Ich tue mich mit der Bewertung des Buches wirklich schwer. Zum einen finde ich die Geschichte, wie die Autorin (nicht nur) wegen der zunehmenden Radikalisierung mit großen Teilen ihrer Familie bricht, wirklich sehr interessant. Man merkt, dass sie es sich mit dieser Entscheidung nicht leicht gemacht hat, und sie betont auch immer wieder, dass sie sich der Radikalität dieser Entscheidung bewusst sei und nicht davon ausgehe, dass jede*r andere sich in dieser Situation genauso verhalten müsse. Es wird klar, dass der Entscheidung ein langer Prozess vorausgegangen ist, in dessen Lauf sie immer wieder versucht hat, die Familie - hier vor allem ihren Vater - von den Widersprüchen in den Aussagen der AfD zu überzeugen, und wieviel Kraft sie das gekostet hat. Auch die Art und Weise, wie sie bestimmte typische "Argumentations"muster der AfD aufzeigt und auseinandernimmt, hat mir gut gefallen. Ich denke, dass viele Menschen, in deren Familien es ähnliche "Gräben" gibt, sich hier wiederfinden.
Zum anderen hat mir die Art und Weise, WIE sie das alles aufgeschrieben hat, teilweise überhaupt nicht gefallen. So schreibt Plaar einerseits, dass es doch nun wirklich nicht schlimm sei, Begriffe wie das N-Wort etc. zu unterlassen und durch andere zu ersetzen, wenn Menschen sich dadurch diskriminiert fühlen, hat andererseits aber kein Problem damit, Menschen wie ihren Vater als "alte weiße Männer" zu bezeichnen, und wundert sich darüber, dass ihr Vater sich dadurch diskriminiert fühlt und dieses Wort als "Kampfbegriff " bezeichnet. Ihre Argumentation: Was sei denn daran verwerflich, schließlich würde dieser Begriff doch einfach nur das nennen, was ist, was solle daran denn diskriminierend sein? Mit Verlaub, für mich ist das so, als wenn jemand das N-Wort benutzt und sagt:"Wieso, was soll denn daran verletzend sein, das bedeutet doch nur schwarz?" Für mich bedient sich die Autorin da derselben Rhetorik, die sie der AfD - völlig zu Recht - vorwirft. Leider habe ich des öfteren des Gefühl, dass sie sich in gewisser Weise genauso in einer Bubble befindet wie die Leute, denen sie genau diese Voreingenommenheit vorwirft. Denn dass ein Begriff wie "alter weißer Mann", auch wenn jedes einzelne Wort davon neutral sein mag, in dieser Zusammenstellung etwas ganz Bestimmtes beschreibt, müsste ihr - gerade, da sie sich mit Sprache und Politik intensiv auseinandergesetzt hat - eigentlich klar sein.
Zum anderen wirft sie ihrer Familie - wiederum völlig zu Recht - vor, Migrantinnen und Migranten zu entmenschlichen, wenn man sich gegen die Seenotrettung ausspricht und Menschen so einfach ertrinken lässt. Aber sie tut dasselbe doch auch, wenn sie ihren Vater lediglich als ihren "Erzeuger" bezeichnet und ihm damit in gewisser Weise seine Menschlichkeit abspricht? Hier misst die Autorin oft mit zweierlei Maß, was es für mich sehr schwer macht, diesem Buch - dessen Anliegen mir durchaus wichtig ist - mehr als drei Sterne zu geben.
Mein Gefühl ist, dass in Leonie Plaars Familie sehr viel mehr vorgefallen sein muss als "nur" die politische Radikalisierung (die ich damit nicht kleinreden möchte). Hier scheinen sehr viele Verletzungen bei der Autorin vorzuliegen, die es ihr vielleicht wirklich nicht möglich machen, einen anderen Blick auf ihren Vater zu werfen als diesen. Ich denke nicht, dass sie, wie einige es ihr vorwerfen, ihre Familie verunglimpft - das tut ihre Familie ganz alleine dadurch, dass sie in der AfD aktiv ist. Trotzdem hinterlässt die Lektüre des (ansonsten wirklich lesenwerten) Buches bei mir einen bitteren Beigeschmack.