Schweben von Amira Ben Saoud ist ein Debütroman, dessen Klappentext sofort klarmacht, worum es geht: Wir tauchen ein in eine postapokalyptische Gesellschaft nach der Klimakatastrophe. Im Fokus steht eine zunächst namenlose Frau, die einen ungewöhnlichen Beruf ausübt: Sie bietet „Begegnungen“ an, ein Zusammentreffen, in dem sie die Rolle spielt, die ihr Gegenüber einfordert und bezahlt. Sie wird zu Frauen, die ihre Männer verlassen haben, zu Partnerinnen, die ein neues Leben begonnen haben, zu Töchtern, Tanten und Freundinnen, zu denen der Kontakt abgebrochen ist. Bis zu sechs Monate schlüpft sie in eine Rolle, länger will sie aber nicht. Zur Vorbereitung studiert sie das Verhalten der Frauen, sieht sie aber auch durch die Augen der verlassenen Männer. Ihr Körper ist dabei Formmaterial - er wird transformiert, herabgehungert oder trainiert, das Haar wird geschnitten, gefärbt, frisiert, je nachdem, was die Rolle ihr abverlangt. Sie lebt also davon, viele andere zu sein – wieder und wieder.
Zu Beginn des Romans trifft sie einen neuen Auftraggeber, der eine Emma braucht – akkurat zurechtgemacht, blond, in wallenden Kleidern. Doch bald wird klar, dass da etwas merkwürdig ist: Wer ist Emma? Wo ist sie? Und warum fängt die Frau, die Emma spielt, zunehmend an, ihre eigenen Regeln zu brechen und sich auf eine Beziehung einzulassen, in der etwas grundlegend nicht stimmt?
Während „Emma“, die sich an ihren eigenen Namen schon lange nicht mehr erinnern kann, immer tiefer in die Geschichte hineingezogen wird, lernen wir Leser:innen die Welt kennen, in der sie lebt: Durch die Klimakatastrophe ist die globale Welt verschwunden, stattdessen existieren kleine Enklaven im „System“, die keinen Kontakt zueinander haben. Selbst der verbliebene Handel untereinander findet ohne direkten Kontakt statt. Noch irritierender: Das „System“ hat jedes Sprechen über die Vergangenheit verboten. Verboten ist auch Gewalt. Doch was fast schon utopisch klingt, vibriert bedrohlich im Untergrund, denn die Aggression ist nie fortgegangen – sie hat nur ihr Ventil verloren. Keine Gewalt bedeutet nicht nur drakonische Strafen für Verstöße, sondern zum Beispiel auch, dass Abtreibungen verboten sind und nur illegal und heimlich stattfinden. Die Jugend kennt nur diese Welt, und ihr Ausbruch besteht darin, sich gegenseitig heimlich Gewalt anzutun – eine Praxis, die zunehmend eskaliert.
Und dann passieren eben noch merkwürdige Dinge: Die echte Emma soll die Stadt verlassen haben, taucht jedoch plötzlich wieder auf. Und plötzlich fangen Menschen an, zu schweben – und damit wird das Ende eines Systems eingeläutet, das gegen die Auflösungserscheinungen seiner Gesellschaft nichts anzubieten hat außer Kontrolle und Zwang.
Das ist ganz schön viel Inhalt für nicht einmal 200 Seiten, die zudem großzügig gesetzt sind. Vieles davon funktioniert gut: Die Frau, die ihren eigenen Namen vergessen hat und in die Rollen anderer Frauen schlüpft, ist eine faszinierende Idee und wird noch interessanter, je mehr wir über sie und ihr Leben lernen. Die Welt bleibt vielleicht ein wenig blass, aber das Debüt ist atmosphärisch fesselnd. Die Prosa ist direkt und klar, und stilistisch merkt man Amira Ben Saoud nicht an, dass es sich um ihr erstes Buch handelt.
Doch das Ende hat mich etwas ratlos zurückgelassen. Es kommen sehr viele Erzählstränge und Themen zusammen, die man meiner Meinung durchaus weiter hätte reduzieren können. Metaphorisch ist das Schweben natürlich stark, doch nach einer tiefenpsychologischen Tauchfahrt in die Protagonistin dreht der Roman hier schon ganz schön ab und entzieht sich auch ein wenig der Verantwortung, die beschriebene Gesellschaft wirklich zu verstehen. Vielleicht kommen hier zwei Dinge nicht so richtig zusammen: Die Geschichte einer Frau und die Geschichte des Systems, in dem sie lebt. Dafür hätte es mehr Raum gebraucht oder im Gegenteil den Mut, das System noch mehr in den Hintergrund treten zu lassen.
Insgesamt ist da bei Zsolnay ein spannender Debütroman erschienen, der etwas zu erzählen hat – über Beziehungen, über Identität, darüber, wer wir sind, und über Gesellschaften am Abgrund. Allein für die distinkte Erzählstimme lohnt es sich, das Buch aufzuschlagen – und dann bekommt man auch noch jede Menge Material zum Nachdenken. Von mir gibt es dafür eine Leseempfehlung.