Kein Buch für den schnellen Seitenhunger zwischendurch – das hier ist ein richtig großes Brett. Steffen Martus serviert in Erzählte Welt kein Häppchen, sondern ein literarisches Buffet, bei dem man sich manchmal fragt, ob man noch Platz hat oder schon längst satt ist. Aber verdammt, es schmeckt gut – wenn man was mit Literatur, Gesellschaft und Geschichte anfangen kann.
Martus zieht eine Linie von 1989 bis heute, und wer da denkt, das sei trocken, hat weit gefehlt. Hier fliegen die Geistesblitze: Christa Wolf, Handke, Walser, Grass – jeder bekommt seinen kleinen Auftritt im Theater der deutschen Literaturgeschichte. Und ich sitze da, Kaffee in der Hand, und nicke so oft, dass mein Nacken knackt. Literatur als Spiegel der Gesellschaft? Jawohl. Martus hat’s verstanden – und bringt’s mit Wucht.
Allerdings: Das Buch will was von dir. Es liest sich nicht nebenbei zwischen Mails und Mittagspause. Wenn du hier reinsteigst, brauchst du Konzentration, Geduld und vielleicht einen zweiten Kaffee. Der Stil ist klug, manchmal zu klug, fast akademisch. Ich hab zwischendurch gedacht: „Komm schon, Steffen, ein bisschen lockerer geht doch!“ Aber dann kommt wieder ein Absatz, der mich komplett packt – so ein Satz, der alles erklärt, was in der Welt grad schiefläuft.
Was mich begeistert hat: Diese Verbindung aus Literatur, Medien, Politik und Zeitgeist. Wie er zeigt, dass Bücher nicht einfach Bücher sind, sondern Teil einer großen gesellschaftlichen Maschine. Da wird die Popliteratur plötzlich zur Diagnose unserer Gegenwart, Amazon zum Kulturphänomen, und Schriftsteller zu Influencern avant la lettre.
Fazit: Ein wuchtiges, kluges, aber manchmal schweres Buch. Kein Lesesnack, sondern ein intellektuelles Workout. Ich schwitzte beim Lesen – aber hey, es hat sich gelohnt. 4 Sterne, weil’s groß ist, wichtig ist, aber manchmal auch einfach zu verkopft. Trotzdem: Wer wissen will, was deutsche Literatur über uns alle verrät – der sollte sich dieses Monster schnappen.