Ich erinnere, mich als Kind Coopers Lederstrumpf-Romane lesend in eine andere Welt weggeträumt zu haben. Mehr ist davon nicht in meiner Erinnerung. Der Bravo blieb mir damals völlig unbekannt und hätte mich wohl nicht begeistert, denn dieser Schauerroman ist für infantile Träumereien nicht geeignet. Andererseits gibt es nichts, was mich veranlassen könnte, die Jugendbekanntschaft mit diesem Autor aufzufrischen. Marcel Reich-Ranicki hat wiederholt darauf hingewiesen, daß manche Lektüre, die einst jugendlichen Überschwang begeisterte, später Enttäuschung bereitet. Auch die Erkenntnis, daß Romane gewöhnlich eine Verfallszeit haben und oft - in ihrer Zeit entzückt aufgenommen - schon nach einer oder zwei Generationen völlig vergessen sind, verdanken wir dem profunden Kritiker. Erneut hat er bei Antwort auf die Frage "Was halten Sie von Leonhard Frank?" - Ein Gefühlssozialist (In: faz.net v. 07. Juni 2011) darauf hingedeutet. Nur wenige Romane überleben diese Verfallszeit. Das mag man bei manchen bedauern - bei Coopers Bravo wird das Jeder, der sich einigermaßen mit der Geschichte Venedigs auskennt, mit Erleichterung registrieren. Natürlich hat dieser Roman in dem nicht unbedeutenden Gesamtwerk Coopers seinen Platz, aber: Ihn ohne Erläuterung dem heutigen Publikum zu präsentieren, das geht absolut gar nicht!
Cooper wurde bei seiner Europareise spätestens in Paris 1830 von seinem literarischen Ruhm überrascht. Den galt es vor allem durch emsig zu schreibende Romane zu verteidigen. Die aufrichtige - amerikanische - Demokratie war gegen die verkommene und verlogene Feudalvergangenheit, die ja in Europa noch nicht ganz überwunden war (Cooper geriet selbst in die Wirren der Julirevolution 1830), herauszustellen. Gleichzeitig war das zu seiner Zeit in Europa grassierende Bedürfnis nach romantischer Grusellektüre zu bedienen. Da boten sich namentlich in Frankreich umlaufende Venedig-Horrorgeschichten geradezu an. Coopers Erzählkunst blieb dabei von Kenntnis der europäischen oder Venezianischen Geschichte ungetrübt. Das dürfte für einen mäßig gebildeten Amerikaner, der er ja selbst war - und für seinesgleichen schrieb er, nicht so ungewöhnlich sein und auch heute gibt es noch Yankees, die etwa glauben, alle Deutschen seien aus Heidelberg, liefen in Seppelhosen mit Tirolerhut rum, ernährten sich ausschließlich von Kraut, tränken dazu Bier im Hofbräuhaus - und bedienten sich einer Sprache mit wie vom Fallbeil abgehackten Worten und Sätzen mit oberösterreichischem Akzent...
Cooper bezog seine Vorstellung von der Venezianischen Geschichte - die Romanhandlung spielt unbestimmt im 16., 17. oder 18. Jahrhundert: Tizian wird S. 120 als Verblichener erwähnt, einen S. 275 benannten jüngst verstorbenen Tiepolo-Dogen gab es in dieser Zeit allerdings nicht (die Tiepolo stellten im 13. Jahrhundert zwei Dogen) - aus der "Geschichte der Republik Venedig" des Pierre Antoine Noel Bruno Graf von Daru. Was zu diesem Machwerk zu sagen ist, habe ich in meiner Rezension zum Nachdruck des 4. Bandes ausgeführt (amazon.de v. 14. Juli 2010). Cooper hielt sich nur kurze Zeit in Venedig auf und schrieb den Bravo in Paris. Feudalen Standesdünkel, den er den venezianischen Nobili zuschrieb, hatte er wohl unter der noch nicht ganz überwundenen Bourbonenherrschaft kennengelernt. Cooper setzte alles daran, die Markusrepublik als allein die Interessen ihrer herrschenden Schicht bedienendes, den Charakter aller Amtsträger verderbendes, vor keinerlei Verbrechen zurückschreckendes Terrorregime darzustellen. Ob er sich dessen bewußt war, daß er damit die französischen und österreichischen Bedürfnisse bediente, die Zerschlagung der Serenissima durch Napoleon, ihre Verschacherung an Österreich und die österreichische Kolonialherrschaft über die infolge dieser Entwicklung dahinsiechende Schöne an der Adria nachträglich zu rechtfertigen, ist mir nicht bekannt. Daß er aber diesen Zeitgeist - ebenso wie seine Quelle Daru - bediente, ist ausgemacht.
Ich will und kann nicht über die literarische Qualität der Romane Coopers urteilen. Von kompetenterer Seite ist darauf hingewiesen worden, daß er oft unwahrscheinliche Zufälle bemühen muß, um das Handlungsgeflecht in seinen Erzählungen zu konstruieren. Das ist auch beim Bravo der Fall. Darauf kommt es aber nicht an. Entscheidend ist, daß Cooper dem Leser weismachen will, die Markusrepublik hätte keinerlei Verbrechen gescheut, um die Staatsraison zu wahren. Drei mal läßt er here, unschuldige Charaktere von der Serenissima auf grausame Weise und im Wissen von ihrer Unschuld zu Tode befördern (S. 158f, 297, 331f). Damit der Leser es auch ja begreift, ist jeweils ein edler Zeuge anwesend, der von der Makellosigkeit des Opfers weiß, das Staatsverbrechen aber nicht verhindern kann, sondern dabei sogar noch gegen seinen Willen mitwirken muß. Damit auch der begriffsstutzigste Leser des vorgeblich verbrecherischen Charakters der Markusrepublik inne wird, sind über den ganzen Roman Attributierungen verstreut wie "empfindungslose Ausübung einer scheinbaren Staatsklugheit" (S. 49), "gleich der unsichtbaren Macht des Geistes über den Leib regieren sie" (S. 59), "es fehlt in Venedig nicht an scheinbarer Gerechtigkeit..., der Mangel liegt in der wirklichen" (S. 70), "...der Senat mit all seiner scheinbaren Liebe zur Gerechtigkeit so manche Schurken frei umhergehen läßt, Menschen, deren Anblick die Steine erröten macht in Scham und Verdruss" (S. 72), "sie überheben sich in ihrem Stolz und denken schlecht von jedem, der ihre Eitelkeit nicht mitmachen kann" (S. 88), "Scheinsouverän dieser Scheinrepublik... über dessen Gesichtszüge jene gewohnte Zurückhaltung zuckte, die so oft alle menschlichen Gefühle verbergen musste" (S. 98, 100), "die Reizbarkeit eines venezianischen Edlen war schnell rege, dem Schuldigen politische Unzufriedenheit als Immoralität zu verweisen" (S. 102), "die Wahrheit möchte hier kein willig Ohr finden" (S. 110), "die Patrizier hatten hohe, ausschließliche Rechte, die mit Anmaßung und Eifersucht bewacht und aufrechterhalten wurden... dieses grundfalsche Regierungswesen" (S. 111), "eine Gewalt ohne Schranken und Verantwortlichkeit" (S. 112), "vergebens redet Ihr von Gerechtigkeit, wenn die Last Eurer Macht auf den fällt, der sie am wenigsten zu tragen vermag" (S. 126), "Was ist doch der Senat und alle Macht des St. Markus, dass sie unser Leben elend machen sollen?" (S. 143), "als Senatoren haben sie keine Herzen... du begreifst die Doppelzüngigkeit der Patrizier nicht... da gibt es keinen Felsen, der weniger menschlich, und keinen Wolf, der herzloser wäre... ihr Gewissen heißt: Staatsbedürfnisse" (S. 152f), "ein furchtbarer Staat" (S. 161). "Welch ein furchtbarer Staat ist Venedig!... Es ist eine schreckliche Regierung, und ihre Früchte sind gleich schädlich für den Herrscher und den Untertan" (S. 162), "Arglist dieser mysteriösen Stadt... Venedig in seinem Aufpassersystem" (S. 165), "finsteren, seelenlosen Senat... einer kalten, berechnenden Politik, die nichts achtet als ihre Zwecke" (S. 166), "in dieser unglücklichen Stadt weiß man nicht, wem man trauen kann" (S. 170), "das herrschsüchtige Gesetz von Venedig" (S. 177), "mir ekelt`s vor jener Stadt voller Verbrechen" (S. 182), "der niedrigste Mietling Italiens, der seinen Dolch für zwei Zechinen in seines Freundes Herz stößt, ist ein offen handelnder Mann gegen die schonungslose Verräterei einiger in dieser Stadt" (S. 183), "Schlangenwegen der venezianischen Oligarchie... ihre schamlose und unverantwortliche Falschheit selbst die Grundsätze eines Meuchelmörders beleidigen konnte" (S. 186), "Gewebe aus Hinterlist... dieser verräterischen Macht Opfer" (S. 189), "der Palast, in dem die Dogen von Venedig residierten, steht noch jetzt als ein düsteres Denkmal venezianischer Politik da und liefert an und für sich schon den Beweis des zweideutigen Charakters" (S. 191), "wenn man mit St. Markus zu schaffen hat, so ist es ebenso gefährlich, zu viel zu wissen als zu wenig" (S. 196), "diese listigen Senatoren sind nie gnädig ohne Ursache" (S. 201), "schändlichen Zug der venezianischen Staatsrepublik" (S. 202), "sie sind Menschen, die schon ihre Geburt über die Schwachheit der Sterblichen erhoben hat, und da sie niemandem Rechenschaft zu geben haben, so sind sie sicher, immer recht zu tun" (S. 208), "fürchtete jeder den in allen Ecken lauernden Verrat. Selbst die Abendluft schöpfte niemand ohne Ängstlichkeit" (S. 221), "der Staatsrat ist fürchterlich" (S. 246), "keine Verpflichtung ist so heilig, dass sie Achtung davor haben sollten, wenn ihre Politik auf dem Spiele steht... handeln mit den Neigungen ihrer eigenen Töchter wie mit ihren Waren" (S. 249), "eine Verfassung, deren Grundzug offenbar die Überlegenheit weniger Bevorrechteter war, am wenigsten geneigt sein könnte, einen Missgriff zuzugeben" (S. 274), "was mit Unrecht besessen wird, muss durch unbarmherzige Ungerechtigkeit behauptet werden" (S. 275), "Geschöpf eines starren Systems" (S. 285), "herzlosen Amte... fürchterliche Maschine" (S. 287), "Venedig zollte der öffentlichen Meinung Anerkennung und hielt der Welt nur ein Trugbild seiner wahren Staatsmaximen vor... das Truggewebe, das auch den Bestmeinenden umspann" (S. 288), "Schlachtopfer" (S. 294), "Gerechtigkeit in einem Lande nicht herrschen kann, in dem die Regierenden durchaus ganz andere Interessen haben als die Regierten... eher ein dem äußeren Schein gebrachtes Opfer als eine Huldigung der Gesetze" (S. 306), "eine Verfassung auf falschen Grundsätzen" (S. 311), "elende Betrug... Denunziationen... arger Betrug unter dem Schilde deines gelobten Namens" (S. 312), "was ist ein Fürst und seine Gerechtigkeit, wo die Selbstsucht einiger weniger regiert" (S. 329).
Und so endet das Ganze: "Jeder lebte für sich, und die Staatsmaschine Venedigs behielt nach wie vor ihren lastenvollen Gang, der durch das verwegene Trugspiel, das er mit heiligen Grundsätzen trieb, die in der Wahrheit und im natürlichen Rechte ihre Wurzel haben, Regierer und Regierte entwürdigte und endlich ins Verderben stürzte." (S. 332)
Es ist ein letztlich rührselig werdender Schmarrn voller Gräuelmärchen!