Einfach mal innehalten
So schön Paris auch sein kann, so laut und rastlos kommt es Marie vor - sie fühlt sich gefangen in der Hektik der Großstadt. Kurzerhand setzt sie sich in einen Zug mit unbekanntem Ziel. Unterwegs begegnet ihr Jónína, die in Redu ihr Zuhause gefunden hat. Dort betreibt sie eine kleine Buchhandlung, es ist beileibe nicht die einzige in diesem Ort, in dem es sehr viel gemächlicher zugeht als Marie das je erlebt hätte. Sie steigt mit Jónína hier, in diesem so wundersamen Bücherdorf inmitten der belgischen Ardennen, aus.
Das Leben in Redu ist der krasse Gegensatz zu ihrem bisherigen Dasein. Schon der Name ist Programm. Redu – réduire – reduzieren. Es ist das zweitälteste Bücherdorf der Welt, dieses Dorf gibt es wirklich. Und auch ansonsten ist vieles real wie etwa die Zeiger der Kirchturmuhr, die asynchron laufen. Dies und noch so einiges mehr verrät der Autor in seiner Nachbemerkung, lediglich seine titelgebenden Protagonistinnen sind fast ausschließlich seiner Fantasie entsprungen wie auch die weiteren Figuren, allesamt liebenswerte Charaktere, die ich – so sie denn existieren würden – gerne näher kennenlernen würde.
390 Einwohner sind es, die überwiegend ohne Internet sind. Gut, so dann und wann haben sie Empfang, was vollkommen ausreichend ist. Auch ansonsten verzichten die Bewohner auf viele moderne Errungenschaften, was Marie zunächst erstaunt, bald aber schätzt sie die entschleunigte Lebensweise. Zuvor hatte sie ihr Studium, zwei Nebenjobs und Schulden obendrein. Und nun ist sie hier. Sie trifft auf Thomas, den Bäcker, der ihr stets mit Rat und Tat zur Seite steht. Eines schönen Tages setzt sie sich neben Mathilde auf die Bank, beide haben nicht das Bedürfnis, zu reden. Sie begegnen sich wieder, lassen die Landschaft auf sich wirken, kommen sich näher und auch wenn Marie mit Flora und Fauna nicht viel anzufangen weiß, lernt sie, ihre Sinne zu schärfen. Sie hört auf ihre innere Uhr, hört auf das Vogelgezwitscher, folgt dem Stand der Sonne – sie schätzt diese Lebensart mehr und mehr. Und auch Mathilde, die ihre Lebensfreude verloren hat, blüht auf.
Wir hetzten durch den Alltag, schauen nicht nach links oder rechts, sind eher mit Scheuklappen unterwegs, dabei hat die Natur so viel zu bieten. Man muss nur genau hinsehen, sich so viel Zeit nehmen, wie es braucht, um die Schönheit um uns herum zu erfassen.
Das Buch regt zum Nachdenken an und auch wenn wir nicht in diesem zauberhaften Redu leben, so sind es doch die kleinen Alltagsfluchten, die man sich gönnen sollte, um wieder aufzutanken. Und mittendrin sind es Mathilde und Marie und noch einige mehr, die sich gegenseitig unterstützen, die miteinander leben. Ein leises Buch, das so viel vermittelt und das mich mahnt, so manches Mal innezuhalten.