Harald Jähner nimmt uns in „Wunderland: Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955–1967“ mit in jene formative (gestaltende) Phase der jungen Bundesrepublik, in der sich die Deutschen zwischen Trümmerstaub und Nierentisch ein neues Leben zimmerten – ein atemloser Aufstieg, der Möbel, Autos, Reisen und Fernseher ebenso hervorbrachte wie neue Fragen nach Identität, Freiheit und dem rechten Maß der Amerikanisierung. Während Elvis und Freddy Quinn um die kulturelle Deutungshoheit ringen und der erste Supermarkt, die Gastarbeiterprogramme, der Neckermann-Katalog und das neuartige Politikverständnis eines Kennedy oder Brandt den Alltag umkrempeln, formiert sich 1967 eine Republik, die erstmals keine höhere Idee mehr kennt als das Glück des Einzelnen. So faszinierend dieses „Wunderland“ anmutet, sehe ich im Blick auf die Gegenwart doch die alte Grundschwäche historischer Induktion am Werk: Aus den Erfolgen und Selbstgewissheiten des Wirtschaftswunders lassen sich nur bedingt Lehren ziehen, weil jede Generation ihre Herausforderungen notwendigerweise neu erfinden muss.