„Hitlers Komplizen. Helfer und Vollstrecker: Das Dritte Reich in 24 Porträts“ (Richard J. Evans)
Richard J. Evans, einer der profundesten Kenner des Nationalsozialismus, legt mit Hitlers Komplizen. Helfer und Vollstrecker: Das Dritte Reich in 24 Porträts (Originaltitel: Hitler's People: The Faces of the Third Reich) eine ebenso instruktive wie unerlässliche Lektüre vor.
Titel und zentrale These
Der deutsche Titel ist bemerkenswert präzise. Während Evans’ Originalformulierung „Hitler's People“ relativ offen bleibt, schärfen „Komplizen, Helfer und Vollstrecker“ die Intention des Buches deutlich. Diese Zuspitzung verweist ohne Umschweife darauf, dass die porträtierten Personen aktive Mitgestalter des Regimes waren – nicht bloß Mitläufer, sondern bewusst Handelnde.
Evans richtet den Blick auf die menschliche Dimension des Bösen. Die 24 Biografien decken das gesamte Spektrum des nationalsozialistischen Herrschaftsapparats ab: die exponierten Spitzenakteure wie Göring und Goebbels, die Schreibtischtäter und Organisatoren, aber auch die bereitwilligen Vollstrecker in den unteren und mittleren Ebenen. Die leitende Erkenntnis lautet: Das Dritte Reich war nicht das Werk weniger Dämonen, sondern eines breiten Täterkollektivs.
Kritischer Einschub:
Es sei angemerkt, dass die Zahl der porträtierten Personen – 24 – eine bewusst gesetzte, letztlich aber willkürliche Auswahl darstellt. Sie erhebt weder statistischen Anspruch noch beansprucht sie Systematik. Die Auswahl dient vielmehr dazu, die Vielfalt der Tätertypen und die unterschiedlichen Formen von Verantwortung und Schuld exemplarisch sichtbar zu machen. Ein repräsentatives Gesamtbild aller Akteure des Dritten Reiches kann sie naturgemäß nicht liefern.
Die Perversion der Selbstwahrnehmung
Ein wiederkehrendes, verstörendes Motiv ist die moralische Selbstverblendung vieler Akteure. Paradigmatisch dafür steht Hermann Görings zynischer Ausspruch, er habe „wenigstens 12 Jahre anständig gelebt“.
Dieser Satz symbolisiert die grotesk verzerrte Vorstellung von „Anstand“, die die NS-Führung kultivierte. Für Göring waren die Jahre seiner Macht, seines Luxus und seiner hemmungslosen Bereicherung eine Art persönliche Glanzzeit – während er als einer der Hauptverantwortlichen für millionenfachen Mord agierte. Evans zeigt detailreich, wie solche Selbstbilder entstehen konnten und weshalb sie historisch erklärbar, aber niemals entschuldbar sind.
Evans gelingt eine meisterhafte Verbindung von Strukturgeschichte und biografischem Zugriff. Das Buch widerlegt die bequeme These, die Verbrechen des Nationalsozialismus seien das Werk einiger weniger Besessener gewesen, und macht eindrucksvoll sichtbar, wie weitreichend die Verantwortlichkeiten tatsächlich waren.
„Hitlers Komplizen“ ist eine unverzichtbare Ergänzung der NS- und Holocaustforschung – klar, konzentriert und von bleibender Relevanz.