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Das Narrenschiff

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Ein Staat wird – wie alle Staaten – gegründet für alle Ewigkeit und verschwindet nach vierzig Jahren nahezu spurlos. Sind die Menschen, die dort einmal lebten, dem Vergessen anheimgefallen und ihre Träume nur ein kurzer Hauch im epochalen Wind der Zeitläufte?

In seinem fulminanten Gesellschaftsroman lässt Christoph Hein Frauen und Männer aufeinandertreffen, denen bei der Gründung der DDR unterschiedlichste Rollen zuteilwerden, begleitet sie durch die dramatischen Entwicklungen einer im Werden befindlichen Gesellschaft, die das bessere Deutschland zu repräsentieren vermeint und doch von einem Scheitern zum nächsten eilt.

Überzeugte Kommunisten, ehemals begeisterte Nazis, in Intrigen verstrickte Funktionäre, ihre Bürgerlichkeit in den Realsozialismus hinüberrettende Intellektuelle, Schuhverkäufer, Kellner, Fabrikarbeiter, Hausmeister und selbst ein hoher Stasi-Mann erkennen auf die eine oder andere Art ihre Zugehörigkeit zu einer unfreiwilligen Mannschaft an Bord eines Gemeinwesens, das sie zunehmend als Narrenschiff wahrnehmen und dessen Kurs auf immer bedrohlichere historische Klippen ausgerichtet ist.

751 pages, Hardcover

Published March 16, 2025

51 people are currently reading
689 people want to read

About the author

Christoph Hein

111 books61 followers
Christoph Hein is a German author and translator.

Growing up in Bad Düben near Leipzig as a clergyman's son and thus not allowed to attend the Erweiterte Oberschule in the communist East, he received secondary education at a gymnasium in the western part of Berlin. After jobbing as an assembler, bookseller and assistant director, he studied philosophy. Upon graduation he became dramatic adviser at the Volksbühne in Berlin, where he worked as a resident writer from 1974. Since 1979, he has worked as a freelance writer, becoming known for his 1982 novella Der fremde Freund (The Distant Lover).

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111 (31%)
4 stars
157 (44%)
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59 (16%)
2 stars
21 (5%)
1 star
8 (2%)
Displaying 1 - 30 of 51 reviews
Profile Image for Alexander Carmele.
490 reviews473 followers
May 17, 2025
Schweigendes Schreiben über ein gähnendes Nichts: Grauer Alltag von Funktionären.

Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com

Inhalt: 1/5 Sterne (unerhebliche Wiederaufnahmen)
Form: 3/5 Sterne (flüssig, langweilig)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (inkohärent)
Komposition: 1/5 Sterne (reihende Chronik)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (langweilig)

Christoph Heins letzte Romane und spannen bereits ein breites Spektrum zwischen agitorisch-pädagogischer Aufklärungsliteratur mit Guldenberg und nostalgisches Erinnerungsprosa in Unterm Staub der Zeit . Mit Das Narrenschiff verknüpft er nun beide Stränge und stellt den unaufhaltsamen Aufstieg und Abstieg des DDR-Regimes als Chronik dar: In 115 Kurzkapiteln und Schlaglichtern, fast stichwortartig-narrativem Flickwerkteppich berichtet ein unbeteiligt lakonisches Erzählmedium von den Lebenswege mehrerer Funktionäre der dritten oder vierten Ebene:

Die Sperrstunde hatte begonnen, er öffnete sein Fenster, um die Straße zu beobachten. Ein Jeep fuhr langsam die Straße entlang, ansonsten war nichts und niemand zu sehen. Er setzte sich in die kleine Küche, aß Zwieback und goss sich Wodka in ein Weinglas. Er war beunruhigt und verzweifelt, und er fragte sich immer wieder, ob sein Entschluss, in das andere Deutschland zu gehen, richtig gewesen war oder ein Fehler, eine dumme und fatale Entscheidung. Etwas in diesem Staat war faul, war oberfaul, und es musste mehr dahinterstecken, als dass die Bevölkerung lediglich gegen eine geplante Normerhöhung protestierte.

Das Problem von Das Narrenschiff besteht in dem Umstand, dass die politischen Ereignisse (Juni-Aufstand, Chruschtschows Geheimrede, Mauerbau, Prager Frühling, Perestroika, Wiedervereinigung) nicht nur einzig im Hintergrund stattfinden, nicht nur nicht weiter ergänzt, sondern sogar lediglich aus völlig unpolitischen, desinteressierten, unengagierten, nur auf ihr Leib- und Magenwohl fokussierten Figurenaugen erzählt werden. Die Erzählsprünge und Erzählschnitte, das Hin-und-Her des personalen Erzählens, das nüchterne Abhandeln, lakonische Runterrasseln, die teilnahmslose Aufzählung weltbewegender Ereignisse im Litaneiverfahren erzeugen fast eine aufsehenerregende Deeskalation:

Die Kriegsjahre in der Sowjetunion und die damals heftigen Kursveränderungen, die für einige Genossen zu fatalen und sogar tödlichen Folgen führten, hatten sich ihm eingeprägt, waren unvergesslich für ihn, bestimmten seitdem seine Haltung, seine Weltsicht, sein Leben. Diese Jahre in Moskau hatten ihn gelehrt, sorgfältig zu überdenken, was man zu sagen hatte, und zu wissen, wann es besser war zu schweigen. Dieses Schweigen hatten viele seiner Genossen nie gelernt, und sie schwiegen daher und lange vor ihrer Zeit in einem kalten Grab.

Reden ist Blech, Schreiben ist Silber, Schweigen aber Gold? Nach Das Narrenschiff bestand die mittlere Führungsriege der DDR nur aus Opportunisten, die sich mehr oder weniger zu Tode gesoffen und gegessen haben, während sie schwiegen und alles abnickten. Hier reiht sich Christoph Hein ein in die Riege der zurückblickenden DDR-Kritik, bspw. Anne Rabe Die Möglichkeit von Glück oder Helga Schuberts Vom Aufstehen oder eben Uwe Tellamps Der Turm. Alles Bücher aus der Sicht der Funktionärsfamilien, deren ohnehin schon langweiliges Leben in Das Narrenschiff eine Ode der Leerheit und Hohlheit erhalten hat. Leider in jeder Hinsicht.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Kathinka, geboren 1943, verliert Vater Jonathan, der vor den Nazi fliehen musste, alleinerziehende Mutter Yvonne, die später Johannes Goretzka heiratet, der Kathinka aber nicht mag. Kathinka stets Musterschülerin, heiratet Mathematiker Rudolf, zwei Kinder, arbeitet bei der Edition Leipzig, nach der Wende für den Bertelsmann Verlag, reist am Ende nach Lund, ihren Sohn Jonathan zu besuchen. Rahmenhandlung: wie sie neben Walter Pieck sitzt, am Ende zerreißt sie das Foto.
Yvonne, verliert Ehemann, heiratet aus Opportunismus den älteren, Kriegsinvaliden, Johannes, bekommt mit ihm Heinrich, leitet Jugendhaus, dann als Vize die Abteilung Jugendfilm mit Benaja Kuckuck, unglücklich in der Ehe, hat drei Affären, mit Schuhverkäufer Karl Urban, mit Ryszard Charpentier, mit Henry, dem Kneipier. Beginnt zu trinken und Frust zu essen, am Ende Teleshopping süchtig, stirbt nach Wende aufgrund ihres Alkoholismus.
Benaja Kuckuck, Anglizist, hatte Stelle in Sheffield, radikalisierte sich im Rahmen des Spanischen Bürgerkrieges, Beitritt zur Partei, nach Kriegsende kann er nur in die sowjetische Besatzungszone, dort findet sich aber keine Stelle für ihn. Er wird in die Abteilung Jugendfilm versetzt, muss dort die politische Linientreue mit Yvonne überprüfen. Homosexuell, mehrere Affären, am Ende mit Kameramann Friedhelm Böttiger. Nach Pensionierung übernimmt er den Chefredakteursposten beim „Sonntag“, wird vom Ex-Kollegen gefragt, ob er die DDR ausspitzeln könnte, erkrankt an Alzheimer, stirbt am 3. August, nach der Wende.
Karsten Emser, reist aus Moskau noch während des Weltkrieges an, wird Mitglied des Zentralkomitees, Professor für Ökonomie, kann sich nicht durchsetzen, fördert seine Frau Rita, hilft, aber wird nur geduldet, niemand hört auf ihn, will ein Manuskript fertig schreiben, schafft er nicht, Opportunist ein Leben lang, der große Schweiger, stirbt, als er wieder einen Plan für sein Manuskript gefasst hat, an Krebs.
Johannes Goretzka, ehemals überzeugter Nationalsozialist, dann überzeugter Stalinist, Karrierist der fünften Reihe, verleugnet christliche Eltern, will sich hocharbeiten, aber wird nicht befördert, muss zur Schwermetallurgie, widersetzt sich gegen eine Weisung des ZK, entkommt durch Karsten Emser knapp dem Parteiausschluss, muss sich nacherziehen lassen, kehrt in geringerer Position nach Potsdam zurück, stürzt Anfang der 1980er, gerät in Koma und stirbt, ungeliebt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: 4 Bücher mit sehr vielen Kapiteln.
1.) Gründung der DDR 1949, Juni-Aufstand 1953;
2.) XX. Parteitag der KPdSU, Entstalinisierung, Entwicklung des Trabbis, Aktion Blitz.
3.) Mauerbau, Machtkampf innerhalb der SED zwischen Ulbricht und Honecker, Prager Frühling.
4.) Machtübernahme Honeckers, Ende der DDR, Wiedervereinigung.
●Diskurs: Mehr oder weniger alles um die politische Nachkriegszeit, insbesondere Westanbindung, Reparationszahlungen.
… anhand von Einzelschicksalen der dritten Funktionärsreihe wird das Alltagsleben der DDR lakonisch beschrieben, völlig emotionslos, mit unbegründeten Sprüngen, seltsamen Akzentsetzungen, irritierenden Details, kein Fokus, ein reines Potpourri aus einzelnen, nicht zusammenhängenden Erinnerungen, Figuren bleiben blass, gehen in der Erzählung unter, bspw. Kathinka taucht am Ende fast gar nicht mehr auf. Völlige Konfliktlosigkeit. Keine Streitgespräche. Keine Dynamik. Dümpeln. Schwache Allegorien wie Karsten Emsers vermeintliche Gesundheit, doch wucherte schon der Krebs in ihm – schlagartiger Tod, wie bei der DDR, die auch wirtschaftlich krank gewesen ist. Eigentlich nur eine Materialsammlung eines noch zu schreibenden Buches. Und das Material ist nicht einmal spezifisch interessant, aufsehenerregend, innovativ. Ärgerlich: von Reden zu schreiben, die dann nicht gehalten werden. Beschreibendes Beschreiben.
--> 1 Stern

Form:
●Wortschatz: sehr karges Beschreiben
●Satzstrukturen: ordentlich
●Innovation: keine
--> 2 Sterne

Erzählstimme:
●Reflektiert: nein (bis auf eine Stelle)
●Situiert: nein (zurückhaltend, allwissend)
●Perspektiviert: nein
… „Das Narrenschiff“ wird gemischt, wirr erzählt; seltsame Mischung aus direkter, erlebter und indirekter Rede, Mischmasch aus Dialogen.
--> 1 Sterne

Komposition:
●Lose Versatzstücke: fast ausschließlich, reine Chronik, ohne jeden anderen Zusammenhang als die historischen Leitereignisse --> 1 Sterne

Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ja
●Geärgert: nicht wirklich
●Amüsiert: nie
… unerträglich zäh, zwar hier und da flüssig geschrieben, aber niemals bei den Figuren, niemals mit irgendeiner Verve, einfach nur runtergeleiert.
--> 1 Stern
Profile Image for Nadine Schrott.
691 reviews67 followers
June 19, 2025
Ein Stück deutscher Geschichte...!

.....der Roman kommt zwar ohne nennenswerte Spannungsbögen aus....und besticht vielleicht gerade durch seine DDR Alltagsbeschreibungen ...

Stilistisch ausgefeilt führt der für meinen Geschmack etwas zu ausführliche Roman in die Lebenswelt begünstigter Parteifunktionäre ...über die Gründung der DDR bis zu ihrem friedlichen Fall.

Einzig die zwei letzten, für mich zu schnell abgehandelten Kapitel nach dem Mauerfall haben mich unbefriedigt zurück gelassen....denn gerade die inneren Kontroversen der Protagonisten nach dem Zerfall ihrer Ideologie hätten mich sehr interessiert!

Lesenswert!
Profile Image for Olaf Gütte.
222 reviews77 followers
June 29, 2025
Wenn ich "Das Narrenschiff" mit "Der Turm" von Uwe Tellkamp vergleiche,
kommt Christoph Hein etwas schlechter dabei weg.
Sein Roman ist etwas ärmer an Höhepunkten, trotzdem empfehle ich ihn gerne weiter.Was beide Romane gemeinsam haben - am Ende bleibt nichts übrig von der DDR.
Profile Image for KaLie.
22 reviews
April 17, 2025
Ohne Zweifel eine interessante Chronik der DDR. Aber meiner Meinung nach völlig emotionslos und im Stil eines trockenen Tatsachenberichts geschrieben. Die Personen bleiben schablonenhaft, leblos und die Dialoge wirken konstruiert. Informativ, aber als Roman enttäuschend.
Profile Image for Tom K..
72 reviews10 followers
May 3, 2025
Durch diesen Roman von Christoph Hein bin ich in drei Tagen nur so durchgeflogen (ok, ich hatte auch Urlaub...). Es ist ein historischer Pageturner, der die gesamte Geschichte der DDR von ihren Anfängen (und davor) bis zu ihrem Ende in den Blick nimmt. Erzählt wird von den politischen Kadern, die am Ende des Nazireiches von Moskau aus nach Berlin geflogen werden, um den Aufbau des kommunistischen Deutschlands zu leiten. Der Roman folgt einigen Schlüsselfiguren und ihren Familien. Er zeigt ihren anfänglichen Glauben an das "bessere Deutschland", folgt ihrer Desillusionierung durch Stalinterror, unsinnige Parteidisziplin, Gruppendruck und Opportunismus bis hin zum Zusammenbruch des Systems. Vieles davon war mir bekannt, manches neu. So wusste ich nicht, dass die DDR-Führung 1949 fest davon ausging, auch die polnisch und russisch besetzten Ostgebiete (vor allem Pommern und Schlesien) zum Staatsgebiet zu erhalten. Die Absage der Sowjets kam für sie als ein Schock. Nur widerwillig stimmten sie der "Friedensgrenze" zu, weil sie das Gebiet der DDR für zu klein und nicht überlebensfähig hielten. Hein schildert die Ereignisse akribisch, chronologisch und fesselnd. Das hat mir große Lesefreude gemacht.

Trotzdem gibt es auch einiges, was an dem Buch kritisiert werden kann:
Hein konzentriert sich auf die Elite des Staates. Einfache Menschen kommen kaum zu Wort. Es wäre spannend gewesen, diese Perspektive durch einen Handlungsstrang von unten oder aus der Opposition zu erweitern. So fehlen auch manche Themen (fast) ganz, wie etwa die Stasi oder die Disziplinierung der Jugend durch Jugendorganisationen.

Ärgerlich waren für mich manche logische und sachliche Fehler im Buch. So erhält Yvonne eine Mappe mit Briefen ihres Mannes aus der Nazizeit, die sie nur mühsam lesen kann, weil sie in alter deutscher Schrift geschrieben wurden. Später, als Johannes in ein Archiv zwangsversetzt wird, kann er dort die Akten nicht lesen, weil sie in deutscher Schrift geschrieben wurden. Das ergibt keinen Sinn, denn er hat seine Briefe ja früher selbst so geschrieben. Solche Lapsus gibt es einige im Buch. Ein sorgfältiges Lektorat hätte das bemerken müssen.

Was besonders schade ist: der Roman wirkt formal und literarisch ambitionslos und unterkomplex. Ja, er liest sich als historische Chronik wirklich flott und gut. Aber an nur an einer Stelle macht der Autor sich die Mühe, aus dem schlichten chronologischen Stil auszuscheren und eine weitere Ebene einzufügen (im Beate-Kapitel auf S. 384). Ansonsten immer strack geradeaus. Und wie meist bei Hein mit äußerst hölzernen Dialogen.

Da wäre mehr drin gewesen. Trotzdem: Lesenswert!
22 reviews1 follower
May 18, 2025
Ein flüssig lesbarer, historisch fundierter Abriss über die Geschichte der DDR in Form eines Romans aus der Sicht unterschiedlicher Menschen, die in diesem Staat gelebt und gearbeitet haben. Dies vor dem historischen Hintergrund der Entwicklung des politischen Idealismus‘ nach dem Krieg über die Diktatur bis zum Zusammenbruch 1989.
Profile Image for Hucky.
56 reviews5 followers
September 21, 2025
Trotz umfänglich monumentaler Anlage des Romans über die gesamte geschichtliche Phase des ostdeutschen Staates hinweg zu starke Engführung auf wenige Familien und Personen auf Funktionärsebene und Ausblendung wichtiger Elemente des Unrechtsregimes wie beispielsweise den Krebs systematischer Bespitzelung und Überwachung innerhalb der Bevölkerung.
Nichtsdestotrotz weitgehend spannend, aber sehr detaillverliebt.
28 reviews1 follower
June 16, 2025
Super interessant, die Heschichte mehrerer Familien von der Gründung der DDR bis zum Mauerfall mit den jeweiligen Ansichten zum System, Träumen, Zweifeln, Auswirkung der Politik und Unterdrückung auf den Lebensweg.
Profile Image for Marie.
4 reviews
January 18, 2026
Ich kann die Kritik anderer Leute verstehen, dass der Schreibstil eher trocken ist und ich brauchte auch etwas Zeit um mich an diesen Stil zu gewöhnen. Allerdings ist es vielleicht genau das, was der Autor bewirken wollte. Und zwar das alltägliche Leben der Menschen in diesem Staat zu beschreiben, also wie sie ihr Leben weiterleben während im Hintergrund diese historischen Ereignisse passieren. Ich denke der Autor wollte mit diesem Schreibstil eine Distanz herstellen, um die Ereignisse nicht politisch zu bewerten, sondern die Figuren sprechen zu lassen und durch ihre Handlungen oder Aussagen eine eigene Interpretation offen zu lassen.

Die Geschichte ist zwar nicht sehr handlungsintensiv (abgesehen von den historischen Ereignissen). Aber ich fand es nicht schwer zu lesen und es war auch nicht langweilig. Fast alle Figuren hat man am Ende etwas lieb gewonnen oder konnte gewisse Handlungen jedenfalls nachvollziehen, auch wenn sie nicht perfekt waren. Nur Johannes fand ich unerträglich, aber er war ein gutes Beispiel für einen Faschisten, der die eigene Vergangenheit nie aufgearbeitet hat und dann später der nächsten Ideologie blind gefolgt ist.

Profile Image for Andrea Mesch.
42 reviews20 followers
November 20, 2025
Eine Chronik der DDR. Das permanente Geschweige, um bloß nichts Falsches zu sagen. Das Angepasstsein, um Karriere zu machen oder wenigstens passabel zu leben. All das war gut beschrieben. Aber trotz des Verständnisses für die Entscheidungen der Personen und dafür, wie sie sich mit dem Staat arrangiert haben, blieben sie mir seltsam fremd. Ich hätte sie gern ein bisschen mehr gespürt.
Profile Image for Pixbo.
18 reviews
October 29, 2025
Es ist wirklich beeindruckend, wie dieses Buch es geschafft hat, selbst an seinen trockensten und grauesten Stellen entgegen aller Erwartungen noch einmal zehn mal langweiliger zu werden. Die eigentlich interessante Geschichte der DDR wird zum Hintergrundgeschehen für abertausende bedeutungsloser Figuren, die in Begleitung jeweils einer Handvoll Seiten von hastig überflogener Wirtschaftstrivia kurz erscheinen und genauso schnell wieder verschwinden, um nie wieder gesehen zu werden. Die Dialoge sind hölzern, die Figuren unsympathisch, die Atmosphäre weicht trockenem Wirtschaftsjargon, der Schreibstil ist so derart seelenlos, wie ich es kaum zuvor gesehen habe, und die Handlung... na ja, es gibt im Grunde keine. Ohne Roten Faden folgen wir über sage und schreibe 750 Seiten diesem jämmerlichen Ensemble an Figuren, das ohne jegliche Emotionalität 40 Jahre lang bedeutungslose Karriereleitern hinaufklettert und dann ohne einen Kommentar oder das kleinste bisschen Trauer in den letzten paar Dutzend Seiten der Reihe nach antiklimaktisch ins Gras beißt. Es gibt keine Moral an der Geschichte, alle Handlungsstränge verlaufen ins Leere, kaum ein Vorfall ist von Bedeutung, nichts hat zwischenmenschliche Konsequenzen. Es ist mir ein Rätsel, wie selbst die Staatssicherheit, die einschneidende Folgen für die Privatleben so mancher Staatskritiker unter den Figuren gehabt haben sollte, höchstens ein paar Mal erwähnt wird, und wir stattdessen eine regelrechte Hölle an Paragraphen über Studienfächer an der Uni, Kommandostrukturen im Stahlbetrieb, oder die zehnte unbedeutende Affäre von Yvonne Goretzka herunterwürgen müssen, in der ständigen Erwartung, dass irgendwann der große Knall kommt, dass irgendwann doch irgendetwas passieren muss... nur damit am Ende schlichtweg gar nichts passiert. Der Mauerfall ist der Gnadenstoß am Ende. Niemand im Buch jubelt, niemand zeigt die kleinste Spur von Erleichterung, aber ihr könnt überzeugt sein, dass ich tief durchgeseufzt habe in dem Wissen, dass ich mich endlich vollends hindurchgequält hatte. Dieses furchtbare Bündel Seiten taugt nicht einmal zum Sachbuch.
7 reviews
December 9, 2025
3 Sterne sind zu wenig, 4 sind zuviel...Es ist eine leicht zu lesende Chronik der DDR aus der Perspektive verschiedener Personen vor allem aus der Schicht der Funktionäre. Sehr interessant und lehrreich und allein deshalb sehr empfehlenswert. Aber die Figuren bleiben eher blass, haben wenig Tiefe. Der Leser bleibt auf Distanz.....
1,382 reviews6 followers
May 8, 2025
Schon gut und auch spannend zu lesen. Aber es handelt sich hauptsächlich um die Oberschicht der DDR, Akademiker und deren Familien. Mir fehlt der Blick auf das " gemeine Volk", die Arbeiter und Angestellten und ihre Situation werden überhaupt nicht dargestellt. Insgesamt schon etwas trocken!
Profile Image for Gavin Armour.
624 reviews129 followers
June 8, 2025
In einem Interview mit dem SPIEGEL anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Romans DAS NARRENSCHIFF (2025), äußerte Christoph Hein die Vermutung, dass von der DDR nichts bleiben werde, im Gegenteil, so seine Prophezeiung, sie werde in Vergessenheit geraten[1]. Nach der Lektüre des Großwerks möchte man dem Autor jedoch zurufen: Nein, nicht solange es Bücher wie dieses gibt!

Nicht zuletzt Hein, der etwa die Hälfte seines Lebens in eben jenem Teil Deutschlands verbracht hat, den er im Orkus der Geschichte vermutet, keineswegs aber dort hin wünscht, trägt mit seinen Romanen, Essays und Bühnenstücken in regelmäßigen Abständen verlässlich dazu bei, dass das Leben in der DDR in Erinnerung bleibt. Vor allem ist es ihm zu verdanken, dass ein Bild dieses Lebens entsteht, das doch stark von den Klischees abweicht, die heute über die DDR weit verbreitet sind und sich leider immer stärker festsetzen. Und prompt hört man schon während man dieses 750 Seiten starke Epos liest jene Stimmen, die von „Verharmlosung“ raunen werden, davon, dass es so „einfach“ ja nun nicht gewesen sei usw.

Hein erzählt die Geschichte des Landes anhand einer Gruppe von Menschen, die scheinbar wahllos – wenn man so will aber auch vom Schicksal – zusammengewürfelt werden und im Laufe ihres Lebens hervorgehobene Positionen innerhalb der staatlichen Ordnung einnehmen. Da ist Yvonne Lebinski, deren Mann Jonathan, jüdischen Glaubens, während des Krieges zu fliehen versucht und nie wieder auftaucht. Ob er entkommen konnte? Wahrscheinlicher ist, dass er das Schicksal von Millionen Juden geteilt hat. Yvonne heiratet nach dem Krieg Johannes Goretzka, der eine von ihm strikt verschwiegene Vergangenheit als überzeugter Nazi hinter sich hat und, nachdem er in russischer Kriegsgefangenschaft von den Vorzügen des Marxismus mit stalinistischer Note überzeugt wurde, als Kader nach Deutschland zurückkehrt, lange aufgrund seines Studiums zum Ingenieur für Hüttenwesen und Erzbergbau glaubt, im neuen Staat die Karriereleiter erklimmen zu können und aufgrund einer einzigen Verfehlung all seine Karrierepläne aufgeben muss. Er ist es auch, der Yvonne zu einem Posten in einem der neu entstehenden Kulturhäuser verhilft, später steigt sie zur stellvertretenden Leiterin des Referats Kinder- und Jugendfilm bei der Hauptverwaltung Film des Kulturministeriums auf. Dort arbeitet sie eng mit Dr. Benaja Kuckuck zusammen, einem Anglisten und Germanisten, der einen recht sicheren Posten als Dozent an einer englischen Universität aufgegeben hatte, um nach Deutschland zurückzukehren, nur um dort feststellen zu müssen, dass seine frühere Mitgliedschaft im britischen Sektor der deutschen KP ihm alle Wege in eine akademische Laufbahn verbaut. Eng befreundet sind sowohl Yvonne als auch Kuckuck mit Rita Emser und ihrem Mann Prof. Dr. Karsten Emser. Sie ist stellvertretende Bürgermeisterin im Osten Berlins, er Professor an der Hochschule für Ökonomie und vor allem Mitglied im Zentralkomitee der Staatspartei. Auch er wurde, wie Johannes Goretzka, von der sowjetischen Führung bereits in den letzten Kriegstagen gen Deutschland geschickt, um dort sofort nach Kriegsende den Aufbau sozialistischer Strukturen im sowjetischen Sektor des besetzten Landes zu beginnen.

Um diese Figuren herum und anhand ihrer Lebenswege und Schicksale – zudem derer der Kinder Kathinka und Heinrich Goretzka – entwirft Hein ein weites Panorama vor allem der frühen Jahre der DDR. Ähnlich wie in einigen der Romane von Eugen Ruge, sind es hier vor allem Funktionsträger des Staates, deren Leben beschrieben werden, weniger Oppositionelle, obwohl auch die vorkommen und deren Schicksale durchaus auch eine Rolle spielen, wenn auch keine zentrale. Doch ist die auch hier gebotene Sichtweise auf die DDR bei Hein seit geraumer Zeit Programm. Schon seine letzten Bücher – qualitativ leider nicht durchgängig auf seinem gewohnt hohen Niveau – erzählten aus einem Land, welches bei aller Unterschiedlichkeit zur Bundesrepublik eben auch eine bürgerliche (manchmal deutlich kleinbürgerliche) Seite hatte, in dem es ein alltägliches Leben gab, das gelebt wurde, ohne dass ununterbrochen die Stasi vor der Tür stand oder staatliche Repressalien zu erwarten waren. Es sind diese oft so „normal“ anmutenden Leben, die Hein in den Mittelpunkt seines Schreibens stellt, die den Leser*innen ein authentisches, ein realistisches Bild jenes Lands vermittelt, das so unwiederbringlich verschwunden (gern wird von „untergegangen“ gesprochen) scheint.

Vielleicht ist dies einer der wenigen wirklich gültigen Kritikpunkte an diesem Roman, der vor allem noch einmal die frühen Jahre und Ereignisse in der DDR reflektierend in Erinnerung ruft: Für die Protagonisten läuft es zumeist erstaunlich glatt im Leben, sie erleben recht ungebrochen einen beruflichen Aufstieg, geraten selten bis nie in Konflikt mit der Staatsmacht, die Kinder machen reibungslos Abitur und bekommen die gewünschten Studienplätze; auch später im Leben erleben Heinrich und Kathinka verhältnismäßig wenig Widerstände, obwohl sich zumindest Kathinka und ihr Mann – die beiden leben in Leipzig – in den 80er Jahren in der kirchlich organisierten Friedensbewegung engagieren und schon früh zu den Protestierenden des Jahres 1989 gehören. Allein bei Johannes Goretzka gibt es die bereits erwähnten Probleme, weil er sich in einem entscheidenden Moment vorwagt und Kritik an Entscheidungen der Partei übt. Er büßt diese „Verfehlung“ damit, lebenslang unter seinen eigentlichen Fähigkeiten und Befähigungen eingesetzt zu werden, was zu einer fortschreitenden Verbitterung führt. Karsten Emser seinerseits wird von düsteren Erinnerungen umgetrieben, war er doch derjenige, der in den späten 30er Jahren, als viele der später am Aufbau der DDR Beteiligten in Moskau waren[2], organisatorisch die unterschiedlichen KP-Kader aus allen europäischen Ländern zusammenhielt. Und wie so viele, die diese schlimmen Jahre der stalinistischen Säuberungen und der Schauprozesse überstanden haben, hat sich auch Emser zumindest dadurch schuldig gemacht, dass er weggesehen, dass er geschwiegen hat.

Hein nutzt diese Figuren in gewisser Weise funktional, kann er doch – gerade die Figuren Kuckuck, Goretzka und Emser – anhand ihrer exemplarischen Lebenswege einige wesentliche Merkmale sozialistisch geprägter Leben herausstreichen. Und indem er Karsten Emser ein solch hohes Amt im Staatsapparat bekleiden lässt, kann er durch ihn die historisch bedeutsamen Ereignisse gleichsam von Innen reflektieren. Vor allem der 17. Juni 1953, der damals im Westen als Tag der deutschen Einheit verklärte Volksaufstand wegen zu hoher Arbeitsnormen und ständig steigender Kosten des alltäglichen Lebens und die aus den Ereignissen dieses Tages resultierende Reaktion der Führung – Konsumförderung anstatt, wie Emser es fordert, weiterhin gezielter Aufbau einer funktionierenden Wirtschaft, auch auf die Gefahr hin, die Bevölkerung nachhaltig zu verärgern – wird im Roman tiefgehend und zwar kritisch, aber doch eben auch aus Sicht eines Parteikaders und damit für heutige Zeiten eher ungewöhnlich reflektiert.

Hein flicht einige der wesentlichen Ereignisse der 50er und 60er Jahre ein, darunter der Aufstand in Ungarn und wie er in der DDR wahrgenommen wurde und ebenso, mit höherem Grad an Verzweiflung, der „Prager Frühling“ 1968, der ebenfalls brutal und blutig von sowjetischen Panzern niedergeschlagen wurde. Und auch die Ereignisse in Peking im Frühjahr 1989, als die chinesische Führung es sich nicht nehmen ließ, mit äußerster Brutalität gegen die Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens vorzugehen und wahrscheinlich Tausende zu töten, werden – vor allem in ihrer Wirkung auf die Protestierenden in Leipzig, später Berlin im Sommer und Herbst 1989, und die Anmerkung aus dem Zentralrat, dass es für die sich zusehends verstärkenden Proteste eine „chinesische Lösung“ geben könne – von den Protagonisten des Romans thematisiert. Hein zeigt also, dass es sehr wohl, heute fast vergessen, Reaktionen in der DDR auf das gab, was in sozialistischen Bruderländern und in anderen, kommunistisch verfassten Staaten, geschah, wie stark diese Eindrücke waren und wie sehr sie auch das Verhalten der Deutschen beeinflussten, ja prägten.

Erstaunlicher ist da eher, was Hein weglässt, bestenfalls am Rande erwähnt. Und damit gelangt man an die innere, die literarische Konstruktion des Romans. Es gelingt dem Autor hervorragend, Weltgeschichte in persönlichen Schicksalen zu spiegeln, dabei seine Figuren aber eben nicht, wie es vergleichbarer Literatur leider allzu oft passiert, zu reiner Staffage, zu Pappkameraden zu degradieren, sondern sie lebendig, authentisch zu gestalten, sie wie aus dem Leben gegriffen wirken zu lassen. Es sind ausgesprochen genau entworfene, komplexe literarische Figuren, deren emotionale Beteiligung, deren Wünsche, Träume und Ängste man nachvollziehen kann, obwohl Hein sich einer in vielen, vielen Romanen erprobten, verfeinerten und geschliffenen, manchmal rudimentär erscheinenden Sprache bedient, einer Sprache, die auf das Wesentliche reduziert ist. So kann er trotz des immensen Umfangs dessen, was es zu erzählen gilt – 40 Jahre DDR-Geschichte werden hier schließlich verhandelt; zudem wird die Vorgeschichte einiger Protagonisten, namentlich die von Yvonne und Johannes Goretzka, die von Benaja Kuckuck und die von Karsten Emser erzählt, und auch wird davon berichtet, was einigen dieser Personen nach dem Fall der Mauer widerfährt – ein geschlossenes, in sich kohärentes Panorama entwerfen und episch, aber sehr lebendig aus diesen vier Jahrzehnten erzählen.

Die ersten zwei Jahrzehnte der DDR werden dabei sehr genau reflektiert, doch spätestens wenn die Erzählung in die 70er Jahre eintritt – wobei der Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker in seiner Dramatik noch einmal breiten Raum einnimmt und den anderen Figuren durch Emser, der vieles noch hautnah miterlebt oder aber erster Hand durch einen Freund mit Nachnamen Fuchs, ein hohes Tier bei der Auslandsspionage und unschwer als Markus Wolf zu erkennen, sehr zeitnah erklärt wird – macht Hein oft große Zeitsprünge. Die unterschiedlichen Phasen der An- und Entspannung in der Sozial- und Kulturpolitik der DDR werden eher angerissen, als dass sie erklärt würden oder für die Protagonisten – selbst jene, die unmittelbar betroffen hätten sein müssen – gar spürbare Folgen hätten; das Kölner Konzert von Wolf Biermann (der selbst in einer Szene des Romans vorkommt, ungenannt aber dennoch klar erkennbar,) wird nicht einmal erwähnt, obwohl es auf die Kulturszene und damit indirekt auch auf die Politik der Staatsführung enormen Einfluss hatte. Da Benaja Kuckuck ebenso wie Yvonne Goretzka im Kulturbetrieb arbeitet, bzw. arbeitete, ist doch zumindest er zu diesem Zeitpunkt im Herbst 1976 bereits pensioniert, müsste auch dieses Ereignis beide unmittelbar betreffen.

Auslassungen, Weglassungen. Auf den letzten 200 Seiten dieses voluminösen Romans entsteht der Eindruck, es sei Hein doch vor allem um die Gründung und die Konsolidierung der DDR gegangen, weniger um die späteren Entwicklungen. Erst mit dem aufkommenden Widerstand vor allem in den Kirchen Mitte der 80er Jahre und den Massenprotesten im Sommer und vor allem im Herbst 1989 setzt wieder eine Engführung der Handlung ein. Relativ ausführlich wird dann von den Vorkommnissen des Jahres 1989 berichtet. Wobei Hein es sich nicht nehmen lässt, anhand der zunehmenden Demenz von Kuckuck und der Sorge seines Lebensgefährten aufzuzeigen, wie sogar Weltgeschichte in Anbetracht persönlicher Schicksalsschläge in den Hintergrund treten kann, manchmal nicht einmal wahrgenommen wird.

Nicht zuletzt damit gelingt dem Autor der eindrücklich Nachweis, dass die DDR eben auch ein „ganz normales Land“ gewesen ist, in dem „ganz normale Menschen“ lebten, die „ganz normale Sorgen und Ängste“ hatten. Es ist diese „Normalisierung“, die die DDR spür- und erlebbar macht und es ist vor allem interessant, zu erfahren, wie Menschen auf Heins Roman reagieren, die die DDR wirklich kannten, die wirklich dort gelebt, wirklich dort gearbeitet, dort geliebt und auch sich gesorgt haben. Dass Deutschland noch längst nicht fertig ist mit seiner geteilten Geschichte, dass nach wie vor aufgearbeitet werden muss und dass sich – auch über dreißig Jahre nach der sogenannten Wiedervereinigung – unterschiedliche Mentalitäten, Muster und Systematiken ausgebildet haben und weiter ausbilden, dass die Teilung noch längst nicht überwunden ist (und damit sind jetzt wirklich nicht die Wahlergebnisse der AfD gemeint), spürt, wer bereit ist, sich dieser Geschichte und der Realität in diesem Land auszusetzen und sich damit auseinander zu setzen. Geschichte wirkt und ist nicht abgeschlossen. Christoph Hein weiß das und so sind seine Aussagen im SPIEGEL vielleicht auch Ausdruck einer gewissen Verzweiflung oder gar Resignation am Ende eines langen, künstlerisch produktiven Lebens, die Aussagen eines Menschen, der sich in seinem Werk immer mit diesem Land und seiner Geschichte auseinandergesetzt hat. Ein Künstler, der vielleicht spürt, dass all die Bemühungen, die er und andere in den vergangenen dreißig (und mehr) Jahren angestellt haben, um von jenem Land und dem Leben, wie es dort gewesen ist, zu berichten, nicht derart gefruchtet haben, wie er sich das gewünscht hätte. Ein Künstler, der vielleicht spürt, dass da etwas Neues erwächst, etwas, das sich auf ein Land beruft, dass es so eben nicht gegeben hat, auf einen im Bestehen begriffenen Mythos rekurriert, der von falschen Predigern (die meist aus dem Westen kamen) und jenen befeuert wird, die die Vergangenheit – vielleicht aus eigener Resignation, vielleicht aus Hass, aus einem Gefühl des Unverstanden-Seins oder ganz einfach aus Langeweile – verklären und als einen Ort verherrlichen, an dem zu leben sich gelohnt habe.

Die DDR, diesen ganzen Staat, als ein gescheitertes Projekt zu betrachten, ihn gar als das dem Roman seinen Titel gebende „Narrenschiff“ zu bezeichnen, ist dann möglicherweise ebenfalls Ausdruck einer solchen Resignation, denn eins wird in Heins Roman noch einmal deutlich: Es gab Menschen, die berechtigte Hoffnungen in diesen Staat gesetzt hatten, nachdem immer deutlicher wurde, was Deutschland zuvor in gerade einmal zwölf Jahren Nazi-Diktatur verbrochen hatte. Vielleicht sollte man sich noch einmal Christa Wolfs DER GETEILTE HIMMEL oder Brigitte Reimanns FRANZSIKA LINKERHAND zu Gemüte führen. Dort kann man nachempfinden, dass es jene gab, die an dieses „Projekt DDR“ geglaubt haben, die überzeugt waren, dass es funktionieren könnte, dieses Neue Deutschland, das auf seine Art eben „besser“ sein sollte als all das, was Deutschland in seiner Geschichte zuvor gewesen ist. Besser auch als der westdeutsche Staat, der in so vielem so bigott erschien. Dass auch dieser Versuch eines neuen und besseren Deutschlands an inneren Widersprüchen gescheitert ist – darin liegt die Tragik dieses Landes. Dass aber der eine deutsche Staat schließlich final gescheitert ist, während der andere, mit massiver Hilfe und Unterstützung seiner ehemaligen Feinde, prosperierte, das mag eine Menge Gründe haben. Ob sie historisch überzeugend sind, sei dahingestellt.


[1] Vgl. SPIEGEL 15/2025.

[2] Walter Ulbricht war in Moskau, Erich Mielke eine Zeit lang, Erich Honecker wurde zwar u.a. in Moskau geschult, war aber während der Nazi-Diktatur und auch während des Kriegs im Auftrag der Partei in Deutschland unterwegs, wo er auch im Gestapo-Gefängnis saß. Es wird ungern daran erinnert, dass all diese Leute – und viele, viele mehr, über die gern hinweggesehen wird – tatsächlich gegen die Nazi-Diktatur gekämpft haben, oft unter Einsatz ihres Lebens (was auch für den viel gehassten Erich Mielke gilt). Dass viele dieser Männer und Frauen später oft extrem kleinbürgerliche, ja regelrecht spießige Eigenschaften und Ansichten entwickelten, bzw. bereits vorhandene immer stärker ausprägten, gehört zur Wahrheit und kann auch als ein tragisches Element der Geschichte betrachtet werden.
11 reviews4 followers
July 31, 2025
Ich wusste schon vor dem Lesen, dass mir dieses Buch gefallen wird. Die Geschichte der DDR erzählt in Romanform, aus dem Blickwinkel verschiedener Protagonist:innen. Ein Pageturner, wie ich lange keinen Wälzer verschlungen habe. Die nüchterne Sprache ist packend und die Geschwindigkeit, mit der erzählt wird, vermittelt, dass das Leben voranschreitet. Als Leserin wächst in einem gemeinsam mit den erzählenden Personen die Skepsis gegenüber dem Staat. Besonders aber die Sorgfalt und Vielschichtigkeit, mit der die Ereignisse und fiktiven Biographien geschildert werden, machen dieses Buch so wahnsinnig informativ und lesenswert.
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126 reviews
October 20, 2025
Es sind dreieinhalb Sterne das Buch war einfach zu lang. Man hatte das Gefühl, dass es einfach nie endet, obwohl die einzelnen Personen und deren Leben interessant und auch gut beschrieben waren. Gerade diese Generation hat unglaublich viel erlebt und es macht schon auch Sinn dies von Anfang bis Ende zu begleiten. Aber vielleicht wären zwei oder drei Bände auch ne Möglichkeit gewesen.
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206 reviews
April 2, 2025
I have all the respect for the real life story of Hein and people around him, some of them even family. It´s a very interesting book, I learnt a lot, as a west german person living in the east now this is super valuable. Still I felt the novel balances along history and the characters don´t come too life but are conducted besides the political events. Sometimes I felt like in a Ken Follett novel, which is a compliment, or not? I waited for Jonathan to appear again, but thankfully it is not happening. Still it shows what kind of literature I felt I was reading.
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69 reviews
June 1, 2025
Interessante Geschichte der DDR erzählt an den Lebens- und Leidenswegen mehrerer Menschen. Einblicke in den Alltag, den ich so bisher selten wahrgenommen hatte.
Leider fehlt es dem Autor etwas an Formulierkraft um die Figuren zum Leben zu erwecken. Viel zu oft „hatte man“ etwas zu tun, viel zu wenig werden innere Konflikte ausformuliert.
Das Ende des Romans ist die Auflösung der DDR nach dem Mauerfall. Danach räumt Hein noch gründlich bei seinen Figuren auf. Das wirkt sehr bemüht: der Staat ist am Ende , das Buch zu Ende und die Protagonisten sterben.
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600 reviews125 followers
September 30, 2025
Ich würde es verstehen, wenn weniger kundige Leser/innen dem Buch eine Höchstwertung und die Leseempfehlung verweigern, denn das, was Hein hier vorgelegt hat, könnte man eher einen "dokumentarischen Roman" nennen, denn ein wirklich fiktionales Werk. Wer das Erzählerische, das Brillante, das vor Ideen Überströmende erwartet, wird enttäuscht werden. Das Buch ist, was es ist: Eine Bilanz, in der sich der Autor noch einmal seiner Zeit und seines (gewesenen) Landes versichert und einordnet, wie er es empfunden hat. Dennoch ist es lesenswert, denn diese Bilanz ist einfühlsam, unpathetisch und ehrlich- den Verdiensten wie den Fehlern der alten Genossen gegenüber. Wer, wenigstens eine Zeit lang, dabei war, leidet noch einmal mit, fragt sich, warum es nicht anders hätte sein oder kommen können, und muss dann Heins Diagnose zustimmen: Im Guten wie im Schlechten war dieser ostdeutsche Staat ein Produkt des Faschismus, den er als Antipoden (und damit an ihn gebunden), nie wirklich los wurde. Aber Antifaschismus allein, so aktuell das heute auch sein mag, ist keine Alternative, ist kein Gesellschaftsentwurf. So verwundert es nicht, dass die im Kampf hart und zynisch Gewordenen bei dem blieben, was sie kannten: Der Machterhalt stand über allem.

Ein dokumentarischer Roman also, der versucht, das Atmosphärische der Aufbau- Jahre (die zugleich Jahre des Stalinismus waren) und dann das der folgenden Entwicklungen zu erfassen. Nicht mehr und nicht weniger. Wer also versucht, hinter den Figuren des Buches "reale Personen" zu identifizieren, wird enttäuscht werden. Naja, "Marcus Fuchs" ist unschwer als Markus Wolf erkennbar und die anderen (Ulbricht, Honecker usw.) tauchen sowieso mit Klarnamen auf. Aber das war es auch schon. An wen auch immer Hein bei Goretzka, Emser oder Kuckuck gedacht haben mag, die realen Biografien von Kuczynski oder Lukacs - welch groteske Ideen der Rezensenten (!) - geben keine Analogien her. Und wozu auch? Der Autor "illustriert" hier Geschichte, indem er sie an seinen Romanfiguren exemplifiziert. Die sind keine psychologisch durchgearbeiteten Charaktere, sondern (wie im "Realismus" à la Lukacs) eher "Typen", die jeweils für bestimmte Denk- und Handlungsweisen stehen. Trotzdem ist Hein natürlich zuallererst ein künstlerisch ernst zu nehmender Autor, weswegen ihm die Begründungen für heute unverständliche Handlungsweisen einsichtig, d.h. auch psychologisch nachvollziehbar gelingen. Die wenigsten Personen sind Identifikationsfiguren, aber - anders als in anderen gefeierten Wende- oder "DDR- Romanen" - wird hier niemand denunziert. Selbst Goretzka ist jemand, den man verstehen kann, wenn man sich auch kaum mit ihm wird identifizieren wollen.

Und das ist das große Verdienst dieses Buches: Es zeichnet ein unbeschönigtes Bild der DDR, das aber auch die Ansprüche und Hoffnungen, die Illusionen so wenig verschweigt wie das Ungenügen der handelnden Personen, ihren Idealen gerecht zu werden. Ja, sie waren ungebildet und ohne Rückgrat, aber doch haben sie an das geglaubt, was sie taten, und sie wollten Gutes. Das allein unterscheidet sie von den Faschisten, mit denen sie bis zu einem gewissen Grade die Wahl der Mittel, aber niemals die Menschenverachtung teilten. Hein hat einen (den?) großen Abgesang auf die DDR geschrieben, indem er nicht ein Einzelschicksal in den Mittelpunkt der Erzählung stellte, sondern ein ganzes Land anhand einiger seiner Protagonisten verständlich macht. Das sollte man lesen, auch wenn das Lektüreergebnis je nach Einstellung unterschiedlich sein wird, was kein Beinbruch ist. Mir hat die Lektüre wieder einmal die eigenen Illusionen vorgeführt, die mich einst als jungen Mann dazu gebracht hatten, diesem Land verbunden und dabei ein zwar kritischer, im Ganzen aber treuer Begleiter zu sein. Das generiert sicher einen anderen Leseeindruck, als ihn jemand hat, der das Ganze aus westlicher Perspektive betrachtet und sich nun bestätigt fühlt. Daraus konnte also nichts werden! Nein, daraus konnte aus vielen Gründen in der Tat nichts werden. Und dennoch stehen die Ideale eines Karsten Emser da als Anspruch auf eine notwendige gesellschaftliche Alternative- vor allem zu dem, was am Schluss angedeutet wird. Wenn die Deutschen schon mal eine Revolution hinbekommen, verraten sie die im selben Augenblick und sie wird den Machern weggenommen. Die DDR hat Eigentümer (berechtigt wie unberechtigt) "nur" enteignet, sozusagen privat geschädigt. Was aber im Anschluss an 1989 passiert ist, die Enteignung einer Revolution durch diejenigen, denen sie die Tore geöffnet hat und denen ihre Resultate in den Schoß fielen, hat einen ganzen Volksteil und - wer weiß - vielleicht sogar unser ganzes Volk nachhaltig geschädigt. Jedenfalls ist seither vom Tisch, was an der DDR am wertvollsten war: Der Versuch einer antikapitalistischen "Alternative" (die ja auch die eines Bahro oder Havemann hätte sein können). Schade drum. Das Bedauern bleibt (mir) nach Beendigung der Lektüre. Ich wünschte, dass möglichst viele Leser/innen mir darin folgen könnten. Lest das Buch und bildet euch eine (von der vorgefassten womöglich abweichende) Meinung. Dann hätte der Autor sein Ziel erreicht. Künstlerisch vielleicht nicht sein überzeugendstes, ist "Das Narrenschiff" dennoch Heins am Ende vielleicht wichtigstes Werk. (Obwohl, auf lange Sicht, "Der fremde Freund" vielleicht eher bleiben wird. Wer weiß das heute schon?)
4 reviews
November 8, 2025
Das Narrenschiff von Christoph Hein ist ein DDR-Epos, der durchaus zeithistorisch sehr interessant ist und viele Einblicke in das Leben innerhalb der DDR und die politische Entwicklung des Landes bietet. Als literarisches Werk lässt es leider sehr zu wünschen übrig. 750 Seiten muss man erstmal füllen können, und das vermag dieses Buch nicht. Beschreibungen wiederholen sich oft mehrmals im Buch, als hätte der Autor selbst vergessen, sie schon geschrieben zu haben. An einer Passage werden die Arbeitskolleg:innen der jungen Kathinka sogar in zwei Absätzen hintereinander mit den selben Worten charakterisiert.

Vergleichen wir dieses Buch mit einem ähnlichen Familienepos über drei Generationen eines literarischen Meisters wie Thomas Manns „Buddenbrooks”, so treten die offensichtlichen literarischen Fähigkeiten schmerzlich zu Tage. Auch in den „Buddenbrooks” gibt es Charaktere, die Anglizismen oder Gallizismen verwenden. Wenn jedoch der Professor Benaja Kuckuck bei Hein Anglizismen verwendet, so beschreibt Hein anschließend als Charakterisierung von Kuckuck noch einmal, dass Kuckuck ständig Anglizismen verwendet. Diese Charakterisierung habe ich insgesamt mindestens fünf Mal (!) gelesen und sie wäre kein einziges Mal nötig gewesen. Charaktere wie Karsten Emser existieren gefühlt nur, um zeitgeschichtliche Einblicke in die internen Entscheidungen des Zentralkomitees zu liefern, doch dieser Taschenspielertrick funktioniert nicht. Immer wieder kommt es zu Abendessen der Protagonist:innen, die alle nach demselben Schema ablaufen. Kuckuck äußert sich sarkastisch und zynisch über die DDR, Johannes Goretzka gefällt das nicht, Karsten Emser duldet es und erzählt anschließend die Interna aus dem Präsidium, die alle Anwesenden interessieren. Die tatsächliche Handlung, das Dinner und was zwischen den Protagonist:innen darin passiert, ist dabei völlig irrelevant - Sie haben sie gerade in einem Satz gelesen. Hein hat kein Interesse an zwischenmenschlichen Momenten im sozialen Kontext, Wandlungen, Sehnsüchten, Eifersucht, Peinlichkeiten. So wundert es nicht, dass diese beschriebene Situation mehrmals so auftaucht und meine Ein-Satz Synopsis auf jede der Szenen zutreffend wäre, ohne (versprochen!), dass ich eine zwischenmenschliche Wandlung zwischen einem der Charaktere ausgelassen habe. Mann, im Gegensatz dazu, weiß, jedes Frühstück seiner Protagonist:innen zu nutzen, um uns Facetten von ihnen zu erzählen, um mögliche Konflikte auszutarieren oder für kommende Seiten vorzubereiten. Mann erzählt Zeitgeschichte en Passant, während er eine Geschichte über Menschen schreibt – Hein schreibt ein Buch über Zeitgeschichte, während er en Passant diese von Menschen vortragen lässt. Wozu hat sich Christoph Hein entschieden, hier einen Roman daraus zu machen? Wieso ist er nicht einfach bei einem Sachbuch geblieben?

Der Charakter des Johannes Goretzka beginnt sehr spannend und vielversprechend: Ein einst überzeugter Nazi, wechselt ad hoc seine Überzeugungen und wird ein angesehener Minister und Stalinist, bis er bei einem Fehler gemaßregelt wird und aus dem System geworfen wird. Doch dann verbittert er, zieht sich aus dem Leben zurück, so der Schriftsteller, und gibt nur noch Gemeinheiten und schroffe Dinge von sich. Mehr vermag der Autor mit diesem Charakter nicht. So etwas wäre einem Mann niemals passiert, selbst seinen Antagonisten muss man zumindest Interesse entgegen zeigen. Zumindest nochmal Momente zeigen, die sie berühren, die sie ändern könnten, oder, wenn man jemanden in der totalen Verbitterung erzählen möchte, dann darf diese Person nicht so eine zentrale Rolle in dem Roman bleiben. Stöhnend musste ich mich hier durch seitenlange Buchpassagen über das Leben von Johannes Goretzka durcharbeiten, an dem der Autor scheinbar selber nach Seite 200 jegliches Interesse verloren hat. Habe ich schon erwähnt, dass Kuckuck gerne Anglizismen verwendet, wenn er spricht?

Für DDR Interessierte mit viel zu viel Zeit und guten Nerven eine Empfehlung, für Literaturliebhaber nicht.
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Profile Image for Anna-Mareike Werner.
33 reviews2 followers
May 1, 2025
Ich habe seit "Der fremde Freund" sämtliche Bücher von Christoph Hein gelesen, nur die Theaterstücke fehlen auf meiner Liste. Dieses Buch - ein Roman ist es nicht - ist das schlechteste.
Während Hein mit seinen Veröffentlichungen vor 1989 wirklich progressiv und erzähltechnisch und sprachlich überzeugend war, hat der besonders in den letzten Jahren erhöhte Output die Qualität immer stärker in Mitleidenschaft gezogen. Die oft bemühte Bezeichnung als Chronist überdeckt inzwischen aber nicht mehr die kaum noch ausgeformte, oft schon belanglose Sprache, der es nicht gelingt, Figuren und Ereignisse so zu gestalten, dass sie Bedeutung über das Gesagte hinaus erhalten oder doch zumindest versprechen.
Die Figuren des "Narrenschiffs" sollen kein Identifikationspotenzial bieten, aber sie werden nicht einmal als vollwertige Figur ausgestaltet. Am ehesten will man Kathinka folgen, aber auch die verliert mit jeder Seite an Tiefenschärfe und wird am Ende so belanglos wie alle anderen. Der Rahmen, der mit ihr geschaffen wird, ist bezeichnend: Als Erstklässlerin sitzt sie bei einer Veranstaltung neben dem Präsidenten der neugegründeten Republik, die Postkarte, die dieses Ereignis dokumentiert, zerreißt sie auf der letzten Seite in kleine Schnipsel - und verschwindet damit im Orkus der Bedeutunglosigkeit.
Sprachlich und erzähltechnisch ist das Buch eine Katastrophe, und wenn der Verlag es als "fulminanten Gesellschaftsroman" bewirbt, dann nur, um die Fehlleistungen des Hausautors und seines Lektors (so es einen gab) zu verdecken. Wortwiederholungen im selben Satz ("... die Generalprobe fand bereits zwei Tage vorher statt, am Achtzehnten, um den Laiendarstellern die Möglichkeit zu geben, danach noch einmal ihre Rollen durchzugehen und aufzufrischen sowie die Probennotate durchzugehen." - S. 435), hölzerne Dialoge (jede Seite), sogar zwei aufeinanderfolgende Absätze, die ähnlichen Inhalts sind, aber sich gleichzeitig auch widersprechen ("Über den Staat und die Politik verlor man kein Wort, die Politik war bei ihnen kein Thema"/"und es war unüberhörbar, dass sie alle dem Staat gegenüber überaus kritisch eingestellt waren" - S. 482) - anscheinend durch das Lektorat übersehen.
Und schließlich das Thema: Ein historischer Abriss der Geschichte der DDR und ihrer Funktionäre; auf jeden Fall eine interessante Perspektive, die aber in der Mitteilung von Rechercheergebnissen versandet, ohne sie zu erzählen und (trotz des Anspruchs des Autors, "nur" Chronist zu sein) sie dadurch lebendig werden zu lassen. Ich bin nicht "sattelfest", wenn es um Parteitagsbeschlüsse und Daten geht, und ganz sicher habe ich nicht alle überprüft, aber die, die mir nahelagen, dann eben doch. Und wenn da eine schnelle Wikipedia-Recherche (und meine Erinnerung) das Gegenteil des Erzählten zutage fördert, wird es schwierig, den ganzen Text ernstzunehmen: Die Leipziger Montagsdemonstration am 13.11.89 wurde nicht abgsagt, sondern zog trotz Maueröffnung Hunderttausende auf die Straße (S. 728), die Arbeitslosenzahlen betrugen im Mai 1990 95.000, nicht eine Million (S. 729) und Teleshopping gab es 1990 in geringem Maße durchaus, aber nur tagsüber, sodass Yvonne, die nachts "stundenlang" Verkaufssender sieht, offenbar in die Zukunft katapultiert worden ist (S. 743).
Immer wieder entstehen Unstimmigkeiten in der timeline, so wird laut beigefügtem Lesezeichen Kathinka im Juli 1944 geboren, noch vor dem Dezember 1945 lässt ihre Mutter sie für eine halbe Stunde allein auf einem Spielplatz sitzen, wo dem Kind ein neuer Wintermantel gestohlen wird. Der Vater, ein Jude, lernt sein Baby noch kennen, müsste also erst nach dem Juli 1944 geflohen sein, andererseits erfahren wir, dass er 3 Jahre nach Kriegsbeginn, also Ende 42/Anfang 43, sich über die Schweizer Grenze versucht abzusetzen. (S. 20ff.) - Priskas Abitur wird ungenau datiert: Sie nimmt am 9.10.89 an der Demo teil, "trotz der Drohungen der Schulbehörde" (S. 693), müsste also 1990 Abitur machen, vorher allerdings wird berichtet, dass sie "im gleichen Jahr die Schule abschließen" (S. 686) konnte, in dem ihr Bruder Jonathan 1988 (oder spätestens 89, so ganz klar ist das nicht) einen Medizinstudienplatz erhielt.
All das macht aus einer spannenden Idee einen Text, der nicht einlöst, was er verspricht und hätte sein können.
Profile Image for WildesKopfkino .
793 reviews6 followers
August 11, 2025
Schon nach den ersten Seiten von Das Narrenschiff hatte ich das Gefühl, mitten auf hoher See zu treiben – und zwar nicht auf einer Luxusjacht, sondern auf einem ziemlich schaukeligen Kahn voller Charaktere, die allesamt ihre ganz eigenen Macken und Geheimnisse mitbringen. Christoph Hein versteht es meisterhaft, Figuren so lebendig zu zeichnen, dass man meint, sie würden gleich im Wohnzimmer Platz nehmen und von ihren Irrwegen im realsozialistischen Alltag berichten. Mal bissig, mal melancholisch, mal so schräg, dass man grinsen muss – und doch steckt hinter allem eine ernste, tiefgründige Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR.

Die Mischung aus überzeugten Idealisten, ehemaligen Nazis, stillen Mitläufern und gescheiten Querköpfen ist wie eine Crew, die keiner freiwillig zusammengestellt hätte, die aber trotzdem in einem Boot sitzt. Dabei treibt dieses Boot nicht etwa gemächlich vor sich hin, sondern steuert zielstrebig auf Klippen zu – und man weiß genau, dass der Crash kommen wird. Hein schafft es, diese unausweichliche Tragik mit einer gewissen Leichtigkeit zu erzählen, ohne ins Lächerliche abzurutschen.

Was mich besonders gepackt hat, ist die Art, wie große historische Entwicklungen hier nicht aus der Sicht der Geschichtsbücher, sondern aus den Augen ganz normaler Menschen erzählt werden. Da sind Schuhverkäufer, Hausmeister oder ein Stasi-Mann, die alle versuchen, irgendwie auf Kurs zu bleiben, während der Sturm tobt. Jede Figur bringt ihre eigene Wahrheit mit, und zusammen ergeben sie ein Panorama, das gleichermaßen komisch wie bitter ist.

Stilistisch ist das Ganze wie eine gelungene Mischung aus Theaterstück, Geschichtsunterricht und Kneipengespräch – man weiß nie genau, ob man gerade lachen oder den Kopf schütteln soll. Am Ende bleibt ein scharf gezeichnetes Bild einer Gesellschaft, die an ihren eigenen Idealen scheitert und deren Mitglieder trotzdem weitermachen, als wäre alles nur ein kleiner Ausrutscher.
1 review
Read
May 5, 2025
Overall a good read, but I was surprised some things were barely mentioned or were omitted entirely. Vacations of the protagonists are mentioned just once, even though vacations were commonly arranged by one’s workplace, and vacations are incredibly important to most Germans. Most of the households appear to have telephones, which was a rarity for the average GDR resident until after 1990 (likely due to the protagonists all being part of the GDR elite or quasi-elite). The availability of hard-currency Intershops is barely mentioned as a shopping option. The long wait for a personal car is hinted at, but the delivery date after 6 or more years of waiting would likely have been a major life event, perhaps equivalent to a wedding, and would likely also have been the date the order for the next car would have been placed with payment in full probably required. Also, GDR residents generally could travel to the West freely after reaching age 65–constrained only by limited hard currency (and thus largely dependent on the largesse of relatives). In short, the novel would have been better if it had chronicled the life of at least a handful of working class people (example: a friend of x, who worked in a government shop, told x to stop by after work because she had something for her—a scarce good that was being withheld from general sale—and the recipient would just go and get it without knowing what it was in advance). Or, the time a relative from the West was invited to a cafe for coffee and cake, only to find that the establishment, while fully staffed, had absolutely nothing available for sale to customers. Finally, the situation of a bucket next to the toilet for manual flushing when the flushing mechanism had ceased to work, and no tradesman was available to make the repair.
Profile Image for Nils Van Nieuwenhuyse.
46 reviews2 followers
May 31, 2025
Hein hat mit diesem Buch eine tolle Geschichte zu den 40 Jahren der DDR geschrieben. Die wichtigen historischen Ereignisse sind stark in den persönlichen Geschichten der Figuren eingebettet, und das erlaubt es dem Leser, sich mit ihnen verbunden zu fühlen. Dank dieser persönlichen Geschichten bekommen wir auch eine bessere Sicht auf das, was die Deutsche Demokratische Republik für einen Teil der Einwohner (die meisten Figuren gehören zu den höheren Schichten des Staates, und können sich deshalb auch mit den politischen und ökonomischen Fragen auseinandersetzen) tatsächlich gewesen ist.

Es ist Hein ebenso gelungen, seine eigenen Gefühle und Ansichten über die DDR überzusetzen, denn auch ich selbst fühlte die enorme Enttäuschung der Figuren, die gehofft hatten, einen besseren, demokratischen und sozialistischen Staat aufzubauen, aber am Ende sich nur in einem Narrenschiff befunden haben, vom Anfang bis zum Ende. Zuerst gab es die viel versprechende Gründung, Reformen nach dem Tod Stalins, der Prager Frühling usw., aber Hoffnungen für eine bessere DDR haben sich am Ende als sehr Naiv erzeigt. Letztendlich konnte Hein auch schön das doppelte Gesicht der Wende kommunizieren, mit zuerst der Hoffnung wirklicher Reformen, die aber schon schnell katastrophal endete für viele Ostdeutschen, als Vieles von Allem, was sie in ihrem Leben im ostdeutschen Staat aufgebaut hatten, mit der Deutschen Demokratischen Republik verloren ging und von den 'Wessis' übernommen wurde.
Profile Image for Michael Milde.
75 reviews3 followers
June 2, 2025
Als Chronik der Geschichte der DDR sehr lesenswert, obwohl mir so gut wie alles bekannt war. Die Figuren bleiben aber schablonenhaft, die Dialoge steif. Literarisch gesehen ist das sehr bescheiden. Wer sich aber für die Geschichte Deutschlands bzw. des anderen Deutschlands interessiert, wird hier gut eingeführt.
Die wichtigsten Figuren:
Yvonne Goretzka: Eine junge Frau, die sich nach dem Krieg ein neues Leben in der DDR aufbauen möchte. Sie heiratet den Funktionär Johannes Goretzka. Dieser lehnt ihre Tochter aus einer früheren Ehe, Kathinka, ab. Yvonne wird in der Ehe nicht glücklich und erkennt zunehmend die Widersprüche des Systems.
Johannes Goretzka: Einst Wehrmachtssoldat, wird er in sowjetischer Kriegsgefangenschaft Kommunist. In der DDR möchte er Karriere machen, privat erscheint er als kalt und unnahbar.
Karsten und Rita Emser: Karsten, ein ehemaliger Exilkommunist, steigt in der DDR zum Funktionär
auf. Seine Frau Rita ist in der Jugendkulturpolitik aktiv und freundet sich mit Yvonne an. Beide bewegen sich geschickt im System, geraten aber in innere Konflikte.
Benaja Kuckuck: Ein jüdischer Intellektueller, der sich von West- nach Ostdeutschland begibt.
Als Filmreferatsleiter steht er zwischen künstlerischer Freiheit und staatlicher Kontrolle, während
er seine Homosexualität in einem repressiven Umfeld verbergen muss.
9 reviews
December 21, 2025
Dass eine als Roman abgefasste Geschichte der DDR nicht alle Facetten abdecken kann, ist logisch. Trotzdem konzentriert sich der Roman fast ausschließlich auf Parteifunktionäre in gehobenen oder höheren Positionen. Hein versucht sich an einer wertneutralen und differenzierten Darstellung der Charaktere, wobei ersteres aber leider nicht immer gelingt.

Weiterhin bleibt kein Raum für die Beschreibung des Alltagslebens in der DDR. Stattdessen wird sich auf wichtige, meist berufliche Stationen beschränkt. Natürlich muss ein Roman zu 40+ Jahren Geschichte Prioritäten setzen; trotzdem hätte ich mir zumindest punktuell mehr Einblicke in den “normalen” Alltag gewünscht. Der Fokus liegt - auch bedingt durch die Auswahl der Charaktere - stark auf der Anfangs- und Endzeit der DDR und beschreibt in einem für meinen Geschmack zu geringem Umfang die Zeit der (Ende) 60er bis (Mitte) 80er Jahre.

Große geschichtliche Meilensteine werden selektiv in den Roman eingebaut. Damit ist es aber kein “Lehrbuch” zur DDR Geschichte geworden. Über das Geschichtsverständnis von Hein lässt sich zumindest streiten (Stichwort: Ulbricht und die Ostgebiete); hier will ich mir kein Urteil anmaßen.

Ingesamt ist das Buch ein interessantes Format für die Abhandlung der DDR Geschichte, das allerdings Potential liegen lässt. Ein “Page-Turner” ist dieses Buch nicht.
255 reviews1 follower
December 28, 2025
The whole story of the GDR through the lives of a group of friends and colleagues and their families, with a focus on the years to 1970 and a rather swift treatment of the last twenty years before the state’s collapse. The protagonists are all middle class, often intellectually minded people. The optimism of some in the early years quickly gives way to disillusionment, even among the true believers, while others are pragmatic fellow travellers all along. The true decision makers are in the wings of this book, but the fatal consequences of their choices are clear to see as the talented are overlooked while those who are - or pretend to be - ideologically committed rise to positions of power well beyond their capabilities. The human dimensions are very apparent - these are characters whose motivations we can understand and reject or sympathise with. Here and there the narrative is overwhelmed with historical context and this is not the most literary novel in its style, with a little unnecessary repetition in places. But overall a masterpiece of a historical novel which represents the GDR in its complexity and, ultimately, its futility.
2 reviews
October 23, 2025
Das Buch hat seine Berechtigung als historischer Bericht und Zeitzeugenerzählung, allerdings ist es sowohl sprachlich als auch inhaltlich unglaublich redundant und vorhersehbar.
Aller Chraraktere und Beziehungen bleiben schwach und oberflächlich erzählt, wir erfahren nur selten und unzusammenhängend etwas über ihre Motive oder ihr Innenleben, dafür werden stellenweise immer dieselben Satzkonstruktionen und Informationen so oft wiederholt, dass ich beim Lesen oft wirklich genervt war und mich gefragt habe, ob dem Autor die Zeit seiner Leser*innen eigentlich gar nichts wert ist. Der Anfang des Buchs ist aus historischer und politischer Sicht noch relativ spannend, doch dann verliert sich der Roman in seinen unnötigen Längen. Eine richtige Handlung gibt es, abgesehen von den historischen Wendungen und ihren Auswirkungen auf die Romanfiguren, eigentlich nicht. Man merkt dem Roman das Alter seines Autors leider zu sehr an.
Profile Image for Kathi Kathi.
9 reviews
January 17, 2026
Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich hatte immer große Lust weiterzulesen! Es ist eine Geschichte durch die ganze Zeit der DDR, von der Gründung bis zum Mauerfall, erzählt anhand von der Geschichte verschiedener Funktionäre und ihrer Familien. Für mich waren neue Aspekte dabei und der Schreibstil hat mir gefallen.

Was ich nicht so gut fand, war zum Teil die Nachvollziehbarkeit der Zeitsprünge: manche Jahre werden über Kapitel beschrieben, sehr detailliert und Richtung Ende des Buches vergeht plötzlich ein Jahrzehnt innerhalb eines Kapitels. So ist es manchmal schwer sich zeitlich zu orientieren. An ein paar Stellen hatte ich den Eindruck dass sie inhaltlich nicht ganz stimmig sind, aber das hat nicht weiter gestört. Insgesamt jedenfalls eine Leseempfehlung, die die Geschichte der DDR behandelt, aus einer Blickrichtung, die ich so noch nicht kannte.
Profile Image for Jedermann.
66 reviews1 follower
December 18, 2025

Das Narrenschiff ist mit 750 Druckseiten ein sehr umfangreicher Roman.
Christoph Hein nutzt eine sachlich nüchterne Sprache wie sie Berichten eigen ist, um die Begebenheiten zwischen 1949 und 1990 zu schildern. Leser die in der DDR aufwuchsen sind mit den charakterlichen Ausprägungen und den Handlungen der Protagonisten sehr vertraut. Wer hatte sie damals nicht in der Familie oder dem beruflichen Umfeld zu ertragen, die engstirnigen Apparatschiks wie einen Johannes Goretzka; wer fühlte sich nicht hingezogen zu den Intellektuellen im Kulturbetrieb?
Die Aufbruchstimmung des ersten Jahrzehnts – Wir bauen den besseren Staat auf! – wird trotz nüchterner Sprache spürbar.
Ein – aus meiner Sicht – lesenswerter „Berichtsroman“: sachlich-dokumentarisch!


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