Susanne Siegert beschreibt, wie sie aus persönlichem Interesse, mehr über ein KZ-Außenlager nahe ihres Elternhauses zu erfahren, anfing, Internetarchive zu durchforsten und so Geschichten erfuhr, die weit über das Schulwissen hinausgehen. Darauf aufbauend rief sie ihren Instagram Account ins Leben, wo sie über genau diese Geschichten berichtet und somit Geschichte lebendig vermittelt. Ihr Appell lautet, das Gedenkentheater hinter sich zu lassen und gebräuchliche Paroli zu hinterfragen. Stattdessen sei es wichtig, Tatorte aus der Nachbarschaft sichtbar zu machen und die Geschichte der eigenen Familie zu erforschen und zu hinterfragen.
Fußend auf einer intensiven Recherchearbeit (mit allen verwendeten Quellen, was ich mir von eigentlich jedem Sachbuch wünschen würde) und zahlreichen Beispielen räumt Siegert mit verbreiteten Mythen auf und gibt auch den "ungemütlichen" Betroffenen eine wertvolle Stimme. Denn allen voran sollte sich das Gedenken an den Geschichten und Bedürfnissen der Opfer und nicht nach den Wünschen der Täter orientieren. Die hiesige Erinnerungskultur verkenne viel zu oft, das unsere Vorfahren beinahe ausnahmslos Täter waren, welche sich in unterschiedlichen Abstufungen zeigten. Auch hierfür werden Gegenbeispiele aufgezeigt, die vor allem aufzeigen, dass jede*r eine Wahl gehabt hat und dass es neben den vielen bekannten Heldentaten auch viele stille Helden gegeben hat.
Gedenken und Erinnerung sind Arbeit, die unser aller Aufgabe ist. Solidarität mit den Betroffenen und das Sichtbarmachen der NS-Tatorte sind unsere Verantwortung.
Susanne Siegert ist für mich eine wichtige Stimme auf den sozialen Plattformen, welche sie durch ihr Debüt nochmal untermauern konnte!
"Wir inszenieren das Gedenken wie ein Theaterstück zu passenden Spielzeiten, am liebsten zu Gedenktagen, ohne dass die Beschäftigung mit einer echten Aufarbeitung, geschweige denn politischen Konsequenzen verbunden wäre."
S. 11f
"Während Jahr für Jahr das "Nie wieder!" runtergebetet wird, Stolpersteine geputzt und Blumen abgelegt werden, um der jüdischen Opfer zu gedenken, wird NICHT thematisiert, dass die nicht jüdische Bevölkerung zu großen Teilen zuschaute oder sogar mitmachte, als jüdische Geschäfte verwüstet, Häuser geplündert und Synagogen angezündet wurden."
S. 48
"Doch nicht mal zu [...] minimalen Akten der Menschlichkeit waren viele Täter:innen fähig, im Gegenteil: Sie haben sich bewusst dazu entschieden, das Leid von Menschen noch zu vergrößern, selbst in Situationen kurz vor deren Vernichtung."
S. 101f
"Genau deshalb müssen wir diese Beispiele, wo Menschen Handlungsspielräume ergriffen haben - oder wo eben nicht -, stärker in den Fokus rücken: weil sie das verbreitete Narrativ von Ohnmacht und Zwang hinterfragen, das viele auch nutzen, um ihre eigene Familie zu entlasten."
S. 104
"Das absolute Minimum [...] wäre es, den ehemaligen Verfolgten zuzuhören. Ihre Perspektiven [...] zuzulassen und sichtbar zu machen, auch und gerade dann, wenn sie kritisieren, fordern und anklagen. Denn wer Gedenken ernst meint, muss auch hinhören, wenn es vermeintlich unbequem wird."
S. 171
"Wenn Überlebende oder Angehörige ehemaliger Verfolgtengruppen mitbestimmen möchten, wie an ihre eigene Geschichte erinnert wird, gelten sie schnell als unbequem, ihre Einwände als Störfaktor, die den reibungslosen Ablauf [...] aufhalten. Sie sollen still sein und dankbar für jeden Gedenkort, jede Gedenktafel, jede Rede, egal, wie klein diese Gesten sein mögen und wie wenig sie auch mit ihrer eigenen Realität zu tun haben. Denn beim offiziellen Gedenken geht es viel zu oft nicht wirklich um die Opfer und ihre Nachkommen - sondern um uns, um das eigene gute Gewissen der ehemaligen Tätergesellschaft, die sich selbst als aufgeklärt und moralisch geläutert inszenieren will. Die, an die erinnert werden sollen, werden wieder an den Rand gedrängt."
S. 178f
"Wir sollten uns bewusst sein, dass wir alle diese Rolle als Korrektiv haben, zu der gehört, dass wir das Gedenken um jene Perspektiven erweitern, die nicht nur das bestätigen, was wir eh schon glauben zu wissen oder gerne hören wollen. Konkret heißt das: Wenn jede Person, egal, wo sie lebt, Tatorte vor ihrer eigenen Haustüre sichtbar macht, statt den Blick lieber in die Ferne (zum Beispiel nach Auschwitz) schweifen zu lassen, entsteht ein ganz neues Bewusstsein dafür, dass NS-Verbrechen nicht nur an heute symbolisch durch "Icons" aufgeladenen Orten stattfanden, sondern mitten in unseren Städten, Dörfern und Nachbarschaften."
S. 181