Der Sunday-Times-Bestseller von NS-Experte Sir Richard Evans über Hitlers Helfer und Vollstrecker - von Paladinen wie Göring, Goebbels, Himmler bis zu Propagandisten wie Riefenstahl und Handlangern wie Irma Grese und Paul Zapp
Wer waren die Nazis? Verfolgten sie kriminelle Absichten, oder waren sie »gewöhnliche Deutsche«? Was brachte sie dazu, furchtbare Gräuel gegen wirkliche oder eingebildete Feinde zu begehen oder zu billigen? Warum waren so viele Deutsche an den Verbrechen beteiligt? Wie kam es, dass sie Hitler fast bis zum Ende folgten? Der renommierte Historiker Richard J. Evans zeichnet oft verblüffend neue Porträts der Männer und Frauen, die NS-Deutschland schufen und ihm dienten, angefangen bei Hitler über Paladine wie Göring, Goebbels und Himmler bis zu Exekutoren wie Eichmann und Heydrich, Propagandisten wie Leni Riefenstahl, Täter wie die berüchtigte KZ-Aufseherin Irma Grese und unbekannte Sympathisanten und Mitläufer, die das Regime auf vielfältige Weise unterstützten. Evans hilft die Struktur des Dritten Reiches besser zu verstehen und zeigt auf, wie weit Einzelne gehen, wenn der moralische Kompass abhandengekommen ist.
Richard J. Evans is one of the world's leading historians of modern Germany. He was born in London in 1947. From 2008 to 2014 he was Regius Professor of History at Cambridge University, and from 2020 to 2017 President of Wolfson College, Cambridge. He served as Provost of Gresham College in the City of London from 2014 to 2020. In 1994 he was awarded the Hamburg Medal for Art and Science for cultural services to the city, and in 2015 received the British Academy Leverhulme Medal, awarded every three years for a significant contribution to the Humanities or Social Sciences. In 2000 he was the principal expert witness in the David Irving Holocaust Denial libel trial at the High Court in London, subsequently the subject of the film Denial. His books include Death in Hamburg (winner of the Wolfson History Prize), In Defence of History, The Coming of the Third Reich, The Third Reich in Power, and The Third Reich at War. His book The Pursuit of Power: Europe 1815-1914, volume 7 of the Penguin History of Europe, was published in 2016. His most recent books are Eric Hobsbawm: A Life in History (2019) and The Hitler Conspiracies: The Third Reich and the Paranoid Imagination (2020). In 2012 he was knighted for services to scholarship.
Meine Wertung dieses Werkes muss ein bisschen im Kontext gesehen werden. Evans ist ein alter Hase, wenn es um das Schreiben über das Dritte Reich geht. In diesem Werk porträtiert er 24 Personen, angefangen von Hitler selbst, Göring, Riefenstahl oder Franz von Papen. Strukturell behandelt jedes Kapitel die Biografie einer Person. Als Übersichtswerk halte ich dieses Buch in diesem Sinne sehr gelungen, da Evans sich gekonnt auf das Wesentliche konzentriert. Dazugelernt habe ich durchaus etwas und bin deshalb froh das Buch gelesen zu haben.
Was hat mich also gestört? Zum einen sind mir ein paar Stellen aufgefallen, an denen Evans Aussagen trifft, die mittlerweile widerlegt sind, bzw. die sich keinesfalls mit der Sicherheit sagen lassen, mit der er sie darstellt. Manch einer mag einwenden, dass ich hier kleinlich bin (es geht teilweise um sehr 'kleine' Details), ich bin aber Meinung, dass ein Werk, dass sich auf die Fahne schreibt topaktuell dem Forschungsstand zu entsprechen, hier genauer sein muss. Welche neuen Erkenntnisse Evans hier verarbeitet hat, war für mich schwer auszumachen, das mag aber auch an meinem Wissensstand liegen.
Ein zweiter Punkt ist Evans eigener Anspruch an sein Werk. Um ihn selbst zu zitieren: "Mein Ansatz ist, diese Leute als Menschen zu sehen. Das waren keine Psychopathen und sie kamen auch nicht vom Rande der Gesellschaft." Anders gesagt, Evans möchte betonen, dass es sich hier um 'normale' Menschen handelte, nicht um Menschen mit psychologischen Auffälligkeiten. Diesem Ansatz stimme ich auch zu, meines Erachtens wird das Buch diesem Ansatz aber nicht gerecht. Evans lässt hier sehr seine Meinung einfließen und wählt die Fakten aus, die diese unterstreichen. Sicherlich ist manches auch dem Platzmangel geschuldet und er kann nicht an allen Stellen zu sehr in die Tiefe gehen, mir hat dieser Aspekt aber nicht besonders gefallen.
Nichtsdestotrotz, kein schlechtes Buch. Es hat mir viele Anregungen gegeben, worüber ich gerne noch mehr wüsste und das ist in meinen Augen immer gut.
„Hitlers Komplizen. Helfer und Vollstrecker: Das Dritte Reich in 24 Porträts“ (Richard J. Evans) Richard J. Evans, einer der profundesten Kenner des Nationalsozialismus, legt mit Hitlers Komplizen. Helfer und Vollstrecker: Das Dritte Reich in 24 Porträts (Originaltitel: Hitler's People: The Faces of the Third Reich) eine ebenso instruktive wie unerlässliche Lektüre vor.
Titel und zentrale These Der deutsche Titel ist bemerkenswert präzise. Während Evans’ Originalformulierung „Hitler's People“ relativ offen bleibt, schärfen „Komplizen, Helfer und Vollstrecker“ die Intention des Buches deutlich. Diese Zuspitzung verweist ohne Umschweife darauf, dass die porträtierten Personen aktive Mitgestalter des Regimes waren – nicht bloß Mitläufer, sondern bewusst Handelnde. Evans richtet den Blick auf die menschliche Dimension des Bösen. Die 24 Biografien decken das gesamte Spektrum des nationalsozialistischen Herrschaftsapparats ab: die exponierten Spitzenakteure wie Göring und Goebbels, die Schreibtischtäter und Organisatoren, aber auch die bereitwilligen Vollstrecker in den unteren und mittleren Ebenen. Die leitende Erkenntnis lautet: Das Dritte Reich war nicht das Werk weniger Dämonen, sondern eines breiten Täterkollektivs.
Kritischer Einschub: Es sei angemerkt, dass die Zahl der porträtierten Personen – 24 – eine bewusst gesetzte, letztlich aber willkürliche Auswahl darstellt. Sie erhebt weder statistischen Anspruch noch beansprucht sie Systematik. Die Auswahl dient vielmehr dazu, die Vielfalt der Tätertypen und die unterschiedlichen Formen von Verantwortung und Schuld exemplarisch sichtbar zu machen. Ein repräsentatives Gesamtbild aller Akteure des Dritten Reiches kann sie naturgemäß nicht liefern.
Die Perversion der Selbstwahrnehmung Ein wiederkehrendes, verstörendes Motiv ist die moralische Selbstverblendung vieler Akteure. Paradigmatisch dafür steht Hermann Görings zynischer Ausspruch, er habe „wenigstens 12 Jahre anständig gelebt“. Dieser Satz symbolisiert die grotesk verzerrte Vorstellung von „Anstand“, die die NS-Führung kultivierte. Für Göring waren die Jahre seiner Macht, seines Luxus und seiner hemmungslosen Bereicherung eine Art persönliche Glanzzeit – während er als einer der Hauptverantwortlichen für millionenfachen Mord agierte. Evans zeigt detailreich, wie solche Selbstbilder entstehen konnten und weshalb sie historisch erklärbar, aber niemals entschuldbar sind. Evans gelingt eine meisterhafte Verbindung von Strukturgeschichte und biografischem Zugriff. Das Buch widerlegt die bequeme These, die Verbrechen des Nationalsozialismus seien das Werk einiger weniger Besessener gewesen, und macht eindrucksvoll sichtbar, wie weitreichend die Verantwortlichkeiten tatsächlich waren. „Hitlers Komplizen“ ist eine unverzichtbare Ergänzung der NS- und Holocaustforschung – klar, konzentriert und von bleibender Relevanz.