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Die späten Tage: Über das Altwerden und eine späte große Liebe

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«Wie gut und ermutigend, dass es Natascha Wodin und ihre Bücher gibt!» Marko Martin, Welt am Sonntag

Was bedeutet es, wenn man sich in hohem Alter noch einmal verliebt? Wenn nicht mehr viel Zeit füreinander bleibt und man sich eigentlich schon im Alleinsein eingerichtet hat? In Natascha Wodins neuem Buch wagt die Erzählerin den Versuch, die Liebe über die Einsamkeit siegen zu lassen, ein letztmögliches Lebensexperiment, in dem sich die Fragen nach Liebe und Tod mit existenzieller Dringlichkeit stellen und die Mühen des Alters zum Alltag gehören. Die Geschichte des Paares ist der rote Faden im Text, einem Gewebe aus Erinnerungen, Reflexionen, Beobachtungen – aufgezeichnet an einem mecklenburgischen See mit Blick auf das Wasser und den gegenüberliegenden Horizont.

Natascha Wodin erzählt berührend, ehrlich und poetisch über widersprüchliche Gefühle, über Nähe und Fremdsein in einer Beziehung, ihre Gedanken an den näher rückenden Tod und den Schmerz des unaufhaltsamen Abschieds. 


«Die Sprache Wodins nimmt dem, was sie erzählt, nicht den Schrecken. Im Sie macht ihn spürbar, nachvollziehbar. Und gleichzeitig spendet ihre Kunst den so nötigen Trost.» Der Spiegel 

282 pages, Kindle Edition

Published November 11, 2025

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Natascha Wodin

19 books34 followers

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Displaying 1 - 3 of 3 reviews
Profile Image for Alexander Carmele.
484 reviews455 followers
January 10, 2026
Briefe an Unbekannt – ein sentimentales, gebrochenes Echo.

Inhalt: 3/5 Sterne (anekdotisch)
Form: 2/5 Sterne (bemüht,hakelig)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (authentisch-offen)
Komposition: /5 Sterne (entfällt)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (desillusionierte Stimme)
--> 14/4 = 3,5 = 4 Sterne

Natascha Wodin schreibt in Die späten Tage von ihrem Leben an einem mecklenburgischen See, von ihren Altersgebrechen, ihrem Zusammenleben mit einem ein paar Jahre älteren Partner (Ende 80) und ihrer Angst vor dem Alleinsein. Ihr Buch liest sich erstaunlich parallel zu Helga Schuberts Der heutige Tag und Irvin D. und Marilyn Yaloms Unzertrennlich. Auf dem zweiten Blick liegt jedoch eine ganz andere Reflexionsform zugrunde, die die Prosa unversehens langsam, unter der Hand, in eine Art Gedicht- und Lyrikform bringt:

Es war, als wäre ich mein ganzes Leben blind gewesen und könnte zum ersten Mal sehen. Ich sah alles, ich sah glasklar. Ich war zu Hause, wo ich immer schon gewesen war, ich hatte es nur nicht gewusst. Nichts hatte sich verändert und gleichzeitig alles. Das ganze Leben bestand aus Problemen, mit denen wir uns unentwegt herumschlugen, aber jetzt begriff ich, dass es überhaupt keine Probleme gab, wir machten sie uns alle selbst, wir dachten sie uns aus.

Die selbsterklärte Nachteule löst sich aus alten Verbindungen. Für einen kurzen Moment fühlt sie sich frei, selbständig und unabhängig, bevor sie wieder zurücksinkt, und dieses Zurücksinken befremdet sie. Sie trauert um die fehlende Kraft, aus sich selbst zu schöpfen, statt sich nur von dem eigenen Debakel durchs Schreiben abzulenken, statt mit einem Mann zusammenleben, nur weil sie nicht alleinsein will, Angst vor der Einsamkeit hat, ohne diesen Mann jedoch, selbst nach ihrer eigenen Maßgabe, zu lieben.

Wenn man mich nach meiner Lebensbilanz fragen würde, wüsste ich nicht viel zu sagen. Ich habe viel geliebt und wurde viel geliebt, ich habe viel gelitten und mitgelitten, ich habe ein paar Bücher geschrieben, und ich habe immer Angst gehabt. Mein Leben war der vergebliche Versuch, die Angst zu besiegen. Alles, was ich gemacht habe, war letztlich diktiert von der Angst. Insofern weiß ich gar nicht, ob ich das Leben überhaupt erreicht habe.

Das Buch zeichnet sich nicht durch formalästhetische Geschmeidigkeit aus. Es gleicht mehr einer Briefsammlung, Notizen, Geständnissen, die ihr direkt und spontan aus der Feder fließen. Sie zitiert viel, montiert, tröstet sich mit dem Schicksal von anderen, schämt sich ob ihrer Schwäche, ihrer Gefallsucht, aber kann sich aus all ihren inneren und äußeren Verstrickung nicht befreien. Ihr Ton gleicht sehr Slata Roschal in Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten – hier spricht nicht eine Erzählstimme, sondern ein wachsendes, im Entstehen begriffenes lyrisches Ich.

Als versteckt-verkappte Elegie des Sterbens ergreift Natascha Wodins Die späten Tage sehr. Sie befindet sich auf dem Weg und der führt sie zu einer Friederike Mayröcker, die mit da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete poetisch das Altwerden bearbeitete und Trost in der Sprache fand, die Wodin noch sucht. Doch die Suche beeindruckt und rührt, auch wenn sie nicht zu einem zweiten Lesen einlädt, aber welches Gespräch will man wortwörtlich schon zweimal führen?

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Leseerlebnis:
●Zusammenfassung: Anfangs sehr inkohärent, zerfahren, die Liebe zu Friedrich wirkte aufgesetzt, unwirklich, geradezu abstrakt, nach und nach stellt sich aber heraus, dass diese tatsächlich auch von dem Ich als solche erfahren wird, sie bleibt mit ihm zusammen aus Angst vor dem Alleine-Sein, und diese Stimmigkeit breitet sich erst nach und nach, erst ab Mitte des Textes, dann auch rückwirkend auf den Text aus. D.h. ich glaube ihr, nehme ihr die Angst, die Verzweiflung ob ihres Alters, ihrer Isolation ab, und hiermit entsteht ein atmosphärisch sehr stimmiges, aber nicht schön geschriebenes Gebilde, eine Art Monolog, eine Briefsammlung an Unbekannt, eine Mitteilung, die sich nicht aus ihrer Angst heraus befreien kann. Komposition gibt es nicht – Inhaltliches nur über Anekdoten, die teilweise grausam sind; sprachlich wirkt der Text schnöde und einfallslos auf mich. Die Erzählstimme aber trägt das Buch.
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) nein, lebt von der gegenwärtigen Geisteskultur
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, offen, authentisch
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, eher bemüht, langweilig
●stimmig?(Komposition: ja/nein) also Beichtform schon, entfällt hier
●ein zweites Mal lesen? Nein, wie ein gutes Gespräch, das ich aber auch nicht ein zweites Mal führen wollen würde (welches Gespräch schon?)
--> .. Sterne
--> 4 Sterne

Inhalt:
●Hauptfigur(en): Eine Art Monologistin, die denselben Namen wie die Autorin besitzt, aber eigentlich Natalia Nikolajewna Wdowina heißt, 79 Jahre alt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Das lyrische Ich schreibt kurze Passagen. Sie befindet sich in einem mecklenburgischen Haus am See. Dort lebt sie mit Friedrich zusammen, wahrscheinlich Ende 80. Beide leiden unter ihrem Alter, suchen Nähe, finden sie aber nicht. Insbesondere sie hat ein sehr ambivalentes Gefühl dazu, ihm beim Sterben zuzusehen. Der Rahmen dieses Buches beschreibt ihr Zusammenleben und Zusammenkommen, und ihre Schwierigkeit zu gehen, ihre Schmerzen und Probleme, beim Schlafen, ihre Zahnschmerzen.
Sie erinnert sich zusätzlich an Begebenheiten aus ihrem Leben:
- Die USA als gelobtes Land, Angst vor Stalin, da sie als deutsche Zwangsarbeiter unter Generalverdacht standen, emigrierte ihre Eltern nach Deutschland
- Als sie eines Sommers nur Paul Auster-Bücher las
- Ihre Ehe mit einem DDR-Schriftsteller namens Jakob (Wolfgang Hilbig)
- Ihre Dolmetschertätigkeit in der Sowjetunion, die Angst bei der Einreise, das Hotel Rossja, Affäre mit Jan Lankwitz (als sie 27 Jahre alt war), Aufbauleiter der deutschen Messegesellschaft, während des Aufenthaltes, Vergehen gegen die Hotelregeln, aber lokal und temporal auf Moskau beschränkt, da er seine Ehefrau liebte. Nur ein kurzes, kommentarloses Wiedersehen.
- Reise mit Friedrich zur Familie ihres verstorbenen Cousins, Igor. Das Wiedersehen kam zu spät. Er starb vorher. Episode mit der Schwalbe, die zum Übernachten zu ihnen kam, Armbeuge der Laterne.
- Der kleine Adoptivjunge, dem sie Klavierunterricht erteilte, in den sie vernarrt gewesen ist, und der dann wieder zurück ins Heim gegeben worden ist, als die Pflegemutter schwanger wurde.
- Der Vermieter, der keinen alten Mensch in seinem Haus leben lassen wollte.
- Wie sich Friedrich weigerte, in die SED einzutreten.
- Passverlängerung und Namensdebakel mit der Beamtin, die kein Sütterlin lesen kann.
- Friedrich verliebte sich in das Cover von „Sie kam aus Mariupol“.
- Hitzenacht, Umzug ins Literaturhaus Wannsee, Zimmer mit Porträt von Alain Delon.
- Zahnarztangst
- Astrid, Bürgerrechtlerin für Sterbehilfe, Kind des Lebenborn, die einsam und verlassen stirbt, das lyrische Ich um Beistand bittet, das ihr aber eine Abfuhr erteilt und sie allein sterben lässt. Das lyrische Ich schickt Blumen; am Tag ihres Todes noch eine Mail an den Blumenladen, dass ihre Freundin nie so eine Geschmacklosigkeit sich erlaubt hätte, das lyrische Ich im CC.
- Die Einladung nach China, in die Region Zheijang, Hüterin des weinenden Feuers.
- Besuch des Alkoholiker-Nachbarn Kurt im Pflegeheim.
- Ihre Tätigkeit für einen Vieh- und Fleischhändler.
- Trennung von Hilbig, Jakob.
- Reise im Schneesturm nach Südtirol, ihr Verliebtsein in Marie, aus der Liebe, die sie ihr in einem Brief später gestand, wurde nichts. Marie heiratete und bekam ein Kind.
- Die Fast-Witwe, mehrmals, Tod des Ehemannes kurz nach Scheidung, Tod des Verlobten Lew kurz vor der Hochzeit, Tod Jakobs nach Scheidung, etwas später.
- Ihr plötzlicher literarischer Erfolg
- Tod ihrer Freundin Nadja, nach der Wende, erstes Auto und direkt ein Autounfall.
… zitiert ein Benn, ein Bachmann Gedicht. Gioconda Belli. Anna Achmatowa.
●Besondere Ereignisse/Szenen: siehe oben, die Sache mit dem Klavierspiel-Jungen und der Tod der Freundin
●Diskurs: ordnet sich in die Reihe der Bücher übers Altwerden ein, Helga Schubert „Der heutige Tag“ - Irvin D. und Marilyn Yalom: “Unzertrennlich: Über den Tod und das Leben”, Friederike Mayröcker: “da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete” - Georgi Gospodinov: „Der Gärtner und der Tod“ … Kalender- oder Stundenbuch. Julia Schoch: „Das Liebespaar des Jahrhunderts“. Slata Roschal: „Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten“.
… durch die Anekdoten zum Ende hin interessanter, bewegender. Der Anfang zog sich deutlich. Sehr verwandt zu Schuberts „Der heutige Tag“.
--> 3 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: durchgängig sehr klar, sehr offen, sehr selbstbezogen. Auf eine eigenartige Weise durchlässig, zugänglich, mitteilsam. Sie öffnet sich, zeigt sich, dies auch sehr konsequent durchgehalten.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): ja, in dreifacher Hinsicht.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: aufrichtig, geradeheraus, nach Anschluss suchend
●Einschätzung: über die Dauer hat das Buch etwas von einer Lebensbeichte, einer Botschaft, einer Sammlung Briefe an Unbekannt, ein Lebensresümee. Als Stimme erzeugt sie aber eine sehr klare Atmosphäre, gibt ihre Persönlichkeit preis, hat eine sehr zugängliche, nackte Sprache.
--> 4 Sterne

Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) kaum gegeben, eigentlich eher eine Mitteilung
●Wortschatz: sehr alltagssprachlich bis auf ein paar gewollte Lateinismen.
●Type-Token-Ratio: (Musil >0,25 - Genre < 0,1) 0,171
●Satzlängen-Verteilung-Median: 22,2 Wörter -
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: (Musil/Mann <70% - Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 1603 Wörter
●Auffälligkeiten: die Sprache wirkt auf mich oft bemüht, etwas gedrechselt und nicht flüssig, feinfühlig. Sie wirkt sehr direkt und oft wenig schriftsprachlich, und die brüchigen Metaphern und Wortfeldschwierigkeiten erzeugen einen gestörten Sprachrhythmus.
●Innovation: nein
--> 2 Sterne


Komposition: kein fiktionaler Text

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Profile Image for Anna Carina.
687 reviews354 followers
January 10, 2026
Dies war mein drittes Buch von Wodin. Ihre anderen Bücher, die ich gehört habe, hatten eine klare Rahmung: die Geschichte ihrer Mutter, ihres Vaters, die Recherche um fehlende Teile aus deren Leben sowie die soziokulturellen und politischen Ereignisse um eine ukrainisch-russische Familie, die in Deutschland landet. Alle diese Bücher sind autobiografisch und sehr einnehmend erzählt.

In diesem Buch, "Die späten Tage", rückt sie das Altern und das Sterben in den Fokus. Der Tod ist hier jedoch kein Gegenüber, kein klares Außen, an dem sie sich – wie in den anderen Büchern – abarbeiten kann. In der ersten Hälfte schlingert ihre Sprache daher deutlich: in einem viel zu metaphorischen, schwülstigen Duktus, der das Thema formal kaum zu greifen weiß.

Dieses Buch ist zudem deutlich szenischer und fragmentarischer gebaut als ihre früheren Werke. Sie gleitet zwischen Erinnerungen an frühere Männerliebschaften, dem aktuellen Beziehungsstatus zu Friedrich, beider körperlichen Gebrechen, Erinnerungen an andere Menschen, die sich mit dem Tod auseinandergesetzt haben, kurzen Einsprengseln aus ihrer Familiengeschichte (teils Wiederholungen aus den vorherigen Büchern) sowie Erlebnissen aus Behördenkontakten und ihrem schriftstellerischen Alltag.

Literatur war in ihrem Leben immer Rettung, ebenso hat klassische Musik für sie eine besondere Bedeutung. Das sind hier die einzigen rahmenden Haltepunkte – auch wenn sie ihr beim Thema Tod stellenweise aus den Händen gleiten –, an denen sie sich zu orientieren versucht. Im fortschreitenden Verlauf des Buches zitiert sie immer häufiger andere Autor:innen und greift zunehmend auf eine lyrische Sprache zurück.

In der zweiten Hälfte gelingt es ihr, eine gewisse Spannkraft in den Text zu bringen. Ihre ambivalente, zerrissene Persönlichkeit, die sie schonungslos ausstellt, zieht mich durch die Intensität, mit der sie erzählt, durchaus in ihren Bann.
Allerdings eher wie eine Freundin, mit der man lange Gespräche über das Leben führt: bereichernd, erfahrungsreich, produktiv in einem resonanten Beziehungsraum. Als Literatur jedoch erzeugt ihre Sprache für mich keinen ausreichenden Widerstand, um sich dem Tod entgegenzustemmen.

Hinzu kommt, dass die vielen literarischen Referenzen und die bedeutenden Menschen, mit denen sie verkehrt, als ein leises Kokettieren mit einem Bildungsstatus gelesen werden könnten, durch den sie sich von anderen abgrenzt. Angesichts der historischen Härte, die sie erfahren hat, mag das ein verstörender Vorwurf sein – vielleicht ist es sogar die einzige Positionierung, die ihr bleibt.
Für mich las sich das dennoch zu sehr als Kulisse der Bedeutung. Das könnte an der formal-ästhetisch schwachen Arbeit ihrer Sprache liegen. Diese Nähe zur Bildung wird meines Erachtens nicht ausreichend sprachlich reflektiert, sondern primär gesetzt und bleibt als kultureller Marker im Raum stehen.

Da ich das Buch als Hörbuch gehört habe, ist mir eine umfassende Analyse nicht möglich; meine Kritik bleibt daher auch eine gefühlte. Ich habe es gern gehört – es ist für mich jedoch ihr bislang schwächstes Buch.
Profile Image for Bärbel.
143 reviews1 follower
December 24, 2025
Seit ich "Sie kam aus Mariupol" las, hat mich die Literatur von Natascha Wodin in ihren Bann gezogen. Einige ihrer Bücher habe ich in der von Martina Gedeck interpretierten Audio-Fassung gehört. Insofern ist mir auch die wunderbare Symbiose zwischen dieser so angenehmen Sprecherin und den Texten von Natascha Wodin sehr lieb geworden.
Der Zusammenklang Gedeck/Wodin lässt auch "Die späten Tage" wieder zum Hörgenuss und Literaturerlebnis werden - und immer wieder mal muss man sich, aufgrund der autofikionalen Textgestalt, klar machen, dass die Stimme, die wir hier so eindrucksvoll hören, gar nicht die von Natascha Wodin ist.

"Die späten Tage" sind indes kein leichter Stoff. Das Alter sei nichts für Feiglinge, sagt man - dieses Buch kündet sehr eindrucksvoll davon. Natascha Wodin beschreibt Beschwernisse und Ängste ihrer späten Lebensphase nie larmoyant, aber doch unerbittlich und genau. Zwar gehören zu ihrem Leben am See in Mecklenburg auch die Freuden und Zärtlichkeiten einer späten, ganz unverhofften Liebe. Aber auch diese ist in ein Stadium übergegangen, das von Verlustangst gezeichnet ist. Je länger ich dem Buch zuhörte, umso mehr wurde ich von der existentziellen Furcht vor Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit angesteckt.

Tatsächlich traten dann in meiner Texterfahrung auch die Wunder der späten Liebe in den Hintergrund. Selbst die wunderbare Machart des Textes, der sich als Collage aus Eigenem und Fremdem, aus Gegenwärtigem und Erinnertem präsentiert, wurde in meiner Rezeption zum Ende des Buches hin überlagert von einer Ansteckung der Angsterfahrung, die Natascha Wodin als eine bezeichnet, die in ihrem Leben immer präsent war. (Dabei gibt es durchaus eine wundervolle Beschreibung eines Aufwachens aus aller Angst, als Wodin ihren früheren Mann, den Schriftsteller Wolfgang Hilbig, verlässt und plötzlich durch den MUt dieses Schrittes von der Schönheit der Welt überwältiigt wird. Eine fast buddhistische Erfahrung der Ängste als reine Illusionen, überstrahlt von der den Menschen möglichen Freiheit. Das Wunder verblasst, verschwindet letztlich gar,. aber Wodin hat es erfahren und beschreibt es faszinierend schön.)

Ich kann gar nicht sagen, ob dieser Text für (erwachsene) Leser:innen in jedem Alter geeignet ist, bzw. ab welchem Alter sich Menschen für "das" Alter interessieren? (Ich bin jetzt 60+ und mir kommt die Angelegenheit jetzt nah.) Auch weiß ich nicht, ob die zunehmende Düsternis, mit der ich das Buch gerade zum Ende hin erlebte, eine unbedingt notwendige Erfahrung ist. Tatsächlich bin ich dieses Jahr von eigenen existenziellen Verlusten heimgesucht worden - und die Tage näherten sich gerade dem kürzesten, der Wintersonnenwende, als ich Martina Gedeck zuhörte.

Trotz Melancholie-Warnung halte ich "Die späten Tage" aber mal wieder für ein großartiges Buch - und empfehle es allen, die sich darauf einlassen mögen.
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