Plötzlich sind alle Feminist*innen. Bloß kann von echter Gleichberechtigung keine Rede sein. Warum wirken überholte Strukturen fort? Zur Antwort betrachtet Ann-Kristin Tlusty wie durch ein Brennglas die Zwänge, die das Leben von Frauen auch heute prä Noch immer wird ihnen abverlangt, sanft die Sorgen und Bedürfnisse der Gesellschaft aufzufangen. Jederzeit sollen sie dabei auf süße Weise sexuell verfügbar erscheinen, gern auch unter feministischem Vorzeichen. Und bei alldem angenehm zart niemals zu viel Mündigkeit beanspruchen. Klug und persönlich, befreiend und Diese Streitschrift wirbelt die Geschlechterordnung für immer durcheinander.
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"Ich weigere mich, an die weibliche Eigenverantwortung zu appellieren und zum fröhlichen Empowerment aufzurufen. Ich werde vielmehr sichtbar machen, wie historisch gewachsene Erzählungen süßliche Figuren hervorbringt - und wie sich eine Gesellschaft imaginieren lässt, in der Frauen nicht die Glasur darstellen, sondern alle gleich viel von jedem nur möglichen Kuchen haben." - Ann-Kristin Tlusty, "Süß"
Süß, sanft, zart - das sollen weiblich gelesene Menschen sein. Wer sich als Frau definiert, muss so richtig schön zuckrig sein. Ann-Kristin Tlusty widmet sich in ihrer feministischen Kritik "Süß" genau diesen Zuschreibungen. In drei Kapiteln beleuchtet sie durch die drei Figuren der "sanften Frau", der "süßen Frau" und der "zarten Frau" verschiedene Themen, gesellschaftliche Mechanismen und patriarchale Zwänge.
Es geht dabei um den Kampf um die Anerkennung von Sorgearbeit, den Kampf um sexuelle Selbstbestimmung sowie den Kampf um weibliche Mündigkeit und Souveränität. Rund um diese drei zentralen Themenkomplexe baut Tlusty ihre Figuren auf - und sie bespricht dabei beispielsweise auch die Auswirkungen mehrerer Ismen auf Menschen, die sich als Frauen lesen - Kapitalismus, Rassismus, Potenzfeminismus (kennt ihr nicht? Dann unbedingt das Buch lesen!) und Klassismus, um nur ein paar zu nennen. Diese Betrachtung durch die drei gesellschaftlichen "weiblichen" Rollen war für mich neu und sehr, sehr interessant.
Um ihre Beobachtungen zu untermauern, zieht die Autorin sowohl Zitate aus der klassischen Philosophie heran, als auch Beispiele aus der Popkultur und aus ihrem eigenen Freundinnenkreis. So entstand eine sehr abwechslungsreiche Mischung, mit der ich mich (leider) wirklich oft identifizieren konnte - beispielsweise wenn wahlweise Maik/Jochen/Hans/[Name einfügen] mal wieder vom letzten Mexiko-Luxusurlaub erzählt, der dich wenig bis gar nicht interessiert, du aber trotzdem süß lächelst und klebrig-interessiert nickst, dabei aber gar nicht weißt, weshalb du das gerade tust.
Feminismus ist hip, en vogue, man schmückt sich mittlerweile gerne damit. Gleichberechtigung sucht man aber weiterhin vergeblich. Ann-Kristin Tlusty prangert genau das an - und sie zeigt, weshalb der Kapitalismus, die Gesellschaft, das Patriarchat süße, zarte, sanfte Frauen* so gerne hat und was dafür getan wird, dass sie auch genau so bleiben. Die Autorin arbeitet aber auch heraus, was sich ändern muss, damit zukünftig alle süß und zuckrig sein dürfen und wir uns von diesen rein weiblichen Zuschreibungen lösen können.
Mit Ann-Kristin Tlusty habe ich für mich eine neue feministische Stimme entdeckt, der ich mein Gehör schenken möchte. Ihre Kritik ist berechtigt und fundiert - ich möchte sie mit Nachdruck empfehlen!
Wenn ihr denkt „Noch ein Buch über Feminismus brauche ich nicht.“ liegt ihr falsch. „Süss“ von Ann-Kristin Tlusty, erschienen bei Hanser, braucht ihr, auch wenn ihr denkt, dass ihr euch schon so einiges an feministischem Wissen angeeignet habt. Die Autorin argumentiert in ihrem Buch unglaublich klug, greift verschiedenste Theorien auf und wägt gekonnt diverse Standpunkte ab.
Was will sie in ihrem Buch verdeutlichen? Die drei Archetypen der sanften, süßen und zarten Frau sind dafür verantwortlich, dass Frauen bis heute gesellschaftlich schlechter gestellt sind als Männer. Bis heute leisten „sanfte“ Frauen den Großteil der (unbezahlten) Sorgearbeit, für die sie kaum Anerkennung erfahren. Es werden diverse Erwartungen an ihre Sexualität und Verfügbarkeit gestellt (sie müssen „süss“ sein). Ihnen wird in zahlreichen Kontexten bis heute die Mündigkeit und Kompetenz abgesprochen (weil sie zu „zart“ sind). Das alles hat für die Autorin strukturelle Ursachen, da die Bedingungen, die diese Umstände herbeiführen, durch den gesellschaftlichen bzw. politischen Rahmen, in dem Frauen sich bewegen können, definiert sind. Anders als der von der Autorin kritisierte Potenzfeminismus, der sich auf die Selbstermächtigung von (einigen wenigen privilegierten) Frauen beruft, behauptet, ist Feminismus keine individuelle Entscheidung, sondern eine politische Aufgabe. Um gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen müssen feministische Kämpfe gemeinsam mit weiteren Kämpfen, wie dem gegen Rassismus und dem gegen die Ausbeutung unseres Planeten, geführt werden.
In ihrer Argumentation greift Ann-Kristin Tlusty popkulturelle Bezüge von „Sex Education“ bis „Breakfast at Tiffany’s“ auf und schafft es durch ihre messerscharfe und humorvolle Schreibart, dass sich diese feministische Kritik wahnsinnig unterhaltend und dabei nicht minder erhellend liest.
Ganz große Empfehlung und mein Sachbuchhighlight 2021!
Herzlichen Dank an den Hanser Verlag und die Autorin für das Rezensionsexemplar! (Unbezahlte Werbung)
Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll und werde mich im Folgenden sicherlich angreifbar machen. Vermutlich müsste man bei der Bewertung des Textes die Einleitung von den späteren Kapiteln trennen, in denen wirklich wichtige, wenn auch nicht zwingend neue Erkenntnisse präsentiert werden. Ich stimme Tlustys in den späteren Kapiteln verhandelter, eindeutig antikapitalistischer Analyse jedenfalls weitestgehend zu. Gleichzeitig hat mich selten ein Buch so außerordentlich verwirrt, weil die Autorin enorme Probleme damit zu haben scheint, ihren eigenen zugegebenermaßen souverän geschriebenen und stark verdichteten Text kritisch zu reflektieren. Der blinde Fleck in ihrer Argumentation sprang mich so stark an, dass ich mir kaum vorstellen kann, wie er ihr selbst entgangen sein könnte. Ich finde dieses Versäumnis wirklich schade, denn es macht ein im Grunde ehrenwertes Unterfangen zunichte - ich glaube der Autorin nämlich absolut, dass es ihre Intention war, historisch gewachsene, gefällige und gefügige Frauenrollen zu problematisieren und dass die Wut auf die Verhältnisse, die Männer über Frauen triumphieren und sie emotional, physisch und sexuell ausbeuten lässt, in diesem Prozess als Triebfeder fungierte. Ihr Buch offenbart jedoch leider das zentrale Problem des modernen Feminismus: Die Unfähigkeit einer eindeutigen (und doch so simplen) Definition der Frau bzw. eines weiblichen Subjekts verunmöglicht eine Kritik an den Verhältnissen, unter denen diese(s) leidet. Judith Butlers Erbe erweist sich in diesem Kontext als eine Geißel des Befreiungskampfes der Frauen.
In der Einleitung beruft Tlusty sich neben dem leider obligatorisch gewordenen Butler-Verweis auf Andrea Long Chu, einer transidenten und aus meiner Perspektive dezidiert antifeministischen US-amerikanischen Person, die Frausein bzw. Weiblichkeit mit der psychologischen Disposition gleichsetzt, benutzt werden zu wollen und die eigenen Bedürfnisse zu verleugnen. Zur Klarstellung: Selbstverständlich ignorieren Frauen ihre Bedürfnisse ununterbrochen zugunsten von Männern, lassen sich fortwährend unterjochen und ausbeuten, sei es bei unentlohnter Carearbeit, in der sexuellen oder beruflichen Sphäre. Es besteht allerdings ein Unterschied darin, diesen deprimierenden Zustand zu skandalisieren oder ihn, wie Long Chu und Tlusty es ganz ungeniert tun, als ultimative Weiblichkeit bzw. Femininität zu essentialisieren. Letzteres lässt sich nur als regressiv bezeichnen und zweifelsohne als deutlich schädlicher als das Festhalten an biologischen Kriterien zur geschlechtlichen Verortung.
Es ist natürlich ohnehin höchst bedenklich, dass eine selbsternannte Feministin dieser wahnsinnig misogynen Definition folgt - möglicherweise ist sie nicht mal von dieser überzeugt und folgt ihr nur, um niemanden vor den Kopf zu stoßen, da hatte wohl jemand die Verkaufszahlen im linksliberalen/postmodernen Milieu im Blick :) - absurder allerdings wird die Situation dadurch, dass die Autorin damit bereits in der Einleitung ihr eigentliches Anliegen konterkariert und dem Leser demonstriert, wie lustvoll sie sich selbst in die von ihr geschilderte und ja leider in der Realität durchaus zutreffende Kategorie einer devoten Frau fügt, die sich zwar einerseits dankenswerterweise diskriminierenden Geschlechterverhältnissen widmet, bei der Begriffsbestimmung jedoch die Realität verleugnet und sich die Definitionsmacht vom aktuellen poststrukturalistischen Diskurs diktieren lässt.
Tlusty ist dementsprechend nicht gänzlich in der Lage, für sich, für andere Frauen und letztlich die gesamte weibliche Klasse einzustehen. Ein Subjekt Frau erscheint ihr sogar „altmodisch“, wie sie freimütig einräumt. Sie scheitert daran, die Entität Frau vor willkürlichen Zuschreibungen zu bewahren und die der Diskriminierung von Frauen zugrunde liegenden körperlichen Merkmale unmissverständlich herauszustellen - stattdessen redet sie jenen nach dem Mund, die längst überholte Geschlechterklischees reproduzieren und vor allem Frauen durchgehend abwerten, sexualisieren und fetischisieren. Die Schwäche und Fügsamkeit der Autorin in dieser Hinsicht haben mich wütend gemacht und mir die Lektüre gehörig verdorben. Mir ist bewusst, dass es Frauen im Patriarchat strukturell schwerer als Männern fällt, für eigene Bedürfnisse einzustehen. Aber das entschuldigt den gefährlichen Quatsch nicht, auf den die Autorin sich hier affirmativ bezieht. Wer eine solche Angst vor männlichem Zorn, dem Entzug männlicher Validierung oder Sanktionen innerhalb der (pseudo-)feministischen Linken hat, hat meines Ermessens zwar nicht jegliche, aber doch eine gewisse Glaubwürdigkeit als Feministin verspielt und hätte vielleicht einfach kein Buch veröffentlichen sollen, in dem sie ihr eigentliches Anliegen untergräbt, weil sie bereits in der Einleitung ihre eigene abschätzige Definition einer Frau so schmerzlich genau erfüllt. Sie führt ihre Argumentationslinie auf Kosten weiblicher Interessen ad absurdum - die Einleitung hätte sich paradoxerweise glänzend als Beispiel für das ansozialisierte, strukturell unterwürfige und umsorgende Verhalten einer durchschnittlich vom Patriarchat zugerichteten Frau geeignet, auf das die Kritik im Buch so treffend abzielt.
Die Unterteilung weiblicher Subjekte - Long Chus irrer Definition folgend wäre übrigens auch ich eine Frau - in drei Figuren wirkt recht beliebig und konstruiert, weil die süße, sanfte und zarte Frau keine trennscharfen Kategorien darstellen, die Begrifflichkeiten sind sich einfach zu nah und zu vage. Dennoch ist die Herausarbeitung der auf allen Frauen lastenden gesellschaftlichen Erwartungen natürlich relevant und notwendig: Sie sollen sich um andere Menschen (vorrangig Männer) kümmern, dabei stets angenehm zurückhaltend und altruistisch agieren, keinen Raum einnehmen, ihre Emotionen vorbildlich regulieren, so wie es ihrem angeblich qua Natur aufopferungsvollen und sozial verträglichen Wesen entspricht. Und: Sie werden aus Prinzip nicht ernst genommen, weder in ihrer Ansprüchen noch in ihrer berechtigten Wut noch, wie am Beispiel der Rechtsterroristin Beate Zschäpe illustriert, im Zustand hasserfüllter Brutalität. Die drei Archetypen bieten dabei meiner Ansicht nach allerdings keinen großen Mehrwert, auch wenn die Attribute der weiblichen Sozialisierung halbwegs gerecht werden.
Ansonsten: Ja, Girlboss-Kritik ist drin. Dass die Individualisierung von Marginalisierungserfahrungen (um mal im Duktus des Zeitgeists zu verbleiben) das Produkt eines kapitalistischen Wirtschafts- und Wertesystems ist, sollte aber langsam auch klar sein. Weiterhin prangert Tlusty zurecht die Banalisierung zermürbender weiblicher Reproduktionsarbeit (Bezug auf Federici) und Doppelbelastung durch Beruf und Familie (idealisierte Vorstellung der „working moms“ zur kosmetischen Übertünchung überhöhter Anforderungen an die moderne Frau), das von der eigenen Lust entfremdete weibliche Begehren und die zur Omnipotenz stilisierte männliche Libido im Patriarchat sowie die von Männern konstruierten und real existierende Frauen prägenden Frauenbilder in der literarischen Fiktion (Bezug auf Bovenschens Panoptikum der Weiblichkeiten) an. Die historische Aufarbeitung der sexuellen Umwälzungen der 1960er-Jahre inklusive Kritik an den Implikationen der vermeintlichen sexuellen Befreiung hat mir besonders gut gefallen. Unfreiwillig komisch wird es, wenn im Rückblick auf die 70er-Jahre davon gesprochen wird, dass „alle Geschlechter“ sich gleichermaßen am Arbeitsmarkt beteiligen oder ihr Sexualleben genießen sollen. Anhand dünner Belege wird darüber hinaus dann auch noch die ahistorische Behauptung aufgestellt, starre Geschlechterrollen seien erst durch die Aufklärung entstanden.
Als eher misslungen empfand ich den Abschnitt zu Sexpositivität, in dem anhand von Cardi Bs WAP suggeriert wird, dass besonders schwarze Frauen eine selbstbestimmte Sexualität ausstrahlen. Worin unterscheidet die Autorin sich in ihrem Standpunkt hier von den von ihr verachteten Liberalfeministinnen, wenn sie nicht in der Lage zu sein scheint, die auf das Individuum einwirkenden systemischen Faktoren zu berücksichtigen und eine vermeintliche Selbstbestimmtheit kritisch zu hinterfragen? Ähnlich empört reagiert sie auf Bestrebungen, Hijabis und Prostituierten ihre Entscheidungsfreiheit abzusprechen, ganz so als existierten diese in einem Vakuum, statt häufig entweder direkt von äußeren oder inneren Zwängen und indirekt von gesellschaftlichen Normen und Machtverhältnissen im Sinne eines Fußabdrucks des Patriarchats versehrt zu sein. Freilich betont sie zwar an anderen Stellen, dass es keine herrschafts- und machtfreien Räume gibt und stattdessen jede Handlung, jede Interaktion und jede Entscheidung von ideologischer Prägung durchdrungen sind. Die von außen aufoktroyierte stereotype Hypersexualiserung würden schwarze Frauen jedoch laut Tlusty in einem nebulösen Prozess feministisch umdeuten und sich als Waffe aneignen - mit dem überraschenden Resultat, angeblich nicht in gewohnter Manier den männlichen Blick zu bedienen und befriedigen, sondern Selbstermächtigung zu erlangen. Hier wird deutlich, wie sehr von der Autorin mit zweierlei Maß gemessen wird: Während PoC in ihrem Weltbild per se progressive Positionen vertreten und sie in einer Verrenkung sogar den Burkini als einen gewissermaßen emanzipatorischen Akt versteht bzw. zu einem solchen umlügt (ein Burkaverbot bezeichnet sie indirekt als „Vielfaltsabwehr durch die Dominanzgesellschaft“), sollte weißen Feministinnen prinzipiell mit Misstrauen begegnet und sie im Zweifel des Verrats bezichtigt werden. Wie sehr sich Tlusty hier in identitätspolitischen Plattitüden ergeht, fällt ihr offenkundig nicht auf oder sie nimmt diese Tatsache in Kauf, um es sich nicht mit tonangebenden Aktivisten zu verscherzen. Beinahe skurril wirkt diese abenteuerliche Interpretation ebenso vor dem Hintergrund, dass die Autorin sich an zahlreichen Stellen zurecht individueller Lösungsansätze kollektiver Probleme in Form eines von ihr „Potenzfeminismus“ getauften, neoliberalen & indiviuumszentrierten Ansatzes verwehrt.
Nichtsdestotrotz begrüße ich die postulierte Kritik an der Freizügigkeit vorrangig weißer Frauen als Aushängeschild westlicher Freiheit, denn natürlich geht es auch hier im Kern um die Objektifizierung weiblicher Körper. Eine Äquidistanz zwischen repressiver Vollverschleierung und sexualisierter Entblößung als zweier Instrumente männlicher Dominanz zu imaginieren, liegt mir dabei anders als der Autorin fern. Immerhin distanziert sie sich eindeutig von Choice-Feminismus und unkritischer BDSM-Romantisierung. Das Theorem der Wünsche erster und zweiter Ordnung war mir unbekannt und ich habe es als hilfreich beim Verständnis paradoxer Verhaltensweisen (Selbstverständnis als Feministin vs. dem widersprechende Handlungen) empfunden. Persönlich hätte ich mir generell einen etwas größeren Fokus auf lesbische Perspektiven gewünscht. Den gibt es tatsächlich nur bei der etwas gekünstelt daherkommenden Thematisierung ihrer Bisexualität sowie mit dem Verweis auf die Zwangsheterosexualität einer sexistischen Trans-Youtuberin. Die Contrapoints-Huldigung war mir dann richtig unangenehm, mit dieser konformistischen Anbiederung kann ich genauso wenig anfangen wie mit den selbstgerechten Videoessays ihres Idols. Grandios fand ich wiederum den Exkurs zu Biopics, in denen Männer in erschütternder Regelmäßigkeit den ewigen Helden mimen, während selbst die wirkmächtigsten und bedeutsamsten Frauenfiguren der Geschichte überwiegend als selbstunsichere, verlorene und schutzbedürftige Liebhaberin, ergo als bloßes Komplement der Männer um sie herum agieren. Auch der Abriss zur Ungleichbehandlung der Geschlechter in der Medizin ist durchaus gelungen.
Ich halte Ann-Kristin Tlusty für eine intelligente Person, die das bestehende Geschlechterelend mit klarem Blick und klugen Ideen analysiert. Ich nehme ihr dabei jedoch nicht ab, dass sie tatsächlich an die allseits propagierte „binär imaginierte Geschlechterordnung“ glaubt, sondern vermute, dass sie viel eher in vorauseilendem Gehorsam potentielle Kritikpunkte entkräften wollte: Das Sinnbild der sanften, süßen, zarten Frau eben, die niemandem auf die Füße tritt, von dem sie Sanktionen erwarten könnte. Durch den ganzen Text ziehen sich vage inklusiv gemeinte, beiläufig eingeschobene Anspielungen, um dem Fokus auf Männer und Frauen Legitimation zu verschaffen: Transpersonen würden die Vulva als Symbol von Weiblichkeit kritisch betrachten, auch nonbinäre Menschen würden unter einem sexuellen Performancedruck leiden, nicht alle Frauen hätten eine Klitoris… Die Anmerkungen werden pflichtschuldig vorgetragen und lesen sich beinahe so, als ob sie im Nachhinein aus der Sorge heraus eingefügt worden wären, dass ein reiner Fokus auf die binäre Geschlechterordnung eine bedrohliche Angriffsfläche für vernichtende Cancelaktionen von queerfeministischer Seite bedeutet hätte. Dass hier lediglich wohlfeiles virtue signalling betrieben wird, ist für skeptische Rezipienten hoffentlich ersichtlich.
Fazit: Ein weiteres feministisches Buch, das mit „Menschen mit Uterus“ beginnt, hätte diese Welt nicht gebraucht. Die Autorin entpuppt sich (in diesem Kontext!) ironischerweise als Abziehbild genau der „süßen“, „sanften“ und „zarten“ Frau, die sie doch vehement zu kritisieren vermag, offenbar nicht willens, bei wichtigen politischen Debatten auch nur im Geringsten anzuecken. Trotz einiger sehr guter und sehr wichtiger Takes war das Buch für mich deshalb insgesamt eine herbe Enttäuschung. Wer sich eine wütende Frau erhofft, die auf Gegenwind und narzisstisch gekränkte Ideologen scheißt, wird enttäuscht. Sensible und tatsächlich kontroverse Themen werden zuverlässig umschifft, während bei vielen der behandelten Aspekte ohnehin bereits (zumindest in ihrer und meiner Bubble) ein theoretischer Konsens herrscht. All jene, die sich bereits ausführlich mit feministischer Theorie befasst haben, werden hier wohl nur auf wenige neue Gedankenansätze stoßen, wenngleich Tlusty eine eindrucksvolle Zusammenfassung verschiedener theoretischer Positionen bietet. Trotz ihrer akademischen Sprache eignet sich das Buch vermutlich gut für einen Einstieg ins Thema (abgesehen natürlich von den bereits angeführten Bemängelungen), wobei es dafür beinahe schon wieder zu komplex sein könnte.
Ich möchte die Rezension mit der möglicherweise naiven und im Spannungsfeld patriarchaler Bevormundung auf der einen und vorgegaukelter Selbstbestimmtheit auf der anderen Seite paternalistisch anmutenden Hoffnung abschließen, dass intellektuell tätige Frauen sich in ihrem Denken und Schreiben von männlichen Erwartungen zukünftig möglichst freimachen. Offensichtlich ist das angesichts der gesellschaftlichen Zurichtung und Internalisierung der von Tlusty kompetent herausgearbeiteten prototypischen Ideale kein einfacher Prozess, das ist mir völlig klar. Doch eine populäre radikalfeministische Kritik an der zeitgenössischen, männlich forcierten Femininitätskonstruktion ohne wie von Butler & Konsorten vorgenommener Ontologisierung der beobachtbaren Verhaltensmuster ist längst überfällig. Es ist bitter, dass augenscheinlich keine Bücher über Frauen mehr publiziert werden können, ohne auf queertheoretische Phantasmen zu rekurrieren und das weibliche Subjekt als Gegenstand der Analyse dadurch vollständig zu pulverisieren.
Zynisch könnte man damit aber auch konstatieren, dass Tlusty mit ihrer Typologie weiblicher Unterwerfung leider ins Schwarze getroffen hat.
Sinngemäßes Lieblingszitat: Männern bleibt es im Gegensatz zu Frauen nicht verwehrt, Kunst zu produzieren, der ein universaler Anspruch zugestanden wird. Erschafft ein Mann ein Werk, geht es darin um die Menschheit. Schreibt, malt, produziert eine Frau etwas, geht es darin angeblich immer nur um Weiblichkeit.
Feminismus ist weniger eine individuelle Entscheidung als vielmehr eine politische Aufgabe. […] Solange die ihnen zugrundeliegenden Strukturen fortbestehen, werden die Figuren der sanften, süßen und zarten Frau nicht verschwinden“ S. 160
Schon wieder ein Buch über Feminismus? JA – und was für eins. Ann-Kristin Tlusty packt den guten alten Feminismus, der mittlerweile schon ziemlich en vogue ist, am Kragen. „Offiziell ist Feminismus um mich herum längst Konsens.“ – S.9, doch, dass nicht überall, wo Feminismus drauf steht auch Feminismus drin ist, zeigt sich schnell im weiteren Verlauf des Buches.
Süß, sanft und zart, das sollen die weiblich gelesenen Personen dieser Gesellschaft sein und eingeteilt in drei Kapitel widmet sich Ann-Kristin Tlusty der süßen, der zarten und der sanften Frau und zeigt unter anderem in den Bereichen Arbeit, Sex, Popkultur und im Privaten auf, dass wir von Gleichberechtigung noch den ein oder anderen Schritt entfernt sind. Sie setzt die ganzen Thematiken dabei in einen historischen Kontext und arbeitet zudem die Differenz zwischen Ost- und Westdeutschland auf. Auf hochpointierte, reflektierte Weise schildert Ann-Kristin Tlusky welche Auswirkungen Kapitalismus, Rassismus, Klassismus und Potenzfeminismus auf Frauen und ihr Bild in der Gesellschaft haben. „SÜSS“ ist ein so wichtiges, gut recherchiertes Buch, das definitiv zu den feministischen Must-Reads des Jahres zählt. Und um diese Rezension mit einem der vielen klugen Gedanken der Autorin abzuschließen: „Selbst die reflektierteste Feministin wird in den Winkeln ihres Denkens gelegentlich auf etwas stoßen, das sich eben nicht sonderlich feministisch anfühlt. Liebe Grüße, dein inneres Patriachat.“ – S. 12
Ufff! Viele wichtige Infos und Wiederholungen für mich aber eine Sache hat mich besonders gepackt und in meine Jugend und early Twenties zurückversetzt, denn ich habe damals häufig bewusst infantil und "süß" mit den boys gechattet. Die damit einhergehende Verbindung zum Mädchensein/Frausein ist mir jetzt erst richtig bewusst geworden. 🫣
3,5 sterne - ich fand es nicht schlecht aber an vielen stellen auch nicht unbedingt gut… z.b. fand ich die sprache viel zu elitär und auch inhaltlich waren so ein paar sachen, die mich gestört haben. beispielsweise neue begriffe für phänomene, die schon lange (von vor allem Schwarzen aktivist*innen) beschrieben wurden. ann-kristin tlusty hat den feminismus hier nicht neu erfunden, auch wenn es an vielen stellen so anklang, aber es ist trotzdem eine ganz gute zusammenfassung vieler aktueller debatten. ich glaub ich muss noch ein paar nächte drüber schlafen.
habs in einer zugreise am stück gelesen & hatte eine gute zeit. habe nicht soo viele neue erkenntnisse gehabt, aber fand es nochmal sehr angenehm, über sanftheit usw. nachzudenken. fand lustig, dass ich mich erst an der ein oder anderen stelle ertappt gefühlt habe und dann Tlusty stetig wiederholt hat, dass es keine individuelle kritik ist haha. lieb ich. 🌟 das fazit am ende fand ich leider bisschen überflüssig, aber das kann gut an meiner wahrnehmung liegen. ich bin nämlich schnell gelangweilt wiederholungen. 🌝
Ich habe es als Hörbuch gehört und mich damit der Freude beraubt es performativ in nem schicken Café in der Stadt zu lesen... dafür kann ich es jetzt hier loggen. Ähm, und das Buch fand ich auch super! Schön systematischer Blick. Hab von jemandem aus dem Wolle-Kosmos auch nichts anderes erwartet.
Endlich mal wieder ein Feminismus-Sachbuch, von dem ich mich abgeholt fühle, und dessen Botschaft nicht ist "Sei doch einfach emanzipiert". Diesen von der Autorin als "Potenzfeminismus" definierten Feminismus gilt es sich zu wehren und statt dessen das System aufzudecken, das an unterschiedlichen Diskriminierungsachsen verhindert, das wirkliche Gleichberechtigung existiert, und stattdessen klassistische, rassistische, sexistische und queerfeindliche Strukturen aufrechterhält.
Tlusty skizziert drei gesellschaftliche Anforderungen, die nach wie vor an weiblich gelesene Menschen gestellt werden: - Sanft sein (mütterlich, fürsorglich, liebevoll - die Care-Arbeiter*innen; wie uns warum es sein kann, das die emotionale, fürsorgliche und oft unentgeltliche Arbeit immer noch zum großen Teil an Frauen hängt) - Süß sein (sexuell verfügbar, aber nicht zu fordernd, hübsch, gefügig, ohne nennenswertes eigenes Begehren; das Gegenüber zum sexuell angetriebenem Mann) - Zart sein (die femme fragile - die hilfebdürftige, unmündige, schwache Frau, der im gleichen Zug auch die Fähigkeit zum Gewaltakt abgesprochen wird)
Dabei werden von Netflix-Serien, Youtuberinnen, und Sally Rooney bis hin zu Goethe und Simone de Beavoir alle zitiert.
Einfach echt eine große Empfehlung für alle die mal wieder was anderes Lesen wollen als immer die selben Insta-Feminismus-Parolen.
Erfrischende, analytische und intersektionale Gedanken, untermauert mit treffenden Verweisen und Zitaten; der Duktus war mir ein persönlicher Hochgenuss.
Inhalt: Kritik am sog. „Potenzfeminismus“, „der Idee eines feministischen Kampfes, der weniger für eine gerechte Gesellschaft als lediglich für individuelle weibliche Ermächtigung steht“.
Tusly beschreibt drei historisch gewachsene „Figuren“, die mit Weiblichkeit in Verbindung gebracht werden und zentrale feministische Themen verkörpern: dem Kampf um sexuelle Selbstbestimmung, die Anerkennung von Sorgearbeit sowie für Eigenständigkeit.
Sanft: „Die sanfte Frau verzuckert eine erschöpfte, lohnarbeitende Welt. Sie verhält sich fürsorglich, ist aufmerksam, stets um das Wohlergehen anderer bemüht“ Süß: „Die süße Frau betrachtet sich selbst aus den Augen eines anderen, als sei sie eine Ware: verfügbar und konsumierbar“ Zart: „Die zarte Frau ist eine Hälfte, ein Schatten, ein Komplement, harmlos, abhängig, unschuldig, lieblich“
3,5 Sterne- Wenn man schon einiges zum Feminismus gelesen hat, findet man in dem Buch wenige Wow-Momente. Tlusty hat mega gut recherchiert, manchmal hätte ich mir die Sprache etwas weniger akademisch gewünscht, damit es wirklich ein gutes Einsteiger-/ Standartwerk des Feminismus sein kann. Ich hab wirklich gute Impulse bekommen, gerade das Kapitel „zart“ hat es mir angetan!
Die Idee des potenzfeminismus mag neu klingen, war für mich aber keine Entdeckung der Autorin , sondern für mich einfach nur das, was ich unter Neoliberalität verstehe aber gut. Mir war dann doch öfter mal zu viel an anderen Frauen rum kritisiert und - um den potenzfemismus abzulehnen- dann oft eine super passive Rolle der Frau eingenommen und gerade bei weißen cis Frauen ist das Quark. Insgesamt hat mir ein bisschen die Perspektive gefehlt, dass ja auch die Autorin eine weiße, akademische cis-Frau ist… am Ende ist es natürlich nochmal große Kapitalismuskritik was sicherlich stimmt, weil man Femismus nicht ohne Kritik am Kapitalismus denken kann, aber war mir dann zu kurz und zu Blabla.
Unfreiwillig zeigt das Buch eindrucksvoll, dass eine sinnvolle feministische Kritik, in der es um das Leid von Frauen in patriachalen Verh��ltnissen gehen soll, nicht mehr möglich ist, wenn sie sich von queerfeministischen Einflüssen blind machen lässt.
An sich halte ich viel davon, Schreibende ernst zu nehmen, indem ich sie beim Wort nehme. Wenn ich dies allerdings bei diesem Buch machen würde, dann müsste ich es als durchweg plattitüdenhaft und in großen Teilen als schlicht unwahr abtun:
Im ersten Kapitel versucht sich die Autorin nämlich zurechtfertigen wieso sie überhaupt noch ein Buch über das Leid von Frauen schreibt (ihr Gedanke: birgt das nicht die Gefahr das Leid von Menschen unsichtbar zu machen, deren Geschlechtsidentität aus dem binären System herausfallen und die vielleicht stärker diskriminiert seien?) und "rettet" sich damit, dass sie (offensichtlich wieder besseren Wissens!) eine vollkommen willkürliche queerfeministische Definition von Frau übernimmt: eine Frau sei laut dieser Definition jeder Mensch, der seine eigene Bedürfnisse denen von anderen Menschen unterordnet.
Wenn man nun ab Kapitel zwei jedes Mal das Wort Frau durch ihre willkürliche Definition ersetzen würde, würde kompletter Unsinn rauskommen! (Ich hänge in den Kommentaren ein paar Beispiele an, ihr könnt aber auch selbst ins Buch hinein lesen und jeden beliebigen Satz, in dem das Wort Frau vorkommt nehmen, um zu verstehen was ich meine). Es wird beim Lesen also komplett offensichtlich, dass die Autorin definitiv nicht an die Definition von Frau aus dem ersten Kapitel denkt, wenn sie Frau schreibt, sondern offensichtlich mit einer anderen Definition arbeitet. Und nur weil sie das tut, also wenn sie Frauen sagt auch Frauen meint und eben nicht beliebige Menschen mit einer bestimmten psychischen Einstellung, gelingt es ihr treffende und wichtige feministische Kritik zu formulieren.
An sich könnte sie mit ihrer Kategorie der sanften Frau übrigens auch ihre eigene Einleitung (und den Trend, für den diese symptomatisch steht) problematisieren: Obwohl Frauen unter patriarchalen Verhältnissen als Frauen leiden, haben immer mehr Feministinnen Schuldgefühle, wenn sie kämpferisch für ihre eigenen Bedürfnisse einstehen (also in diesem Fall ein Buch zu schreiben, in dem es explizit um Frauen geht): Sie haben (wie es von ihnen als sanfte Frauen erwartet wird) das Gefühl, dass es viel mehr auf die Bedürfnisse aller anderen (vermeintlich oder tatsächlich) stärker diskriminierten Menschen ankäme.
Jede Person, die dieses Buch wichtig findet, sollte sich darüber bewusst werden wie wichtig es ist in kritischer Absicht den Begriff Frau gegen eine queerfeministische Sinnentleerung zu verteidigen, denn wenn diese tatsächlich das Denken der Autorin bestimmt hätte, wäre das Buch garnicht erst entstanden.
Was hat der Feminismus im letzten Jahrzehnt doch für eine Karriere hingelegt! In den 1990er Jahren medial noch für tot erklärt, ist er heute allgegenwärtig - eine emanzipatorische Bewegung, bei der alle irgendwie dabei sein wollen. Begriffe wie Female Empowerment, Body Positivity oder Frauenquote begegnen uns fast täglich in den (Sozialen) Medien, doch wie sieht der tatsächliche Fortschritt in Sachen Gleichberechtigung aus?
In ihrer feministischen Kritik mit dem Namen "Süß" beleuchtet Ann-Kristin Tlusty drei Phantasmen über die sogenannte Weiblichkeit: die sanfte Frau ist fürsorglich und leistet unbezahlte Care-Arbeit während sie einer bezahlten Tätigkeit nachgeht. Die süße Frau ist sexuell nachgiebig und lässt dabei ihre eigenen Bedürfnisse außer Acht. Die zarte Frau ist zerbrechlich, unmündig und stets auf das „starke Geschlecht“, den Mann an ihrer Seite, angewiesen.
Wie diese Rollenbilder historisch gewachsen sind und trotz des heute allgegenwärtigen Diskurses zum Feminismus fortbestehen, erläutert Tlusty sowohl anhand klassischer Literaturverweise als auch der Popkultur. Dabei macht die Autorin deutlich: Frauen (und all jene, die sich als solche verstehen) sind so durch die gesellschaftliche Definition des Frauseins geprägt, dass sie immer wieder unbewusst in altertümliche Muster und Verhaltensweisen zurückfallen, obwohl sie sich selbst als Feministinnen verstehen.
Warum jedoch Empowerment als Allzweckwaffe für den feministischen Wandel nicht ausreicht, diskutiert Ann-Kristin Tlusty in diesem schmalen Büchlein, ohne dabei einen belehrenden Ton anzuschlagen. Stattdessen finden sich viele kleine Anekdoten aus ihrem privaten Umfeld auf den Seiten wieder, die vermutlich den meisten Leser:innen an der einen oder anderen Stelle bekannt vorkommen werden.
Ein durchaus lesenswertes Essay, das zur Selbstreflexion anregt und einen etwas anderen Blickwinkel auf die Debatte des Feminismus liefert.
Noch ein Buch über Feminismus? Ja und was für eins! "SÜSS" von Ann-Kristin Tlustly hat das Zeug zum modernen Klassiker.
Auf knapp 200 Seiten legt die Autorin dar, warum feministische Kämpfe über Gleichstellungsfragen hinausgehen müssen. Sie beleuchtet, wie Kapitalismus und Patriarchat die Weiblichkeit verzuckern und Geschlechterrollen unter einem süßen Guss konservieren. Frauen, so die These, sollen süß sein, sanft und zart.
Der Potenzfeminismus verspricht die freie Wahl zwischen unbegrenzten Möglichkeiten: "Das süße Leben wartet, du musst nur zugreifen!" Ann-Kristin Tlusty zeigt auf, warum selbst die emanzipiertesten von uns in die klebrige Falle tappen, die sexy Spaß verspricht, in Wahrheit aber auch nur uralte Strukturen von Ausbeutung und vergeschlechtlichter Ordnungszwänge verdeckt.
"SÜSS" knüpft da an, wo Stokowskis "Untenrum Frei" aufhört und beweist, dass der Feminismus nur weiterkommen kann, wenn es uns gelingt, intersektionale Perspektiven einzubeziehen und über die individuellen Bedürfnisse hinauszublicken. Ann-Kristin Tlustly geht über das binäre Verständnis von Geschlecht hinaus und versteht Weiblichkeit als "psychologische Disposition". Dass der "binäre Ballast" aber noch immer prägend, von den meisten unhinterfragt und letztlich systemerhaltend ist, wird aber nicht geleugnet, sondern vielmehr kritisch betrachtet.
Das Buch ist für Einsteiger*innen ins Thema und für alte Häs*innen gleichermaßen bereichernd und zugänglich.
Süß, zart und sanft. Tlusty zeigt, dass diese dem weiblichen Geschlecht zugeschriebenen Attribute weniger harmlose Folgen haben, als ihr Klang vermuten lässt. Die Rollenmuster, in die fast alle Frauen bewusst und unbewusst fallen, gründen nach Tlusty auf den drei Frauentypen, die sie eben als Zarte, Sanfte und Süße bezeichnet. Ausgehend von Erfahrungen ihrer Freundinnen zeigt mit Ergebnissen wissenschalicher Studien verknüpft, wie sich das auf Carework, vermeintliche sexuelle Selbstbestimmung, Aufopferung u.v.m. auswirkt. Sogenannter „Potenzfeminismus“ greife zu kurz, wenn er nur das individuelle Empowerment von Frauen betone, die strukturelle Benachteiligung hingegen vernachlässige. Ich vermisste beim Lesen die ganze Zeit die größeren politischen Dimensionen, empfand die persönliche sexuelle Befriedigung der Freundinnen beim Daten zwar nicht als vernachlässibar, jedoch im Vergleich zu feminisierter Altersarmut, prekärer Bezahlung vieler Frauen in Pflegeberufen, Gewalt gegen Frauen, etc. ein wenig nebensächlich. Erst der Epilog nimmt all diese Themen auf und setzt die vorangegangenen Analysen zu einer Vision einer gerechteren Gesellschaft um. Dies nur „Epilog“ zu nennen ist schon schade.
Für mich hat Ann-Kristin Tlusty mit ihrer Analyse vom Süß-Sein einen Nerv getroffen! Ich hab gefühlt alles markiert und wenn Ausrufezeichen nicht gereicht haben, hab ich noch ein Herz dazu gemalt. Für mich war das eine neue Form der Auseinandersetzung mit Feminismus, die zum einen die Reflexion von persönlichen Erfahrungen, Empfindungen, Gedanken und Fragen ermöglicht und zum anderen dies immer im gesellschaftlichen Kontext betrachtet. Ich hab das Buch bereits nach 20 Seiten ein zweites Mal gekauft und einer Freundin geschenkt und weiß jetzt schon, dass ich es weiteren Freundinnen schenken werden und es auch meiner Mama besorgen werde, weil ich das Gefühl hab, dass sie mit dem Buch ein bisschen besser verstehen könnte womit ich mich eigentlich ständig auseinandersetze, warum ich so wütend bin und das sie es auch sein sollte.
Ich hatte immer eine intuitive Abneigung gegen das Wort süß bzw. als so bezeichnet zu werden, die ich teilweise, aber nie komplett erklären konnte. Tlustys Essay (bzw. eigentlich drei Essays) sind eine scharfe Analyse, wie Weiblichkeit auf verschiedene Arten abgewertet, verniedlicht und kleingehalten wird und wie die Zuschreibung „Süß“ im Zentrum dessen steht. Ein feministisches Buch, was sich sowohl für diejenigen, die gerade beginnen sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, als auch schon viel Belesene lohnt!
Einzeln hergenommen zwar nur wenig neue Erkenntnisse, die Verknüpfungen und Bezüge auf- und untereinander aber sehr hilfreich, insbesondere das letzte Kapitel (zur Zartheit) hat mir sehr gut gefallen. Mal abgesehen davon: mag den Schreibstil und Witz Tlustys sehr, sehr gerne. Insgesamt bleibt nur zu sagen: ich lieb's.
Ein kluges, präzises und mitreissendes Hörbuch, das tief in die Strukturen gesellschaftlicher Ungleichheiten eintaucht – und das Beste: Es wird von der Autorin selbst gelesen. Das verleiht dem Text noch mehr Authentizität und Nachdruck.
Obwohl bereits im Herbst 2021 erschienen, ist die Analyse hochaktuell. Besonders beeindruckt hat mich das intersektionale Verständnis von Feminismus sowie die differenzierte Auseinandersetzung mit Geschlecht. Die Autorin nimmt dabei nicht nur eine allgemeine Perspektive ein, sondern berücksichtigt auch die unterschiedlichen Erfahrungen in Ost- und Westdeutschland – ein Aspekt, der oft in der deutschen Analyse zu kurz kommt. Dennoch ist das Buch weit über diese Kontexte hinaus relevant und spricht Hörer*innen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum an.
Neben seiner inhaltlichen Stärke überzeugt das Hörbuch auch durch seinen zugänglichen Stil. Es eignet sich hervorragend als Einstieg in feministische Theorie und ist zugleich ein inspirierender Impuls für all jene, die sich bereits mit Fragen der Gleichberechtigung auseinandergesetzt haben.
Eine klare Empfehlung – informativ, engagiert und aufrüttelnd.
Definitiv 2-3 Aussagen, die hängen geblieben sind und über die ich noch weiter nachdenken, diskutieren und verinnerlichen werde. An sich fand ich es für mich aber wirklich schwer, mich zum Lesen zu motivieren. Ich denke es liegt an der Art, wie es geschrieben ist. Ich lese durchaus viele Sachbücher, auch kritische, aber ich kann leider nicht behaupten, dass mich das Lesen dieses Buches "unterhalten" hätte.
Tlusty zeigt eindrücklich, dass Feminismus nicht heißen kann, einen Workshop zur Erkundung der Klitoris zu besuchen oder das Leisten von Sorgearbeit abzulehnen - sprich sich auf individueller Ebene vermeintlich aus sexistischen Strukturen zu lösen. Feminismus bedeutet, kollektiv das miteinander verwobene Patriarchat und neoliberale System zu überwinden. Zwischen all den Büchern, die momentan um das Thema Feminismus erscheinen, ist „Süß“ erfrischend kritisch gegenüber dem gegenwärtigen Mainstreamfeminismus.
Ein wirklich gutes Buch, dass das Frausein in drei Bereiche einteilt: sanft, süß und zart. Es meint, dass Frauen sehr viel mehr Sorgearbeit leisten, die oftmals schlecht oder gar nicht bezahlt wird; das meint „sanft“. Dass Frauen als sexuell nachgiebig und konsumerabel gelten; das meint „süß“. Dass Frauen in vielen Zusammenhängen viel weniger Mündigkeit zugestanden wird; das meint „zart " Zitat Tlusty. Die drei Bereiche werden mit Erfahrungen, Popkultur und Sachkompetenz niedrigschwellig vermittelt.
Also Hörbuch gehört, kann ich empfehlen.
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Ein sehr interessanter und für mich neuer Blickwinkel auf den Sexismus. Die Aufteilung in sanft, süß und zart funktioniert sehr gut wird mir im Gedächtnis bleiben.