein Leben lang“ ist ein Roman von Christoph Poschenrieder.
Meine Meinung: Der Roman verfügt über eine sehr klare Struktur. Er gliedert sich in zwei Teile, wobei der erste aus zwei Hälften besteht. Darüber hinaus gibt es insgesamt rund 25 Kapitel.
Die Geschichte wird weder zeitlich noch räumlich genau verortet. Erzählt wird mit einem Abstand von 15 Jahren in chronologischer Reihenfolge über einen Kriminalfall.
In stilistischer Hinsicht ist der Roman sehr interessant. Es gibt einerseits die als „Memo“ bezeichneten Niederschriften einer nicht näher definierten Journalistin und andererseits die Antworten der fünf Freunde, des Anwalts und des „Gefangenen“. Ein ungewöhnliches und ansprechendes Konzept.
Sprachlich ist der Roman unauffällig und durch die vielen Redeanteile literarisch wenig herausragend. Etwas gestört hat mich, dass sich die verschiedenen Perspektiven in Bezug auf die Sprache kaum unterscheiden.
Die fünf Freunde stehen im Fokus des Romans. Man lernt sie jedoch nur im Gespräch mit der Journalistin kennen. Ihre Biografien bleiben recht blass. Die einzelnen Charakterzüge werden allerdings gut deutlich.
Der Roman basiert auf einem tatsächlichen Mordfall, der 2006 in München passiert ist. Das an sich ist für mich kein Minuspunkt. Geärgert hat mich aber, dass der Autor fast jedes Detail des echten Falls abgekupfert hat und sich lediglich die Mühe gemacht hat, zwei Fakten geringfügig abzuändern. Mit nur einer kurzen Internetrecherche lässt sich der Inhalt des Romans herausfinden. Das ist mir zu wenig Eigenleistung.
Am Ende hat sich bei mir Enttäuschung breitgemacht. Es bleiben viele Fragen offen. Das mag daran liegen, dass der echte Mord ebenfalls nicht komplett eindeutig ist. Man kann natürlich auch argumentieren, dass es dem Autor vorwiegend darum ging, die Freundschaft zu einem verurteilten Mörder zu beleuchten. Das zumindest schildert der Schriftsteller in einer angehängten Notiz. Aber in diesem Aspekt stellt mich der Roman ebenfalls nicht zufrieden. Zu diffus sind die beschriebene Freundschaft zum Verurteilten und die Dinge, die diese ausmachen. Mir war am Schluss immer noch nicht klar, warum die Freunde zu dem Angeklagten so loyal waren. Sein eigentliches Ziel hat der Roman damit meiner Ansicht nach also verfehlt.
Positiv anzumerken ist, dass sich der Roman dennoch süffig liest und nur wenige Längen aufweist. Über weite Strecken bietet er keinen geringen Unterhaltungswert.
Mein Fazit: „Ein Leben lang“ von Christoph Poschenrieder ist leider kein ungetrübtes Lesevergnügen. Der gelungene Aufbau und das vielversprechende Konzept gefallen mir gut. In der Umsetzung schwächelt die Geschichte jedoch an mehreren Stellen.
„Die Frage, die da im Hintergrund lauerte, die aber niemand, auch ich nicht, aussprach, war doch: Kann ein Mörder unser Freund sein und bleiben? Oder, wenn du es noch mal zuspitzen willst: Können wir es mit unserem Selbstverständnis vereinbaren, dass einer von uns einen Mord begangen hat?“
Die zentrale Frage des Romans wird gegen Ende erst offen ausgesprochen. Vier Freunde befragt der Journalist kurz bevor der wegen Mordes an seinem Onkel verurteilte Freund aus der Haft entlassen wird. 15 Jahre zuvor haben sie dem Prozess beigewohnt, seine Unschuld beteuert, alles drangesetzt, ein anderes Bild von ihm zu zeichnen als jenes, das vor Gericht und in den Medien präsentiert wurde. Einer von ihnen, den sie seit der Kindheit kannten, mit dem sie befreundet, sogar liiert waren, der konnte doch nicht heimtückisch seinen Onkel erschlagen haben. Oder doch? In den Gesprächen lassen sie die zwei Jahre des Verfahrens Revue passieren und wissen am Ende doch nicht sicher, ob ihr Freund schuldig ist oder nicht.
Der Journalist und Autor Christoph Poschenrieder hat sich für seinen Roman von einem realen Fall inspirieren lassen, bei dem Freunde eines Angeklagten ohne Wenn und Aber zu ihm gehalten haben und dies während des mehrjährigen Prozesses beharrlich demonstrierten „Ein Leben lang“ reißt die Fragen an, wie gut man wirklich jemanden kennen kann, wie weit Freundschaft geht oder wie bedingungslos diese ist, auch in Momenten der extremen Herausforderung.
„Die nennen ihn nie beim Namen. Sie sind die Gruppe und er ist er, oder ‚unser Freund‘. Einer von ihnen und doch nicht. Oder nicht mehr.“
Viel Zeit ist vergangen, Zeit, in der Sebastian, Benjamin, Sabine und Emilia nicht nur älter und reifer geworden sind, sondern in der sie sich auch auseinandergelebt und neu positioniert haben. Mit dem Blick des Erwachsenen stellen sie sich nun nochmals jenen Fragen, mit denen sie schon viele Jahre zuvor konfrontiert waren: wie stichhaltig sind die Indizien? Ist der Freund vielleicht doch ein Mörder? Wenn sie sich so von den Kleinigkeiten täuschen lassen konnten, die vor Gericht als Lügen entlarvt wurden, haben sie sich dann nicht vielleicht auch in seinem Charakter getäuscht? Bei allen Zweifeln bleibt jedoch eine Überzeugung: es war richtig zu ihm zu stehen, denn dafür sind Freunde nun einmal da.
Durch die kurzen Interviewsequenzen wirkt der Roman lebendig und das Gesamtbild setzt sich peu à peu zusammen. Die unterschiedlichen Emotionen, die die Figuren durchleben, von fast euphorischem Kampfwillen bis zu tiefgreifenden Zweifeln fängt er dabei überzeugend ein und lässt sie authentisch und glaubwürdig wirken. Poschenrider schildert ein Ereignis, das menschlich maximal herausfordert, und lädt den Leser ein, sich selbst den Fragen zu stellen, die seit vielen Jahren an seinen Figuren nagen.
Was tun wenn der beste Freund verdächtigt wird, ein Mörder zu sein? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Buch "Ein Leben lang".
In kurzen Abschnitten werden die Gedanken des engsten Freundeskreises eines vermeintlichen Mörders wiedergegeben. Sie werden von einem Journalisten befragt, die Fragen erfährt der Leser jedoch nicht. Obwohl sich alle relativ einig sind, sind die Antworten doch sehr unterschiedlich und nur anhand der Formulierungen und der persönlichen Einstellung erkennt man schon bald, welcher Freund an der Reihe ist, ohne die jeweilige Überschrift zu lesen. Demnach ist es dem Autor sehr gut gelungen, die einzelnen Personen zu zeichnen ohne sie jemals zu beschreiben. Neben den Freunden darf sich auch der Anwalt äußern.
Man sollte das Buch nicht zu oft oder zu lange zur Seite legen. Zumindest habe ich die Erfahrung gemacht, dass man sonst einzelne Passagen liest ohne den großen Zusammenhang zu sehen. Die kurzen Abschnitte laden dazu ein, immer wieder Pausen zu machen. Liest man jedoch länger am Stück, kippt man eher in die Geschichte rein, macht sich mehr Gedanken, überlegt sich wie man selbst zu dem Freund stehen würde.
Obwohl eigentlich klar ist, wie das Buch enden wird, empfand ich eine gewisse Spannung. Vielleicht dreht sich ja doch noch alles? Eigentlich geht es aber gar nicht um den Mord - natürlich spielt er eine wichtige Rolle - im Vordergrund steht aber viel mehr wie die Freunde mit der Situation umgehen. Halten sie zu ihm? Werden sie sich distanzieren? Ich persönlich habe mir öfter die Frage gestellt, ob ich zu ihm halten würde. Und was soll ich sagen, ich weiß es einfach nicht. Für mich fällt das definitiv in die Kategorie der Dinge, die man nicht beurteilen kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat.
Warum vergebe ich nun keine volle Punkteanzahl? Das Ende hat mich nicht zufrieden zurückgelassen. Es bleiben Fragen offen. Nicht nur die eine offensichtliche, durchaus auch kleinere, vielleicht sogar wichtigere. Und noch eine Kleinigkeit: das Buchcover passt für meinen Geschmack so gar nicht zum Inhalt.
Ich lese die Bücher von Christoph Poschenrieder gern. Er hat ein gutes Gespür für interessante und glaubhafte Geschichten und er weiß wie er den Lesenden einfangen muss.
Der Autor bedient sich hier einer wahren Geschichte und erzählt sie aus der Perspektive der Freund:innen. Im Wechsel erzählen die Freunde, wie sie die Zeit des Inhaftierung, des Gerichtsverfahrens und der Verurteilung in Erinnerung, was sie gefühlt haben und wie es ihnen jetzt nach vielen Jahren damit geht. Er lässt sie ihre eigenen Aktionen hinterfragen und neu darauf blicken. Ebenso gibt er dem Mörder eine Stimme. Waren seine Freund:innen loyal genug? Haben sie wirklich alles gegeben? Hat er sie belogen?
Wie gut kennt man seine Freunde? Weiß man wirklich, wie sie ticken und was sie fühlen? Die Freundschaft wird in dieser Geschichte auf eine harte Probe gestellt. Einer von ihnen soll ein Mörder sein. Christoph Poschenrieder schält wie eine Zwiebel diese Geschichte. Seite um Seite, Interview um Interview wird die Geschichte zerlegt und am Ende stellt sich die zentrale Frage. Die Art und Weise, wie der Autor die Geschichte erzählt, ist vielleicht etwas ungewöhnlich, aber sehr gut und interessant. Vieles scheint sich zu wiederholen, aber durch die verschiedenen Perspektiven kommen immer wieder neue Details hinzu, die ein verschwommenes Bild klarer werden lassen. Und doch gibt es immer wieder und auch nach 15 Jahren immer noch die Zweifel. Was hat man übersehen? Oder besser, wollte man manches vielleicht übersehen, weil man doch Freunde war? Trotz aller Zweifel steht für die Freunde, die jetzt 15 Jahre später nicht mehr eng befreundet sind, fest, dass ihre Aktionen, ihre Loyalität zu dem Freund richtig und wichtig war, auch wenn der nagende Zweifel geblieben ist.
Ein interessantes Buch, das sich wunderbar lesen lässt und zum Nachdenken anregt.
„Wir stehen für ihn ein, denn wir wissen etwas, was alle anderen nicht wissen: Wer er ist, woher er kommt.“ (Zitat Seite 95)
Inhalt Schon in ihrer Kindheit sind sie eine eingeschworene Clique von sechs Freunden. Einer aus dieser Gruppe fehlt heute. Er war vor fünfzehn Jahren als Mörder zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden, obwohl er seine Unschuld beteuerte. Nun tritt eine Journalistin an die Freunde und den Anwalt heran, der den Angeklagten damals engagiert vertreten hatte. Sie will ein Buch über diesen Fall schreiben, recherchiert, kontaktiert die Mitglieder des Freundeskreises und aus vielen Erinnerungen und Aussagen der fünf Freunde, des verurteilen Freundes und des Anwalts fügt sich die Geschichte einer langjährigen Freundschaft, einer Anklage und eines langwierigen Indizienprozesses zusammen. Im Hintergrund immer präsent ist die Frage: Hat er, oder hat er nicht?
Thema und Genre In diesem Roman geht es um Freundschaft, Loyalität und gegenseitiges Vertrauen. Was passiert, wenn plötzlich einer aus einer Freundesgruppe, eine Freundschaft seit Kindertagen, einen Mord begangen haben soll.
Charaktere Wir kennen nur die fünf Personen der Clique mit Namen: Sebastian, Unternehmer, dem eine alte Hütte an einem See gehört, wo sie sich oft treffen; Till, der Musiker; Sabine, die studierte Astronomin, die mir ihrer direkten Art die Dinge beim Namen nennt; Benjamin, der sachliche, präzise Wirtschaftsanwalt; Emilia, Lehrerin, ruhig und immer irgendwie dazwischen. Dazu kommen der „Anwalt“ und natürlich der angeklagte Freund, „der Gefangene“, sowie die Notizen der Journalistin unter „Memo“. Diese Figuren mit ihren Aussagen, den sich daraus ergebenden unterschiedlichen Blickwinkeln und Widersprüchen bilden das Kernstück der Geschichte.
Handlung und Schreibstil Die Geschichte ist in zwei Teile geteilt, diese wiederum in Kapitel, chronologisch erzählt. In jedem Kapitel werden die Aussagen, Erinnerungen, Meinungen, oft auch unterschiedlichen Gedanken, der zu den verschiedenen Themen und Eindrücken einzeln befragten Personen in der Ich-Form geschildert, jeweils mit dem Namen versehen und daher klar zuordenbar. Eine Journalistin recherchiert, führt die Interviews und schreibt ihre Notizen und weitere Hintergrundinformationen unter „Memo“. Somit besteht dieser Roman ausschließlich aus den Mitschriften von Aufnahmen, Mails, Notizen, Zeitungsausschnitten, von der Journalistin gesammelt, sortiert und zu einer geordneten, stimmigen Geschichte zusammengefasst. Durch diese Erzählweise gerät man sofort in den Sog dieser spannenden Ereignisse und Fragen, verfolgt mit Interesse die Entwicklung und Veränderung der einzelnen Figuren. Die Sprache des Autors überzeugt mit vielen feinen Zwischentönen, Andeutungen, Fragen und man liest diesen Roman mit Vergnügen.
Fazit Dieser Geschichte liegt ein realer, noch heute heftig umstrittener Indizienprozess zugrunde, der, nahe an den Fakten, zu einem fiktiven Roman wurde. Eine packende Geschichte über Freundschaft, Vertrauen, unterschiedliche Facetten von Wahrheit, und damit verbunden die Frage, die sich die Freunde stellen: „Und geht uns die Wahrheit überhaupt irgendetwas an, solange wir Freunde bleiben wollen?“ (Zitat Seite 221)
In seinem neuen Roman untersucht Christoph Poschenrieder die Entwicklung einer Freundesgruppe. Seit Kindheitstagen ist man vertraut, nun soll einer von ihnen einen Mord begangen haben. Wie ist das möglich, sie kennen ihn doch gut – unvorstellbar, nein er war es nicht. Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, versucht die Gruppe nun über Jahre und Jahre die Unschuld des Freundes zu beweisen. Christoph Poschenrieder geht es nicht um die Aufklärung des Mordes - hier kann sich die Leserschaft nach und nach selbst ein Urteil bilden - es geht ihm vielmehr um die Entwicklung dieser Freundschaft, warum steht die Gruppe auch Jahre nach der Verurteilung noch zum Gefangenen und setzt alles daran, ihn zu unterstützen, ihm zu helfen und ihn zu befreien?
Der Roman ist sehr geschickt aufgebaut, die Geschichte entwickelt sich aus wechselnden Perspektiven, dabei schreibt der Autor gekonnt variabel im jeweiligen Duktus der erzählenden Person. Es stellt sich dabei heraus, dass die Gruppe bei der Verhaftung des Freundes gar nicht mehr so eng beisammenstand, ja dass jeder wohl ohne den Mord, die Verhaftung und den Prozess schon längst eigene Wege gegangen wäre. "Und auf einmal hatten wir wieder etwas, das uns verband" – und wir gegen die anderen, heißt es jetzt. Doch es zeigen sich Risse, Misstrauen breitet sich aus, mit Süffisanz wird mittlerweile die Lebenshaltung der jeweils anderen kommentiert. Glauben wirklich alle noch an die Unschuld des Freundes?
Christoph Poschenrieder beobachtet seine Protagonisten – und lässt sie mal sarkastisch, mal naiv, mal distanziert, mal liebevoll – nach außen jedoch stets loyal wirken. Vielleicht räumt er ihnen im Mittelteil ein bißchen zu viel Sprechzeit ein … interessant und spannend liest sich der Roman - der übrigens auf einem tatsächlichen Kriminalfall beruht - auf jeden Fall.
«Die nennen ihn nie beim Namen. Sie sind die Gruppe, und er ist er, oder ‹unser Freund›. Einer von ihnen und doch nicht. Oder nicht mehr.»
Ein ungewöhnlicher zeitgenössischer Kriminalroman, der sich mit den Folgen eines Verbrechens befasst. Sie kennen sich seit dem Kindergarten, sind beste Freunde und beginnen als Erwachsene gerade ihre eigenen Wege zu gehen, als plötzlich einer von ihnen des Mordes angeklagt wird. Er soll seinen Erbonkel aus Habgier erschlagen haben. Zig wütende Schläge mit dem Baseballschläger auf den Kopf des Opfers. Eine Beziehungstat – so etwas macht kein Einbrecher, stellt die Polizei gleich klar. Wertvolle Stücke in der Wohnung wurden auch nicht gestohlen. Er, der nie beim Namen genannt wird, den alle als hilfsbereit und besonnen kennen, einer der Gewalt verabscheut und vermittelt, der kann kein Mörder sein! Niemals einer von ihnen! Und weil die Staatsanwaltschaft lediglich diverse Indizien zu einem Gesamtpaket zusammenführt und Anklage erhebt, versuchen die Freunde alles, um die Indizien zu widerlegen, denn er kann, er darf kein Mörder sein.
«Kann ein Mörder unser Freund sein und bleiben? Oder, wenn du es noch mal zuspitzen willst: Können wir es mit unserem Selbstverständnis vereinbaren, dass einer von uns einen Mord begangen hat?»
Doch als 15 Jahre nach dem Urteil eine Journalistin sich des Falls wieder annimmt, stellt sich die Frage der Loyalität wieder neu für die Freunde. Die Publizistin wühlt sich durch sich die Gerichtsakten und Presseberichte des zweijährigen Prozesses, führt Interviews mit der Clique. Die Freunde nehmen Stellung zu den damaligen Geschehnissen. In einem schier endlosen Indizienprozess wurde das Unterste zuoberst gekehrt. In nüchternen Vignetten montiert Christoph Poschenrieder die Freunde, den Anwalt, die Polizei, die Anklage, den Angeklagten; Gesprächsprotokolle, Notizen, Memos. Antworten – die Fragen der Journalistin sind nicht existent, und so vergisst der Lesende irgendwann, dass dies eigentlich eine Ansammlung von Interviews ist. Wer ist ER? Was ist damals geschehen. Der Erbonkel, dem das große Einkaufszentrum gehörte, war ein garstiger Alter, der ihn, den Namenlosen, traktierte. Die Presse beschrieb ihn damals auf völlig andere Weise als der Freundeskreis. Wo liegt die Wahrheit? Fakten und Meinungen, Indizien. Er sitzt immer noch im Knast – doch trotz aller Loyalität hat niemand aus der Clique den Kontakt zu ihm aufrechterhalten.
«Interessanter Ausdruck: Ein Wort verlieren, nicht? Verlieren, wie einen Hausschlüssel. Vielleicht. Man kann Worte ja auch finden, nach ihnen suchen, ich glaube sogar, um sie ringen, warum sie dann nicht auch verlieren?»
Beweise? Indizien sind keine Beweise. Doch eine lückenlose Kette von Indizien können ein Gesamtbild ergeben. Was ist gerecht? Kann man jemanden ohne Beweise anklagen und verurteilen, einen kaltblütigen Mord begangen zu haben? Dem Hörensagen nach hatte der Onkel vor, den Neffen zu enterben, weil der sein Studium abgebrochen hatte. Die Indizien werden Stück für Stück in den Plot eingefügt. Wie bewertet das neutrale der Lesende? Die Freunde Sabine, Benjamin, Sebastian, Till und Emilia sind fassungslos. Liegen sie einem gruppendynamischer Zwang auf, sich nicht vorstellen zu können, dass einer von ihnen zu solch einer Tat fähig ist? Jeder der Protagonist:innen trägt eine eigene Stimme, einen eigenen Charakter. Gesprächsprotokolle – und das ist virtuos gestaltet. Sabine, die Hinterfragende, Emilia, die Fürsorgliche, Ausgleichende; Sebastian und Till, die besten Freunde, loyal bis in den Tod; Benjamin, der abwartende, nüchterne Typ, der Jurist, der Erklärende; der Anwalt, eine selbstgefällige Type, der sich hätte fachlich mehr ins Zeug legen können. Und ER, der offenlässt, ob er es war oder nicht, weil es jetzt sowieso egal ist.
«Nicht falsch verstehen: Ich hielt und halte ihn für unschuldig. Aber – es ist kompliziert. Mehr als das. Und jedes Jahr wird es komplizierter. Mir graut vor dem Tag, an dem er herauskommt. Warum? Sage ich Ihnen später. Vielleicht.»
Mir hat dieser Kriminalroman gefallen, aber nicht völlig überzeugt. Interessant ist der Roman in seiner Struktur auf jeden Fall. Die Figuren hätten ein wenig tiefer gezeichnet sein können, wirken an vielen Stellen oberflächlich. Wenn sie ihn als Freund bezeichnen, noch heute – warum hat niemand mit ihm Kontakt gehalten? Eine Frage der Brüchigkeit, die nie beantwortet wird. Absicht? Die Idee zu diesem Roman entstand zu einem realen Fall: 2006 wurde die Millionärin Charlotte Böhringer erschlagen. Der Neffen der Toten soll sie aus Habgier getötet haben. 2008 wurde er wegen Mordes in einem langen Indizienprozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Ein Freundeskreis versucht seither zu beweisen, dass der Verurteilte unschuldig ist.
Christoph Poschenrieder, geboren 1964 bei Boston, studierte Philosophie in München und Journalismus in New York. Seit 1993 arbeitet er als freier Journalist und Autor von Dokumentarfilmen. Heute konzentriert er sich auf das literarische Schreiben. Sein Debüt ›Die Welt ist im Kopf‹ wurde vom Feuilleton gefeiert und war auch international erfolgreich. Mit ›Das Sandkorn‹ war er 2014 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Christoph Poschenrieder lebt in München.
Wo endet Freundschaft und wo beginnt Nibelungentreue? Kann nicht sein, was nicht sein darf? Diese Fragen kommen beim Lesen von Christoph Poschenrieders Roman "Ein Leben lang" auf, der von einem wahren Fall inspiriert wurde. Eine Clique von Freunden wird auf die Probe gestellt, als einer von ihnen als Mörder seines Erbonkels verhaftet wird. Im folgenden Prozess stehen sie geradezu demonstrativ zu ihm, organisieren Pressekonferenzen, um seine Unschuld zu beteuern. Verurteilt wird er trotzdem: Lebenslang, mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Das heißt: Entlassung nach 15 Jahren ist nicht möglich.
Eine Journalistin wendet sich 15 Jahre später noch einmal an den Freudeskreis, plant ein Buch, das die Linien von damals bis heute ziehen soll. In dem Buch tritt sie nur durch Randnotizen auf, statt dessen sind es die Monologe und Erinnerungen der Gesprächspartner, die erhellend bis entlarvend sind und Fragen aufwerfen: Wo wäre die Freundschaft heute, hätte es nicht den Mordfall und den gemeinsamen Kampf gegeben? Hätten sie sich nicht längst auseinandergelebt wie so viele, die sich im Sandkasten kennenlernten, auf dem Spielplatz Blutsbrüderschaft schlossen und in der Pubertät gemeinsam den Eltern trotztzen? Und die dann eben doch alle getrennt ihre Pfade im Erwachsenenleben einschlugen? Wie wahr war die Freundschaft jemals und wie sehr werden im nostalgischen Rückblick Machtspiele und Hierarchien geschönt?
Das sind Fragen, die sich mancher der Interviewten in Phasen der Reflektion durchaus selbst stellt: "Wir hätten uns früher fragen müssen, ob wir zu ihm halten, weil er es nicht getan hat oder obwohl er es getan hat. Was ist einfacher? Kann man der Freund eines Mörders bleiben, oder darf einer einfach kein Mörder sein, damit wir Freunde bleiben können?"
Wo die Wahrheit liegt, das wird auch am Ende offen bleiben, denn jeder und jede der Beteiligten hat eine eigene Wahrheit. Es ist kein Netz, das hier geknüpft wird, sondern die Teile des Puzzles liegen auf dem Tisch. Zusammenfügen muss sie die Leserin selber. Dabei wird der Blick des jeweiligen Erzählers stets auch der (Zerr-?)Spiegel des Blicks auf die anderen, auf dieses Geflecht von Freundschaft und Beziehungen, die umso fraglicher scheinen, je lauter sie betont werden.
"Ein Leben lang" ist alles andere als ein Whodunit oder gar ein Justizthriller, vielmehr ein Psychogramm der Freundesgruppe ganz überwiegend aus deren eigener Sicht. Das wirkt mitunter ein bißchen sehr zerpflückt. Die behütete Welt der Vorstadtkinder in der Eigenheimsiedlung ist denn auch nicht ganz so fesselnd, die Rebellion nicht überzeugend, da sie selbst doch ebenfalls das Establishment verkörpern. Insofern finde ich den Inhalt dieses Buches zwar interessant, bin aber nicht hundertrprozentig überzeugt vom Gesamtprodukt.
Sabine reagiert ungehalten auf den Anruf einer Journalistin/Autorin. Mit der Presse will sie nichts mehr zu tun haben, das sollte die Anruferin wissen; denn wie damals würde diese Person ihr nur (wieder) das Wort im Mund herumdrehen. Sabine gehört zu einer Gruppe von Freunden, die zu einem Inhaftierten befragt werden soll, der die gesamte Geschichte hindurch namenlos bleibt. Ein Verlag möchte ein Manuskript bereitliegen haben, falls „er“ nach einem Wiederaufnahmeantrag freigelassen würde. Das Echo der Boulevardpresse würde das Buch dann ohne Werbeaufwand in die Bestsellerlisten spülen. Die Clique war in einem Einfamilienhaus-Viertel miteinander aufgewachsen.
Sabine, Emilia, Benjamin, Sebastian und Till sprechen trotz aller Bedenken schließlich mit der Autorin und geben dabei mehr von sich preis, als ihnen bewusst sein wird. „Der Gefangene“, der als weitere Stimme selbst zu Wort kommt, hatte einen Onkel, der eine der ersten deutschen Einkaufs-Malls baute und damit zu erstaunlichem Reichtum kam. Kurz nach einem Streit zwischen Onkel und Neffen wird der Onkel von „ihm“ und einem weiteren Zeugen tot in seiner Penthouse-Wohnung aufgefunden. Der Neffe verhält sich anschließend reichlich bizarr – wenn man vom Tod des Onkels weiß. Die Ermittler finden weder eine Tatwaffe, noch Zeugen, noch verwertbare Spuren. Die Clique ist überzeugt, dass ihr Freund zur Härte der Tat und einer evtl. kühl-berechnenden Beseitigung von Spuren nicht in der Lage wäre, demnach unschuldig sein muss. Sie vertrauen dem deutschen Rechtsstaat. Mein Eindruck bestärkte sich jedoch, dass sie sich gegenseitig gut zuredeten, um ihre im Laufe der Ermittlungen und des folgenden Prozesses zunehmenden Zweifel an der Unschuld zu zerstreuen. Das Auf und Ab ihrer Emotionen aus Aufregung, Kampfbereitschaft, Erschöpfung, Schuldgefühlen und schließlich Hass auf die Justiz spiegelt sich noch einmal in den Gesprächen mit der Autorin. Die Figuren haben jede eine eigene Stimme und entwickeln sich unterschiedlich. Auf Sabines Ablehnung der Journalistin im ersten Kapitel aufbauend, wirkt die spätere Gruppendynamik auf mich als Lehrstück, wie ein Staat durch das Versagen seiner Justiz Durchschnittsmenschen in eine Rolle als Staatsfeinde treiben kann. Der Gefangene wiederum fragt sich, wer er eigentlich ist und ob die Öffentlichkeit nicht einen zweiten, von ihm abweichenden Menschen kreiert hat. – Bitte das Nachwort erst am Ende des Buches lesen.
Wie eine Straftat Angehörige und Freunde von Opfer und Täter betreffen und ihre Beziehungen sogar zerstören kann, das kombiniert Christoph Poschenrieder zu einem hochspannenden Lehrstück mit rein fiktiven Figuren, das sich jedoch an einen realen, vergleichbaren Fall anlehnt.
I had my reservations about reading this book when I saw the structure. The "story" recounts statements made by five friends of a man convicted of murder. 15 years after he was sentenced to life imprisonment for murdering his uncle, even though the actual murder is never fully proven, a journalist re-opens the case after new evidence is found. It is a detailed list of statements by the friends, the laywer and the journalist. I found myself intrigued with the case after just a few pages, which kept me reading on. The five friends seem to speak with one voice, if their names were not written at the top of their statement, I would hardly know who was saying what. The "convicted friend" is never mentioned by name, he's always either "our friend" or just "he". The author says that all the characters mentioned in the book are fictitious, even though the case is obviously based on an actual well-known case in Munich, and besides that, the author mentions cases like that of Amanda Knox in some detail. The idea of the book is basically fascinating and new, but I ask myself if you can actually consider it a novel, it's more like an investigation of a famous murder case.
Zum Inhalt: Einer aus der Clique wird plötzlich als Mörder verhaftet. Er soll seinen Onkel aus Habgier erschlagen haben. Die Freunde können das nicht glauben und kämpfen für den Angeklagten. 15 Jahre nach dem Urteil rollt eine Journalistin den Fall neu auf und die Freunde sehen sich den Fragen neu ausgesetzt. Meine Meinung: Irgendwie hatte ich etwas völlig anderes erwartet als man dann mit dem Buch bekommt. Völlig irritiert war ich zunächst über die Art und Weise, wie die Geschichte erzählt wird. Daran musste man sich echt erst mal gewöhnen, weil man etwas mit den ständigen Perspektivwechseln zu kämpfen hatte, die teilweise auch den roten Faden verlieren ließen. Dennoch ist das Buch gut, wenn man es erst mal geschafft hat, sich auf diesen sonderbaren Buchstil einzulassen. Ein Buch der besonderen Art, dass aber einen gewissen Reiz hat. Fazit: Ungewöhnlicher Stil
Super spannender Ansatz! Eine Art Krimi, aber nicht ein klassischer Whodunnit. Kann eine Freundschaft eine solche Belastung aushalten? Kann man die Frage zulassen, ob ein freund jemanden getötet hat?