Als Mutter eines 35-jährigen Sohnes bin ich ziemlich stolz darauf dass ich ihm, soweit ich das beurteilen kann, kein Frauenbild devotes vorgelebt habe, mich mit seiner Rolle als Mann auseinandergesetzt habe, als er noch sehr klein war, und mir immer bewusst war, dass ich als Mutter einen maßgeblichen Anteil daran habe, wie feministisch er sein wird. Ich wollte niemals Hotel, Mama sein! Es war nicht leicht, weder für ihn noch für mich, diese Geschlechterrollen aufzubrechen. Aber ich glaube, wir haben es ganz gut hingekriegt.
In dem neuen Buch aus der Reihe. “Briefe an die kommenden Generationen“ widmet sich Mareike Fallwickl einem neuen Anspruch an gelebtem Feminismus. Wie schaffen wir es, gemeinsam Verantwortung für eine Gleichstellung der Geschlechter zu übernehmen? Und was muss geschehen, damit Männer Verbündete werden? Wie gehen wir in Familie und Gesellschaft damit um? Das hat Fallwickl so gut in Worte gefasst, dass ich es am liebsten jedem in die Hand drücken möchte.
Sie nähert sich dem Thema auf vielschichtige Art und Weise und das gerade mal auf 70 Seiten. Mädchen haben wir motiviert stark, unabhängig und kämpferisch zu sein. Aber wer von uns hat Jungs ermuntert emotional zu werden, Fürsorge leben zu wollen und schwäche einzugestehen? Diese vermeintlich weiblichen Attribute gelten als schlecht und da liegt schon mal der erste Fehler. Es ist wunderbar, wie die Autorin darstellt, dass unsere Gesellschaft eine bessere ist, wenn all diese Emotionen Platz bekommen. Sie sind wichtig für ein gutes Miteinander. Ich könnte jetzt hier noch viel mehr schreiben, aber das Buch ist so kurz und ich möchte ihm nicht zu viel vorwegnehmen
Aber meine Gefühle waren sehr stark beim Lesen. Als Pädagogin sehe ich mich auch in der Verantwortung und bin mir bewusst, dass es sehr schwer ist, Rollenbilder im Arbeitsalltag aufzubrechen. Genderneutrales Spielmaterial ist mittlerweile selbstverständlich, auch Bilderbücher, die das widerspiegeln gehören, zu unserem Repertoire, aber es kommen sehr viele Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen in die Kitas und da wir aufgrund von extremen Fachkräftemangel sowieso gefordert sind den Alltag mit minimale Ressourcen pädagogisch wertvoll zu gestalten, ist das individuelle eingehen auf das was die Kinder mitbringen oft kaum möglich. Es fällt auf, dass Jungs sich nicht groß verändert haben, in den letzten 30 Jahren, während Mädchen zielgerichteter, raumgreifender, und lauter geworden sind. Und das ist auch gut so!
Der literarische Pädagogikklassiker „Kleine Helden in Not“ von Dieter Schnack hat mich schon als junge Mutter für das Thema geöffnet. Ich müsste die überarbeitete Ausgabe noch mal lesen, um zu sehen, ob auch das zukunftsweisend ist. Was aber sicherlich nicht anders ausgedrückt wird, ist das männliche und weibliche Role Models sich ihrem Einfluss bewusst sein müssen, alles weibliche, nicht negativ darzustellen, sondern Jungs zu ermuntern, diese Attribute anzunehmen. Ich sag mal so: Mädchen werden gerne ermuntert, ihr Fahrrad zu reparieren oder eine Bohrmaschine zu benutzen, aber welche Eltern melden ihren Sohn für einen Handarbeit Kurs oder ermuntern ihn ein Puppenvati zu werden?
Wo ich kaum Entwicklung sehe, was aber unbedingt nötig ist, ist das Politik Männer gleichberechtigt in der Familienarbeit sehen. Elternzeit, verpflichtend für beide, getrennt voneinander wäre ja meine Idee genauso wie voller Ausgleichszahlungen für die Rente für die Person, die in Elternzeit geht, sowie Elterngeld, das sich auf beide Gehälter bezieht.
Ganz toll, fand ich, die These unermüdlich mit dem männlichen Geschlecht darüber zu debattieren, warum sie meinen, Frauen beschützen zu müssen. Vor wem? Vor sich selbst? Warum ist das nötig? Und wie kann man das Problem beheben. Das hat Fallwickl sehr plastisch in Worte gefasst.
Ich bin begeistert von diesem wichtigen Büchlein das ich dieses Jahr sicherlich recht häufig verschenken werde.
Lest es! Alle!