Inhalt:
Die siebzehnjährige November ist auf der Suche. Ihre ständige Begleiterin ist eine Katze, die ihr nur selten von der Seite weicht. Mehr hat November nicht im Leben, noch nicht! Denn das junge Mädchen ist sich sicher, dass sie ihre Eltern finden wird, die ganz plötzlich, als sei gerade mal sechs Jahre alt war, verschwunden sind. Doch einer Spur zu folgen ist nicht ganz einfach und wo wäre sie jetzt, hätte sie der Kneipenwirt Katja, der selbst seine Geheimnisse hütet, nicht unter seine Fittiche genommen? Dann tauchen auch noch mysteriöse Drohungen auf, die ihr immer mehr Angst einjagen und der Junge im Zelt, der ihr so vertraut ist, verschwindet genauso schnell, wie er auftaucht.
Meinung:
Antonia Michaelis Bücher sind keine leichte Kost. Niemals. Zumindest die Jugendbücher, die ich bisher von ihr gelesen habe. Obwohl die Bezeichnung Jugendbuch in meinen Augen gar nicht so passend ist. Dafür ist ihr Stil zu ungewöhnlich, nicht ganz einfach, kompliziert und die Themen, die Frau Michaelis anspricht, oftmals harte Realität, werde ungeschönt dargestellt und brauchen schon gar kein Happy End.
Auch "Niemand liebt November" ist wieder eins dieser Bücher. Die Wucht der Worte und die Intensität der Geschichte treffen ab der ersten Seite und das punktgenau. Dabei bin ich immer wieder erstaunt, wie hart und unverfälscht die Autorin ihre Geschichte erzählt und trotzdem diesen poetischen Anstrich niemals verliert. Das Düstere in Licht getaucht und gerade das fasziniert mich jedes Mal aufs Neue an ihren Werken. Ein Buch der Autorin zu lesen ist aber kein Zuckerschlecken! Man muss sich Zeit nehmen und Konzentration im Gepäck haben. Kein Schmöker für zwischendurch.
Viele Augenblicke und Momente erscheinen anfangs surreal, kompliziert und unglaublich. Die Autorin spielt gekonnt mit Andeutungen, wirft dem Leser nur kleine Schnipsel hin und lässt der Fantasie viel Raum, sodass man die Realität schon mal schnell aus den Augen verlieren kann. So muss man vieles als Leser erst einmal hinnehmen, bis es im Verlauf der Handlung dann Klick macht. Spekulationen und Interpretationen müssen auf eigene Faust gemacht werden und es ist immer wieder erschreckend, wie hart das Leben eines Menschen sein kann. November, die eigentlich Amber heißt, hat schon früh gelernt, was es heißt, alleine zu sein. November ist aber kein Charakter, der durch diesen Zustand geschwächt wurde. Im Gegenteil - das Mädchen wirkt abgestumpft, im ersten Moment ziemlich kühl und optimistisch, dass ihre Suche irgendwann erfolgreich sein wird. Nichtsdestotrotz spürt der Leser eine gewisse traurige Aura, die Amber umgibt. Mir hat es nicht nur einmal die Sprache verschlagen, als man erfährt, was das Mädchen erlebt und macht, weil es sich nach irgendetwas sehnt.
Genauso wichtig, wie die Katze, die November seit Ewigkeiten begleitet, wird der Kneipenwirt Katja. Die Autorin spielt die Beziehung der beiden gekonnt geheimnisvoll auf und für mich war es gleichauf interessant zu erfahren, was Katja zu erzählen hat. Geheimnisvoller erscheint nur noch der Junge in dem gelben Zelt, den November gelegentlich für kurze Momente erblickt. Mysteriös, aber gleichzeitig absolut neugierig machend! Antonia Michaelis ist eine Meisterin darin, fabelhafte Charaktere interessant zu zeichnen.
Ob November schlussendlich ihre Eltern findet, verrate ich natürlich nicht. Ihr Weg wird aber für den Leser niemals langweilig. Manchmal schon sehr spannend, dazu immer düster, oftmals schockierend und sehr emotional. Es gibt ein, zwei Momente, die ich für etwas zu übertrieben halte, aber das hat meinen Gesamteindruck fast gar nicht gestört. "Niemand liebt November" ist eins dieser Bücher, das ich zu einhundert Prozent empfehlen kann, wenn man eben dieses ganz spezielle Paket mag.
Fazit:
Antonia Michaelis ist meine Anlaufstelle Nummer 1, wenn ich mal auf etwas ganz anderes Lust habe. Ihr Stil ist sehr speziell und wird bestimmt nicht jedermanns Geschmack treffen. Wer sich aber in ihren Worten verliert, wie es jedes Mal aufs Neue bei mir passiert, der wird mit einer Geschichte belohnt, die düster wie der November selbst ist. Eine Geschichte, die die geballte Härte des Lebens zeigt, die zugleich traurig ist und die Verletzbarkeit eines Menschen veranschaulicht. "Niemand liebt November" zeigt die Suche eines einsamen Mädchens nach mehr als nur Leere. Die Suche nach Geborgenheit, nach Glück, die Suche nach Liebe, nach einem schönen Leben. Die Suche nach Beständigkeit und letztendlich die Suche nach Hoffnung.