Der neue ›Precht‹ über die internationale Politik im 21. Jahrhundert.
Die Welt befindet sich im Umbruch. Von einer von den USA dominierten zu einer multipolaren Weltordnung mit China und Indien als neuen Machtzentren. Das schleichende Ende der Pax Americana stellt die Europäer vor eine enorme Wie gehen wir mit dem Aufstieg dieser Länder um? Die Gefahr wächst, dass wir es nicht schaffen, auf globaler Ebene auf neue Feindbilder zu verzichten. Auf die Schablonen »Christen gegen Heiden«, »Zivilisierte gegen Wilde«, »Freiheit gegen Kommunismus«, »Christlich-abendländische Kultur gegen den Islam« folgt nun »Demokratien gegen Autokratien«.
Wer hat dieses Narrativ in die Welt gesetzt? Welche Interessen stehen dahinter? Warum ist es erfolgreich? Dieses Hörbuch möchte zeigen, dass die vermeintliche »systemische Rivalität« zu China und anderen Staaten zwar eine Rivalität ist, aber keine systemische. Die Aufgabe unseres Jahrhunderts besteht darin, aus diesen althergebrachten Freund-Feindmustern auszubrechen und unterschiedliche Entwicklungswege und kulturelle Eigenheiten zuzulassen. Denn die Menschenrechte, die keine »westlichen« Werte sind, werden wir nur dann schützen und bewahren, wenn wir ihnen voll und ganz entsprechen. Toleranz, Diversität und Offenheit lassen sich einfordern, wenn wir sie im Umgang mit anderen selbst praktizieren. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit versammelt das 21. Jahrhundert im Zeichen der globalen ökologischen Katastrophe alle im selben Boot. Meistern können wir sie nur, wenn wir auf das schauen, was alle Länder und Kulturen eint, nicht auf das, was sie trennt. Es wird kein Jahrhundert des »Entweder-Oder« nach dem Zuschnitt einer Hegemonialmacht mehr sein, wie die vergangenen – sondern, will sich die menschliche Zivilisation nicht selbst das Jahrhundert der Toleranz.
Enthält zum Teil interessante und mir neue Erkenntnisse, die jedoch etwas oberflächlich ausgeführt sind. Dennoch liest es sich gut und regt dazu an eigene Meinungen/Perspektiven, zu überdenken. Das Essay endet mit einem Plädoyer für mehr miteinander und Toleranz und gibt einem Zuversicht, dass es noch nicht zu spät ist die Herausforderung unserer Zeit zu bewältigen.
Ausgangspunkt der Überlegungen von Precht, der sich auch hier nicht als Katheder- "Philosoph", der einen "Prechtianismus" hinterlassen will, sondern als ein "philosophe", also als öffentlicher Intellektueller, der er ist, bewährt, ist die Beobachtung, dass wir einfach auf Feindbilder nicht verzichten können: "Auf die Schablonen 'Christen gegen Heiden', 'Zivilisierte gegen Wilde', 'Freiheit gegen Kommunismus', 'Christlich- abendländische Kultur gegen den Islam', folgt nun 'Demokratien gegen Autokratien'." (4) Dabei hätte "die Geschichte" entweder mit dem Sieg der kapitalistisch- demokratischen Marktwirtschaft enden oder aber mit dem "clash of civilisations" in ihr finales Stadium eintreten müssen. Daher arbeitet sich Precht zunächst an den Autoren ab, die diese Meinungen wirkmächtig in die Welt gesetzt haben, um mit Blick auf den angeblichen Demokratie-Autokratie-Antagonismus (China/ Russland vs. "westliche Welt") nüchtern zu bilanzieren: "Und auch die völlig unterschiedlich regierten afrikanischen Staaten nehmen einander nicht als systemische Konkurrenten wahr." (57) Womit klar ist, dass es bei dieser "systemischen Konkurrenz" um etwas anderes gehen muss.
Um auf die Frage zu antworten, warum Gesellschaften scheitern (und er sieht "uns" offensichtlich scheitern), führt Precht dann bekannte Beispiele (Osterinseln, Grönland etc.) an, um endlich zu schlussfolgern, dass nicht etwa nur die menschengemachten ökologische Probleme allein zum Scheitern führen, sondern auch die "Torheit" der Mächtigen, der "kollektive Wahn, der Regierende Herausforderungen nicht klar, sondern verzerrt wahrnehmen lässt", wozu die "Wut auf alle [gehört], die ihn nicht teilen." (62) Die Staatsraison mit Blick auf Israel und Polizeieinsätze gegen Palästina-Solidaritätskundgebungen lassen grüßen, würde ich sagen, und mit Precht erklären: "je größer die Herausforderungen werden, umso schlichter werden die Narrative." (64) Über deren "Verengung" und die Folgen hat Precht ausführlicher in seinem jüngsten Essay "Angststillstand" geschrieben.
Aber nicht nur Narrative sind das Problem, sondern auch die dadurch erzeugten "Derivationen" (Ideologien), die z.B. von "Ländern" reden, die "Interessen" hätten ("Die Ukraine hat/ darf/ will/ soll usw.): "Aber Abstrakta handeln nicht, sie haben nicht einmal Interessen." (80) Daran arbeitet sich Precht in der Folge anhand von Beispielen (Stalinismus, Vietnamkrieg u.v.m.) ab, um die Möglichkeit, dass solch derivative Narrative geglaubt werden, wohl zutreffend mit dem Schwinden des historischen Bewusstseins zu begründen. Das Problem sei die "Nullpunktsetzung" (87), was ein schönes und treffendes Wort ist: Nein, der Ukrainekrieg hat eben nicht 2022 begonnen und wer seine Gründe verstehen will, muss sich schon in der Zeit ein bisschen zurück bewegen (allerdings nicht bis zu Peter I. gegen Mazeppa- das ist nur eine neue Derivation, da hier Analogien aufgemacht werden, die jenseits aller Kausalität falsche Kontinuitäten begründen). Und das trifft - lt. Precht - für beide Seiten zu, also für das russische wie das ukrainische Geschichtsnarrativ, und natürlich auch auf "uns" und die Frage, was "wir" daraus auswählen, um was zu begründen. (Vgl. 88 ff.)
Dabei geht es um die Menschenrechte als universalem Wert. Precht will deren Universalismus verteidigen, weshalb er zunächst - wieder anhand von Beispielen - deren Missbrauch durch die "westlichen" Nationen aufzeigt. Ein Aspekt ist: "Nur satte Nationen wahren den Wert der Menschenrechte, ausgehungerte und hungrige Nationen tun es fast nirgends und nie." (106) Daraus folgt aber nur, dass die Bekämpfung von Hunger und Elend für die Durchsetzung von Menschenrechten am wichtigsten ist, ein Feld, auf dem die ach so moralische "westliche" Welt kläglich versagt, freilich ohne sich das einzugestehen. Jedenfalls sind in "unseren" Augen die Erfolge bei der Bekämpfung von Hunger und Elend in China und Indien kaum erwähnenswert; stattdessen geht es (auch zu Recht) um die Uiguren. Menschenrechte werden also vor allem politisch verstanden, womit ihre sozialen Aspekte, die einst durch sozialistische Staaten in die UN- Charta eingebracht wurden (Recht auf Wohnen, Bildung, Gleichberechtigung etc.), weitgehend ignoriert werden.
Warum das so ist? Prechts These lautet, die neu ausgerufene "Systemische Rivalität" sei eine bewusste Entscheidung, die Macht der Gefühle [als] Mittel der kognitiven Kriegsführung" (119) einzusetzen. Das wird im Folgenden wieder an Beispielen illustriert, wobei zur theoretischen Fundierung von Cassirer bis Chomsky namhafte Gelehrte herangezogen werden. Vor allem stehen hier die amerikanischen Interessen im Vordergrund, etwa die unter Gerhard Schröder forcierte Annäherung Deutschlands an Russland mit allen (!) Mitteln zu verhindern. Das probate Mittel der kognitiven Kriegsführung sind dabei die Massenmedien, die in Deutschland mittlerweile (fast) vollständig unter dem Einfluss "transatlantischer Netzwerke" (134) stünden. Wie sich das in Talkshows etc. äußert, dazu werden wiederum viele Beispiele angeführt. Hier spricht der Autor ja durchaus aus eigener Erfahrung. ;-)
Aufgezeigt wird dann im zweiten Drittel des Textes, wie Identitätspolitik ("Volk") und der Universalismus der MENSCHENRechte, miteinander in Widerspruch geraten, wobei Menschenrechte am Verlieren sind, weil sie ihre universale Geltung zugunsten nationaler Interessen einbüßen. Damit wird das Gerede darüber zu bloßem Gelaber bzw. zum "links-grünen Anspruch, die Welt am westlichen Maßstab kurieren zu wollen". (166) Frau Baerbock lässt grüßen. Dagegen führt Precht aus, dass man "Werte" nicht besitzen, sondern nur entwickeln und im praktizierten Humanismus bewähren und begründen kann. Als Maßstab dafür gilt ihm die "Menschenwürde" (187), ein Konzept, das zwar in der europäischen Renaissance aufkam, nichtsdestoweniger aber seit Kant zu Recht universelle Geltung beansprucht. Dabei weist Precht auch hier darauf hin, dass im "Westen" Menschenrechte als Abwehrrechte gegen staatliche Übergriffe konzipiert wurden, während die sozialen Bewegungen in aller Welt auch einen Begriff derselben hervorgebracht hätten, der den Staat in die aktive Pflicht nimmt, Menschenwürde aller auch zu ermöglichen. Insofern sei es nach Precht schädlich, Menschenrechte auf "westliche Werte" einzuengen und daraus Ansprüche abzuleiten. (Vgl. 219f.) Immerhin sei nicht zu vergessen, dass Werte wie die Frauenemanzipation auch in Europa sehr junge Werte sind. Es sei einfach nicht statthaft, von anderen Kulturen zu verlangen, dass sie das, was "bei uns" Jahrhunderte gedauert hat, nun unverzüglich übernehmen sollten. Warum sollte in arabischen Ländern der Widerstand dagegen "schlimmer" sein, als der in bürgerlichen Schichten wie der Arbeiterbewegung bis mindestens Mitte des 20. Jahrhunderts in Deutschland? "Bedürfnisaufschub" sei notwendig, ist aber - wie der Autor in einem späteren Buch ausführt ("Angststillstand") - aufgrund der Axelotilisierung der Gesellschaft unpopulär geworden. Für die grüne ehemalige Außenministerin hätten daher andere Länder am besten sofort und jetzt dem deutschen Beispiel zu folgen, was u.a ignoriert, dass Länder wie China über eine deutlich ältere Zivilisation als das Germanenreich und folglich auch über verfestigte eigene Werte verfügen, mit denen es - statt sie zu negieren - in Dialog zu treten gelte.
In diesem Sinne ist die Conclusio Prechts: Wir sollten das Auswärtige Amt "in ein Ministerium für internationale Zusammenarbeit" (249) transformieren und - das füge ich hinzu - die USA auffordern, ihr KRIEGSministerium nicht nur wieder umzubenennen, sondern seinen Inhalt wirklich auf "Verteidigung" umzustellen.
Sollte man das Buch lesen? Wer mit der Tendenz dieser Rezension übereinstimmt, muss das vielleicht nicht tun. Es gibt nichts wirklich Neues. Wer allerdings an sich selbst moralischen Rigorismus im Sinne von "Wir sind die Guten" (oder: "Ich bin der/ die Gute") beobachtet, sollte sich durch den Text auf die Widersprüche seines und "unseres" Denkens aufmerksam machen lassen. Besonders der studierenden Jugend, die nicht alle historischen Beispiele zur Hand resp. im Kopf präsent haben kann, sei der Text zur Überprüfung eigenen Denkens empfohlen. Er macht keinesfalls dümmer.
Mit Toleranz bezieht sich der Autor wohl eher auf eine tolerante Außenpolitik (z.B. gegenüber autoritären Staaten) als auf eine tolerante Gesellschaftspolitik (z.B. gegenüber Minderheiten)
Das Buch enthält Gedankenanstöße zu wertegeleiteter Außenpolitik, etwa dass man sich keinen Gefallen tut, wenn man Menschenrechte mit einem Universalanspruch als “westliche” Werte verkauft; dass Werte nicht mit dem Megafon, sondern mit diplomatischem Gefühl und im eigenen Handeln zu tragen kommen sollten; dass Werte ein ökonomisch starkes Fundament brauchen, wenn sie eine Chance in der Weltpolitik haben wollen; oder dass Grundrechte auf beispielsweise Nahrung, sauberes Wasser oder Bildung Vorrang nehmen gegenüber Presse- und Meinungsfreiheit. Interessant dabei ist die Beleuchtung der gleichzeitigen Entstehung von “Menschenrechten” auf verschiedenen Kontinenten mit ihren eigenen kulturellen Färbungen. Das Essay fordert dazu auf den westlichen Überlegenheitsgedanken kritisch zu hinterfragen und verlangt mehr Toleranz gegenüber denjenigen, die sich nicht in das westliche Ideal einfügen (tun wir es doch selbst oft nicht).
Auch skizziert das Buch deutlich den Ernst der Lage, vor der wir als Menschheit heute stehen. Der Titel “Jahrhundert der Toleranz” suggeriert demnach nicht einfach eine utopische Zukunft, in die wir steuern, oder (wie ich vor dem Lesen vermutete) eine ironische Beschreibung der gegenwärtigen Weltpolitik, sondern es steckt auch eine Warnung darin: dieses Jahrhundert wird das Jahrhundert der Toleranz für die Menschheit, oder aber es wird unser letztes Jahrhundert. Denn wenn es nicht zu dem Jahrhundert wird, indem wir es schaffen unsere politischen/kulturellen Differenzen zu überwinden, sodass wir in einer globalen Anstrengung gemeinsam die großen Herausforderungen unserer Zeit (allen voran die Klimakatastrophe) meistern können, dann, so warnt Precht, sieht es düster um unsere Zukunft aus. Toleranz in unserer Außenpolitik ist demnach nicht nur “nice-to-have”, oder eine Tugend. Sie ist eine Notwendigkeit.
Das Essay hat meines Erachtens gut für ein Problem und eine mögliche, bessere Richtung in der Außenpolitik sensibilisiert. Was hierbei hätte besser sein können, ist die Tiefe und Prägnanz des Textes. Warum “westliche Werte” beispielsweise keine passende Bezeichnung sein sollen, erfahren wir gefühlt in jedem Kapitel zweimal. Argumente wiederholen sich unnötig und blähen den Text auf ohne Tiefe hinzuzufügen. Zuhörern des L&P-Podcasts sind ohnehin die meisten Argumente bereits bekannt. Grundsätzlich wünscht man sich manchmal mehr Konkretheit und Details, gerade in den Lösungsansätzen. Alles in allem jedoch ein Buch, das sich gut lesen lässt und neue Impulse setzt.
Whereas most criticism on this platform seem to aim at either the argument or the instructions for action/policies of the author being in dire need of more detailed rigour, I beg to pardon. For such a short book it did it job really well, which was to advocate for an universalist as well as reflectively postcolonial and cooperative approach in international relations.
Pleasantly actualized comment on Kant's "Zum ewigen Frieden", with few empirical landmarks and data, as well as references ranging from the philosophy of international relations and, prominently, Omri Boehm - another much needed universalim-booster.
P.S.: Those who do not immediately trip on rabies upon slightly perceiving Precht's voice will be delighted by his oratory skills in the audio book.
Enthält einige interessante Gedanken zu Werten und auch dazu wie unterschiedlich die Menschenrechte je nach Kontinent sind und dass wir uns kaum an unsere Werte halten. Die daraus abgeleiteten Handlungsrichtlinien wirken allerdings oberflächlich und nicht besonders konkret.
Super Buch mit sehr guten Denkansätzen. Leider durch die Ereignisse nach dem Erscheinen nicht mehr ganz aktuell, aber sein emphatischer und offener Ansatz sollte durch die Politik verfolgt werden. Wer etwas Hoffnung für die Zukunft braucht, sollte dieses Buch lesen!
Ach Richard, wie schaffst du es immer, dass ich bei deiner Lektüre immer beeindruckt bin und deine Klugheit bewundere und 10 Seiten später wieder nur noch mit dem Kopf schütteln kann.