Ein bewegender Roman über Heimat, Verlust und die Sehnsucht nach einem Platz in der Welt
Endlich echte Schweizerin werden – das ist der größte Wunsch der namenlosen Ich-Erzählerin mit ungarischen Wurzeln. Doch die familiären Bande sind so eng wie das Arbeiterhaus, in dem sie sich mit ihrer älteren Schwester und dem Großvater das Zimmer teilen muss. Nach dessen Tod driftet die Familie zusehends auseinander, und die ältere Schwester bricht aus – sie ist kaum noch zu Hause, stürzt sich in die Jugendunruhen, die Anfang der 80er-Jahre das konservative Zürich aufmischen. Für die Jüngere ist Nur eine von ihnen darf rebellieren. Doch als ihre Schwester eines Tages ganz verschwindet, begibt sie sich auf deren Spuren. Und das bleibt nicht ohne Konsequenzen.
I do not regret begging my library to get this in their catalogue. It was fantastic and I read it in quite literally a day. The writing style reminded me so much of "Im Meer waren wir nie" by Meral Kureyshi, but what I think this book had far more of was linear plot. I loved Kureyshi's book, but I found myself enjoying the way Ruffieux paired the poetic language with her story. The history fascinated me too, I watched the video of the Limmat-Demonstration all the way through with rapt attention. I loved how the sisters, both raised the same way, grew to be completely different people. How you watched as the main character's sister got more radicalized over time, how the main character herself took on this role of "keeping the family together". She took on so much responsibility and by the time her sister disappears, I don't think she is even eighteen yet. Yet you see both her and her sister's evolution clearly, how fundamentally different their views of the world and responses to the world are. As someone who is considered by many to be a foreigner despite having the necessary papers to be considered Swiss, I found this family's story moving and comparable to my own. I understood the sister's anger and pessimism, understood the main character's want to be accepted and her need to do anything for that acceptance. I understood the grandfather's cynicism and the mother's insistence on conforming to Swiss norms. A lot of those I also experience, not necessarily from my family members, but in my own head. I, too, am angry at all those people who will never see me as Swiss. I, too, desperately want to be accepted. I, too, sometimes feel like I will never have a country to call my own. The history woven into the book was a highlight for me. While reading I always had my computer open in front of me so that I could look up things. I think the history, both Hungarian and Swiss, narrated in this book is so important yet not often talked about. I liked how the grandfather's and the sister's worldviews were so different because of their different experiences, yet similar in some fundamental ways. I really enjoyed how the protagonist was constantly shown as moderate, simply because she was often too young to really understand the complex politics, and mature enough to be wary of them. I love how you could piece together the family story over the course of the book, how historical events shaped it. And the title is perfect. I think it really fits to this wonderful book. I recommend.
ZU WENIG VOM GUTEN Katinka Ruffieux ET: 09.07.2025
„Ich kann den Tod meiner Schwester nicht begreifen, aber ich habe ihn verstanden. Möglich, dass ich ihn irgendwann verzeihe, ihr und mir, aber auch jedem anderen“. (S. 246)
Katinka Ruffieux erzählt die Geschichte von zwei Schwestern, die mit ihrer ungarischstämmigen Familie in der Nähe von Zürich leben – zwischen Sehnsucht und Angst, Hoffnung und Verlust. Sie warten auf die Einbürgerung wie auf einen erlösenden Moment, bemühen sich, unsichtbar zu bleiben, angepasst zu wirken, ja keinen Fehler zu machen, der diesen Traum zerstören könnte.
Die Autorin führt uns in den „Fischbau“, ein großes Mehrfamilienhaus, das seit der Flucht aus Ungarn ihr Zuhause ist. Der Platz ist knapp – die Mädchen teilen sich ein Schlafzimmer mit dem Großvater, die Waschmaschine steht im Wohnzimmer. Wir riechen den Duft ungarischer Speisen, die die Mutter liebevoll auf den Tisch stellt. Und obwohl wir von der ersten Seite an wissen, dass die Schwester der namenlosen Ich-Erzählerin sterben wird, hoffen wir bis zuletzt, dass sich das Schicksal noch umstimmen lässt.
Doch nach dem Tod des Großvaters zerbricht das fragile Gleichgewicht. Der Vater verlässt die Familie, und ohne ihn fühlen sie sich nicht mehr vollständig. Die Schwester verliert den Halt, sucht Freiheit – und findet sie in der falschen Gesellschaft. Die Mutter, erschöpft und gezwungen, wieder zu arbeiten, hat keine Kraft mehr, sich zu kümmern. Die Abwärtsspirale beginnt: Drogen, falsche Freunde – und eines Abends kommt sie nicht mehr nach Hause.
Katinka Ruffieux hat mit zarter Sprache und feinem Gespür für Zwischentöne ein eindrucksvolles Debüt geschaffen. Besonders ihre kleinen, poetischen Wortspiele verleihen dem Text eine leise Schönheit. Es ist ein Roman über Migration, Verlust, Zugehörigkeit und Sehnsucht – nach einer Heimat, die in der Fremde niemals ganz zu finden ist. All das verdichtet die Autorin zu einer Atmosphäre, die lange nachhallt. 5/5