Wirklich selten hat sich ein Buch so anders entwickelt als das, was ich durch den Klappentext erwartet habe. Aber der Reihe nach.
Jonas Fuhrman ist ein junger ukrainischer Jude, der als Offizier in der russischen Armee dient. Es ist die Zeit des Ersten Weltkriegs und Jonas lagert mit seinem älteren Bruder Kain, ebenfalls Offizier, und seiner Truppe von Kosaken an einem Fluss weitab des Kriegsgeschehens. Sie machen sich nicht sonderlich viele Gedanken dazu, was passiert, wenn andere russische Soldaten sie so verab aller Handlungen antreffen würden - Jonas denkt vor allem an seine Verlobte Jelena, die er sehnsüchtig vermisst und bald nach seiner Rückkehr heiraten möchte. Doch es kommt anders: der junge Offizier stirbt bei einem Überraschungsangriff durch Ulanen und erwacht einige Zeit später als Vampir...
Wie kann er sich nun Jelena nähern? Seine neuen Gelüste müssen erst einmal halbwegs im Griff sein und darüber wird ihm auch klar, dass nichts mehr so sein kann, wie er es sich gewünscht hat. Nachdem er Mut geschöpft hat und Helenas Zuhause aufsucht, muss er feststellen, dass Kain nun an seiner Statt Jelena geehelicht hat. Und wieder driftet Jonas in düstere Gedanken und Selbstzweifel ab...
'Angesichts der Tragik der Existenz', sagte er sich, 'bleibt einem nur, zu verbürgerlichen.' (S.122)
Die ersten fast 200 Seiten (von insgesamt 368 Seiten) dreht sich der Roman um Jonas, seine Vampirwerdung und die Geschehnisse in Odessa, die Heimatstadt Jonas' und Jelenas. Die Handlung ist - was ich vor Beginn der Lektüre nicht erwartet hätte - ziemlich düster, splattermäßig und vor allem völlig abgedreht. Nicht nur einmal habe ich mich gefragt, was Joann Sfar mit diesem Buch bezwecken wollte. Auf mich wirkt "Der Ewige" wie eine Geschichte, die in einem Drogenrausch entstanden ist: aberwitzig, durchgeknallt, blutrünstig und irgendwie zusammengesponnen. Darüber hinaus muss ich dem Autor aber lassen, dass beim Lesen keinerlei Langeweile aufkommt - auch wenn ich mich nicht erinnern kann, dass ich bei irgendeinem anderen Buch jemals so häufig mit dem Kopf geschüttelt habe. Und das liegt nicht daran, dass außer Vampiren auch noch eine Alraune und andere Fabelwesen auftauchen - befremdlich finde ich da schon eher den Auftritt eines völlig weltentrückten H.P. Lovecrafts.
Allerdings musste ich an der ein oder anderen Stelle auch grinsen: über absurde Szenen, lustige Dialoge oder die Suizidversuche eines Vampirs, der sich zwar ernsthaft bemüht, aber nicht im Entferntesten Ahnung hat, was er zu tun hat. Naja, vielleicht halten die alten Hausmittelchen gegen die Geschöpfe der Nacht ja auch gar nicht, wer weiß.
'Danke für dein Schweigen', sagte er zu dem Baum. 'Und entschuldige, wenn ich dich jetzt auch noch mit meinem Gewicht belaste, aber jedem sein Problem.' (S.128)
Der Vampir beschloss, hängen zu bleiben wie ein Hering zum Entsalzen und darauf zu warten, dass das reinigende Gestirn erwachte. [...] Zu seinem Leidwesen stellte Jonas fest, dass er sich westwärts aufgehängt hatte, was es ihm verwehrte, im Augenblick des Verlöschens die Sonne zu sehen. (S.129)
Keine Frage, Joann Sfar versteht es zu schreiben. Er schafft es, mit kurzen, prägnanten Sätzen die Szenerie vor meinem inneren Auge entstehen zu lassen - manchmal deutlich expliziter als ich es mit gewünscht hätte. Die Atmosphäre ist düster, hat mich aber durchweg gefangen gehalten und nicht nur einmal hatte ich das Gefühl, dass dies vor allem so ist, weil der Autor Comiczeichner und Drehbuchautor ist. Mich hat diese Art des Erzählens, der Stil Sfars, sehr fasziniert, aber genauso habe ich mich auch über das Thema und den Plot gewundert. Kurzum, die Lektüre hat sich für mich sehr rasch zu einem Wechselbad der Gefühle entwickelt. Ob ich einen weiteren Roman des Autors - so er denn einen schreibt - in die Hand nehmen würde? Ich weiß es nicht, aber ich kann nicht sagen, dass ich generell abgeneigt wäre. Was ich mir allerdings wünschen würde, ist, dass ich dann nicht erneut von einem Klappentext so in die Irre geführt werde.