Die Wiedertäufer in Münster. Sie wollen Freiheit und Gerechtigkeit, doch sie bringen Gewalt, Willkür und Terror. Der große historische Roman über eine Idee und ihre Wirklichkeit – und über einen Mann und eine Frau zwischen den Fronten. Der Roman des mit dem Goldenen Homer ausgezeichneten Autors erscheint zum 500-jährigen Jubiläum der Täuferbewegung. 1534: Die Bewegung der Täufer wächst von Tag zu Tag. Ihre Ideen von einer neuen religiösen Gemeinschaft, die Gerechtigkeit und Freiheit von den Zwängen der etablierten Kirche verspricht, ziehen viele an, die an den unruhigen Zeiten verzweifeln. Maria, die Schwester des Kaisers, bekämpft die Bewegung mit aller Macht. Eines Tages erteilt sie ihrem Leibwächter Jakob einen brisanten Er soll ein Mädchen aufspüren, das sich der Glaubensgemeinschaft angeschlossen hat. Jakob folgt ihrer Spur nach Münster, wo die Täufer unter der Führung ihres Propheten Matthys das Jüngste Gericht erwarten. Jakob gibt sich als Anhänger aus und kommt bei dem Schmied Andreas unter, einem Mitglied der Gemeinde. Während Matthys ein Terrorregime errichtet und der Bischof die Stadt belagert, verliebt sich Jakob in Katharina, die Schwester von Andreas, die an der Bewegung zweifelt. Als er erfährt, wer das gesuchte Mädchen wirklich ist, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Kann er sie retten, bevor die Täufer von ihrer Identität erfahren? Und kann Katharina den verblendeten Bruder zur Umkehr bewegen, bevor in der Stadt ein Blutbad angerichtet wird?
Der Autor ist promovierter Historiker, und ich liebe mittlerweile seine historischen Romane; ich habe die „Tankred“-Serie gefeiert, und wenn Römling einen neuen Wälzer aka Roman herausbringt (über 600 Seiten ist das neue Werk lang), muss ich es lesen :-) !
Also, schnell vorab: das Buch hier hat alle Erwartungen erfüllt, ich hab es verschlungen und kann es nur wärmstens weiter empfehlen!
Und jetzt zu den Feinheiten: Wir sind in Münster in den Jahren 1534 und 35. Wer jemals in Münster war, ein zentraler Punkt im Stadtmarketing dreht sich um die Tatsache, das Münster die Stadt der Wiedertäufer war, und man kann in der Stadtmitte an der Lambertikirche die Käfige sehen, in denen die Anführer der Wiedertäufer damals nach ihrer Hinrichtung ausgestellt wurden. Da führt keine Sightseeingtour dran vorbei, und ich hab mich eigentlich immer gefragt, wer diese dubiosen Wiedertäufer eigentlich waren und was sie wollten, war aber für eigene Recherchen immer zu faul – und nun habe ich von Römling die Geschichte dieser Bewegung in einem super spannenden Abenteuerroman serviert bekommen. Perfekt! Um es abzukürzen, die Täufer, wie sie sich selbst nannten, waren eine religiöse Gemeinschaft, deren Ansätze eigentlich freiheitlicher-friedlicher Art waren. Verteilt waren sie europaweit, vor allem in Holland und Deutschland, und aufgrund gewisser politischer und gesellschaftlicher Voraussetzungen haben sie sich Münster in Westfalen als ihre zentrale Wirkungsstätte auserkoren. Also auf nach Münster!
In der Nähe von Brüssel sind wir bei der Statthalterin Maria, Schwester des Kaisers, die ihrem Vertrautem Jakob einen heiklen Auftrag erteilt: er soll die 16 jährige adlige Ernestine aufspüren, die sich der Wiedertäuferbewegung angeschlossen hat, aufspüren und der Familie wieder zurück bringen. Ernestine ist ausgerissen, und soll möglichst diskret wieder nach Hause gebracht werden. Nun denn – ihre Spur führt nach Münster, und Jakob wird im Haus des Schmieds Andreas und dessen Schwester Katharina einquartiert. Zu diesem Zeitpunkt entwickelt sich Münster als Anlaufstelle für alle neuen Gläubigen, und der Autor schafft es, uns Lesern ziemlich detailliert und historisch korrekt die Geschehnisse dieser Zeiten darzustellen, und sie uns anhand der (fiktiven) Protagonisten Jakob, Andreas und Katharina nahe zu bringen. Andreas ist über lange Zeit begeistertes Mitglied der neuen Gemeinde, während Katharina das Ganze eher skeptisch sieht, und Jakob sowieso als desillusionierter Atheist seinen Auftrag im Vordergrund hat.....Und während Jakob und Katharina sich ineinander verlieben sollen, verliert sich Andreas im neuen Glauben, der das Leben der Münsterer jeden Tag ein wenig mehr bestimmen soll....und es kommt, wie es kommen muss: die Stimmung heizt sich immer religiöser auf, und die neuen Täuferführer nehmen das Heft der Stadt in die Hand.
Eigentlich ein Lehrstück, wie schnell ein politisch-gesellschaftlicher Umschwung stattfinden kann, wie die, ich sage mal, Psychologie der Massen wirkt, und wie zackig eine „neue Normalität“ entsteht. Das war für mich so das eigentlich Interessante an diesem Roman; Münster ist in knapp 2 kurzen Jahren völlig verändert worden; aus einer blühenden Kleinstadt wurde eine umkämpfte und belagerte und terrorbeherrschte Ortschaft, und geendet hat das Ganze in einem Blutbad. Das ist jetzt kein Spoilern, das kann man in jedem Geschichtsbuch nachlesen, wenn man sich die Mühe machen möchte.
Lesenswert hierzu ist auch unbedingt das Nachwort des Autors, in dem er noch mal ein paar Fakten resümiert und ein paar interessante Vergleiche u.a. zur NS Zeit anstellt.
Aber hey, die Story um Jakob und Katharina, die spoilere ich nicht – die müsst ihr lesen! Action, Abenteuer, Liebe und Dramatik – alles drin, alles dran, super flüssig geschrieben, das war großes historisches Kino :-) Der Roman hat mich echt gecatched, ich war dabei :-) Und ich weiß jetzt definitiv mehr, das war eine wunderbare Nachhilfestunde in Geschichte.
Manchmal frage ich mich ja, wie verrückt man sein muss, um mitten im 16. Jahrhundert eine Stadt in ein religiöses Endzeitcamp zu verwandeln. Münster 1534 – Netflix hätte das niemals besser casten können. Da fliegen nicht nur die Fetzen, da knistert die Luft zwischen Fanatismus, Liebe und dem Gefühl, dass das Jüngste Gericht gleich persönlich an die Tür klopft.
Michael Römling haut hier einen historischen Roman raus, der nicht nach trockener Chronik schmeckt, sondern wie ein wilder Ritt auf einem rostigen Schwert. Ich schwöre, beim Lesen hatte ich manchmal das Gefühl, selbst durch die engen Gassen zu stapfen, den Rauch von brennenden Häusern in der Nase und dieses ständige Misstrauen im Nacken, ob die Typen da vorne gleich Freunde oder Feinde sind.
Jakob, unser Held mit Leibwächter-Attitüde, stolpert mitten in dieses Chaos hinein. Eigentlich soll er nur ein Mädchen finden – easy Auftrag, denkt man. Doch natürlich läuft alles aus dem Ruder. Zwischen Täufer-Wahnsinn, Belagerungsdrama und einer ziemlich gefährlichen Lovestory kommt der Kerl kaum noch zum Luftholen. Und ich auch nicht. Katharina, die Schmiedstochter, ist dabei die Art Frau, die einen Mann gleichzeitig erdet und ihm die Knie weich macht. Großes Kopfkino, Leute!
Was mir so gefällt: Römling schreibt so plastisch, dass man fast glaubt, den Schlamm zwischen den Zähnen zu spüren. Die Figuren wirken lebendig, nicht wie Marionetten, sondern echt – mit Fehlern, Zweifeln und Sehnsüchten. Und gerade das macht die Story so packend. Keine verklärte Mittelalterromantik, sondern ein ehrlicher Blick auf Macht, Gier und Hoffnung.
Mein Fazit: Historische Romane können manchmal schwer im Magen liegen. Dieser hier nicht. Der ist spannend, scharf gewürzt und so lebendig erzählt, dass man ihn kaum aus der Hand legen will. Absolute Empfehlung für alle, die beim Lesen schwitzen, zittern und heimlich Herzchen in den Seitenrand malen wollen.
Die Stadt der Auserwählten ist bestenfalls in Ordnung.
Wer historische Romane mag, wird womöglich sein Vergnügen haben, aber so richtig überzeugend finde ich es nicht.
Die drei Hauptfiguren bleiben ziemlich flach und generisch. Trotz der personalen Erzählweise wirken sie „weit weg”, was wohl daran liegt, dass sie keine relevanten Ecken und Kanten haben. Ich kann auch kaum sagen, dass sie sich irgendwie entwickelt hätten. Bei zwei von dreien gibt es eigentlich keine Entwicklung, bei einer Figur gibt es etwas Entwicklung, das ist aber auch die weniger wichtige Hauptfigur.
Die Figuren mit Charakter bleiben Nebenfiguren und werden vom Autor fallengelassen, sobald sie ihre Funktion für die Handlung erfüllt haben. Wirklich alle Figuren, die irgendwie interessant sind, bleiben Randerscheinungen und tauchen nur funktional auf.
Was ich dem Buch wirklich übelnehme, ist die Flachheit der theologischen Dimension. Natürlich ist es ein Roman und kein Sachbuch, aber irgendeine Form der Auseinandersetzung mit den Idealen der Wiedertäufer (abgesehen vom Taufen) wäre reizvoll gewesen. So bleiben sie eine blasse Folie, die für jeden x-beliebigen Kult stehen könnte. Man könnte dies als Stärke verstehen, aber so bleibt Münster eben nur eine durchscheinende Kulisse für die Geschichte. Ebenso flach bleiben die Antagonisten. Da gibt es den bigotten Doppelmoraliker und den lüsternen Doppelmoraliker. Viel mehr Charakter haben sie nicht. Auch die kleineren Antagonisten bleiben eindimensional.
Der Autor scheint unbedingt den Punkt machen zu wollen, dass die Wiedertäufer alle ganz furchtbar gewesen sein müssen (inwiefern das zutrifft, kann ich nicht beurteilen), denn im Roman taucht kaum eine aufrichtig überzeugte Figur auf (die nicht gleichzeitig irre ist) (und das finde ich ... wenig überzeugend) und der Erzähler wird nicht müde auch für den unaufmerksamsten Leser die Doppelmoral der Wiedertäufer herauszustellen.