Briefe an Unbekannt – ein sentimentales, gebrochenes Echo.
Inhalt: 3/5 Sterne (anekdotisch)
Form: 2/5 Sterne (bemüht,hakelig)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (authentisch-offen)
Komposition: /5 Sterne (entfällt)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (desillusionierte Stimme)
--> 14/4 = 3,5 = 4 Sterne
Natascha Wodin schreibt in Die späten Tage von ihrem Leben an einem mecklenburgischen See, von ihren Altersgebrechen, ihrem Zusammenleben mit einem ein paar Jahre älteren Partner (Ende 80) und ihrer Angst vor dem Alleinsein. Ihr Buch liest sich erstaunlich parallel zu Helga Schuberts Der heutige Tag und Irvin D. und Marilyn Yaloms Unzertrennlich. Auf dem zweiten Blick liegt jedoch eine ganz andere Reflexionsform zugrunde, die die Prosa unversehens langsam, unter der Hand, in eine Art Gedicht- und Lyrikform bringt:
Es war, als wäre ich mein ganzes Leben blind gewesen und könnte zum ersten Mal sehen. Ich sah alles, ich sah glasklar. Ich war zu Hause, wo ich immer schon gewesen war, ich hatte es nur nicht gewusst. Nichts hatte sich verändert und gleichzeitig alles. Das ganze Leben bestand aus Problemen, mit denen wir uns unentwegt herumschlugen, aber jetzt begriff ich, dass es überhaupt keine Probleme gab, wir machten sie uns alle selbst, wir dachten sie uns aus.
Die selbsterklärte Nachteule löst sich aus alten Verbindungen. Für einen kurzen Moment fühlt sie sich frei, selbständig und unabhängig, bevor sie wieder zurücksinkt, und dieses Zurücksinken befremdet sie. Sie trauert um die fehlende Kraft, aus sich selbst zu schöpfen, statt sich nur von dem eigenen Debakel durchs Schreiben abzulenken, statt mit einem Mann zusammenleben, nur weil sie nicht alleinsein will, Angst vor der Einsamkeit hat, ohne diesen Mann jedoch, selbst nach ihrer eigenen Maßgabe, zu lieben.
Wenn man mich nach meiner Lebensbilanz fragen würde, wüsste ich nicht viel zu sagen. Ich habe viel geliebt und wurde viel geliebt, ich habe viel gelitten und mitgelitten, ich habe ein paar Bücher geschrieben, und ich habe immer Angst gehabt. Mein Leben war der vergebliche Versuch, die Angst zu besiegen. Alles, was ich gemacht habe, war letztlich diktiert von der Angst. Insofern weiß ich gar nicht, ob ich das Leben überhaupt erreicht habe.
Das Buch zeichnet sich nicht durch formalästhetische Geschmeidigkeit aus. Es gleicht mehr einer Briefsammlung, Notizen, Geständnissen, die ihr direkt und spontan aus der Feder fließen. Sie zitiert viel, montiert, tröstet sich mit dem Schicksal von anderen, schämt sich ob ihrer Schwäche, ihrer Gefallsucht, aber kann sich aus all ihren inneren und äußeren Verstrickung nicht befreien. Ihr Ton gleicht sehr Slata Roschal in Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten – hier spricht nicht eine Erzählstimme, sondern ein wachsendes, im Entstehen begriffenes lyrisches Ich.
Als versteckt-verkappte Elegie des Sterbens ergreift Natascha Wodins Die späten Tage sehr. Sie befindet sich auf dem Weg und der führt sie zu einer Friederike Mayröcker, die mit da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete poetisch das Altwerden bearbeitete und Trost in der Sprache fand, die Wodin noch sucht. Doch die Suche beeindruckt und rührt, auch wenn sie nicht zu einem zweiten Lesen einlädt, aber welches Gespräch will man wortwörtlich schon zweimal führen?
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Anfangs sehr inkohärent, zerfahren, die Liebe zu Friedrich wirkte aufgesetzt, unwirklich, geradezu abstrakt, nach und nach stellt sich aber heraus, dass diese tatsächlich auch von dem Ich als solche erfahren wird, sie bleibt mit ihm zusammen aus Angst vor dem Alleine-Sein, und diese Stimmigkeit breitet sich erst nach und nach, erst ab Mitte des Textes, dann auch rückwirkend auf den Text aus. D.h. ich glaube ihr, nehme ihr die Angst, die Verzweiflung ob ihres Alters, ihrer Isolation ab, und hiermit entsteht ein atmosphärisch sehr stimmiges, aber nicht schön geschriebenes Gebilde, eine Art Monolog, eine Briefsammlung an Unbekannt, eine Mitteilung, die sich nicht aus ihrer Angst heraus befreien kann. Komposition gibt es nicht – Inhaltliches nur über Anekdoten, die teilweise grausam sind; sprachlich wirkt der Text schnöde und einfallslos auf mich. Die Erzählstimme aber trägt das Buch.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) nein, lebt von der gegenwärtigen Geisteskultur
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, offen, authentisch
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, eher bemüht, langweilig
●stimmig?(Komposition: ja/nein) also Beichtform schon, entfällt hier
●ein zweites Mal lesen? Nein, wie ein gutes Gespräch, das ich aber auch nicht ein zweites Mal führen wollen würde (welches Gespräch schon?)
--> .. Sterne
--> 4 Sterne
Inhalt:
●Hauptfigur(en): Eine Art Monologistin, die denselben Namen wie die Autorin besitzt, aber eigentlich Natalia Nikolajewna Wdowina heißt, 79 Jahre alt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Das lyrische Ich schreibt kurze Passagen. Sie befindet sich in einem mecklenburgischen Haus am See. Dort lebt sie mit Friedrich zusammen, wahrscheinlich Ende 80. Beide leiden unter ihrem Alter, suchen Nähe, finden sie aber nicht. Insbesondere sie hat ein sehr ambivalentes Gefühl dazu, ihm beim Sterben zuzusehen. Der Rahmen dieses Buches beschreibt ihr Zusammenleben und Zusammenkommen, und ihre Schwierigkeit zu gehen, ihre Schmerzen und Probleme, beim Schlafen, ihre Zahnschmerzen.
Sie erinnert sich zusätzlich an Begebenheiten aus ihrem Leben:
- Die USA als gelobtes Land, Angst vor Stalin, da sie als deutsche Zwangsarbeiter unter Generalverdacht standen, emigrierte ihre Eltern nach Deutschland
- Als sie eines Sommers nur Paul Auster-Bücher las
- Ihre Ehe mit einem DDR-Schriftsteller namens Jakob (Wolfgang Hilbig)
- Ihre Dolmetschertätigkeit in der Sowjetunion, die Angst bei der Einreise, das Hotel Rossja, Affäre mit Jan Lankwitz (als sie 27 Jahre alt war), Aufbauleiter der deutschen Messegesellschaft, während des Aufenthaltes, Vergehen gegen die Hotelregeln, aber lokal und temporal auf Moskau beschränkt, da er seine Ehefrau liebte. Nur ein kurzes, kommentarloses Wiedersehen.
- Reise mit Friedrich zur Familie ihres verstorbenen Cousins, Igor. Das Wiedersehen kam zu spät. Er starb vorher. Episode mit der Schwalbe, die zum Übernachten zu ihnen kam, Armbeuge der Laterne.
- Der kleine Adoptivjunge, dem sie Klavierunterricht erteilte, in den sie vernarrt gewesen ist, und der dann wieder zurück ins Heim gegeben worden ist, als die Pflegemutter schwanger wurde.
- Der Vermieter, der keinen alten Mensch in seinem Haus leben lassen wollte.
- Wie sich Friedrich weigerte, in die SED einzutreten.
- Passverlängerung und Namensdebakel mit der Beamtin, die kein Sütterlin lesen kann.
- Friedrich verliebte sich in das Cover von „Sie kam aus Mariupol“.
- Hitzenacht, Umzug ins Literaturhaus Wannsee, Zimmer mit Porträt von Alain Delon.
- Zahnarztangst
- Astrid, Bürgerrechtlerin für Sterbehilfe, Kind des Lebenborn, die einsam und verlassen stirbt, das lyrische Ich um Beistand bittet, das ihr aber eine Abfuhr erteilt und sie allein sterben lässt. Das lyrische Ich schickt Blumen; am Tag ihres Todes noch eine Mail an den Blumenladen, dass ihre Freundin nie so eine Geschmacklosigkeit sich erlaubt hätte, das lyrische Ich im CC.
- Die Einladung nach China, in die Region Zheijang, Hüterin des weinenden Feuers.
- Besuch des Alkoholiker-Nachbarn Kurt im Pflegeheim.
- Ihre Tätigkeit für einen Vieh- und Fleischhändler.
- Trennung von Hilbig, Jakob.
- Reise im Schneesturm nach Südtirol, ihr Verliebtsein in Marie, aus der Liebe, die sie ihr in einem Brief später gestand, wurde nichts. Marie heiratete und bekam ein Kind.
- Die Fast-Witwe, mehrmals, Tod des Ehemannes kurz nach Scheidung, Tod des Verlobten Lew kurz vor der Hochzeit, Tod Jakobs nach Scheidung, etwas später.
- Ihr plötzlicher literarischer Erfolg
- Tod ihrer Freundin Nadja, nach der Wende, erstes Auto und direkt ein Autounfall.
… zitiert ein Benn, ein Bachmann Gedicht. Gioconda Belli. Anna Achmatowa.
●Besondere Ereignisse/Szenen: siehe oben, die Sache mit dem Klavierspiel-Jungen und der Tod der Freundin
●Diskurs: ordnet sich in die Reihe der Bücher übers Altwerden ein, Helga Schubert „Der heutige Tag“ - Irvin D. und Marilyn Yalom: “Unzertrennlich: Über den Tod und das Leben”, Friederike Mayröcker: “da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete” - Georgi Gospodinov: „Der Gärtner und der Tod“ … Kalender- oder Stundenbuch. Julia Schoch: „Das Liebespaar des Jahrhunderts“. Slata Roschal: „Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“.
… durch die Anekdoten zum Ende hin interessanter, bewegender. Der Anfang zog sich deutlich. Sehr verwandt zu Schuberts „Der heutige Tag“.
--> 3 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: durchgängig sehr klar, sehr offen, sehr selbstbezogen. Auf eine eigenartige Weise durchlässig, zugänglich, mitteilsam. Sie öffnet sich, zeigt sich, dies auch sehr konsequent durchgehalten.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): ja, in dreifacher Hinsicht.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: aufrichtig, geradeheraus, nach Anschluss suchend
●Einschätzung: über die Dauer hat das Buch etwas von einer Lebensbeichte, einer Botschaft, einer Sammlung Briefe an Unbekannt, ein Lebensresümee. Als Stimme erzeugt sie aber eine sehr klare Atmosphäre, gibt ihre Persönlichkeit preis, hat eine sehr zugängliche, nackte Sprache.
--> 4 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) kaum gegeben, eigentlich eher eine Mitteilung
●Wortschatz: sehr alltagssprachlich bis auf ein paar gewollte Lateinismen.
●Type-Token-Ratio: (Musil >0,25 - Genre < 0,1) 0,171
●Satzlängen-Verteilung-Median: 22,2 Wörter -
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: (Musil/Mann <70% - Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 1603 Wörter
●Auffälligkeiten: die Sprache wirkt auf mich oft bemüht, etwas gedrechselt und nicht flüssig, feinfühlig. Sie wirkt sehr direkt und oft wenig schriftsprachlich, und die brüchigen Metaphern und Wortfeldschwierigkeiten erzeugen einen gestörten Sprachrhythmus.
●Innovation: nein
--> 2 Sterne
Komposition: kein fiktionaler Text
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