In den letzten Jahren sind viele Stimmen laut geworden, die unser geltendes Mutterideal hinterfragen. Dennoch steht die unbedingte Mutterliebe nach wie vor im Vordergrund und gilt als Motivation und Lohn für Care-Arbeit und Entschuldigung für Ungleichheit. Muttergefühle stehen synonym für ein einziges Gefühl, das über dreihundert Jahre den faktischen Blick auf das Muttersein versperrt und in rechtskonservativen Ideologien aktuell wieder Aufschwung erhält. Dabei ist es Zeit, die Gefühle von Eltern neu zu definieren und das Narrativ der immer glücklichen Mutter aufzubrechen und darzulegen, wie viele unterschiedliche und komplexe Emotionen zur Mutterschaft dazugehören – zu denen natürlich auch, aber eben nicht nur, Liebe und Glück zählen. Fünfzehn Autor*innen beschreiben in kurzen Texten, wie es ist, Mutter oder Eltern zu sein, und zeigen, was sich alles hinter dem Begriff Muttergefühle verbirgt.
“Das Schönste, aber auch das Schwerste” ist eine Essaysammlung einiger namhafter Autor:innen, die diverse Aspekte des Elternseins beleuchten. Dabei lebt das Buch von den vielfältigen Perspektiven der Autor:innen, die teilweise sehr unterschiedliche Leben führen und lediglich teilen, dass sie Schreibende sind und Kinder haben.
So geht es mal um Überforderung, die manche emotional oder auch in Bezug auf die Alltagsbewältigung spüren, um die hohen Erwartungen, die gesellschaftlich an Mütter oder Väter gestellt werden. In einem Text schildert Valo Christiansen Erfahrungen, als trans Person schwanger und schließlich ein Elternteil zu sein. Die meisten Texte sind aus der Perspektive von Müttern geschrieben - solche, die wütend sind, die erschöpft sind, schamvoll oder auch noch suchend nach sich selbst, dem, was sie mal waren und dem, was sie nun zu werden sind.
Auch Themen wie Mutterschaft nach einer Fehlgeburt oder einer Abtreibung finden Platz, ebenso wie unerfüllter Kinderwunsch. Besonders tief ging mir der Text von Yannic Han Biao Federer, in dem er über seinen verstorbenen Sohn schreibt und darüber, wie es ist, mit diesem Verlust zu leben.
Mir hat die Vielfalt der Perspektiven sehr gut gefallen, zu manchen Texten konnte ich persönliche Berührungspunkte finden, andere haben mir Gedanken und Gefühle nähergebracht, die nicht die meinen sind. Einige Texte haben mein Interesse geweckt, mehr von den Autor:innen zu lesen, z.B. der Text “Söhne” von Shila Behjat. Es ist ein Buch, das auch auf Missstände aufmerksam macht und motiviert, sich tiefer zu einigen der Themen Gedanken zu machen.