Die Geschichte eines Hauses und der Menschen, die es von der NS-Zeit bis heute, von Leben, Verantwortung und Erinnerung
Das alte Haus erzählt. Denn seine Mauern, Dielen und Ritzen bewahren die Erinnerungen an alle Menschen, die es jemals bewohnt haben. Schon als Kind hat Irma Thon mit ihren nazitreuen Eltern im ersten Stock gelebt. Während die 90-Jährige zurückblickt und immer wieder an die kleine Ruth Sternheim von damals denken muss, erfreuen sie die Gespräche mit Nele Bittner aus dem Vierten. Die Schülerin lernt für eine Geschichtsklausur und beginnt zu verstehen, dass die Vergangenheit nicht vergangen ist, sondern nur wenige Stufen entfernt.»Szántós Sprache fließt durch dieses Haus und durch die Zeiten, klug und voller Details. Unbedingt lesen!« Markus Thielemann»Dass die Echos der Geschichte überall sind, wenn man nur hinhört, zeigt dieser originelle Roman.» Raphaela Edelbauer
Henrik Szanto is a very succesful slam poet in Austria and Germany, and in 2016 he realesed his first book. He is half Finn and half Hungarian but grew up in Germany.
Die Erzählperspektive ist eher ungewöhnlich - es erzählt ein Mietshaus, in dem sich im Laufe der Generationen mehrere Familien und Bewohner begegnen. Das ist nicht vollkommen einzigartig, aber doch eine eher ungewohnte Perspektive. Der Autor kann schreiben, es gibt stilistisch sehr geglückte und wunderbare Passagen im Buch, wenngleich ein paar Lapsus auch dabei sind, aber insgesamt ist es stilistisch sehr gelungen.
Leider bewegt sich die Handlung nicht auf dem gleichen Niveau wie Form und Stil. Da gibt es ein gewisses Missverhältnis. Erzählt wird von der 15-jährigen Nele, die im Kontakt mit der Nachbarin Irma etwas über die Zeit des Nationalsozialismus erfährt. Dieser Erzähstrang hat über weite Strecken den Charakter eines sehr pädagogisch-moralischen Jugendbuchs, das ist eher schade. Auch scheint mir der Erzähltstrang zu Nele und ihren Eltern Thomas und Martina höchst unglaubwürdig. Die Handlung spielt in der Gegenwart, also nach 2020. Zugleich wird behauptet, Neles Großvater habe als Polizist während der NS-Zeit gearbeitet. Das kann rein chronologisch kaum sein. Es muss sich rein von der Generationenfolge um ihren Urgroßvater handeln. Somit wird aber auch die Reaktion von Neles Eltern, die eigentlich der Enkelgeneration der Nazi-Täter angehören und nicht der Kindergeneration, besonders unglaubwürdig. Das Leugnen und Nichtwahrhabenwollen passt nicht zu ihrer Generation, die gesamte Aufarbeitungsgeschichte passt viel eher in die Generation der 1968er als in die Zeit nach der Jahrtausendwende.
Zudem packt der Autor neben der Nazi-Geschichte noch weitere Thematiken in den Roman, so kommt das Coming-out der Hauptfigur dazu und dann noch (eher kurz) eine angedeutete Neonazihandlung. Das wirkt dann doch insgesamt etwas sehr lehrbuchmäßig und politisch gewollt.
4,5; krass, kann der gut schreiben! sehr genialer, innovativer text. hab die originelle erzählperspektive und die poetische, präzise sprache so geliebt. das buch wirft außerdem wichtige fragen zur erinnerjngskultur auf, die mich viel zum nachdenken gebracht haben. einziger kritikpunkt: die figuren wirkten auf mich stellenweise bisschen überzeichnet. ich will auf jeden fall mehr von ihm lesen :)
»In dem Augenblick, den du Gegenwart nennst, leben in uns sechzehn Personen, aufgeteilt auf acht Parteien.« (S. 24)
Ich glaube, ich habe noch nie einen Roman aus Sicht eines Mehrfamilienhauses gelesen. 👀 DAS ist eine wirklich coole Erzählperspektive und großartige Idee! Und jetzt kommt leider das ABER: Aber es waren mir leider zu viele Themen gewollt, die der Roman für mich nicht umsetzen konnte. Die Grundthematik — die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Verdrängen der eigenen Rolle bzw. der eigenen Familie in diesem System — ist wichtiger denn je, aber dieses Thema hätte noch viel stärker in den Fokus gestellt werden können, wenn da nicht 1-12 Nebenschauplätze aufgemacht worden wären (z.B. Queer-Awakening, CoA-Story, Familiendrama, etc.). Side Note: Zumal ich es wirklich leid bin, weibliche Protagonistinnen von Männern geschrieben zu lesen. Warum hätte mensch nicht aus der Perspektive schreiben können, mit der sich selbst identifiziert wird? Das wäre für mich viel authentischer und glaubwürdiger. So war die Lovestory zwischen Nele und Laura für mich vor allem eins: konstruiert und abstrakt. Der Austausch zwischen Irma und Nele fand ich gut ausgearbeitet und passend zur Storyline.
»TREPPE AUS PAPIER« von Henrik Szántó ist ein Roman, der wichtig & richtig den Nationalsozialismus und die Rolle der Bevölkerung sowie unsere Erinnerungskultur kritisiert. Für mich hat der Roman aber zu viele Nebenstränge, die nicht genutzt werden und sich dadurch kein stimmiges Gesamt-Konstrukt ergibt.
»Man muss für die richtige Sache einstehen, unabhängig vom Ergebnis. Mutlosigkeit ist Verrat an der eigenen Menschlichkeit.« (S. 149)
Das Buch macht traurig und wütend zugleich, es fließt beim Lesen, dann aber auch wieder nicht, wenn man erst wieder merkt, ob das Haus spricht oder die Bewohner.
"Treppe aus Papier" von Henrik Szántó ist ein Buch, in das ich mich zunächst sehr einfinden musste. Es aber ab ca. 25% sehr geliebt habe und auch wirklich die positiven Rezensionen dazu nachvollziehen konnte.
Die Thematik rund um die NS-Zeit find ich super spannend. Auch die Erzählstimme einem Haus zu geben fand ich sehr originell und habe ich sehr gemocht. Dadurch wurden viele unterschiedliche Zeiten angeschnitten bzw. zwischen Gegenwart und "Früher" gewechselt.
Ich hatte vor allem auf den ersten Seiten meine Probleme mit dem Schreibstil, die vielen aneinander gereihten, verschachtelten Sätze haben mir den Einstieg echt schwer gemacht und ich war kurz davor das Buch abzubrechen. Habe mich dadurch gebissen und bin so froh, dass ich drangeblieben bin. Denn dieses Buch kann man meiner Meinung nach nur sehr gerne lesen. Ich hätte mir gefühlt das ganze Buch mit Zitaten markieren können.
Von mir gibts eine Leseempfehlung.
Buchdetails: erschienen am 20.08.2025 im Karl Blessing Verlag - 224 Seiten - gelesen als Hardcover (23,00€)
In diesem Buch wurde eine sehr interessante Erzählperspektive gewählt. Die Handlung, die hauptsächlich zwischen zwei Zeiten hin- und herspringt, wird vom Haus selbst erzählt. In dieser Hinsicht also handwerklich definitiv gut/interessant gemacht.
Inhaltlich geht es (meistens, es gibt unterschiedliche Erzählstränge) um die 16jährige Nele in der Gegenwart, die sich mit ihrer 90 Jahre alten Nachbarin Irmgard, Spitzname Irma, “anfreundet”. Wir bekommen Einblicke in Neles Alltag und Lebensrealität, aber auch in das gegenwärtige und vergangene Leben Irmas.
Im Roman selbst wurde als “Hauptthema” der zweite Weltkrieg gewählt. Irma, Tochter eines regimetreuen Vaters, freundet sich in ihrer Kindheit mit dem jüdischen Nachbarsmädchen Ruth an. Nele möchte sich, gut 80 Jahre später, mit der Vergangenheit ihrer Familie auseinandersetzen, zusätzlich gibt es noch eine Art Nebenhandlung über ihre Sexualität/Crush namens Laura. Wir erfahren im Verlauf des Romans vom Haus selbst, was sich in der Vergangenheit verändert hat, wie sich das Haus während des Krieges “gefühlt” hat und Geschichten über Ruth und Irmas Freundschaft/ der Beziehung in ihren Familien und zueinander.
Sprachlich ist der Roman wirklich lesenswert. Die Frage ist nur, ob das ausreicht. Denn: durch diese Erzählperspektive erfahren wir logischerweise auch nur das, was innerhalb der Wände des Hauses geschieht. Und inhaltlich/auch storylinetechnisch ist das Buch leider eher mittelmäßig bzw. sehr erwartbar. Das Ende war mir persönlich zu abrupt. Es wird weder über Irmas Vergangenheit abgeschlossen, noch erfahren wir, ob und wie Nele ihre Familie mit der Vergangenheit konfrontiert. Schade, denn ab der Hälfte des Romans wird genau dieses Gespräch angeteasert.
Auch logisch ergeben für mich einige Punkte nicht wirklich Sinn, angefangen von der zeitlichen Abfolge, die auch in einer anderen Bewertung bereits als unrealistisch beschrieben wird. Neles Vater als Figur wirkt auf mich äußerst seltsam. Während seine Frau (und vor allem Nele) den Haushalt im Prinzip allein schmeißen, kann er nicht mal seinen Teller in die Spülmaschine räumen? Das mag vielleicht in einigen Haushalten (leider) Realität sein, dass das aber gar nicht eingeordnet wird, weder von dem Erzähler (auch wenn es ein Haus ist), noch Beschreibungen von Reaktionen seitens Nele oder ihrer Mutter vorkommen, fand ich trotzdem komisch.
Zwischendurch gibt es auch noch ein eingeschobenes Kapitel über einen ungarischen Neonazi, auch dieses wirkt für mich etwas deplatziert, da es sehr kurz ist und man kaum bis gar nichts über diese Person erfährt und sie auch sonst nicht vorkommt (außer ich habe das irgendwie vercheckt und damit ist der Hausmeister gemeint, der auch eine Nebenrolle spielt).
Fazit: sprachlich sehr gut, inhaltlich gibt es noch Potential nach oben.
Außergewöhnlich Wenn diese Wände sprechen könnten… So oft hatte ich das schon auf den Lippen. Henrik Szántó greift diesen Gedanken auf und schreibt ein Buch mit Tiefe und Gefühl. In einem mehr als 100jährigen Haus leben Nele und Irma. Beide haben ihre Kindheit in diesem Haus verbracht - aber sie trennen mehr als 70 Jahre. Während Nele auf ihren 16. Geburtstag hinfiebert, wird Irma am Ende ihres Lebens durch Nele mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Welche Schild trägt man? Wie verarbeiten Familien das dunkle Kapitel des Nationalsozialismus? Die Wände haben alle Zeiten erlebt. In ihnen leben die Schatten der Vergangenheit und sie erahnen die Zukunft. Sie kennen alle Geheimnisse der Bewohner. Eine wunderbare Idee, das letzte Jahrhundert Revue passieren zu lassen und die eigene Moral auf den Prüfstand zu stellen. Szántó spielt mit der Sprache. Er formuliert versiert und raffiniert. Ein Genuss. Ein wunderbares und außergewöhnliches Buch
4,5🌟 Unfassbar außergewöhnliche Erzählweise. Ein Mehrfamilienhaus erzählt die Geschichten seiner Bewohner und verbindet Vergangenes mit Gegenwärtigem. Der Fokus des Romans liegt auf der NS-Zeit und Verfolgung der Juden. Ein wichtiges und wieder hochaktuelles Thema, dass der Autor ungeahnt klug zu Papier gebracht hat.
Stell dir vor, ein Haus, das Ende des neunzehnten Jahrhunderts gebaut wurde, könnte seine Geschichten erzählen. Geschichten davon, was zwischen seinen Wänden geschehen ist, was die Bewohner gedacht und gemacht haben. Welche Ängste und welche Freuden in den Wohnungen entstanden und welche Konsequenzen gezogen wurden. Erinnerungen, Liebe und Wut, die in den Mauern eingeschlossen sind, fänden endlich ein Ohr. Henrik Szántó hat mit dem Buch Treppe aus Papier einen wirklich interessanten und spannenden Roman verfasst, der sich unterhaltend und angenehm lesen lässt. Fast poetische Sätze, manchmal endlos lang und doch überhaupt nicht zu lang. Das Haus erzählt im Jetzt und gleichzeitig das Vergangene. Da steht Nele, das Mädchen aus dem vierten Stock und gleichzeitig sitzt dort Ruth aus der Vergangenheit, hinter einem Regal und sortiert Uhrenzahnrädchen. Die Geschichten überschneiden sich und sind gleichzeitig einzelne Erzählungen.
Beim öffnen einer Tür atmet ein gesamter Raum stoßweise sich selbst, liegt offen und ist gleichsam verschüttet. Jeder Hauch findet sein Ende an den Wänden, und den Sedimenten der Tapete. Hier liegt Schicht auf Schicht. ... (Seite 84)
Geschichten aus der Vergangenheit
Nele schreibt demnächst eine Geschichtsklausur. Sie könnte die 90-Jährige Irma Thon aus dem ersten Stock fragen, wie das damals war. Alt genug ist die bestimmt. Wie war das damals Kind, als die NS-Zeit Deutschland in Atem hielt? Und hat Irma damals ihre Eltern infrage gestellt? Sie klingelt und tatsächlich hilft Irma Nele. Das Mädchen fängt dabei an, über damals nachzudenken und stellt ihren eigenen Eltern Fragen zu ihrer Familie. Auch Irma denkt über damals nach und schämt sich, weil sie Ruth, das jüdische Nachbarskind verpfiffen hat. All das sieht das Haus, speichert die Geschichten in seinen Wänden, Holzböden und Ritzen, unter den Tapeten und zwischen den Fensterrahmen ...
»Ein gutes Haus bewahrt sich seinen Kern«, antwortet Irma. In ihrem Kaffee kreist unser lächeln. »Manches bleibt,manches nicht ...« (Seite 45)
Das Haus spricht in der Wir-Form, denn es ist viele. Steine, Mörtel, Zement, Fenster, Glas, Treppen, Tapeten, Kleister ... Ich fand es unterhaltsam, mir das Haus vorzustellen und welche Erlebnisse es gespeichert hat. Nur das Haus kennt die verborgenen Winkel und manchmal lässt es zu, dass kleine Mädchen Verstecke finden oder im Keller Platz entsteht, der vorher nicht gesehen ward. Das Haus ist nicht böse, es kommentiert, bewertet aber nicht. Es nimmt wahr und gibt wieder. Obwohl es auch manchmal gerne die steinerne Faust gegen die Flugzeuge mit den Bomben gereckt hätte.
»Man muss für die richtige Sache einstehen, unabhängig vom Ergebnis. Mutlosigkeit ist der Verrat an der eigenen Menschlichkeit« (Seite 126)
Jede Seite in dem Buch habe ich genossen. Leider habe ich es als E-Book gelesen. Im Buchladen meines Vertrauens habe ich es mir dann als haptisches Buch angesehen und musste wieder feststellen, dass ich doch lieber echte Bücher lese. Auf jeden Fall hat Treppe aus Papier 🐭🐭🐭🐭🐭 verdient. Ich kann es nur empfehlen, zu lesen. Gegen das Vergessen, damit wieder nachgefragt wird und es nie wieder geschehen soll.
Manchmal gibt es sie noch, diese Bücher, die Kopf und Herz gleichermaßen ansprechen. Diese Bücher, die man langsam und bedächtig liest, weil man nicht möchte, dass sie so schnell enden. Und diese Bücher, deren Wörter, Sätze, Kapitel noch lange nach dem Zuklappen der Buchdeckel wie ein Echo nachhallen. Henrik Szántó ist es gelungen, ein solch außergewöhnliches Buch zu schreiben – in einer Zeit, in der die Thematik kaum aktueller sein könnte.
Das helle, in bunten Farben gehaltene Cover deutet es bereits an – hier erzählt ein Haus mit all seinen Wohnungen, Räumen, Wänden, Dielen. Es berichtet von den ganz unterschiedlichen Menschen, die es im Laufe der Jahrzehnte bewohnt haben. Freud und Leid, Hoffnung und Verzweiflung, Zuflucht und Verfolgung – es lässt nicht aus, beschönigt nicht. Das Haus entpuppt sich als origineller, aber auch ehrlicher Erzähler, dem ich gerne noch länger gelauscht hätte. Die Schicksale, die sich dort abspielen, stehen ganz im Zeichen der jüngeren deutschen Geschichte und dem Alltag der Menschen darin. Konkret durchleuchtet wird die Zeit des Nationalsozialismus und wirft unwillkürlich die Frage auf, wie wir uns damit auch heute noch auseinandersetzen möchten. Dabei wird kein Richtig oder Falsch aufgezeigt, sondern nur anhand der Protagonisten veranschaulicht, wie unterschiedlich die Konfrontation mit der Vergangenheit verlaufen kann. Es war sehr erfrischend, dies anhand der Teenagerin Nele und der alten Dame Irma zu erleben. Die weibliche Perspektive, der Kontrast der NS-Ideologie zur modernen Freiheit der Frau hätte kaum deutlicher werden können als durch diese beiden Protagonistinnen. Sie sind Kinder ihrer Zeit und gleichzeitig nicht unfehlbar, treffen Entscheidungen, bereuen diese ob der Konsequenzen.
Und nun lehrt uns ausgerechnet ein Haus, dass all das menschlich ist?
Dass dies gelingt, liegt vor allem an der sprachlichen Schönheit dieses ganz besonderen Werks. Als Laie kann ich kaum in Worte fassen, wie leichtfüßig die Sätze sich trotz des unerträglichen historischen Inhalts aneinanderreihen. Gelegentlich traut sich der Autor, einzelne Kapitel poetischer oder eben auch sperriger zu gestalten und beeinflusst so, ganz im Sinne des Inhalts, das Erzähltempo. Ich kenne keinen Autor, der die Wucht seines Inhalts sprachlich so abzufedern vermag wie Henrik Szántó. Er verkennt dabei nicht die Schrecken der Vergangenheit, er macht sie lediglich für den Leser erträglich. Am Ende hallen die Sätze noch lange nach und erfüllen damit wohl ihren Zweck – Vergangenes in der Gegenwart verarbeiten, um die Zukunft lebenswerter zu machen.
Fazit: Die „Treppe aus Papier“ ist auf den ersten Blick vielleicht nicht für Liebhaber seichter Unterhaltung geeignet. Ich kann jedoch nur jeden einladen, diesem Buch eine Chance zu geben. Henrik Szántó hat ein hervorragendes Buch geschrieben, das in unruhigen Zeiten einen Nerv trifft. Warm und poetisch statt staubtrocken macht er Geschichte und Erinnerung erlebbar und lädt dazu ein, sich selbst und andere zu hinterfragen. Niemand hat gesagt, dass das leicht ist – aber selten ist es so außergewöhnlich erzählt worden. Mein Jahreshighlight!
Was mich an diesem Roman sofort begeistert hat, ist die außergewöhnliche Erzählperspektive (das Buch ist allein schon deshalb eine Empfehlung). Eine so originelle POV habe ich selten gelesen. Sie verleiht dem Buch eine ganz eigene Atmosphäre und hebt es stilistisch deutlich von vielem ab, was im deutschsprachigen Raum derzeit erscheint. Auch sprachlich und formal überzeugt der Text durch Präzision und Mut zur Eigenwilligkeit.
Inhaltlich hat mich das Buch einerseits zu Tränen gerührt und andererseits etwas ratlos gemacht. Was ist die Zielgruppe dieses Buches? Für jugendliche Leser*innen wirkt er stellenweise zu erwachsen erzählt, für ein literarisch anspruchsvolles Publikum bleibt die Handlung wiederum zu oberflächlich. Ich habe das Gefühl, dass der Versuch, möglichst viele Leser*innen anzusprechen, dazu geführt hat, dass der Text stellenweise unglaubwürdig geworden ist und die Handlung darunter gelitten hat.
Dennoch: Ein unglaublich ungewöhnliches Buch, das definitiv lesenswert ist. :)
Ich wollte das Buch wirklich mögen aber fand’s leider alles andere als gut. 🥲 Die Idee ist grundsätzlich spannend und mal was anderes aber die Umsetzung war nicht meins. Ich mochte den Schreibstil nicht und kam auch ewig nicht in die Story rein. Die Sätze sind einfach viel zu lang, verschachtelt, unnötig kompliziert. Teilweise passieren zwei Handlungen in einem Satz. Manchmal kam es mir vor, als versucht der Autor gezwungen „anders“ zu sein oder als würde er seinen Stil noch suchen. Ich bin froh, es endlich gelesen zu haben.
Faszinierend an dem Plot ist vor allem die Erzählperspektive: Ein Haus wird zum Buch und zum Erzähler und berichtet zeitübergreifend und die Zeit transzendierend von Geschehnissen, die vor allem um 1938 und 2023 spielen. Henrik Szantos Sprache und die ungewöhnliche Erzählperspektive halten die Hauptstränge und die verschiedenen Erzählsplitter zusammen und schaffen ein außergewöhnliches Leseerlebnis.
Wie würde es sich anhören, wenn unser Haus über seine Bewohnerinnen und Bewohner erzählen könnte?
Treppe aus Papier ist wahnsinnig klug und poetisch erzählt. Über Jahrzehnte hinweg hat das Haus unzählige Schicksale gesehen. Wo heute eine Buchhandlung ist, hat die SS damals das Schaufenster des jüdischen Uhrmachers zertrümmert. Wo früher Ruths Familie um ihr Überleben bangte, lebt heute Nele, deren größte Sorgen eine Mathearbeit und die erste Liebe sind. Erst durch die Begegnung mit einer älteren Nachbarin öffnen sich die verborgenen Geschichten des Hauses und es kommen wichtige Themen wie Generationstraumata, misslungene Entnazifizierung und Kritik and er deutschen Erinnerungskultur auf.
Ein besonderes Buch, mit einer wunderschönen Perspektive auf das Geschehene. Gelegentlich finden sich wunderschöne Sätze, eine Reise in die Geschichte eines Hauses und ein wichtiges Buch in diesen Zeiten.
Auch wenn die von anderen angesprochen Fehler/Makel hinsichtlich Zeitlinien o.ä.zutreffen mögen, ist das Buch aufgrund der schmerzhaften und gleichzeitig hoffnungsvollen Auseinandersetzung mit generationaler Schuld und Verantwortung im Kontext der NS-Vergangenheit ein Jahreshighlight.
Lässt mich sprachlos zurück! Bin so begeistert vom Schreibstil, der Erzählperspektive und der schonungslosen Erzählweise. Jetzt gefühlt schon Jahreshighlight, was soll da noch kommen? Wirklich klasse
Großartig! Eine außergewöhnliche Erzählperspektive und viele schöne, traurige, berührende, beängstigende, …. Geschichten zugleich. Das Buch sollte man/frau wirklich lesen!
So ein wichtiges Thema. Leider empfand ich das Stilmittel, aus Sicht des Treppenhauses zu schreiben und einige, nebenbei geöffnete Themen, die ein eigenes Buch verdient hätten, so anstrengend, dass es meinen Lesefluss zu sehr gestört hat.
Henrik Szanto erzählt auf einzigartige Weise eine Geschichte, die ich so schnell nicht vergessen werde. Aus Sicht der Wände eines Hauses tauchen die Leser:innen in die Welt der Hausbewohner ein. Erlebnisse, Gedanken und Gefühle haben so eine besondere Wirkung. An einigen Stelle habe ich mich gefragt, was meine Wände wohl so erzählen würden, was haben sie schon alles gefühlt und gehört? Auf wundersame Weise wird ein Gefühl der Verbundenheit erzeugt. Auch der Inhalt vollkommen faszinierend. Die Schwere des Nachklanges des Nationalsozionalismus, das Befassen mit der Familiengeschichte und die Frage der Vergangenheit. Hart und doch wahnsinnig einfühlsam. Kapitel mit sehr angenehmer Länge, Pausen zum Atmen und Denken an den richtigen Stellen - "Treppe aus Papier" ist nicht nur eine Treppe in die Vergangenheit, sondern auch eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Für mich ein toller Roman, mit Nachklang und Gefühlsausbrüchen, mit allen Ecken und Kanten, die trotzdem rund werden.
"Treppe aus Papier" von Henrik Szántó lässt mich sprachlos zurück. Zunächst beginnt die Geschichte eher seicht, der bunte Schreibstil und die originelle Erzählperspektive haben mich jedoch direkt in ihren Bann gezogen. Der Autor setzt perfekt das Prinzip "show, don't tell" ein, besonders schön und eindringlich fand ich die Gleichzeitigkeit, mit der vergangene und gegenwärtige Ereignisse geschildert werden. Schnell dringt die Geschichte zu ihrem Kern vor: der Schilderung der Erlebnisse verschiedener Figuren während des Holocaust sowie die Beschäftigung der Menschen in der heutigen Zeit damit. Eigentlich wird gar nicht wirklich im Detail beschrieben was passiert, vieles wird der eigenen Fantasie und Interpretation überlassen und doch habe ich das Gefühl, noch mal eine ganz neue Perspektive auf das Thema bekommen zu haben, die mich zutiefst beeindruckt. Für mich eine absolut notwendige Leseempfehlung, eindrucksvoll auf so vielen Ebenen!
Dieses Haus hat viel zu erzählen – und das sehr originell
In Henrik Szántós Romandebüt „Treppe aus Papier“ erzählt ein ganzes Haus die Geschichte seiner Bewohner – der ehemaligen und gegenwärtigen. In unserer Gegenwart treffen die 15jährige Nele und die 90jährige Irma aufeinander. Die eine muss gerade für den Geschichtsunterricht etwas über das Dritte Reich und die Gründung der BRD lernen, die andere hat dies hautnah selbst miterlebt. Irma hat auch miterlebt, wie Juden verschleppt wurden und ihre Familie ist nicht unschuldig daran. Durch den Kontakt der beiden treffen Generationen aufeinander, etwas, was in der Wahrnehmung des Hauses sowieso ständig passiert.
Szántó lässt sich nämlich etwas ganz besonderes für seinen Roman einfallen: Es spricht nicht nur in der „Wir“-Form das Haus mit uns, sondern in seiner Wahrnehmung findet alles gleichzeitig statt. Es überlagern sich dutzende Menschen, Situationen, Geräusche, Gerüche in einem Moment des Erzählens, da Zeit, wie wir sie kennen, für so ein altes Gemäuer nicht existiert.
Habe ich zu Beginn noch gedacht, der Spoken-Word-Künstler Szántó übernehme sich hier ein bisschen, webt er doch auf den ersten Seiten all seine Sprachkunst auf einmal ein, entspannt sich die Sprache mit der Zeit und es ist problemlos möglich, den verschiedenen, gleichzeitig stattfindenden Erzählebenen zu folgen. „Gleichzeitig stattfindend“ heißt in diesem Falle, dass wir in einem Absatz der kleinen Jüdin Ruth als Schülerin in den 1930ern begegnen können, dem Baby Ruth auf dem Arm ihres Vaters Jahre zuvor, die Greisin Ruth, die mit ihrem Gehstock das Treppenhaus betritt und den Geruch von Zwiebelsuppe ins Haus hinauslässt. Das finde ich toll gemacht. Es liest sich ganz anders als Bücher, bei denen kapitelweise die Zeitebenen gewechselt werden. So kommt man den Figuren nicht nur sehr nahe, sondern auch dem Umstand, dass Vergangenes immer noch in der Nähe lauert. Und so natürlich auch nationalistische-rechtsextreme Gesinnungen, die da sind. Damals wie heute. Verdrängung, die gestriges nicht mehr wahrhaben will. Aber eins macht uns Szántó mit seinem Roman sehr deutlich bewusst: Vergangenheit existiert immer auch heute noch. Vergangenheit beeinflusst unsere Gegenwart und wird auch unsere Zukunft beeinflussen. Ob auf der persönlichen, familiären Ebene oder auf gesellschaftlicher Ebene. Ganz unwillkürlich fängt man an sich nicht nur noch einmal zu fragen, was die eigenen Vorfahren erlebt und zu verantworten haben, sondern auch was dieses oder jenes Haus nicht alles schon gesehen, gehört, gespürt hat.
Ich habe in diesem kleinen Büchlein immer noch Hintergründe zur NS-Zeit und die Zeit kurz danach neu gelernt. Das macht das Buch für mich, durch seine Erzählperspektive, zu etwas Besonderem. Sodass ich dem Autor auch vergebe, dass die Sprachkunst manchmal mit ihm durchgeht und mitunter über mehrere Seiten hinweg, jeder Satz etwas drängendes will.
Poetische Moralgeschichte Die 15-jährige Nele wohnt mit ihren Eltern im vierten Stock eines alten Mehrfamilienhauses, das einst das Eigentum des Juden Alwin Sternheim war. Durch mehrere Zeitschichten erzählt das Haus die Geschichten und Schicksale seiner Bewohner*innen. Durch den Geschichtsunterricht und die Begegnung mit der 90-jährigen Irma, beginnt Nele die Rolle der eigenen Großeltern im Nationalsozialismus zu recherchieren und zu hinterfragen. Der Schreibstil ist ungewöhnlich poetisch für einen Roman, was mir gut gefallen hat. Die Geschichte wird mit zahlreichen Perspektivwechseln, Zeitsprüngen und Überlagerungen erzählt, was beim Lesen fast filmische Szenen entstehen lässt. Inhaltlich hätte ich mir für die Erzählung mehr Dichte gewünscht. Auf (gerade einmal) 220 Seiten treten zahlreiche Charaktere auf und Nebenhandlungen werden in die Geschichte eingewoben. Die eigentliche Botschaft und der Kern der Erzählung, der Holocaust und die Erinnerungskultur in deutschen Familien wird dadurch leider verwässert. Ich hatte beim Lesen auch das Gefühl, die Charaktere sind an vielen Stellen nicht glaubwürdig. Die Protagonistin Nele ist meines Erachtens gut gelungen, in ihrem Handeln und Denken jedoch etwas zu erwachsen für ihr Alter. Und warum sollten die Mittelstands-Eltern von Nele so gereizt auf die kritischen Fragen ihrer Tochter reagieren? Vielleicht hat der Autor mit seinen Figuren zu hartnäckig versucht, keinem erdenklichen Stereotyp zu entsprechen. Nele die in ein Mädchen aus ihrer Klasse verliebt ist. Ein geläuterter Ex-Rassist-Polizist. Eine bereuende Denunziantin. Eine sehr diverse Hausgemeinschaft. Verdrängende und leugnende deutsche Boomer, die sich durch die kritischen Fragen ihrer Tochter persönlich angegriffen fühlen. Zusammenfassend frage ich mich ein wenig, wer die Zielgruppe des Romans ist. Für eine kritische Leser*innenschaft geht mir die Handlung zu wenig in die Tiefe. Für Jugendliche wird zu viel aus der Sich von Erwachsenen geschrieben. Es schleicht sich der Verdacht ein, es soll bei diesem Buch jede*r zufriedengestellt werden, was jedoch ein sehr moralischer Subtext entwickelt. Wie Max Czollek in „Versöhnungstheater“ angemerkt hat: „Die Menschen lieben tote Juden und Jüdinnen – und diejenigen, die hoffnungsvolle und versöhnliche Geschichten erzählen können“. Vielleicht kann man hinzufügen: Menschen lieben tote Nazis und Denunziant*innen – und diejenigen, die geläuterte und bereuende Geschichten erzählen können. Für mich werden im Roman zahlreiche wichtige Aspekte angesprochen, jedoch nicht bis zu Ende gebracht. Das Konzept und die Sprache finde ich sehr gelungen, mir jedoch etwas zu verzeihend und zu lose.
Henrik Szántó lässt in seinem Roman „Treppe aus Papier“ ein altes Haus von seinen Erinnerungen an all die Menschen, die es je bewohnten, erzählen. Und so erzählt es die Geschichte der 15 jährigen Nele, die aufgrund einer Geschichtsklausur, mit der 90jährigen Irma, einer Zeitzeugin des Nationalsozialismus, im Treppenhaus ins Gespräch kommt und beginnt Fragen zu stellen. Wichtige Fragen, um hinter das zu kommen, was damals geschah, über die Geschichte ihrer eigenen Familie und über das, worüber in der Vergangenheit stets geschwiegen wurde.
Bereits das Vorwort des alten Hauses, das eigentlich aus einer reinen Aufzählung dessen besteht, was es im Laufe der Zeit alles mitgemacht, mitbekommen und erlebt hat, finde ich absolut grandios. Für das alte Haus finden die Ereignisse der Jahrzehnte alle zeitgleich statt, wie wenn ein Bild mit sehr langer Belichtungszeit aufgenommen wird oder eben Fotos übereinandergelegt werden. Dadurch kommt es im Laufe der Geschichte immer wieder zu interessanten Überschneidungen, die aufhorchen, innehalten und die Luft scharf einziehen lassen. Grundsätzlich hat mir dieser ganz besondere, poetische Schreibstil unheimlich gut gefallen. Einerseits schreibt der Autor unaufgeregt, andererseits legt die Abfolge der Aufzählungen, die er sehr oft als Stilmittel wählt, ein gewisses Tempo vor, dem man gedanklich und aufgrund der langen Sätze manchmal schwer, in seinem gesamten Umfang, folgen kann. Er schreibt unheimlich Wort- und Bildgewaltig, ich glaube das Ein oder Andere begreift man tatsächlich auch erst nach dem zweiten Mal lesen. Was gut ist, denn das hat mich mehrfach zum nachdenken gebracht.
Meine Oma ist mittlerweile auch 93 Jahre alt und ich habe mir im Laufe meines Lebens viel von früher erzählen lassen. Habe ebenso wie Nele viele Fragen gestellt, um zu verstehen und damit Omas Geschichten nicht mit ihr verloren gehen. Aufgrund ihrer unnachgiebigen Art und ihrer Neugierde, ist Nele mir sehr sympathisch, steht mir irgendwie nahe, finde ich ihre Fragen realistisch und nachvollziehbar. Schade fand ich allerdings, dass zu dem ausreichend ernsthaften Thema des Nationalsozialismus, auch PRIDE noch zum Thema gemacht wurde. Nicht, dass es nicht auch ein wichtiges Thema wäre, nur alles in einer Geschichte unterbringen zu wollen, ist meiner Meinung nach etwas „to much“, wirkt erzwungen und hat der Geschichte für mich die Glaubhaftigkeit und ein Stückweit auch die Begeisterung für sie genommen. Daher leider auch nur 4 von 5 Sterne.
Fazit: Nichts desto trotz ein wirklich ganz besonderes und absolut lesenswertes Buch, das sicherlich noch lange Zeit in mir nachhallen wird.