Pieter Posthumus ist ein einfühlsamer und rücksichtsvoller Mann etwa um die fünfzig mit einem Faible für gute Kleidung und seltsame Fälle. Er arbeitet bei der Stadtverwaltung, im Amt für Katastrophenschutz und Bestattungen in Amsterdam. Zu seinem Job gehört u.a., die einsamen Toten in ihren Wohnungen aufzusuchen, die Überbleibsel ihrer Existenz aufzulösen und ein anständiges Begräbnis für sie zu organisieren. Eines Tages besucht er mit seinem Kollegen die Wohnung vom kürzlich verstorbenen Mann namens Bart Hooft und findet einige Dinge, die seine Aufmerksamkeit wie seinen Spürsinn wecken. Sowohl das ungewöhnliche Zeichen auf dem Arm des Verstorbenen, als auch seine düsteren Gedichte lassen Pieter nicht mehr los und er fängt an, den winzigen Spuren nachzugehen.
Einige aktuelle Themen kommen in diesem Zusammenhang gleich ans Licht: lang andauernde Einsamkeit, Depressionen, Selbstmorde in der Großstadt. Auch Freundschaft, Vertrauen, Liebe, Bedeutung der Familie im heutigen Leben - ein großes Thema, das vom Anfang bis zum Schluss seine Präsenz bewahrt, sind wunderbar, in einprägsamen Bildern und vielfältigen Situationen in diesem Roman ausgearbeitet worden. Pieter selbst hat kein einfaches Verhältnis zur Familie und dafür gibt es einen sehr guten Grund.
Viele interessante Figuren trifft man in diesem Krimi. Mohammed, ein vor Jahrzehnten eingewanderter Marokkaner, Möbelladenbesitzer im weiteren Umkreis von Amsterdam, Vater zweier erwachsenen Kinder. Seine Geschichte, seine Gedanken und Sorgen um seine Tochter und vor allem um den Sohn in dieser ihm wenig verständlichen modernen Welt ist ein guter wie ernsthafter Einstieg in eins der zentralen Themen des Romans: Integration der jungen Muslime im Westen. Lebendig, realistisch und menschennah sind die Probleme der neuen Generation geschildert: Die Orientierungs- wie Ausweglosigkeit junger Marokkaner auf der Suche nach eigener Identität, im Spagat zwischen dem Wunsch, die Traditionen wie den Glauben ihres Herkunftslandes zu bewahren, und dem Leben in der westlichen Welt, in dem sie kaum einen Anschluss finden.
Es gibt also zwei Welten in dem Roman: die (jungen) Muslime um Mohamed, wie Najib, Mohameds Sohn, ein neunzehnjähriger Hitzkopf, Aissa, Mohameds Tochter, eine kluge, selbstbestimmte junge Frau, die Freunde von Najib, mit denen er sich trifft um über Koran und seine Lehren zu diskutieren, Amir, Mohameds Cousin, etc.
Die Einheimischen: Pieter - ein recht ungewöhnlicher Ermittler, sehr erfreulich, dass er ein Mensch mit seiner Vorgeschichte und seinen Fehlern ist, mit einigen Dingen, die er in der Jugend getan hat und nun sein Leben lang bereut. Und ein reizender „Haufen“ um ihn: Anna, Pieters mehr oder weniger Lebensgefährtin, Besitzerin von De Dolle Hond, einer In-Kneipe, wo die Leute um Pieter sich treffen. Alex, eine gut aussehende Studentin, arbeitet in Pieters Amt beim Empfang und hilft ihm begeistert bei den Ermittlungen. Maya, seine Kollegin a lá Bürodrachen, die die Arbeit am Fall Bart Hooft eher hindert. Merel, Pieters Nichte, Journalistin, die bei den Ermittlungen mitwirkt, Cornelius, der Dichter, der die Gedichte Bart Hoofs „die Musik der Seele“ nennt und sonst in der Ermittlung mit seinen Arabischkenntnissen weiterhilft, etc.
Der Kontrast zwischen der Lebensweise der Muslime und der einheimischen Amsterdamer ist bildhaft, anhand von lebendigen Szenen ausgearbeitet worden und steht einem klar vorm inneren Auge.
Eine dritte Gruppe, gemischt aus Okzident und Orient, stellt die Ermittler der Geheimpolizei sowie ihre Informanten aus der muslimischen Szene dar. Das Ermittlerteam untersucht den Mord am jungen Moslem, der aus der Gracht eines Morgens gefischt wurde, verfolgt dabei aber die eigenen Ziele.
Amsterdam spielt schon fast seine eigene Rolle als Ort des Geschehens. Das Flair der Stadt ist gut spürbar. Über einige frühere Essgewohnheiten der Amsterdamer kann man sich heute nur wundern.
Interessante Gedanken zu gesellschaftlichen Gepflogenheiten, zur Aufbau und Entwicklung der Gesellschaft fand ich auf S. 206-207: „Zuilen hießen diese getrennten Bereiche – Säulen, auf denen die Gesellschaft ruhte. Kam diese Aufteilung jetzt wieder? Zuilen. Voneinander getrennt, aber gleichberechtigt. …War er gerade auf dem Weg zu einer islamischen Zuil draußen im Westen der Stadt? Oder war es bloß ein Ghetto?“
Mein Eindruck dabei ist: Die Autoren treibt die Sorge um die gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklung. Und deshalb haben sie einen Kriminalroman geschrieben, um mit ihren klar gezeichneten Bildern und Schicksalen der jungen Muslime in Amsterdam die breite Leserschaft auf die heutige Situation aufmerksam zu machen. Die Problemlösung geht kaum über Sich-der-Situation-verschließen, eher über das Hinsehen und das Verstehen-wollen. Gäbe es eine funktionierende Willkommenskultur, wäre die heutige Lage nicht so prekär. Der Roman liefert nicht nur einprägsame Beispiele zu den akuten Problemen der Gesellschaft, er gibt den Lesern auch mögliche Erklärungen in die Hand, wie es dazu kommt, dass junge Muslime auf die schiefe Bahn geraten und sich von bestimmten Kräften instrumentalisieren lassen, wie ein Orientierungsloser zu dem wird, was er eigentlich nicht werden wollte, wie geschieht es eigentlich, dass die beiden Welten sich immer mehr entfremden. Es ist nicht rechtens, so wie es ist, so darf es nicht weitergehen und muss schleunigst geändert werden.
Die Vielfalt und Komplexität der Fragestellungen in dem Roman hat mich sehr beeindruckt. Gut beobachtet und gut umgesetzt.
Insgesamt hat mich der Krimi überzeugt. In dem Fall heißt es eindeutig: der Weg ist das Ziel.
Fazit: Der Roman ist gut gelungen: solide geplant, gekonnt geschrieben. Überlebensgroße Figuren, die ich gerne im nächten Fall von Pieter Posthumus treffen würde. Der Funke wollte nicht so ganz überspringen. Evtl. liegt es an der Komplexität und der Vielfalt der Themen, vllt. an einigen Schönheitsunebenheiten und etwas zu ruhiger Spannung. Beim nächten Fall aus der Feder von Britta Bolt bin ich gerne dabei.