Mäuse sind es, die Marinas drei Töchtern vom Leben ihrer Mutter erzählen. Marina wuchs, anders als ihre Kinder, nicht in Deutschland auf, sondern in der Sowjetunion. In einer Zeit, in der gerade bei jungen Menschen der Drang nach Freiheit immer größer wurde.
Yulia Marfutovas Idee, den Plot in ihrem Roman „Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel“ von Mäusen erzählen zu lassen, oder besser gesagt von der ältesten Tochter, die es wiederum von den Mäusen erfährt, hat schon seinen Charme. Der durch seinen naiven Anstrich allerdings ein wenig kindlich daher kommt. Diese kleinen Nager waren mit Abstand die eindeutigsten unzuverlässigen Erzähler, die mir seit Larifari Mogelzahn je begegnet sind und haben durchaus Spaß gemacht. Warum die Autorin diese Wahl getroffen hat, konnte sich mir allerdings nicht erschließen.
Und das korrespondiert eigentlich mit meinem Gesamteindruck dieses Buches. Es war nett, ich habe mich unterhalten gefühlt, die Seiten flogen recht flott vorbei, aber mitgenommen habe ich am Ende nicht allzu viel. Eben ein weiterer autofiktionaler Roman, in dem jemand das Leben seiner Familie verarbeitet. Nicht uninteressant, aber auch nicht herausstechend. Jedenfalls nicht, wenn wir die Mäuse außen vor lassen.
Was mir gefallen hat, ist, dass Marfutova ihre eigene Stimme gefunden hat. Sie mag nicht laut und eindrucksvoll daherkommen, aber gerade das kann ja auch eine Qualität sein. Vielleicht passt für andere dazu auch der Titel perfekt, der mich persönlich weniger angesprochen hat, mir zu sehr am Rande der Gefühlsdusseligkeit vegetiert.
Fazit: Marfutovas „Der Himmel vor hunderten Jahren“ hat mir um einiges besser gefallen als der „spatzengroße Vogel“, aber trotzdem ist letzterer ein Roman, mit dem man gut seine Zeit verbringen kann. Bei mir selbst hat er zwar wenig Eindruck hinterlassen, aber als Leseerlebnis für den Augenblick taugt er durchaus.