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Flusslinien

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Mit Wärme, sprachlicher Kraft und feinem Witz erzählt Katharina Hagena von drei Menschen, drei Schicksalen – und zwölf Frühsommertagen an der Elbe, die alles verändern. »Flusslinien« ist ein so bewegender wie vielschichtiger Generationenroman über das Leben mit den Wunden, die uns zeichnen, und die Frage, wie man lernt loszulassen, zu vertrauen und weiterzuatmen.

Margrit Raven ist hundertzwei und wartet auf den Tod. Früher war sie Stimmbildnerin, jetzt lebt sie in einer Seniorenresidenz an der Elbe. Jeden Tag lässt sie sich von dem jungen Fahrer Arthur in den Römischen Garten bringen. Dort, mit Blick auf den Fluss, erinnert sie an ihre Kindheit, den Krieg, ihre Liebhaber und an das, was sie über die einstige Gärtnerin dieses Parks weiß, Else, die große Liebe ihrer Mutter.

Die Erinnerungen halten Margrit am Leben – und die Besuche ihrer zornigen Enkelin. Luzie hat sich kurz vor dem Abitur von der Schule abgemeldet und übernachtet nun allein in einer Hütte an der Elbe. Während sie Margrit, deren Mitbewohner und sich selbst im Keller der Seniorenresidenz tätowiert, versucht sie, Stich für Stich, ihre Kraft und ihr Leben zurückzugewinnen.

Und dann ist da noch Arthur. Wenn er gerade niemanden zur Dialyse fährt, sucht er mit einer Metallsonde den Strand ab, erfindet Sprachen, kämpft für gefährdete Arten und ringt mit einer Schuld.

Um nicht vom Strom der eigenen Erinnerungen fortgerissen zu werden, müssen sich die drei auf sich selbst besinnen. Und aufeinander einlassen.

390 pages, Hardcover

First published March 13, 2025

45 people are currently reading
697 people want to read

About the author

Katharina Hagena

12 books35 followers
Mit 19 Jahren begann Hagena ihr Studium der Anglistik und Germanistik in Marburg, Freiburg und London, welches sie 1992 beendete. Zwei Jahre später verbrachte sie einen Forschungsaufenthalt an der Zürcher James-Joyce-Stiftung, das Stipendium erhielt sie von der Gottlieb Daimler- und Karl Benz-Stiftung. 1995 promovierte Katharina Hagena über James Joyce´ Ulysses, danach trat sie ein zweijähriges DAAD-Lektorat am Trinity College in Dublin an. Im Zeitraum von 1998–2002 lehrte sie an den Universitäten in Hamburg und Lüneburg. Gegenwärtig lebt Katharina Hagena als freie Schriftstellerin mit ihrer Familie in Hamburg.

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20 (4%)
1 star
4 (<1%)
Displaying 1 - 30 of 81 reviews
Profile Image for Uralte  Morla.
370 reviews128 followers
August 14, 2025
"Vielleicht ist dieses Naturschutzgebiet ja der Eingang zur Unterwelt. Weiden, Pappeln, Erlen [...] Als sie hinuntergeht, sitzen wieder die sonnengegerbten Parzen vor der Tür. [...] Wahrscheinlich überschlagen sie gerade im Kopf, wie viel Lebensfaden sie ihr noch beimessen." (Seiten 124 + 375)

Luzie tätowiert sich selbst eine Karte der Unterwelt auf die Haut, während ihre mehr als hundert Jahre alte Großmutter Margrit jeden Tag mit dem Tod rechnet und ihr Fahrer Arthur viel zu früh mit ihm konfrontiert wurde.
Margrit lebt im Altersheim und erinnert sich: An ihren Sohn, sein neues Leben in Australien, an ihre Mutter Johanne, die im Bombenhagel auf Hamburg ums Leben kam und vor allem an Else, die große Liebe ihrer Mutter und die Gestalterin des Römischen Gartens in Hamburg.
Währenddessen kämpft Luzie mit den Folgen eines traumatischen Erlebnisses und versucht, sich selbst zu finden. Ein großes Tattoo, das sie ihrer Großmutter sticht, bringt die beiden näher zusammen.
Und dann ist da noch Arthur, der als Fahrer in Margrits Altersheim arbeitet, sich brim NABU engagiert, neue Sprachen erfindet und ebenfalls mit einer schmerzhaften Vergangenheit leben muss.
Alle drei leben irgendwie in ihrer eigenen Welt und finden doch beieinander, was ihnen fehlt: Ein offenes Ohr, Gemeinschaft, Freundschaft.

Katharina Hagena hat mit "Flusslinien" einen leisen, sehr warmen Roman über drei Menschen geschrieben, die man nach beenden des Buches eigentlich nicht gehen lassen möchte. So lieb hat man sie gewonnen. Sie lässt sich viel Zeit damit, ihre Figuren einzuführen, ganz langsam entfalten sich ihre Geschichten - und erzählen nicht nur ein Stück deutscher Historie, sondern thematisieren auch aktuelle gesellschaftliche Probleme.

Es geht hier um die Folgen des Patriarchats, um Rassismus, um Misogynie, Traumata, Einsamkeit und Politik. Ganz nebenbei webt Hagena diese Themen in ihren Roman hinein, nie kommt sie mit dem Zaunpfahl daher und ist doch so deutlich, dass es schmerzt. Trotzdem fühlt sich "Flusslinien" insgesamt eher wie eine Umarmung an. Das liegt an der schönen Sprache, an den drei Stimmen der Protagonist:innen, die alle ihren eigenen Ton haben, und all den wunderschönen Sätzen sowie dem berührenden Witz, den Hagena immer wieder einstreut.

Was ich außerdem sehr mochte: Überall blitzt die griechiche Mythologie der Unterwelt durch: Arthur arbeitet bei einem Unternehmen, das abgekürzt alle HADES nennen, er hat eine Sprache erfunden, die Styx heißt. Vor dem Altersheim sitzen immer die gleichen drei "Parzen", ein dreibeiniger Hund wird Zerberus gerufen, Margrits Sohn hat seine Doktorarbeit über Erzählungen von Gottfried Keller, "irgendwas in der Unterwelt" geschrieben, und überhaupt erinnert die ganze Flusslandschaft der Elbe an das Reich von Hades. Somit bekommt der Roman auch eine leicht mystische Note und erinnert uns daran, dass der Tod keine Bedrohung sein muss.

Eine schöne Lektüre, ein Buch, das leise nachhallt, eine Leseempfehlung!
Profile Image for auserlesenes.
364 reviews17 followers
April 18, 2025
Margrit Raven kann auf 102 Jahre zurückschauen. Nun lebt die Witwe in einem betreuten Wohnheim am Elbufer in Hamburg, wo sie sich heimisch fühlt. Ihr Sohn Frieder, der im fernen Australien wohnt, lässt sich nicht mehr blicken. Doch Enkelin Luzie (18) besucht ihre Großmutter gerne und regelmäßig. Auch Arthur (24), der den Fahrdienst für die Senioren übernimmt, ist eine willkommene Gesellschaft. Was Margrit nicht weiß: Die beiden jungen Leute leiden unter Ereignissen, die sich vor nicht allzu langer Zeit in ihren Leben abgespielt haben…

„Flusslinien“ ist ein Roman von Katharina Hagena.

Die Struktur des Romans orientiert sich an seiner Handlung. Jedem der zwölf Tage ist ein Teil gewidmet, der sich zumeist in mehrere Kapitel gliedert. Erzählt wird im Präsens aus der Sicht der drei Hauptfiguren: Margrit, Luzie und Arthur, in chronologischer Reihenfolge, aber mit Rückblenden. Die Handlung spielt in Hamburg.

Begeistert hat mich die Sprache des Romans. Jeder Tag wird mit atmosphärischen, poetisch anmutenden Naturbeschreibungen, die zunächst mysteriös bleiben, eingeleitet. Der eigentliche Text des Romans setzt sich immer wieder mit Sprache und Formulierungen auseinander. Mal geht es um Kunstsprachen, mal um Redewendungen und mal um den richtigen Ausdruck. Wortspiele wie „Seh-nie-Ohren-Residenz“ und Neologismen wie „Geheimweh“ haben mir beim Lesen Freude bereitet.

Die drei Hauptcharaktere empfinde ich als sehr reizvoll. Die betagte Margrit ist eine ungewöhnliche Protagonistin. Auch Luzie und Arthur haben interessante Hintergründe, die sich erst nach und nach offenbaren.

Neben den fiktiven Figuren nimmt eine historische Persönlichkeit, die Gärtnerin Else Hoffa, für meinen Geschmack jedoch zu viel Raum im Roman ein. An ihr zeigt sich zwar die Recherchearbeit der Autorin. Dennoch ist die Verbindung der fiktiven Charaktere zu Hoffa zu lose, um die ausführlichen Passagen zu ihrer Biografie und ihrem Leben zu rechtfertigen. Mich haben diese Stellen daher zunehmend gelangweilt.

Thematisch ist die Geschichte sehr breit aufgestellt. Der Roman ist zugleich eine Familiengeschichte und stellt drei persönliche Schicksale dar, die geprägt sind von Trauer, Einsamkeit und anderen psychischen Problemen. In manchen Bereichen wie Atemtechniken konnte ich neues Wissen sammeln. Auf anderen Gebieten, beispielsweise die Elbvertiefung und deren Folgen für die Artenvielfalt, bleibt der Roman zu sehr an der Oberfläche.

Im ersten Drittel der fast 400 Seiten konnte mich die Geschichte berühren und gut unterhalten. Danach häufen sich leider langatmige Passagen und Wiederholungen. Absurde, fast schon groteske Episoden sowie unglaubwürdige Entwicklungen haben meinen Lesespaß zunehmend getrübt.

Der mehrdeutige Titel des Romans passt gut zum Inhalt und erschließt sich bald. Das stimmungsvolle Covermotiv ist ebenfalls sinnvoll gewählt.

Mein Fazit:
Mit „Flusslinien“ hat Katharina Hagena meine hohen Erwartungen bedauerlicherweise nicht komplett erfüllen können. Auf der sprachlichen Ebene hat mich das Buch überzeugt, auf der inhaltlichen in mehrfacher Hinsicht enttäuscht. Daher nur bedingt empfehlenswert.
Profile Image for Ellinor.
764 reviews363 followers
February 22, 2025
Was Katharina Hagena schreibt, entwickelt von der ersten Seite an eine Sogwirkung. Dies war schon bei Der Geschmack von Apfelkernen so, bei Flusslinien gelingt es ihr erneut. Wieder verbindet sie dabei geschickt unterschiedliche Generationen. Besonders gelungen ist ihr dabei die 102-jährige Margrit. Sie lebt in einer Seniorenresidenz an der Elbe. Ihre Zeit verbringt sie hauptsächlich im Römischen Garten. Dieser wurde vor vielen Jahren von Else Hoffa gestaltet, die eine Zeit die Geliebte von Margrits Mutter Johanne war. Margrit denkt viel über die Welt nach, ihre Gedanken nehmen dabei oftmals sehr interessante Formen an. Besonders über ihre Enkelin Luzie denkt sie nach. Luzie brach kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag die Schule ab und möchte nun als Tätowiererin arbeiten. Außerdem gibt es da noch Arthur, der Margrit und die anderen Senioren zu allerlei Terminen fährt. Auch seine Geschichte wird nach und nach erzählt.
In Rückblenden und Teil auch in Erzählungen (denn alle haben ihre Geheimnisse, die sie jedoch eigentlich nicht erzählen wollen), erfahren wir langsam, was sich wirklich zutrug. Besonders gelungen fand ich dabei, dass die Geschichten nicht vorhersehbar waren, es immer überraschende Wendungen gab, die aber keinesfalls unrealistisch wirkten. Gegen Ende befürchtete ich bei Margrits Plänen noch einen großen Showdown, das wurde jedoch wunderbar gelöst.
Für mich interessant war auch, dass ich für Margrit meist viel mehr Verständnis hatte als für Luzie, die mir altersmäßig deutlich näher ist. Vermutlich lag dies daran, dass Margrit für ihr Alter eine sehr fortschrittliche Person ist, dies auch ihr ganzes Leben war. Luzie dagegen ist eine typische Vertreterin ihrer Generation und dafür bin ich vielleicht schon wieder zu alt.
Flusslinien ist ein sehr gut und leicht lesbares Buch, dass ich nicht mehr aus der Hand legen wollte. Es lässt mich sehr zufrieden und glücklich zurück.
Profile Image for Carla.
1,035 reviews134 followers
March 13, 2025
„𝘒𝘰𝘮𝘪𝘴𝘤𝘩, 𝘥𝘢𝘴𝘴 𝘸𝘪𝘳 𝘶𝘯𝘴 𝘥𝘪𝘦 𝘨𝘢𝘯𝘻𝘦 𝘡𝘦𝘪𝘵 𝘨𝘦𝘨𝘦𝘯𝘴𝘦𝘪𝘵𝘪𝘨 𝘧𝘳𝘢𝘨𝘦𝘯, 𝘸𝘢𝘯𝘯 𝘸𝘪𝘳 𝘦𝘯𝘥𝘭𝘪𝘤𝘩 𝘻𝘪𝘦𝘭𝘴𝘵𝘳𝘦𝘣𝘪𝘨 𝘸𝘦𝘳𝘥𝘦𝘯.“ (𝘚.130)
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Flusslinien handelt um drei besondere Personen: die 102-Jährige Margit, die vor ihrem Lebensende stets in Erinnerungen schwelgt, Arthur, Margits Fahrer, der sie regelmäßig raus zum Römischen Garten bringt, und Luzie, die 18-jährige Enkelin von Margit, die vor kurzem die Schule geschmissen hat. Alle drei haben ihr Päckchen zu tragen und vor der wunderschönen Hamburger-Elbe-Kulisse können wir sie ein paar Tage begleiten.
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Angesprochen hatte mich vor allem der Klappentext und das wunderschöne Cover. Auch generell das Setting fand ich sehr gelungen und besonders. Ich mochte die drei Charaktere, auch wenn man sie nicht ganz so gut kennenlernt, wie ich mir das vorgestellt hatte, und den Fokus auf die Sprache. Die Leben, die sie führen, wirkten sehr realistisch und sie alle hatten ihre eigenen Herausforderungen. Der durchgehende Bezug zur Natur hat mir sehr gut gefallen!
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Leider hatte ich mit der Erzählstruktur und dem Schreibstil zu kämpfen. Es wollte sich einfach kein richtiger Lesefluss bei mir einstellen, das hat mich ein wenig frustriert. Es gibt viele, viele Zeitsprünge, besonders in Margits POV und auch wenn das durchaus Sinn gemacht hat, es hat mich einfach jedes Mal aus der Geschichte gebracht. Generell hätte ich mir eine aktivere Handlung in der Gegenwart gewünscht.
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Bei mir und Flusslinien hat es leider nicht ganz gepasst, bei anderen Leser*innen könnte es aber besser funktionieren, und deswegen würde ich trotzdem raten, es einfach mal auszuprobieren. Besonders geeignet für Hamburg-Fans oder Naturfreunde, ich würde dem Römischen Garten auf jeden Fall gerne einen Besuch abstatten!
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3,5/5 ⭐️
Profile Image for Buchdoktor.
2,367 reviews190 followers
March 12, 2025
Margrit Raven ist mit über 100 Jahren in eine Seniorenresidenz in der Nähe des Hamburger Elbufers gezogen. Obwohl ihr Gehör sich im Alter verschlechtert hat, wirkt Ihr früheres Berufs-Ich als Stimmbilderin und Sprachtherapeutin so frisch wie vor 80 Jahren, noch immer kann sie die Gefühlslage einer Person an deren Stimmlage erkennen. Sie lebt genau an diesem Ort und lässt sich täglich vom jungen Arthur zum römischen Garten oberhalb des Falkensteiner Ufers fahren, weil die Geschichte ihrer Mutter Johanne und deren Lebensgefährtin Else Hoffa noch nicht zu Ende erzählt ist. Ehe Margrit ihren selbstgesetzten Auftrag nicht erfüllt hat, kann sie nicht gehen. Da es während des Nationalsozialismus klug war, über die Beziehung zwischen der Ober-Gärtnerin und der Mathe-Lehrerin zu schweigen, ist Margrit allein auf Dokumente angewiesen, die ihre Tochter Barbara/Brisko ihr aus dem Archiv besorgt hat. Else Hoffa ist eine historische Person, die für den Bankier Max Warburg arbeitete, der 1938 gezwungenermaßen in die USA emigrierte, auch seine kundige Gärtnerin sah sich zur Emigration nach England gezwungen und arbeitete in Coventry. Als Else ein letztes Mal nach Deutschland zu Besuch kommt, ist Margrit 16 Jahre alt.

Arthur, der Margrits trockenen hanseatischen Humor teilt und sie jeden Tag an die Elbe fährt, ist außer seinem Beruf als Erfinder von Sprachen für Fantasywelten und seinem Hobby als Sondengeher am Fluss-Saum von einem Geheimnis umgeben, das er erst später gegenüber Margrits Enkelin Luzie enthüllt. Luzie wollt ursprünglich 2 Schuljahre in Australien verbringe, wo ihr Vater in einer späten zweiten Ehe als Hausmann und Vater zweier Kinder lebt. Nach einer ungesühnten Vergewaltigung in Australien ist Luzie wieder zurück in Deutschland und hat sich ohne Wissen ihrer Eltern von der Schule abgemeldet. Ihre ehemals beste Freundin Merle und weitere Personen hatten ihr deutlich gezeigt, dass es mit Luzies Traumatisierung nach einer abgeschlossenen Therapie nun endlich einmal gut sein müsste und sie nicht beanspruchen darf, dass in ihrer Gegenwart nicht geschmacklos über ihr Schicksal gewitzelt wird. Luzie schlägt einen originellen Weg ein, um Grenzen zu setzen, ihr Terrain abzustecken und sich auf eine Berufslaufbahn ohne Abitur vorzubereiten.

Katharina Hagena hat um die betagte Margrit und die historische Figur Else Hoffa weitere originelle Personen aufgestellt, die bei allen dramatischen Verwicklungen in norddeutscher Weise „die Ruhe weg haben“. In Luzies Wut, durch Taktlosigkeit ihres Umfelds konstant befeuert, konnte ich mich gut einfühlen. Das Thema, wie ein Umfeld von Unterstützern die Kraft findet, ein Gewaltopfer langfristig zu stützen wurde m. A. bisher noch nicht so empathisch dargestellt wie hier von Katharina Hagena.

Mit dem Schauplatz an der Elbe, den Themen Gärtnern, Sprache, Sprachtherapie, Coming-of-Age, sexuelle Gewalt, Traumatherapie, vermuteter Frauenbeziehung während des Nationalsozialismus konnte mich Hagenas Roman überraschen und fesseln. Er wird 2025 sicher ein herausragendes Buch für mich sein.
Profile Image for Sarah Sophie.
282 reviews260 followers
April 14, 2025
An diesem Buch hat mir besonders die 102jährige Margit als Protagonistin gefallen. Ihr Blick auf ihr eigenes Leben, aber auch auf das ihrer 18jährigen Enkelin Luzie war sehr weise und besonders. Im Alter hat man viel erlebt und ist im besten Fall in der Lage eine Gelassenheit zu entwickeln und Verständnis für die junge Generation zu bewahren. Das ist bei Margit der Fall. Sanft versucht sie die Beweggründe zu verstehen, warum Luzie ist wie sie ist, die Schule abgebrochen hat und als Tattooartist ihr Geld verdient.
Ebenso hat sie ein Auge auf Arthur, der als Fahrer für die Seniorenresidenz arbeitet und sich vor der Welt und sich selbst versteckt.
Die Geheimnisse der drei Figuren kommen nur langsam ans Licht. Ähnlich wie die gemächliche Fließgeschwindigkeit der Hamburger Elbe .. der Bezug zur Natur ist in jedem der drei Handlungsstränge gegeben.
Das Buch hat in der Mitte für mich ein paar Längen gehabt und war insgesamt eher ruhig vom Erzähltempo. Mir hat es gut gefallen, war aber kein absolutes Highlight. Dennoch würde ich mir so manche Lokalität aus der Geschichte wie z.B. den römischen Garten gerne mal mit eigenen Augen ansehen.
Profile Image for Sonja Smiljanic.
9 reviews
May 4, 2025
Ich habe noch nie ein Buch gelesen, das so viel über den Tod erzählt – und trotzdem so lebendig ist. Besonders gefallen hat mir das Thema Tätowierungen, das beiden Seiten hilft, der einen, unterstützend und nützlich zu sein, und der anderen, sich heilig zu fühlen. Die Natur ist auch ein großer Teil der ganzen Geschichte, genau wie der Name selbst sagt. Unsere Beginn und Ende.
Profile Image for Alexa.
161 reviews15 followers
April 17, 2025
Ein sehr berührendes Buch der leisen Töne. Mir hat die melancholische Grundstimmung von Beginn an sehr gut gefallen. Und die angesprochenen Themen Alter , Sprache und Stimme. Garten und Lebenslinien haben mich fasziniert. Ein Buch, das noch länger nachhalt.
Profile Image for Kath26.
247 reviews15 followers
July 28, 2025
4,5 Sterne

Der neue Roman „Flusslinien“ von Katharina Hagena war im Frühjahr 2025 sehr häufig in den sozialen Medien wie auch in jedem Buchladen zu sehen und ist auch mir allein aufgrund seines schönen Covers direkt aufgefallen, so dass ich es zeitnah gelesen habe. Allerdings muss ich sagen, dass ich das Buch jetzt, mit ein klein wenig Abstand leicht schlechter bewerten würde, als direkt nach dem Lesen. Direkt nach dem Lesen war ich noch so nah bei den Figuren, wollte sie nicht loslassen. Mit ein wenig zeitlichen Abstand klärt sich der Blick jedoch und mit den kleinen Kritikpunkten, die ich habe, bin ich eher bei 11-12 Punkten als bei 12-13 Punkten (von 15, wie in der Oberstufe).

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Margrit, Luzie und Arthur. Margrit lebt mit ihren 102 Jahren in einer Seniorenresidenz, ist körperlich ziemlich gebrechlich, aber mit einem nach wie vor recht wachen Geist und starken Willen ausgestattet. Während ihrer nahezu täglichen Besuche des Botanischen Gartens, zu denen sie Arthur, der Fahrer der Seniorenresidenz chauffiert, erinnert sie sich an ihr Leben und an das ihrer Mutter Johanne und versucht Johannes Beziehung zu Else, der Gestalterin des botanischen Gartens auf den Grund zu gehen. Man hat bei Margrit das Gefühl, dass sie genau dort in diesem Garten ihrer Mutter sehr nah zu sein kann und dass sie genau das braucht um mit dem Leben und ihrer Mutter in Ruhe abschließen zu können. Margrits Leben selbst steht dabei weniger im Mittelpunkt des Buches. Deutlich mehr Raum nehmen Arthur und Luzie ein, denen beiden in ihrem jungen Leben etwas Schlimmes zugestoßen ist, womit sie versuchen fertig zu werden.

Ich habe es geliebt, wie wunderbar die Autorin ihre Figuren eingefangen und dargestellt hat. Ich war so nah an ihnen dran, in ihrem Innenleben, ihren Gedanken, auch wenn wir kaum etwas gemeinsam haben. Und ich mochte die Beziehungen der einzelnen Figuren untereinander, ihre Gespräche, den feinen leichten Humor den sie teilen. Es wirkt alles sehr dicht, egal welche Verbindung ich gerade betrachtet habe: Margrit zu Luzie, Margrit zu Brisko, Margrit zu Arthur, Luzie zu Arthur oder Brisko zu Luzie …

Ach ja, und wer ist eigentlich Brisko? Brisko ist die Mutter von Luzie und Schwiegertochter von Margrit und leider (in meinen Augen, leider) spielt sie nur eine Nebenrolle, wenn auch eine wichtige. Und auch wenn ich weiß, dass sich die Geister an Brisko scheiden, so war sie für mich eine der spannendsten Figuren, von denen ich je gelesen habe. Vielleicht war sie gerade deshalb so faszinierend, weil ihre Rolle nicht die allergrößte war. Ich jedenfalls hätte gerne so viel mehr Zeit mit ihr verbracht, mehr von ihr gelesen.

Neben der Tatsache, dass ich viel mehr Brisko in diesem Buch gewollt hätte, war mir das Buch einen Ticken zu ruhig. Ich weiß, es ist kein rasanter Pageturner, kein plotgetriebenes Buch. Es passiert relativ wenig, wir sind mehr in den Gedanken der Figuren und so und nicht anders hat die Autorin das Buch haben wollen. Und sie hat es richtig gut und atmosphärisch umgesetzt. Ich habe den Fluss gerochen, habe die Entstehung des Tattoos, das Luzie ihrer Oma sticht, vor mir gesehen und fand das Buch daher auch zu keiner Zeit langatmig, aber eben sehr ruhig.

Auch wenn es für mich kein 5-Sterne Highlight war, so ist es jedoch auf jeden Fall eine absolute Leseempfehlung für diejenigen, die gerne Familiengeschichte über mehrere Generationen entdecken und viel Wert auf richtig gut charakterisierte Figuren mit Tiefgang legen.
Profile Image for Klaus Mo.
29 reviews
May 3, 2025
Flusslinien, wie feine gezeichnete Tattoolinien auf einem Körper, wie unterschiedliche Lebenslinien der drei Protagonisten.
Margrit ist 102, lebt in einer Seniorenresidenz, sinniert über die Gärtnerin des Römischen Gartens, die mit ihrer Mutter Johanne befreundet bzw. liiert war. Ihren Mann Heinrich, den Liebhaber, der ebenfalls in der Residenz wohnt und langsam dement wird. Sie hat früher als Logopädin gearbeitet.
Luzie ist ihre Enkelin, die sie immer wieder besucht, ein schreckliches Erlebnis verarbeiten möchte aber noch nicht darüber reden kann. Sie verlässt die Schule und will zunächst als Tätowiererin arbeiten.
Athur ist der Fahrer, der Margrit in den Garten fährt und ebenfalls ein Ereignis aus seiner Vergangenheit mit seinem Zwillingsbruder verarbeiten möchte. Er beschäftigt sich außerdem mit Sprachen, die er selber erfindet.
Katharina Hagena hat in dem Römischen Garten und der Seniorenresidenz in Altona an der Elbe diese drei Menschen begleitet und ihre Lebenslinien verbunden.
Ich habe es leider nicht geschafft, in den Verästelungen der Handlungen immer den zentralen Faden zu finden, für mich waren es zuviele Themen und Geschichten, und ich hatte Mühe in jeder Nebenhandlung die Bedeutung zu finden.
Vielleicht geht es anderen Lesern-/innen anders, deshalb möchte ich nicht abraten, es zu lesen.
Profile Image for Anka.
1,115 reviews66 followers
August 6, 2025
Ich habe bisher jeden Roman von Katharina Hagena gelesen. Gut, "Flusslinien" ist auch erst der vierte und die Autorin veröffentlicht wirklich nur alle paar Jahre ein neues Buch. Ich weiß zum Beispiel noch, wie ich 2018 am letzten Tag meines Studiums in die Buchhandlung bin, um "Das Geräusch des Lichts" zu kaufen, was kurz davor als Taschenbuch erschienen war (das Hardcover gabs natürlich schon ein oder zwei Jahre vorher).
Jetzt ist also schon 2025 und endlich ist ein neues Buch von Hagena erschienen! Es ist keine Lüge, dass ich wirklich mindestens einmal im Jahr gegoogelt habe, ob bald etwas Neues von ihr erscheinen würde.
Umso glücklicher war ich also, als "Flusslinien" angekündigt wurde. Und nochmal glücklicher war ich, als ich das Rezensionsexemplar auf goodreads gewonnen habe.

Leider hat mich "Flusslinien" aber in keiner Weise so begeistert wie ihre früheren Werke. Klar, die Sprache ist wieder FANTASTISCH! Ich habe mir wirklich sehr viele wunderschöne Zeilen markiert. Aber bei einem Roman, der fast 400 Seiten misst, brauche ich mehr als nur einen Hauch von Plot und schöne Worte.
Das bringt mich zu meinem Hauptkritikpunkt: Der Roman ist einfach viel zu lang! Man hätte mindestens 100 Seiten, eher noch 150 Seiten kürzen können und es wäre ein um Längen (oder auch nicht, weil kürzer haha) besseres Buch geworden.
In diesem Buch gibt es mehrere "Geheimnisse":
1.) Wieso hat Luzie die Schule abgebrochen?
2.) Was ist mit Arthurs Bruder passiert?
3.) Und Margrit an sich ist sowieso ein komplettes Geheimnis für mich (geblieben).
Und es dauert wirklich bis mindestens Seite 340, bis wir endlich erfahren, was sich alles abgespielt hat. Und die Auflösung ist... Nun ja, sagen wir mal so: enttäuschend. Vor allem Luzies Geschichte hat mich genervt. Es gibt da eine Stelle, in der sie explizit sagt, dass sie kein Opfer sei. Ich kaufe ihr das nicht ab, denn im Endeffekt hat der Schulabbruch und der relativ fadenscheinige Grund dafür in meinen Augen einfach zementiert, dass sie eben doch ein Opfer ist. (Und generell begreife ich eh nicht, weshalb Hagena anscheinend denkt, dass man nicht gleichzeitig ein Opfer und eine emanzipierte Frau sein kann.)

Jezt noch ein paar Details, die mich gestört haben:
- Rana. Bzw. wie und worüber Luzie mit ihr spricht. Generell dieses oberflächliche Gerede über Religion, Feminismus, Rassismus und den Zwiespalt, in dem sich Rana bewegt.
- Wieso ist Luzie in Bezug auf Merle so ein "Fußabstreifer" und lässt sich alles gefallen? Es hat mich SO WÜTEND gemacht.
- Wieso muss Arthur so alt sein? Oder wieso ist Luzie nicht wenigsten 19 oder 20. Mit Luzies Hintergrundgeschichte finde ich die Entscheidung extrem fragwürdig, dass ihr love interest sechs Jahre älter ist.
- Witz werden erklärt. So viel Vertrauen muss man schon in seine Leser*innen haben, dass man ihnen zutraut, einen Witz zu verstehen.
- generell wurde mit dem Thema Vergewaltigung meiner Meinung nach sehr unsensibel umgegangen

TW: Vergewaltigung, sexuelle Belästigung
Profile Image for Doris.
35 reviews
April 26, 2025
Ein stiller, fast meditativ mäandernder Roman mit feiner Sprache und ungewöhnlichen Figuren. Die Elbe und die Erinnerungen der 102-jährigen Margrit prägen die Atmosphäre. Vieles bleibt bewusst offen. Die Rolle von Else Hoffa und dem Römischen Garten hat mich beschäftigt – sie ziehen sich wie ein stiller Fluss durch die Generationen, während die einzelnen Leben vergehen. Beide wirken auf mich daher als stille Kraft, die die Zeiten miteinander verbindet.
Profile Image for Andrea Aufmesser.
17 reviews
October 5, 2025
Audiobook Wer das 60.Lj überschritten hat und darauf auch sensibel reagiert, sei vorgewarnt:
Erzählt werden 12 Tage im Leben von Margrit, 102 Jahre alt und in einem Seniorenheim, nahe der Elbe lebend. Als ehemalige Stimmbildnerin ist sie sehr empfindlich auf den Verlust ihrer Fähigkeit zu hören, aber auch zu sehen oder ohne Hilfe aufstehen zu können, wenn sie stürzt.
Sehr genau reagiert sie nämlich auf die Befindlichkeiten der Menschen in ihrem Umfeld anhand deren Stimme.
Subtil, einfühlsam und stark entwickeln sich die Lebensgeschichten von Margrits Enkelin Luzie, zurzeit als Tätowiererin im Seniorenheim tätig, Arthur, dem jungen Betreuer und Fahrer Margrits, der als professioneller Taucher seinen Zwillingdbruder verloren hat.
Immer wieder tauchen scharf gezeichnete Erinnerungen an Margrits Mutter Johanna und deren Geliebte Else auf.
Wunderschön fließen die Geschichten zuerst nebeneinander, dann einander berührend, kreuzend wie Flusslinien daher.
Ein stilles, kraftvolles, sehr nachschwingendes Werk.
Lesen! …. Oder doch besser hören?
Profile Image for Dunja Brala.
604 reviews46 followers
April 2, 2025
Eine meiner Nachbarinnen ist fast 100 Jahre alt und lebt alleine. An sie musste ich denken, wenn ich in das Leben von Margritein tauchen durfte. Ich liebe Romane, in denen besonders alte Protagonisten auftauchen. Margrit ist 102

Sie versucht, sich die größtmögliche Autonomie zu erhalten. So besteht sie darauf, dass Arthur sie täglich in den römischen Garten an die Elbe fährt. Sie hat zu diesem Park eine ganz besondere Verbindung, die in der Vergangenheit ihrer Mutter Johanne beginnt. Auch deren Geschichte wird uns erzählt. Arthur der neue Sprachen entwickelt und mit dem Metalldetektor das Elbufer absucht und Margrits Enkelin Luzie, die ihre Oma tätowieren wird und ein Trauma verarbeiten muss, bekommen ebenso eine Ebene.

Wir erfahren die dunklen Geheimnisse ihres Lebens, die Hürden, die sie nehmen mussten, oder an denen sie scheiterten. Die Dämonen, mit denen sie kämpfen. Dabei bleiben die Figuren, obwohl sie eng miteinander verbunden sind, für sich. Verknüpfungen finden nicht statt, sondern jede Person erzählt isoliert von der anderen ihre Geschichte.
Margrits Erzählstrang hat mir über lange Strecken am besten gefallen. Erst als sie sich in der Vergangenheit von Johanne verlor, entfernte sie sich immer mehr von mir und war kaum noch fassbar. Auch wenn die Geschichte von Johanne und Else sehr berührend ist, war sie mir zur ausufernd erzählt. Dabei habe ich den Verdacht, dass es eigentlich genau das ist, was uns die Autorin erzählen möchte, denn Else Hoffe hat es tatsächlich gegeben. Die anderen drei Figuren bieten den Rahmen. Unterm Strich wirkte das für mich etwas konstruiert. Doch es gibt ganz wunderschöne Sätze, die sich aus Margrits Gedanken zusammensetzen. Ich hab mir sehr viel markiert.
Dass ein dunkler Fleck Luzies Leben schwierig macht, ist mehr als verständlich. Auch dass sie sich abkapselt, ist irgendwie logisch,. Dass sie das Trauma allerdings nicht wirklich bearbeitet, fällt mir genauso schwer nachzuvollziehen, wie die fehlende Sensibilität ihrer Mutter Brisko.

Arthur konnte ich gar nicht richtig fühlen. Ich verstehe zwar was ihm im Endeeffekt das Überleben schwer macht, aber es wirkte alles etwas schemenhaft, als ob seine Geschichte wie Morgennebel über der Elbe schwebt

Der Ton ist ruhig, fast sanft und an manchen Stellen sogar meditativ. Wenn Margrit atmend ihren Gedanken nachhängt, oder wenn Luzie das Motiv beschreibt, dass sie ihrer betagten Großmutter auf den Körper zaubert, hatte die Geschichte einen sehr angenehmen Klang. Aber leider fehlt es dem Roman an nachhaltiger Substanz, die mich als Leserin bis ins Mark erreicht.

Cornelius war mir dann einfach zu viel und das Ende hat mich dann leider gar nicht abgeholt.

Eine ruhig erzählte Geschichte, in der man den feuchten Morgen Nebel spürt, und riecht, dir aber wahrscheinlich genauso schnell aus meinem Kopf verfliegen wird.
Profile Image for janasbuecherwelt.
304 reviews21 followers
Read
June 11, 2025
"Flusslinien" ist der neue Roman von Katharina Hagena. Nach "Der Geschmack von Apfelkernen" hatte ich hohe Erwartungen an "Flusslinien".

Sprachlich und bildlich überzeugte mich die Geschichte sehr. Vor allem die Natur- und Hamburgbeschreibungen haben es mir angetan. Inhaltlich konnte ich dem Buch leider wenig abgewinnen, ob das an den hohen Erwartungen nach den Apfelkernen war, finde ich schwer zu sagen. Ich fand es oft etwas zäh und fühlte den Funken nicht ganz.
Das Cover und auch der Titel sind super gelungen und passen perfekt zu der Geschichte.

Ich bin mir aber sicher, dass dieses Buch für viele andere Leser:innen ein Highlight sein kann und würde daher empfehlen, dass man es doch selbst lesen sollte! :)

Buchdetails: erschienen am 13.03.2025 im KiWi-Verlag - 400 Seiten - gelesen als Hardcover (24,00€)
Profile Image for nachtbibliothekar.
68 reviews31 followers
April 26, 2025
Von den Flusslinien zu den Lebenslinien der drei Hauptcharaktere: die 102-jährige Margrit, Bewohnerin einer Seniorenresidenz an der Elbe, ihre Enkeltochter Luzie, die nach einem traumatischen Erlebnis beschließt, Tätowiererin zu werden und Arthur, ebenfalls traumatisiert und Fahrer, der Margit täglich in den Römischen Garten bringt. Katharina Hagena führt einfühlsam diese drei Figuren zusammen, die oft in ihre Vergangenheit schauen. Heimliche Heldin ist aber die Elbe - wie schon bei Stromlinien von Rebekka Frank. Heimatliteratur 2.0
Profile Image for Ines.
176 reviews8 followers
August 10, 2025
Dieses Buch fließt wie ein Fluss, verästelt sich in verschiedenen Erzählsträngen, die aber doch alle wieder zusammenkommen. Langsam entfaltet sich die Geschichte rund um die 102 Jahre alt Margrit, ihre traumatisierte Enkelin, die versucht ihren Weg im Leben zu finden und Arthur, der einen großen Verlust zu verkraften hat.

Katharina Hagena erzählt in einfacher Sprache aber mit großer Tiefe und Einfühlvermögen.

Teilweise waren es mir fast zu viele Geschichten in einem Buch, zu viele Themen, aber dann hat am Schluss doch alles perfekt zusammengepasst.

Profile Image for Andreas Riedl.
142 reviews1 follower
June 7, 2025
Mehr-Generationen-Geschichte rund um den römischen Garten in Hamburg

Ich war sehr unvoreingenommen, was dieses Buch angeht. Ich hatte von Katherina Hagena noch keine Werke gelesen und mich auch vorher nicht informiert. Das Buch ist dann schon mal rein äußerlich ein Schmuckstück. Das Cover ist schön und die Farbkombination auch mit dem Lesebändchen sind ästhetisch schön anzuschauen.
Bei der Lektüre musste ich mich dann erstmal einfinden. Das Buch spielt mit drei und einer halben Erzählperspektiven und hat dadurch auch einen lyrischen Einschlag. Es ist in jedem Fall kein Werk, in dem sich die Handlungsstränge überschlagen. Die Erzählgeschwindigkeit ist gering und die Detailtiefe groß. Das hat einen beruhigenden Effekt und lässt sich sehr gut lesen.
Die Hauptpersonen, die in der Mehrzahl weiblich sind (für mich ein Plus), bringen die unterschiedlichsten Themen mit in die Geschichte ein. Einerseits haben alle vergangene Erlebnisse zu bewältigen. Andererseits besteht eine große Unsicherheit über zukünftige Geschehnisse. Dies sorgt für Spannung in diesem, in Blankenese verorteten, Roman.
Flusslinien kommt insgesamt mit ruhiger Gangart, Spannungsbögen aber vor allem mit liebenswerten Charakteren daher, denen man gerne folgt. Eine etwas unscheinbarere, aber umso ansprechendere Frühjahrserscheinung, die ich gerne weiterempfehle.
Profile Image for Miriam Keller.
27 reviews1 follower
May 2, 2025
Liebe alles an diesem Buch: Themen, Charaktere, Sprache, Erzählweise... Katharina Hagena hat mich wirklich begeistert. Freue mich darauf, ihre anderen Romane zu entdecken.
Profile Image for Caroline Blütenstengel.
20 reviews
August 3, 2025
Mir gefielen alle Charaktere, die etwas chaotische Erzählstruktur und auch die persönlichen Probleme, Schrullen, Lieben und Leidenschaften. Katharina Hagena hat in umfangreicher, schöner und lustiger Sprache eine Geschichte in 12 Sommertagen erschaffen, die mir am Ende zu kurz war- wie ein schöner Sommer, wollte ich noch bleiben.
Profile Image for Jette.
102 reviews1 follower
July 31, 2025
An sich schön, aber irgendwie nicht meins :(
134 reviews5 followers
April 13, 2025
Alles im Fluss

„Flusslinien“ von Katharina Hagena, erschienen 2025 bei Kiepenheuer und Witsch, hat mich mit seiner mäandernden Schreibweise und der Zärtlichkeit, mit der hier Figuren durch einen kurzen, aber zentralen Abschnitt ihres Lebens begleitet werden, begeistert.

Protagonistin des Romans ist die gerade volljährige Luzie, die nach einem traumatischen Ereignis während eines Auslandjahres in Australien zurück in Hamburg zunächst nicht wieder ins Leben findet – was nicht nur an Luzie liegt, die noch an der Bewältigung ihres Traumas zu knabbern hat, sondern vor allem auch an ihrem Umfeld, das vollkommen hilflos, teils auch grausam, mit ihr umgeht. Der einzige Mensch, dem Luzie kleine Einblicke in ihr Inneres erlaubt, ist ihre Großmutter Margrit, die in einer Seniorenresidenz nahe der Elbe lebt, über 100 Jahre alt ist – und dafür noch wundervoll fit im Kopf. Luzie hat die Schule abgebrochen, verkriecht sich in einem Schuppen am Elbstrand und geht ihrem Hobby, vielleicht auch ihrer Berufsperspektive, dem Tätowieren, nach. Doch wer Tätowieren lernen will, braucht Menschen, an denen geübt werden kann – und so schlägt Margrit vor, dass Luzie sie tätowieren solle, schließlich ist die Ewigkeit, die einem Tattoo innewohnt, für Margrit ein sehr überschaubarer Zeitraum. Zwischen den beiden steht Arthur, Fahrer der Seniorenresidenz, ein junger Mann, der auch ein Trauma zu bewältigen hat, und der viel Zeit mit einem Metalldetektor am Ufer der Elbe verbringt, auf der Suche nach etwas, das er selbst nicht wirklich beziffern kann, das er aber im Wasser verloren hat. Wir tauchen immer wieder auch ab in die Vergangenheit der ganzen zugehörigen Familien, in Freundes- und Feindesbeziehungen, in die Erfahrung des Alterns, des Jungseins – und des Aushaltens von so viel Leben.

Strukturell ist das Buch nach Tagen aufgeteilt und nach den Menschen, aus deren Perspektive wir auf die Tage schauen. Die Elbe, der Fluss, zeigt sich hier vor allem von ihrer morbiden Seite, atmosphärisch sehr stark gegriffen, und auch hier ist, wie in anderen aktuellen Publikationen, die Vertiefung der Fahrrinne Thema. Der immer weiterführende Eingriff des Menschen in die Natur, er hat immer einen Backlash, dafür ist die Elbe ein wirklich gutes Beispiel. Von Anfang an wehen die Themen Tod und Verlust durch das Buch, das Altern und Erinnern, die Spuren, die das Leben in den Menschen schreibt und der Mensch in die Welt, Verlust, Traumatisierung, Einsamkeit, die Unfähigkeit zu Kommunikation über das Eigentliche, aber auch Abenteuergeist, Lebenshunger, Leidenschaft. Und eher beiläufig aber nicht minder sichtbar: historische Ereignisse, Familienstrukturen, Naturschutz im Elbe-Gebiet, der Römische Garten Hamburgs und seine Entstehungsgeschichte, die Emanzipation der Frau im Laufe der Zeit, der spirituelle Gehalt von Tattoos, die Frage nach etwas, das die Zeit überdauert. Und über allem schwebt die Stille in ihren vielen Gesichtern, mir gefällt das richtig gut.

Die Figuren sind mir alle sehr sympathisch, es sind versehrte Einzelgänger:innen, die sich da zusammenfinden zu einer Zweckgemeinschaft, die unterfüttert ist von vorsichtiger Nähe und Vertrauen. Die Autorin schreibt flüssig und klar, viele Beschreibungen machen die Szenerie und die Menschen lebendig, manchmal gibt es aber einen Hang zu etwas sehr großer Ausführlichkeit, die bei dem sowieso eher langsamen Erzähltempo zur Herausforderung werden kann. Aber das wird aufgewogen von sehr vielen sprachlich großartigen Betrachtungen, die immer wieder aufzeigen, wie sehr unsere Sprache auch patriarchal geprägt ist. Denn ganz klar ist dieses Buch auch aus einer feministischen Perspektive geschrieben. Und nimmt viele aktuelle Themen unserer Zeit beiläufig auf, ohne sie zu vertiefen, so wie Alltag stattfindet, er ist einfach da.

Mir gefällt die Symbolik des Tätowierens in diesem Buch ausnehmend. Das Leben, das noch einmal in den Körper eingeschrieben und dadurch irgendwie festgehalten wird, das Leben, dessen Linien die Enkelin dadurch nachfährt und erfährt, der Körper, der dieses Leben noch einmal spürt, bevor er geht, die Befreiung, die beide dadurch erfahren, die Inspiration, die Luzie für ihr eigenes Leben übernimmt, die gemeinsame Handlung, die Reden und Schweigen ermöglicht, das alles ist enorm gut gegriffen.
Ein großer Kritikpunkt bleibt, der dieses so schöne Buch dann, neben vielleicht doch etwas viel Phantastik und Ausführlichkeit in Seitensträngen der Story, doch einen Stern kostet: Hier schreibt wieder eine Autorin so konsequent gegen das Patriarchat anschreibt – um dann doch die Protagonistin am Ende durch einen Mann „zu retten“. Und ich finde das falsch, unnötig und ärgerlich. Ich hätte mich sehr gefreut, wenn Luzie nur aus sich heraus und eventuell aus der Beziehung zu den vielen starken Frauen, die ihre Wege kreuzen, die nötige Kraft gefunden hätte, ihren Weg zu gehen.

Insgesamt habe ich aber ein sehr schönes, fließendes Leseerlebnis gehabt, ein Buch, gemacht für leichte Sommerabende, mit nahbaren Figuren, toller Atmosphäre und viel Nachdenklichkeit darüber, wie wir mit unseren Alten als Gesellschaft umgehen. Lesen und dann mal dem Römischen Garten in Hamburg einen Besuch abstatten!

Ein großes Dankeschön an whatchareadin.de und den S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar!
Profile Image for Gréta.
22 reviews
June 29, 2025
So ein schönes Buch. Es ist sehr unerwartet, dass ein Buch, in dem die gleichen drei Menschen von den gleichen Themen erzählen so spannend sein kann. Aber es ist natürlich viel mehr, es geht um Liebe, Verlust, Ängste und das in jedem Alter.
Das einzige, was mich persönlich nicht so interessiert hat, sind die Computersprachen und teilweise sehr lange, genaue Beschreibungen der Umgebung. Das gehört aber dazu.
Profile Image for Michael Madel.
546 reviews11 followers
June 30, 2025
Der ruhig und zurückhaltend erzählte Generationen-Roman beschäftigt sich auf einfühlsame und berührende Weise mit zeitlosen Themen wie Liebe und Tod, Freundschaft und Familie, Hass und Verrat. Er überzeugt mich durch eine feingliedrige Figurenzeichnung und eine Komposition, die es ermöglicht, die Themen auf mehreren Zeitebenen darzustellen.
Wir spüren die Zuneigung der Autorin zu ihren Figuren, und diese Sympathie und Empathie überträgt sich auf die LeserInnen.
Profile Image for Sabrina.
547 reviews3 followers
July 5, 2025
berührend, einfühlsam, zwischendurch etwas "zäh", jedoch lohnt sich das "durchhalten".
Definitiv eine Empfehlung!
Profile Image for Lea.
91 reviews
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August 9, 2025
so ein buch, was man schon auch mag und schön findet aber einen trotzdem nicht berührt - vielleicht die falsche zeit für mich oder zu aufgedrosselt gelesen
74 reviews4 followers
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March 14, 2025
Eine Brücke zwischen den Generationen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Katharina Hagenas vierter Roman "Flusslinien" entführt die Leser in die vielschichtige Welt dreier Protagonisten, die sich in völlig unterschiedlichen Lebensstadien befinden: Margit, Luzie und Arthur. Mit einer einzigartigen Erzählweise, die von Erinnerungen, Gedankenfragmenten und scheinbar zufälligen Einsprengseln durchzogen ist, erschafft Hagena eine literarische Atmosphäre, die sowohl sanft als auch eindringlich wirkt.
Margit Raven ist mit über hundert Jahren die älteste der Hauptfiguren und lebt in einer Seniorenresidenz. Wie so oft in Hagenas Werk dient dieses hohe Alter als Gelegenheit, in die Geschichte Deutschlands einzutauchen. Margit hat den Krieg miterlebt, die Wirren der Nachkriegszeit durchstanden und schließlich ihre Berufung als Stimmbildnerin gefunden. Ihre Erinnerungen tauchen nicht als chronologische Nacherzählung auf, sondern fließen bruchstückhaft in die Erzählung ein. Mal sind es kurze Momente aus ihrer Kindheit, mal Episoden über ihre Beziehung zu ihrer Mutter oder über ihre Schulzeit. Dabei vermeidet Hagena den Fehler vieler anderer Autoren, die sich in pathetischen Dramen und übermäßigen historischen Recherchen verlieren. Stattdessen werden die geschichtlichen Ereignisse aus einer individuellen Perspektive geschildert – so, wie Margit sie damals empfunden hat. Dadurch fühlt sich der Roman nicht wie eine Geschichtsstunde an, sondern wie das gelebte Leben einer Frau, die das 20. Jahrhundert mit all seinen Höhen und Tiefen erlebt hat.
Trotz ihrer bewegten Vergangenheit strahlt Margit in der Gegenwart eine angenehme Ruhe aus. Ihre Erinnerungen sind nicht voller Bitterkeit, sondern erscheinen als fragmentierte Gedanken, die mal aufleuchten und wieder verblassen. Es ist ein leiser, aber eindrucksvoller Blick auf ein Jahrhundert deutscher Geschichte.
Auch Luzie, eine junge Frau, die sich gerade erst vom Abitur abgemeldet hat, kämpft mit ihrer Vergangenheit. Nach einer Vergewaltigung durch einen Mitschüler ist sie auf der Suche nach einem Weg, mit ihrer schmerzhaften Erfahrung umzugehen. Ihre Flucht in die Kunst des Tätowierens gibt ihr Halt, und sie beginnt, nicht nur Margits Körper, sondern auch die Haut anderer Senioren mit kunstvollen Motiven zu verzieren. Sie lebt abgeschieden in einer Hütte an der Elbe, meidet Menschen, doch ihre künstlerische Auseinandersetzung mit Schmerz und Vergangenem hilft ihr, sich selbst zu finden. Hagena zeichnet Luzie dabei nicht als reines Opfer, sondern als eine ambivalente, vielschichtige Figur. Luzie leidet unter ihrer Vergangenheit, aber sie wächst auch an ihr. Ihre Entschlossenheit, sich als Tätowiererin zu etablieren, verleiht ihr eine beeindruckende innere Stärke.
Arthur, die dritte Hauptfigur, erscheint zunächst als unauffällige Randgestalt: ein Fahrer, der Senioren zu ihren Terminen bringt. Doch auch er trägt eine Geschichte mit sich, die sich erst nach und nach offenbart. Er wirkt orientierungslos, seine Lebensziele sind unklar, doch er besitzt Eigenheiten, die ihn faszinierend machen – unter anderem seine Leidenschaft für das Erfinden fiktiver Sprachen. Besonders prägend ist für ihn die Erinnerung an seinen verschwundenen Zwillingsbruder, über den er nur vage spricht. Arthur dient in "Flusslinien" nicht nur als Brücke zwischen Margit und Luzie, sondern auch als Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft. In der wachsenden Beziehung zwischen ihm und Luzie zeigt sich schließlich die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft, in der beide vielleicht aus ihrer inneren Isolation ausbrechen können.
Hagena beweist in diesem Roman ein besonderes Geschick im Umgang mit ihren Charakteren. Sie sind nicht nur tiefgründig und facettenreich, sondern entwickeln sich organisch über die Seiten hinweg. Die Art und Weise, wie sie ihre Leser an den Erinnerungen und Gedanken der Figuren teilhaben lässt, zeugt von außergewöhnlicher schriftstellerischer Raffinesse. Diese Einschübe wirken niemals deplatziert oder konstruiert, sondern fügen sich fließend in die Erzählung ein – manchmal so sanft, dass man kaum merkt, wenn die Handlung in eine Erinnerung hinübergleitet.
Trotz der schweren Themen, die "Flusslinien" behandelt, ist der Roman von einer bemerkenswerten Sanftheit geprägt. Die Sprache ist poetisch, aber nicht überladen; die Stimmung melancholisch, aber nicht erdrückend. Hagena zeigt auf beeindruckende Weise, dass die Konflikte der Vergangenheit und Gegenwart gleichermaßen drängend und individuell sind. Ihre Geschichte offenbart, dass jede Generation ihre eigenen Herausforderungen zu bewältigen hat – und dass es Wege gibt, mit diesen umzugehen.
"Flusslinien" ist somit sowohl ein Gegenwarts- als auch ein Historienroman, der sich nicht in übertriebener Dramatik verliert, sondern mit leisen Tönen überzeugt. Der Roman erinnert daran, dass Erinnerungen nie vollständig verblassen und Vergangenheit und Gegenwart auf eine gewisse Weise miteinander verbunden sind. Die Begegnungen zwischen Margit, Luzie und Arthur zeigen, wie wichtig es ist, sich anderen zu öffnen und dass aus unerwarteten Verbindungen neue Wege entstehen können.
Mit "Flusslinien", erschienen am 13. März 2025 bei Kiepenheuer & Witsch, gelingt Katharina Hagena ein bemerkenswerter deutschsprachiger Roman, der in diesem Bücherfrühling definitiv zu beachten ist.
740 reviews2 followers
November 11, 2025
«Junge Menschen denken viel mehr über den Tod nach als alte. Wenn der Tod näher kommt, muss man nicht mehr so viel an ihn denken, er macht sich von allein bemerkbar.»

Margrit Raven ist hundertzwei und wartet auf den Tod. Früher war sie Stimmbildnerin, jetzt lebt sie in einer Seniorenresidenz an der Elbe. Die Erinnerungen und Ausflüge in einen Park halten Margrit am Leben - und die Besuche ihrer zornigen Enkelin Luzie, die sich kurz vor dem Abitur von der Schule abgemeldet hat. Sie übernachtet nun allein in einer Hütte für Sportler an der Elbe, will Tätowiererin werden. Und dann ist da noch Arthur. Wenn er gerade niemanden zur Dialyse fährt, sucht er mit einer Metallsonde den Strand der Elbe ab, erfindet Sprachen, kämpft für gefährdete Arten und ringt mit einer Schuld.

«Nun, da die Schatten länger und die Risse tiefer werden, muss sie noch einmal ihre letzten Bilder einordnen.»

Drei Lebensgeschichten, die sich überkreuzen, an zwölf Tagen zu Beginn des Sommers an der Elbe. Der Fluss als Symbol des Lebens, immer fließend, sich dabei langsam verändernd. Margrit hat in über hundert Jahren viel erlebt, lässt sich jeden Tag in den Römischen Garten bringen, redet mit dem Gärtner. Rückblicke auf ihr Leben, auf das Leben ihrer Mutter, Kriegsjahre, Verlust. Und bevor sie stirbt, wünscht sie sich ein Tattoo von der Enkelin. Luzie hat etwas erlebt, das sie aus der Bahn geworfen, hat, über das sie nicht reden mag. Arthur ist der Fahrer der Residenz, der die Bewohner transportiert. In seiner Freizeit sucht er nach verborgenen Schätzen mit einem Metalldetektor; er muss noch den Suizid seines Zwillingsbruders verarbeiten, den niemand hat kommen sehen. Eine Geschichte, nett geschrieben, die entschleunigend und sich mäandernd dahinzieht. Es gibt Geschichten in der Geschichte, wie die der jüdischen Gesangslehrerin Else Hoffa, die nach England fliehen konnte. Margits Sohn Frieder, der Vater von Luzie hat sich scheiden lassen, lebt nun in Australien mit seiner neuen Familie. Ukrainekrieg, eigene Kriegserlebnisse, Verluste, diverse Ehen, Klimawandel, Fridays for Future, Elbvertiefung, antike Mythologie, Corona-Pandemie, Gregor und sein vergeblicher Kampf gegen die Maulwurfshügel und vieles mehr ist in dieser Geschichte angesprochen – ein Sammelsurium des täglichen Lebens.

«Tattoos und Piercings geben dir die Kraft, einem Blick, der Macht über dich ausüben will, etwas entgegenzusetzen.»

Der Roman ist in Ordnung, weil die Sprache meistens stimmt. Es gibt aber auch gewollt gezüchtete Metaphern, über die man stolper, die so gar nicht stimmig sind und Worthülsen. «Jedenfalls riecht die Elbe anders als das Meer und auch anders als ein Baggersee», ist so eine. Inhaltlich konnte der Roman mich nicht wirklich erreichen, zu mäandernd, exzessiv, zu viel im Sammelbecken schwimmend. Wohin geht die Reise? Dass das Buch mit dem Tod von Margit ändert, war klar. Wenn zu viel Gemüse in der Suppe schwimmt, setzt sich kein Geschmack deutlich durch. Zu viel hier und da gefischt, irgendwie zusammengekocht, ein Einheitsbrei, bei dem mir die Tiefe zu einem Thema fehlte. Mir schien es, als hätte die Autorin alle Beobachtungen und klugen Sätze aus ihrem Notizbuch versucht in eine Geschichte hineinzuklemmen. Ein hundertjähriges Leben vollgepackt ohne das tiefsitzende Trauma – das haben die beiden anderen Figuren, und versuchen, irgendwie damit klar zu kommen. Manches passt so gar nicht hinein in diese Geschichte, wie die von Arthur, der Sprachen erfindet, von denen eine in Russland der große Hit wird. Er fährt dort hin, um seine Fans zu besuchen, wird um eine schockierende Erfahrung reicher. Sehr amüsant, meine Lieblingsszene in diesem Buch – passt nur nicht in den Plot hinein. Der Fluss zieht gemächlich seinen Weg – trotz der Haifischflossen auf dem Rücken (auch eine längere merkwürdige Beschreibung von Wellengang). Ein bisschen mehr Sturm hätte sein dürfen, der Schwung in die Strömung gebracht und das Lametta weggeblasen hätte.

Katharina Hagena, geboren 1967, studierte Anglistik und Germanistik, lehrte am Trinity College in Dublin sowie an der Universität Hamburg und lebt heute als freie Schriftstellerin in Hamburg.
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