Die Welt ist im Wasser versunken. Der Stadtkern Berlins ist innerhalb einer gigantischen Mauer verschont geblieben. Fünf Menschen leben darin, fünf "Ewige", die jeden Sommer den anreisenden "Fremden" die alte Welt zeigen und ihr Wissen weitergeben. Im Winter sind sie sich selbst überlassen und leben und lieben in verschiedenen Konstellationen. Wird eine der zwei Frauen und drei Männer krank oder altert, verschwinden sie und ein Kind gleichen Namens und gleichen Aussehens kommt in die Stadt. Bis eine der "Ewigen" diesen Zyklus durchbrechen will.
Dystopien, insbesondere solche, die in einem abgeschlossenen Gebiet spielen, hatten schon immer eine gewisse Faszination für mich. Hinter den Mauern der Ozean ist eine solche und ich sage es gleich vorab: das Buch ist äußerst gelungen und ich wünsche ihm noch deutlich mehr Leser*innen. Die Handlung spielt in der Zukunft in Berlin. Stückchenweise erfahren wir Einzelheiten: die Welt ist überflutet, nur Berlin liegt noch im Trockenen und ist von einer hohen Mauer umgeben. Fünf Menschen, zwei Frauen und drei Männer leben dort. Im Winter sind sie weitgehend sich selbst überlassen, im Sommer jedoch kommen Fremde in die Stadt, um die fünf zu besuchen, die sie wie Heilige behandeln. So geht das Jahr um Jahr. Die fünf sind immer die gleichen, entschwindet eine*r von ihnen, erscheint eine Kopie in Kindergestalt. Eine der fünf ist Lola. Sie ist abenteuerlustig, streicht durch alle Gebiete, auf der Suche nach einem Ausweg. Hinter den Mauern der Ozean gibt nie zu viele Informationen preis und lässt gleichzeitig viel Spielraum für Interpretation. Bei einer Mauer um Berlin kommt unwillkürlich der Gedanke an die jüngere deutsche Vergangenheit. Aber sollte man nicht vielleicht doch ein bisschen weiter zurückgehen und eventuell sogar an eine alternative Realität denken? Im Buch ist nämlich tatsächlich nie von der Berliner Mauer die Rede. Stattdessen gibt es aber die Große Halle, ein Bauwerk, das Speer errichten sollte, welches aber nie realisiert wurde. Durch dieses und andere Mittel schafft Anne Reinecke ein sehr spannendes und vielschichtiges Werk. Die Geschichte ist kurzweilig und schnell gelesen, bleibt aber lange im Gedächtnis.
In der nahe Zukunft ist der Wasserspiegel so weit angestiegen, dass Berlins Stadtkern nur aus einer von einer Schutzmauer umgebenen Kerninsel besteht. „Die Ewigen“, zwei Frauen (Else, Icherzählerin Lola) und drei Männer (Friedrich, Wilhelm, Alexander) haben überlebt und dürfen als Mentoren für Besucher tätig werden. Im Sommer reisen Übersetzer an und erklettern die Außenmauern über Leitern. Vermutlich spielen sie regelmäßig per In-Ears den Gehorsam der Fünf neu auf. Fällt eine der ewigen Fünf aus, wird sie durch eine Inkarnation in der Figur eines Kindes ersetzt. Lolas eigener Anleiter war Wilhelm, der seitdem ihr Idol ist. Das restliche Team muss demnach den Anblick des heranwachsenden Nachfolgers ertragen und zugleich realisieren, dass das eigene Leben begrenzt ist. Versorgt werden die Überlebenden durch abgeworfene Päckchen, es muss also weiteres Leben auf dem Planeten geben. Weil die Insel Gefahren birgt durch herumliegenden Schutt, sind die Regeln streng; verletzte oder tote Kollegen kann sich der Trupp nicht leisten. Außer den erhaltenen Büchern der Staatsbibliothek aus der Zeit der Betonmauer gibt es offiziell kein Papier mehr. Das erhaltene Wissen dreht sich ausschließlich um existierende Gegenstände. Über das theoretische Wissen zu Materialien könnte man sich allerdings wundern - woher wissen die Fünf, was Glas ist und was Metall? Aus der Ordnung von Heranwachsen und Sterben hat Friedrich vor auszuscheren. Er lehnt das Leben nach alten Schriften ab, die seiner Ansicht nach der Gegenwart angepasst werden müssten. Falls Friedrich fliehen würde, fehlte sein Vorbild für die neue Inkarnation – und das System wäre am Ende. Als die Truppe eine ferne Stadt betreten will, indem sie die blauen Ziegel des Tors von Babylon durchschreitet, wirkte das auf mich wie ein Schritt zurück in meine Gegenwart, in der Goldelse, Büste der Nofretete und der Mann mit Goldhelm Realität sind.
Anne Reinecke weitet mit der Erzählstimme Lolas in ihrem gar nicht so utopischen Text meinen Blick von einem sehr vagen Rest-Berlin (hinter Mauern), das mit Fortschreiten der Handlung zu meinem konkreten, existierenden Berlin wird. Im Zeitalter von Pen&Paper-Rollenspielen finde ich selbst das Durchschreiten eines Portals nicht abwegig. Mit zahlreichen Anspielungen auf Mauern, Fluchtbewegungen, die Luftbrücke bot sich weiter Interpretationsspielraum, obwohl ich noch immer über den Zweck der Szenarien rätselte.
Nicht nur mit seinem DaVinci-haften Flugobjekt auf dem Buchcover ein Highlight meiner bisher gelesenen Berlin-Romane.
guter Stil. interessante Geschichte. eine seltene Kritik: zu kurz! hätte ruhig noch länger gehen können, dann wären auch weniger Fragen offen geblieben.
Mich hat das Buch eher ratlos zurück gelassen. Und ohne zu spoilern könnte ich nicht mal konkret sagen, was das heisst. Wer Lust hat auf eine persönliche Reise zu einer Entscheidung und dem Entdecken von sich selbst, mag hier ein gutes Buch finden.
Mir war das als Story zu dünn und in der Kombi mit der umgebenden Welt zu unklar. Es wird so wenig konkret, warum die Dinge sind wie sie sind und warum, zB alle Männer wie alte dt. Kaiser benannt sind.
Berlin, eine Insel. Berlin, die Mauerstadt. Das gab es schon einmal. Doch in Anne Reineckes Roman "Hinter den Mauern der Ozean" geht es nicht um die Vergangenheit im Kalten Krieg, sondern eine ferne Zukunft, gestaltet durch Klimakatastrofe und wer weiß, was noch. Berlin ist von einer hohen Mauer umgeben und jenseits der Mauern ist Land unter. Wie weit sich dieser Ozean erstreckt, bleibt unklar. Das Meer ist, der hohen Mauer wegen, nicht zu sehen, höchstens je nach Jahreszeit zu hören oder zu riechen.
Und Berlin ist nicht länger eine Millionenmetropole sondern die Heimstatt der fünf "Ewigen" - Lola, Friedrich, Wilhelm, Alexander und Else. Lauter Namen, die fest mit preußischem/Berliner Kulturgut und Historie verbunden sind. Sind auch die Fünf mehr Symbol als echte Menschen? Als Bewahrer des kollektiven Gedächtnisses der "Alten" haben sie eine Rolle zu spielen. Sind sie überhaupt Menschen oder eine Art Klon? Wenn eine*r von ihnen alt wird, kommt die Zeit des "Entschwindens" - und der Ersatz durch ein Kind gleichen Namens, wohl auch ähnlicher Persönlichkeit?
Erzählt wird aus der Perspektive von Lola, der bis dahin jüngsten der der Ewigen. Die anderen waren alle schon da, als sie als Kind dazukam. Ihre Vorgängerin hat sie nie kennengelernt, das ist unüblich. So bleibt die "alte Lola" für sie ein Rätsel. Friedrich, der älteste der fünf, steht Lola nahe und plant mit ihr eine Flucht, im selbstgebastelten Ballon über die Mauer - noch so eine Reminiszenz aus der Zeit der Berliner Mauer. Lola ist auch die einzige, die in das eigentlich verbotene ungesicherte Gebiet vordringt, in dem sie Spuren der Vergangenheit vor der Zeit der Ewigen sucht.
Vieles bleibt rätselhaft. Reinecke lässt in ihrem Buch Leerstellen und Interpretationsspielräume, die die Lesenden selbst mit ihrer Vorstellungskraft füllen können. Wie die Ewigen ausgesucht werden, was aus ihnen wird, wenn sie durch ein jüngeres Exemplar ersetzt werden bleibt ebenso offen wie die Frage, ob die Berliner Insel Schutzzone oder Gefängnis für die Hüter des Wissens ist. Auch die Begegnung mit den Fremden, die einmal im Jahr kommen und mit denen die Kommunikation nur über Übersetzer möglich ist, wirft Rätsel auf: Gehören sie überhaupt derselben Spezies an? Was wurde aus dem Rest der Menschheit? Wo leben die Fremden? Was existiert jenseits des Berliner Mauerrings? Ist diese Existenz die Folge einer ökologischen Katastrofe, eines Krieges oder eines Zusammenspiels mehrerer Faktoren?
Reineckes Sprache ist teils poetisch, teils archaisch im Stil alter Epen oder der Bibel, wenn die Ewigen mit den Fremden sprechen. Das Setting ist mystisch und geheimnisvoll. Ein ungewöhnliches Buch, das manche Antwort offen lässt und gerade deshalb zum Nachdenken anregt.
Lola ist eine der fünf "Ewigen", die hinter gigantischen Mauern in den Resten Berlins lebt. Die Stadt wurde durch eine riesige Flutkatastrophe zerstört, hinter den Mauern soll ein riesiger Ozean liegen. Täglich werden die fünf von außen mit Lebensmittelspenden versorgt, ansonsten sind sie auf sich allein gestellt. Im Winter fristen sie ihr Leben in der fünffachen Einsamkeit, im Sommer erhalten sie Besuch von den Fremden, die sie als Götter bzw. Göttinnen verehren. Alles folgt einem strickt vorgesehenem Ritual, alles wiederholt sich, alles ist stets gleich. Bis sich Lola Gedanken macht, ob es hinter der Mauer tatsächlich einen Ozean gibt...
Mit "Hinter den Mauern der Ozean" hat Anne Reinecke einen großartig atmosphärischen Roman geschaffen, eine Dystopie, die nicht ohne Hoffnung ist. Die Beziehungen der fünf Ewigen zeichnen sich gleichzeitig durch Liebe und Hass zueinander aus, in der sich Misstrauen und Vertrauen die Waage halten. Wenig wird hinterfragt, vieles so hingenommen wie es ist, der Glaube an den Fortbestand des Status Quo hält die kleine Gemeinschaft aufrecht. Nur die Ewigen scheinen eine Persönlichkeit zu haben, die Fremden mit ihrem umfangreichen Unterstützungsapparat scheinen farblose Marionetten zu sein. Sprachlich liefert Reinecke eine literarisch hochwertige Atmosphäre, die von den Gefühlen der Protagonistinnen getragen sind. Bildgewaltig sind die beschriebenen Szenen, sie brennen sich ins Gedächtnis wie tatsächlich Erlebtes.
Ein besonderes Element, das in die Geschichte eingewoben wird, ist die Tatsache, dass die Ewigen nicht tatsächlich unsterblich sind, sondern nach Abfristen ihrer Lebensspanne durch sich selbst ersetzt werden - ein jüngeres Ich ihrer selbst taucht auf und sie haben noch ein wenig Zeit miteinander, um voneinander zu lernen. Schnell zeigt sich, dass das Auftauchen des neuen Ichs den zu Scheidenden in helle Panik versetzt. Es entsteht eine Dynamik des Verzweifelns, die die Spannung hoch hält. Beim Lesen des Textes keimen enorm viele Fragen auf, welche aber unbeantwortet bleiben. Das kann in vielen Fällen einen schalen Nachgeschmack hinterlassen, nicht aber so in diesem Roman - hier ist es den Lesenden auf geschickte Art und Weise überlassen, Erklärungen für das Ungesagte zu finden. Denn das kann das Buch hervorragend: zum Nachdenken, Philosophieren und Kritisieren der Welt anregen.
Mein Fazit: "Hinter den Mauern der Ozean" ist eine bildgewaltige Dystopie, die mit einer wunderbaren, literarischen Sprache punktet und viel zum Nachdenken anregt. Der Roman selbst liefert nicht viele Antworten, bietet nur eine geschickte Vorlage, um selbst solche zu finden. Eine absolute Leseempfehlung für alle, die gerne unkonventionelles und philosophisches lesen.
Dieses Buch gehört zu denen, die mit mir nach Kreta reisen durften. Und ja, natürlich war für diese Entscheidung ausschlaggebend, ob der Buchtitel irgendwas mit dem Meer zu tun hat, auch hier wieder. Wer will mich davon abhalten?
In diesem Buch geht es um Lola, eine von nur fünf verbliebenen Einwohnern Berlins. Die anderen sind Friedrich, Alexander, Wilhelm und Else und zusammen sind sie die Ewigen. Alexander, Wilhelm und Else und das auf ewig – auch wenn keiner von ihnen unsterblich ist. Stattdessen wird jede dieser Personen von einem Kind mit gleichem Aussehen und gleicher Persönlichkeit ersetzt, sobald die Person Zeichen von Alter oder Krankheit zu zeigen beginnt. Durch diesen Kreislauf soll das Wissen der Alten bewahrt werden. Doch nicht alle sind mit diesem Verlauf zufrieden – und vor allem Friedrich beginnt schon bald im Buch damit, nach einem Ausweg zu suchen. Die Ähnlichkeiten zu Geschichten von der Flucht aus der DDR sind da wohl nicht nur mir aufgefallen. Die große Mauer, die einen Teil Berlins von der Außenwelt abtrennt... Da klingelt doch was... Und wie auch bei Fluchtgeschichten stellt sich auch hier bald die Frage: Kommt die Gefahr für die Fünf wirklich (nur) von außen oder doch auch aus den eigenen Reihen? Und sind die Mauern am Rande Berlins wirklich dazu da, das Meer draußen zu halten – oder sie drinnen?
Der Autorin ist hier eine sehr ruhige Dystopie gelungen. Ihr Schreibstil ist poetisch und voll mit intertextuellen Referenzen. So finden sich hier Zitate aus Liedern und Märchen sowie aus der Bibel, die geschickt in den Gesamttext eingeflochten werden.
Am Ende des Romans bleiben viele Fragen offen – die aber vielleicht auch gar nicht beantwortet werden sollten. Denn so muss jede Person die Lücken selbst füllen – und während es für mich klar ist, dass die Ewigen Klone sind, die Übersetzer vielleicht eine weit fortgeschrittene Künstliche Intelligenz und das Meer am Stadtrand Berlins das Ergebnis einer Klimakatastrophe, werden andere Leser*innen wohl ganz andere Erklärungen für all das Ungewöhnliche in diesem Buch finden. Und es wäre super spannend, diese unterschiedlichen Erklärungen zu hören und zu diskutieren - falls ihr diesen Roman also ebenfalls gelesen habt, lasst mir gerne eine Nachricht da, was ihr da so reininterpretiert habt!
**** Worum geht es? **** Eine Geschichte die auf der einen Seite in wenigen Sätzen zu fassen ist und auf der anderen Seite so komplex und vielschichtig ist, dass man es nach dem Lesen gleich nochmals lesen sollte. Das Hochwasser hat sämtliche Landmasse verschluckt. Um Berlin sind (wieder) Mauern und so kann man dort überleben. 5 Individuen, wie Gottheiten leben dort. Wenn eine Person zu sterben droht kommt sie als Kind zurück. Das Ungleichgewicht von 3 Männern und 2 Frauen bleibt erhalten. Wie sollen dabei monogame (braucht man das?) Beziehungen entstehen und das Leben selbst neu erschaffen werden? Was bedeutet es (erneut) hinter Mauern eingesperrt zu sein? Wo ist die Freiheit? Zentrale Fragen, denen sich die Autorin in ihrer dystopischen Welt substantiell widmet.
**** Mein Eindruck **** Aus der Sicht von Lola entfalten sich die Welt und die widersprüchlichen Emotionen. Die Grenzen möchten überschritten werden und der ewige Kreislauf auf engstem Raum wird in Frage gestellt. Motiviert auch durch die Darstellung des Lebens im Winter und Sommer. Interessant und anspruchsvoll, denn in der Sommerpassage rauchte mir ganz schön der Kopf. Wer redet grad und warum lese ich das überhaupt? Deshalb auch der eine Stern Abzug, hier hätte der Text noch präziser sein dürfen. Motiv und Botschaft sind hervorragend herausgestellt in diesem Buch. Zu guter letzt: das Titelbild wurde wirklich vortrefflich gewählt. Ein Bild das definitiv hängen bleibt und das Buch perfekt darstellt.
**** Empfehlung? **** Literatur pur und so fühlte ich mich manchmal an meine Schulzeit erinnert. Ich habe es damals geliebt mich mit solchen Texten auseinander zu setzen, aber ich weiß auch, dass es nicht jedermanns Fall ist. Daher spreche ich vor allem eine Empfehlung für Literaturfans mit einem übergeordneten Verständnis für unsere Welt aus.
In Anne Reineckes dystopischem Roman ist Berlin zu einer von Wasser umgebenen Enklave geworden. Fünf Menschen, genannt die “Ewigen” – Lola, Friedrich, Wilhelm, Else und Alexander leben in einer Endlosschleife aus Ritualen und Wiederholungen und bewahren das Wissen der Alten Zeit, während der Rest der Welt im Fluten versunken scheint. Jeder hat eine bestimmte Rolle, ihre Namen und Aussehen bleiben über Generationen hinweg gleich. Wenn einer stirbt oder alt wird, kommt ein jüngeres „Ich“ nach. Der Alltag ist streng ritualisiert, die Außenwelt bleibt ungewiss. Erst als eine der Figuren, Lola, beginnt, das System zu hinterfragen, entstehen erste Risse in der Fassade….
Ein atmosphärischer, sprachlich starker Roman mit interessanten Ideen. Die Handlung ist weniger spannend als rätselhaft, vieles bleibt offen und regt zum Nachdenken an. Literatur pur – und so fühlte ich mich beim Lesen manchmal an meine Schulzeit erinnert. Lesenswert, aber nicht für alle ein Highlight.
Was ein weirdes Berlin. Fantastisch geschrieben. Und schnell gelesen ^^ Ist auch eindeutig science-fiction auch wenn sich niemand traut das drauf zu schreiben :D