Mich hinterließ “Der Buchhändler” mit einem großen Na ja. Genaugenommen geht es in dem Buch nur um die Schilderung der Polizeiarbeit nach dem Verschwinden eines Kindes, nicht mehr und nicht weniger, und zwar auf die typische leicht tutige Deutschkrimi-Art, die Polizeiarbeit grundsätzlich nur von außen kennt. Das ist zu gleichen Teilen cringe (versteckt man sich bei Polizistens tatsächlich hinter Gebüsch, um mit väterlichem Einverständnis ein Elterngespräch mit einer Grundschülerin zu belauschen?), seicht und spießig und für mich zu 100% uninteressant. Die einzelnen Polizisten entstammen dabei dem Beliebigkeits-Katalog vorabendlicher TV-Krimis, keine/r konnte mich wirklich überzeugen oder für sich einnehmen, dazu sind sie mir alle zu flach und uninteressant. Ähnliches gilt für die Dorfbewohner, die direkt und indirekt vom Verschwinden der kleinen Theresa betroffen sind – jeder erfüllt seine Rolle, mehr aber auch nicht, alles bleibt schön eindimensional, ob es nun die männergeile Alleinerziehende ist oder der vom Schicksal gebeutelte Onkel, die schreckliche Alte oder der triebgesteuerte Sportlehrer… leider wurde hier, wie so oft im deutschen Krimi, mal wieder “Charakterzeichnung” mit “Etikett” gleichgesetzt.
Auch vom Aufbau her hätte man dem Roman eine weitere Draft-Runde gegönnt. Nach dem Auftakt der Marke Uiuiui, in dem die Autorin dem Leser so richtig dolle Drastik an den Latz klatscht (auch so eine gerade aktuelle Unsitte, mit der mittelmäßige Bücher offenbar verzweifelt Interesse generieren wollen; oder hat schon mal jemand ein wirklich tolles Buch gelesen, das diesen Blödsinn nötig hatte?), passiert dann erstmal… nicht so unheimlich viel. Der titelgebende Buchhändler, eine Figur überschaubarer Faszination, übernimmt eine Buchhandlung in dem einem Kuhkaff, in das Amazon offensichtlich nicht liefert, geht zum Volleyball, lernt neue Leute kennen, vermisst seine Tochter, wird zu einer Gartenparty eingeladen und von einer Dame angebaggert, so plätschert die Hälfte des Buches dahin, ohne dass man es wirklich gebraucht hätte. Zwischendurch lüpft die Autorin ein bisschen die Großes-Geheimnis-in-der-Backstory-Schublade, aber was da so herausleuchtet, verspricht auch mehr, als dann am Ende gehalten wird – der Buchhändler verbirgt ungewünschte Neigungen, die ermittelnde Kommissarin Familientragik, und nur mal so am Rande, die Art, wie gegen Schluss das eine unbedingt mit dem anderen verbunden werden möchte, wurde mir dann doch etwas zuviel. Das Thema, das hinter und über diesem halbgaren Gesuche und Gestammel und Gestelze liegt, finde ich persönlich zu sensibel für dieses Niveau, da hätte man nicht nur mehr draus machen können, sondern MÜSSEN.
Stilistisch bewegen wir uns ebenfalls fest auf Deutschkrimi-Terrain; da wird über eine Neunjährige gesagt, sie sei “noch recht kindlich für ihr Alter, sicherlich noch nicht in der Pubertät.” Mit neun. Vielleicht ist da was im bayrischen Trinkwasser, dass Drittklässler theoretisch offenbar schon Pickel, Gepeste und fragwürdigen Musikgeschmack aufweisen können, aber ich fand das einen Hauch überzogen.
Häuser strahlen “Wohlhabenheit” aus, was immer das sein soll. Ein Hund hat eine “empfindsame” Nase (das arme Tier), wo es “empfindlich” hätte heißen müssen – ja, das sind zwei unterschiedliche Dinge. Alle stehen unfassbar früh auf, selbst die Kinder, selbst die Teenager – alle springen sie voller Elan aus dem Bett und starten in den Tag, noch bevor die Sonne es tut, allerspätestens um sieben, tendenziell deutlich früher. Das beeindruckt mich enorm, allerdings geht es nicht allen so: Die Kommissarin ist der Meinung, dass “der jungen Generation etwas mehr Respekt und Scheu gegenüber der älteren gut täte.” Scheu?!? Ernsthaft? Sind wir hier im Deutschland des Backfischromans statt im 21. Jahrhundert?
Dafür wird dann eine Handvoll Seiten später mit schmerzhaft krampfiger Lockerheit betont, wie ir-re entspannt die Polizistinnen in Sachen Mensch & Sexualität so drauf sind: Porno ist voll okay! Auch und gerade für Frauen! Besonders die Alleinstehenden! Man fragt sich unwillkürlich, wenn das so unfassbar normal ist, weshalb es dann so wortreich und immer nochmal wieder dargelegt werden muss. (Interessant fand ich in diesem Zusammenhang, dass Polizei-Pia nach einem anstrengenden Tag auf der Suche nach einer verschwundenen Grundschülerin mit im Raum stehendem Verdacht auf Sexualdelikt zur Entspannung erstmal direkt Pornokonsum andenkt, weil: die eine Nachbarin soll ja so eine Hammersammlung in ihrem Häuschen gebunkert haben [VOLL OKAY!!!], jedoch: “ihr war nicht nach Sex aus der Konserve. Lieber wollte sie die hübsche kleine Unterwerfungsfantasie weiterspinnen, die sie […] am Freitagabend begonnen hatte und in der ein gutgebauter Fitnesstrainer und ein Squashkäfig die männliche Hauptrolle und das wichtigste Requisit spielten.”
Nochmal: Da ist ein kleines Kind weg, vermutlich tot, vielleicht missbraucht, und die Dame, die mit der Aufklärung der Sache betreut ist, hat nach einem übervollen Arbeitstag nichts anderes im Kopf als fremder Muttis hypothetische Schweinchenfilme sowie nichts besseres zu tun, als beim “Schlendern” Richtung Schlafzimmer “genüsslich die Knöpfe ihrer Bluse” zu öffnen, um an sich herumzuschrauben? Darf ich kurz sagen, dass ich mir im Fall der Fälle jemand anders für die Jagd nach meinem Mörder wünsche? Und wie traurig ist das eigentlich, Genuss zu finden im Aufknöpfen des eigenen Blüschens?)
Insgesamt könnte und dürfte man die P-Frage m.E. natürlich einiges reflektierter abhandeln, genauso wie die Thematik unglücklicher sexueller Neigungen und wie man als betroffenes Individuum und als Gesellschaft damit umgeht, aber all das ist eine Nummer zu heavy für diesen Roman, dieses Fass lässt “Der Buchhändler” nicht nur zu, sondern gleich ganz hinten im Kellerregal. Alles voll okay hier, auf Ambivalenz haben wir keinen Bock.
Aber nicht nur persönliche Einstellungen, auch Dialoge werden immer und immer wieder wiederholt; was Person A zu Person B sagt, reicht Person B dann quasi wortgleich zwei Seiten weiter an Person C weiter, weil: C weiß es ja noch nicht. Ich schon, und mich macht dieses Verbal-Vorgewürge grundsätzlich kirre. Besonders, wenn es an sich schon im Erstdurchgang nicht gerade brutal Faszinierendes ist wie etwa die Frage nach dem Aufenthaltsort von Herrn X am Tag Y.
Letzten Endes gestaltet sich die Auflösung dann so unspektakulär, dass man zunächst auf einen finalen Plot Twist hoffen möchte (mir wären auf Anhieb vier Varianten eingefallen, die um einiges krasser/abgründiger/tragischer gewesen wären als diese), aber der bleibt aus, wie auch ein richtiges Ende – nachdem wir vorher Kapitel für Kapitel dem Buchhändler in knallharter Banalität beim Einleben im Dorf der Buchkäufer über die Schulter sehen durften, wird dem Leser jetzt auf der letzten Seite der Erzählteppich mit herzhaftem WTF-Schmackes unter den Füßen weggerissen und man erfährt nicht mal, wie das ganze denn nun konkret ausgeht.
Soll das Spannung erzeugen? Falls ja, was genau ist die Auffassung der Autorin von Spannung? Soll das eventuell eine schräge Art von “Tiefgang” behaupten (also das, was dem Buch die 430 Seiten vorher gefehlt hat)? War keine Zeit mehr, musste der Lektor in den Urlaub, fehlte am Ende einfach der Enthusiasmus? Oder hat man sich gedacht, wir drehen jetzt nochmal den Klischeeregler hoch bis zum Anschlag und knallen nach dem Hammereinstieg jetzt zum Abschluss nochmal so einen richtig fetten Fernsehkrimiseriensatz raus?
In dem Fall: Mission erfüllt.
Meinen Dank an Netgalley und den Verlag für das Rezensionsexemplar; das Buch klang sehr interessant, aber letzten Endes hatte ich mir etwas anderes versprochen als diese doch sehr leichte Kost.