Beim analysieren dieser Lektüre kam ich mir vor, als würde ich vor einer Waage stehen, in die eine Schale kommen. Die guten Dinge in die andere, die die mir nicht so gut gefallen haben. Das Zünglein zeigt am Ende genau in die Mitte.
Erst bietet die Geschichte von zwei Schwestern, deren Mutter lange im Gefängnis saß, die Zwillinge sogar dort geboren hat, welche nun sehnsüchtig auf die Entlassung warten, einen außerordentlich kreativen Plot! Es verschwindet nicht nur besagte Mutter sofort, sondern auch eine der Schwestern wird vermisst. Die Frage danach, was geschehen, ist, bestimmt die Handlung auf vielschichtige Weise.
Dann wird der Roman in den allermeisten Besprechung hochgelobt, als spannender außergewöhnlicher und atmosphärischer Pageturner. Dem stimme ich zu, und das, obwohl er mit einer Länge von über 500 Seiten zu den dickeren Büchern gehört.
So sieht es gar nicht aus, doch die Seiten sind reichlich, wenn auch dünn und wunderbar anzufassen! Nicht nur diese überzeugen durch eine angenehme Haptik, auch der Einband und das Vorsatzpapier haben es mir angetan. Da hatten die Designer des Verlags einen richtig guten Tag.
Nachdem ich nun alles, aber auch wirklich alles weiß, was in diesem Plot versteckt ist, macht sich in mir ein Gefühl der Unzufriedenheit breit. Zuerst möchte ich aber all das loswerden, was ich so richtig gut fand: Die Landschaftsbeschreibung der Elbmarschen sind 1a mit Sternchen! Wenn sich die Mädels ins Boot „Sturmhöhe“ gesetzt haben, Fährten gelegt und Spuren gefolgt sind, konnte man den Bug förmlich durchs Wasser gleiten hören! Wenn die Mutter Culture Club gelauscht hat (ich liebe diese Band und das Lied ist mein All Time Favorite!) hat mein Herz gehüpft. Wenn ich versucht habe, die Charaktere zu ergründen, war ich richtig gefordert – im guten Sinne! Und auch das Nachempfinden der Schiffsunglücke, die im Nachwort noch mal genauer beleuchtet werden, fand ich gut gelungen. Zumindest zwei Drittel des Buches war ich gefesselt und in freudiger Erwartung der Auflösung.
Irgendwann begannen meine Augen ganz von alleine in Richtung Schädeldecke zu rollen. Die Überfrachtung an schicksalhaften Ereignissen, aber vor allem die überzogenen Emotionen nahezu aller Protagonist*innen wirkten auf mich immer häufiger überzogen und von sehr weit hergeholt. Das Verhältnis der Schwestern zueinander, mag ja noch im Bereich des Möglichen liegen. Die Unterschiedlichkeit und was mangelnde Kommunikation bewirkt, wurde gut herausgearbeitet. Dass man die aber dann schon erwachsenen Zwillinge immer noch vor der Wahrheit beschützen will, und dass diese zwar danach fragen, sich aber damit zufrieden geben, keine Antworten zu bekommen, halte ich für schwierig in der Durchführung. Ich hätte definitiv immer wieder nachgefragt und wäre meiner Oma auf die Nerven gegangen, hätte recherchiert oder andere Menschen im Ort befragt. Henrys Art war zwar widerlich, aber solche Typen gibt es leider. Auch Stalker gibt es aber der war mir ein Problem zu viel.
Ganz abstrus fand ich den Grund und das Verhalten der inhaftierten Mutter. Eigentlich hätte sie unter Jugendstrafrecht fallen müssen. Es wurde aber nicht erklärt, warum das nicht passierte. Eigentlich hat sie die Strafe nicht verdient, aber aus irgendeinem überzogenen Schuldgefühl heraus hat sie es auf sich genommen ihr Leben im Gefängnis zu verbringen. Und ihr Umfeld hat zwar reagiert, aber auch ganz schnell resigniert. Ich meine, sie war ja fast noch ein Kind und die meisten haben geblickt, warum sie vor Gericht so reagiert – und niemand hat da nachgehakt? I don‘t know🤷🏼♀️
Es gibt noch so ein paar Banger, wie den überaus perfekten Influenzer der gerecht m, romantisch, ehrlich, fröhlich - und für die queere Komponente das Kind zweier Mütter ist. Bitte nicht falsch verstehen, ich mag Romane mit bunten Personal. Aber hier wirkt es dann doch, als hätte jemand von außen gesagt: Hier muss noch irgendwas lgbtqmäßiges rein.
Auch das Ende war mir Too Much! Warum nimmt wieder jemand die Schuld auf sich für etwas, was die Person nicht getan hat und dann so endgültig?
Generell wird hier viel geschwiegen aus einer Ängstlichkeit heraus, die keine Relationen steht. Andererseits kippen mir ständig Emotionen über Bord. Es rollen Tränen, es wird gemotzt und vor allen Dingen grundsätzlich impulsgesteuert agiert . Leider ist das Bauchgefühl der Protagonistinnen kein guter Berater.
Einfach so weglesen kann man die Geschichte nicht, die 5 Zeitebenen mögen zwar von manchen höchste Konzentration erfordern, doch das war es nicht, was mich ab und an verwirrt hat. Bei mir waren es die außergewöhnlichen aber doch sehr ähnlichen Namen : Enna, Jale, Ayla, Alea, Elani-das hat für mich eindeutig Verwechslung Potenzial. Dem gegenüber waren die Allerweltsnamen der Jungs (Henry -Niklas -Luca) gerade zu banal.
Mein Fazit: Eine gutes Buch, das man erst nicht aus der Hand legen möchte, das spannend und atmosphärisch ist und eine bunte Palette unterschiedlicher Charaktere bietet, das aber zunehmend mit Schockern zu beeindrucken versucht und an manchen Stellen sehr konstruiert wirkt. Es hätte an einigen Stellen sicherlich gekürzt werden können. Auch eine gewisse Vorhersehbarkeit hat sich bei mir eingeschlichen. Von den nicht erwartbaren Wendungen habe ich nicht so viel gespürt. Manch einer sah in dieser Lektüre ein Jugendbuch. Und tatsächlich wurde das zum Ende hin immer deutlicher. Eine ungewöhnliche Geschichte die mich als Skeptikerin nicht vollends überzeugt hat.