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Hauptsache kein Zeitgeist: Roman | Die Welt ist so. Die Menschen sind so. Und was ich darüber denke, ist so.

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Ein Mädchen lernt, auf einer Trommel den Takt der türkischen Nationalhymne. Jahre später steht ihre Mutter vor der Tür und zieht sie an der Hand zurück nach Deutschland. Noch einmal Jahre später wird sie verlassen von einem Mann, den sie "Niemand" nennt, die Sehnsucht nach Niemand wird sie nicht mehr los. Alles, nur nicht zynisch werden. 

In Hauptsache kein Zeitgeist breitet sich in aufregenden 24 Stunden die Gegenwart vor uns aus wie ein gewebter Teppich. Die Heldin des Romans ist eine Kosmopolitin und eine Migrantin. Sie übt sich in Affirmation und Meditation, bildet sich autodidaktisch in Sozialphilosophie und rollt auf einer Konferenz die Augen über die tristen Tropen der Wissenschaftler. Reist nach Triest und lernt John kennen, reist in die Vergangenheit und lernt sich selbst kennen. Will nicht modern sein und ist es doch. 

322 pages, Kindle Edition

Published February 26, 2026

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Hayat Erdoğan

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Profile Image for Lea Melissa.
1 review
June 5, 2026
Die Art Buch, bei der man wahrscheinlich auch beim vermehrten Lesen noch auf Verbindungen und Bedeutungen stößt, die einem zuvor nicht klar geworden sind. Während an aktiver Handlung innerhalb von 24 Stunden des Lebens der modernen Protagonistin nur wenig passiert, lernt man im stream of consciousness sie, ihre Sehnsüchte, ihre Traurigkeit, ihre Mutter, ihre Scharfsinnigkeit, ihren Antrieb ebenso wie ihre Antriebslosigkeit, die Bruchlinien und die kontinuierlichen Fäden ihres Lebens mit jeder vergehenden Stunde besser kennen. Sehr reich an kulturellen Referenzen, vor allem für James Joyce-Fans. Für mich hat es sich nach einem Buch angefühlt, das einen je nach Lebenskontext und Lesesituation anspricht oder nicht, mich hat es sehr fasziniert.

Einige Lieblingsstellen, die mich persönlich berührt haben:

„Bildung gleicht Herkunft nicht aus. Sie ist ein Schild. Ich trainiere meine Sprache wie einen Körper, diszipliniert, elastisch, adaptiv.“

„Es war einmal und noch einmal, und immer wieder, eine Hexe. Nicht im Märchen, nicht im anatolischen Dorf. Alle Zeitgeister wieder kehrten sie zurück. Hexen lassen sich nicht verbrennen, sie organisieren sich.“

„Und wir Wir bauen weiter, als wüssten wir nichts. Auch nicht, dass das Beben nie aufhört, selbst wenn die Uhr stillsteht. Wir haben Satellitenbilder, Tiefenbohrungen, wir wissen um Zu-sammenhänge, untersuchen tektonische Risse, sehen auch alle anderen Brüche, das, was uns derzeit bebt, wir sind aufgeklärter als die Aufklärung, und doch handeln wir weiterhin so, als wüssten wir nichts.“

Aus Kränkung ist noch nie etwas Würdevolles erwachsen.
Kränkung ist ein Gift, das einen verrückt macht. Ich versuche, die Gefühle zu bändigen. Aber es gibt kein Gegengift. Nur warten. Bis Akzeptanz eintritt, durch den Hintereingang. Und bis dahin: sich schämen. Eines Tages aber werden diese Gefühle der Kränkung Vergangenheit sein, und ich werde mich weigern, die Splitter noch einmal zu lesen. Aus Angst, aus Scham über das Überbordende, die Emotionalität. Ich werde mich bis dahin daran erinnern, dass es ein Luxus ist, so zu fühlen, so fühlen zu dürfen, so schreien zu können. Ich werde die Splitter eines Tages wie Kehricht einsammeln und mich über die Banalität des Ver-lassenwerdens totlachen. Vorher falle ich wie ein kleines Kind.
Meine Knie erzählen auch Wochen später von meinem Sturz.“

„Ich spreche die Sätze laut aus und warte, ob der Raum antwortet. Tut er nicht. Die Stille ist so dick, dass er nicht sprechen kann.“

„Wie Kriegerin, sagst du und hebst die Puppe auf. Das Lachen aufgesetzt, künstlich, falsch.
Eine Übersprungshandlung. Wir müssen wie Kriegerinnen sein, wiederholst du, klatschst in die Hände, lachst, als wärst du auf einem Arabesk-Konzert. Dein Gesicht, eine Maske mit Zähnen.
Das Gehirn lässt sich austricksen. Das stimmt schon. Mit Glaubenssätzen, wie dem inneren Kind, das man umarmen soll.
Aufstehen, weitermachen. Nicht du erziehst mich zur Kriege-rin. Ich suche nicht nach Selbstaffirmationen, die alte Mythen der emanzipierten Frau neu interpretieren und neue Mythen der Selbstliebe auf den Schultern des Alten gegen die große Desintegration in Stellung bringen, weil es ein Spiel ist. Die Kriegerin kommt nicht aus dem Podcast, der feministische Kampf ist kein Hobby.“

„Ich hätte geschrieben:
Wir wissen, dass alles archiviert und dennoch vergessen wird.
Wir wissen, dass nichts bleibt, außer dem Versuch.
Der Versuch, den ich liebe. Und dich.“

„Angenommen, ein Erdbeben ist ein affektives Dispositiv, und angenommen, es zeigt das Erzittern des Subjekts selbst - kör-perlich, sprachlich, genealogisch -, dann überlagert sich darin nicht nur individuelles Trauma und kollektives Gedächtnis, sondern es spiegelt eine politische Ordnung, indem es Macht entlarvt, an Menschlichkeit erinnert und auf das verweist, was wir sonst nicht sagen. Es erinnert an ein Wir, das sonst so schwer auszusprechen ist. Für einen kurzen Moment scheint es möglich, dass wir verbunden sind, nicht durch Verträge, sondern durch dieses gemeinsame Wissen, dass der Boden unter unseren Füßen jederzeit reißen kann. Dass jedes Subjekt auf unsicherem Terrain steht, dass Erinnerung nicht privat ist und dass Politik mit Gefühlen, Körpern, Erschütterungen beginnt.“

„Aber du rollst weiter Teig aus, weil Liebe für dich Arbeit bedeutet.“
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