2,5!
Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll und werde mich im Folgenden sicherlich angreifbar machen. Vermutlich müsste man bei der Bewertung des Textes die Einleitung von den späteren Kapiteln trennen, in denen wirklich wichtige, wenn auch nicht zwingend neue Erkenntnisse präsentiert werden. Ich stimme Tlustys in den späteren Kapiteln verhandelter, eindeutig antikapitalistischer Analyse jedenfalls weitestgehend zu. Gleichzeitig hat mich selten ein Buch so außerordentlich verwirrt, weil die Autorin enorme Probleme damit zu haben scheint, ihren eigenen zugegebenermaßen souverän geschriebenen und stark verdichteten Text kritisch zu reflektieren. Der blinde Fleck in ihrer Argumentation sprang mich so stark an, dass ich mir kaum vorstellen kann, wie er ihr selbst entgangen sein könnte. Ich finde dieses Versäumnis wirklich schade, denn es macht ein im Grunde ehrenwertes Unterfangen zunichte - ich glaube der Autorin nämlich absolut, dass es ihre Intention war, historisch gewachsene, gefällige und gefügige Frauenrollen zu problematisieren und dass die Wut auf die Verhältnisse, die Männer über Frauen triumphieren und sie emotional, physisch und sexuell ausbeuten lässt, in diesem Prozess als Triebfeder fungierte. Ihr Buch offenbart jedoch leider das zentrale Problem des modernen Feminismus: Die Unfähigkeit einer eindeutigen (und doch so simplen) Definition der Frau bzw. eines weiblichen Subjekts verunmöglicht eine Kritik an den Verhältnissen, unter denen diese(s) leidet. Judith Butlers Erbe erweist sich in diesem Kontext als eine Geißel des Befreiungskampfes der Frauen.
In der Einleitung beruft Tlusty sich neben dem leider obligatorisch gewordenen Butler-Verweis auf Andrea Long Chu, einer transidenten und aus meiner Perspektive dezidiert antifeministischen US-amerikanischen Person, die Frausein bzw. Weiblichkeit mit der psychologischen Disposition gleichsetzt, benutzt werden zu wollen und die eigenen Bedürfnisse zu verleugnen. Zur Klarstellung: Selbstverständlich ignorieren Frauen ihre Bedürfnisse ununterbrochen zugunsten von Männern, lassen sich fortwährend unterjochen und ausbeuten, sei es bei unentlohnter Carearbeit, in der sexuellen oder beruflichen Sphäre. Es besteht allerdings ein Unterschied darin, diesen deprimierenden Zustand zu skandalisieren oder ihn, wie Long Chu und Tlusty es ganz ungeniert tun, als ultimative Weiblichkeit bzw. Femininität zu essentialisieren. Letzteres lässt sich nur als regressiv bezeichnen und zweifelsohne als deutlich schädlicher als das Festhalten an biologischen Kriterien zur geschlechtlichen Verortung.
Es ist natürlich ohnehin höchst bedenklich, dass eine selbsternannte Feministin dieser wahnsinnig misogynen Definition folgt - möglicherweise ist sie nicht mal von dieser überzeugt und folgt ihr nur, um niemanden vor den Kopf zu stoßen, da hatte wohl jemand die Verkaufszahlen im linksliberalen/postmodernen Milieu im Blick :) - absurder allerdings wird die Situation dadurch, dass die Autorin damit bereits in der Einleitung ihr eigentliches Anliegen konterkariert und dem Leser demonstriert, wie lustvoll sie sich selbst in die von ihr geschilderte und ja leider in der Realität durchaus zutreffende Kategorie einer devoten Frau fügt, die sich zwar einerseits dankenswerterweise diskriminierenden Geschlechterverhältnissen widmet, bei der Begriffsbestimmung jedoch die Realität verleugnet und sich die Definitionsmacht vom aktuellen poststrukturalistischen Diskurs diktieren lässt.
Tlusty ist dementsprechend nicht gänzlich in der Lage, für sich, für andere Frauen und letztlich die gesamte weibliche Klasse einzustehen. Ein Subjekt Frau erscheint ihr sogar „altmodisch“, wie sie freimütig einräumt. Sie scheitert daran, die Entität Frau vor willkürlichen Zuschreibungen zu bewahren und die der Diskriminierung von Frauen zugrunde liegenden körperlichen Merkmale unmissverständlich herauszustellen - stattdessen redet sie jenen nach dem Mund, die längst überholte Geschlechterklischees reproduzieren und vor allem Frauen durchgehend abwerten, sexualisieren und fetischisieren. Die Schwäche und Fügsamkeit der Autorin in dieser Hinsicht haben mich wütend gemacht und mir die Lektüre gehörig verdorben. Mir ist bewusst, dass es Frauen im Patriarchat strukturell schwerer als Männern fällt, für eigene Bedürfnisse einzustehen. Aber das entschuldigt den gefährlichen Quatsch nicht, auf den die Autorin sich hier affirmativ bezieht. Wer eine solche Angst vor männlichem Zorn, dem Entzug männlicher Validierung oder Sanktionen innerhalb der (pseudo-)feministischen Linken hat, hat meines Ermessens zwar nicht jegliche, aber doch eine gewisse Glaubwürdigkeit als Feministin verspielt und hätte vielleicht einfach kein Buch veröffentlichen sollen, in dem sie ihr eigentliches Anliegen untergräbt, weil sie bereits in der Einleitung ihre eigene abschätzige Definition einer Frau so schmerzlich genau erfüllt. Sie führt ihre Argumentationslinie auf Kosten weiblicher Interessen ad absurdum - die Einleitung hätte sich paradoxerweise glänzend als Beispiel für das ansozialisierte, strukturell unterwürfige und umsorgende Verhalten einer durchschnittlich vom Patriarchat zugerichteten Frau geeignet, auf das die Kritik im Buch so treffend abzielt.
Die Unterteilung weiblicher Subjekte - Long Chus irrer Definition folgend wäre übrigens auch ich eine Frau - in drei Figuren wirkt recht beliebig und konstruiert, weil die süße, sanfte und zarte Frau keine trennscharfen Kategorien darstellen, die Begrifflichkeiten sind sich einfach zu nah und zu vage. Dennoch ist die Herausarbeitung der auf allen Frauen lastenden gesellschaftlichen Erwartungen natürlich relevant und notwendig: Sie sollen sich um andere Menschen (vorrangig Männer) kümmern, dabei stets angenehm zurückhaltend und altruistisch agieren, keinen Raum einnehmen, ihre Emotionen vorbildlich regulieren, so wie es ihrem angeblich qua Natur aufopferungsvollen und sozial verträglichen Wesen entspricht. Und: Sie werden aus Prinzip nicht ernst genommen, weder in ihrer Ansprüchen noch in ihrer berechtigten Wut noch, wie am Beispiel der Rechtsterroristin Beate Zschäpe illustriert, im Zustand hasserfüllter Brutalität. Die drei Archetypen bieten dabei meiner Ansicht nach allerdings keinen großen Mehrwert, auch wenn die Attribute der weiblichen Sozialisierung halbwegs gerecht werden.
Ansonsten: Ja, Girlboss-Kritik ist drin. Dass die Individualisierung von Marginalisierungserfahrungen (um mal im Duktus des Zeitgeists zu verbleiben) das Produkt eines kapitalistischen Wirtschafts- und Wertesystems ist, sollte aber langsam auch klar sein. Weiterhin prangert Tlusty zurecht die Banalisierung zermürbender weiblicher Reproduktionsarbeit (Bezug auf Federici) und Doppelbelastung durch Beruf und Familie (idealisierte Vorstellung der „working moms“ zur kosmetischen Übertünchung überhöhter Anforderungen an die moderne Frau), das von der eigenen Lust entfremdete weibliche Begehren und die zur Omnipotenz stilisierte männliche Libido im Patriarchat sowie die von Männern konstruierten und real existierende Frauen prägenden Frauenbilder in der literarischen Fiktion (Bezug auf Bovenschens Panoptikum der Weiblichkeiten) an. Die historische Aufarbeitung der sexuellen Umwälzungen der 1960er-Jahre inklusive Kritik an den Implikationen der vermeintlichen sexuellen Befreiung hat mir besonders gut gefallen. Unfreiwillig komisch wird es, wenn im Rückblick auf die 70er-Jahre davon gesprochen wird, dass „alle Geschlechter“ sich gleichermaßen am Arbeitsmarkt beteiligen oder ihr Sexualleben genießen sollen. Anhand dünner Belege wird darüber hinaus dann auch noch die ahistorische Behauptung aufgestellt, starre Geschlechterrollen seien erst durch die Aufklärung entstanden.
Als eher misslungen empfand ich den Abschnitt zu Sexpositivität, in dem anhand von Cardi Bs WAP suggeriert wird, dass besonders schwarze Frauen eine selbstbestimmte Sexualität ausstrahlen. Worin unterscheidet die Autorin sich in ihrem Standpunkt hier von den von ihr verachteten Liberalfeministinnen, wenn sie nicht in der Lage zu sein scheint, die auf das Individuum einwirkenden systemischen Faktoren zu berücksichtigen und eine vermeintliche Selbstbestimmtheit kritisch zu hinterfragen? Ähnlich empört reagiert sie auf Bestrebungen, Hijabis und Prostituierten ihre Entscheidungsfreiheit abzusprechen, ganz so als existierten diese in einem Vakuum, statt häufig entweder direkt von äußeren oder inneren Zwängen und indirekt von gesellschaftlichen Normen und Machtverhältnissen im Sinne eines Fußabdrucks des Patriarchats versehrt zu sein. Freilich betont sie zwar an anderen Stellen, dass es keine herrschafts- und machtfreien Räume gibt und stattdessen jede Handlung, jede Interaktion und jede Entscheidung von ideologischer Prägung durchdrungen sind. Die von außen aufoktroyierte stereotype Hypersexualiserung würden schwarze Frauen jedoch laut Tlusty in einem nebulösen Prozess feministisch umdeuten und sich als Waffe aneignen - mit dem überraschenden Resultat, angeblich nicht in gewohnter Manier den männlichen Blick zu bedienen und befriedigen, sondern Selbstermächtigung zu erlangen. Hier wird deutlich, wie sehr von der Autorin mit zweierlei Maß gemessen wird: Während PoC in ihrem Weltbild per se progressive Positionen vertreten und sie in einer Verrenkung sogar den Burkini als einen gewissermaßen emanzipatorischen Akt versteht bzw. zu einem solchen umlügt (ein Burkaverbot bezeichnet sie indirekt als „Vielfaltsabwehr durch die Dominanzgesellschaft“), sollte weißen Feministinnen prinzipiell mit Misstrauen begegnet und sie im Zweifel des Verrats bezichtigt werden. Wie sehr sich Tlusty hier in identitätspolitischen Plattitüden ergeht, fällt ihr offenkundig nicht auf oder sie nimmt diese Tatsache in Kauf, um es sich nicht mit tonangebenden Aktivisten zu verscherzen. Beinahe skurril wirkt diese abenteuerliche Interpretation ebenso vor dem Hintergrund, dass die Autorin sich an zahlreichen Stellen zurecht individueller Lösungsansätze kollektiver Probleme in Form eines von ihr „Potenzfeminismus“ getauften, neoliberalen & indiviuumszentrierten Ansatzes verwehrt.
Nichtsdestotrotz begrüße ich die postulierte Kritik an der Freizügigkeit vorrangig weißer Frauen als Aushängeschild westlicher Freiheit, denn natürlich geht es auch hier im Kern um die Objektifizierung weiblicher Körper. Eine Äquidistanz zwischen repressiver Vollverschleierung und sexualisierter Entblößung als zweier Instrumente männlicher Dominanz zu imaginieren, liegt mir dabei anders als der Autorin fern. Immerhin distanziert sie sich eindeutig von Choice-Feminismus und unkritischer BDSM-Romantisierung. Das Theorem der Wünsche erster und zweiter Ordnung war mir unbekannt und ich habe es als hilfreich beim Verständnis paradoxer Verhaltensweisen (Selbstverständnis als Feministin vs. dem widersprechende Handlungen) empfunden. Persönlich hätte ich mir generell einen etwas größeren Fokus auf lesbische Perspektiven gewünscht. Den gibt es tatsächlich nur bei der etwas gekünstelt daherkommenden Thematisierung ihrer Bisexualität sowie mit dem Verweis auf die Zwangsheterosexualität einer sexistischen Trans-Youtuberin. Die Contrapoints-Huldigung war mir dann richtig unangenehm, mit dieser konformistischen Anbiederung kann ich genauso wenig anfangen wie mit den selbstgerechten Videoessays ihres Idols. Grandios fand ich wiederum den Exkurs zu Biopics, in denen Männer in erschütternder Regelmäßigkeit den ewigen Helden mimen, während selbst die wirkmächtigsten und bedeutsamsten Frauenfiguren der Geschichte überwiegend als selbstunsichere, verlorene und schutzbedürftige Liebhaberin, ergo als bloßes Komplement der Männer um sie herum agieren. Auch der Abriss zur Ungleichbehandlung der Geschlechter in der Medizin ist durchaus gelungen.
Ich halte Ann-Kristin Tlusty für eine intelligente Person, die das bestehende Geschlechterelend mit klarem Blick und klugen Ideen analysiert. Ich nehme ihr dabei jedoch nicht ab, dass sie tatsächlich an die allseits propagierte „binär imaginierte Geschlechterordnung“ glaubt, sondern vermute, dass sie viel eher in vorauseilendem Gehorsam potentielle Kritikpunkte entkräften wollte: Das Sinnbild der sanften, süßen, zarten Frau eben, die niemandem auf die Füße tritt, von dem sie Sanktionen erwarten könnte. Durch den ganzen Text ziehen sich vage inklusiv gemeinte, beiläufig eingeschobene Anspielungen, um dem Fokus auf Männer und Frauen Legitimation zu verschaffen: Transpersonen würden die Vulva als Symbol von Weiblichkeit kritisch betrachten, auch nonbinäre Menschen würden unter einem sexuellen Performancedruck leiden, nicht alle Frauen hätten eine Klitoris… Die Anmerkungen werden pflichtschuldig vorgetragen und lesen sich beinahe so, als ob sie im Nachhinein aus der Sorge heraus eingefügt worden wären, dass ein reiner Fokus auf die binäre Geschlechterordnung eine bedrohliche Angriffsfläche für vernichtende Cancelaktionen von queerfeministischer Seite bedeutet hätte. Dass hier lediglich wohlfeiles virtue signalling betrieben wird, ist für skeptische Rezipienten hoffentlich ersichtlich.
Fazit: Ein weiteres feministisches Buch, das mit „Menschen mit Uterus“ beginnt, hätte diese Welt nicht gebraucht. Die Autorin entpuppt sich (in diesem Kontext!) ironischerweise als Abziehbild genau der „süßen“, „sanften“ und „zarten“ Frau, die sie doch vehement zu kritisieren vermag, offenbar nicht willens, bei wichtigen politischen Debatten auch nur im Geringsten anzuecken. Trotz einiger sehr guter und sehr wichtiger Takes war das Buch für mich deshalb insgesamt eine herbe Enttäuschung. Wer sich eine wütende Frau erhofft, die auf Gegenwind und narzisstisch gekränkte Ideologen scheißt, wird enttäuscht. Sensible und tatsächlich kontroverse Themen werden zuverlässig umschifft, während bei vielen der behandelten Aspekte ohnehin bereits (zumindest in ihrer und meiner Bubble) ein theoretischer Konsens herrscht. All jene, die sich bereits ausführlich mit feministischer Theorie befasst haben, werden hier wohl nur auf wenige neue Gedankenansätze stoßen, wenngleich Tlusty eine eindrucksvolle Zusammenfassung verschiedener theoretischer Positionen bietet. Trotz ihrer akademischen Sprache eignet sich das Buch vermutlich gut für einen Einstieg ins Thema (abgesehen natürlich von den bereits angeführten Bemängelungen), wobei es dafür beinahe schon wieder zu komplex sein könnte.
Ich möchte die Rezension mit der möglicherweise naiven und im Spannungsfeld patriarchaler Bevormundung auf der einen und vorgegaukelter Selbstbestimmtheit auf der anderen Seite paternalistisch anmutenden Hoffnung abschließen, dass intellektuell tätige Frauen sich in ihrem Denken und Schreiben von männlichen Erwartungen zukünftig möglichst freimachen. Offensichtlich ist das angesichts der gesellschaftlichen Zurichtung und Internalisierung der von Tlusty kompetent herausgearbeiteten prototypischen Ideale kein einfacher Prozess, das ist mir völlig klar. Doch eine populäre radikalfeministische Kritik an der zeitgenössischen, männlich forcierten Femininitätskonstruktion ohne wie von Butler & Konsorten vorgenommener Ontologisierung der beobachtbaren Verhaltensmuster ist längst überfällig. Es ist bitter, dass augenscheinlich keine Bücher über Frauen mehr publiziert werden können, ohne auf queertheoretische Phantasmen zu rekurrieren und das weibliche Subjekt als Gegenstand der Analyse dadurch vollständig zu pulverisieren.
Zynisch könnte man damit aber auch konstatieren, dass Tlusty mit ihrer Typologie weiblicher Unterwerfung leider ins Schwarze getroffen hat.
Sinngemäßes Lieblingszitat: Männern bleibt es im Gegensatz zu Frauen nicht verwehrt, Kunst zu produzieren, der ein universaler Anspruch zugestanden wird. Erschafft ein Mann ein Werk, geht es darin um die Menschheit. Schreibt, malt, produziert eine Frau etwas, geht es darin angeblich immer nur um Weiblichkeit.