Ein packender Roman über den Zufall der Herkunft und die Enge nationaler Grenzen
Anfang des 20. Jahrhunderts kreuzt der bretonische Fischer Olier mit seiner Flotte vor Islands Küste. Sein Leben verändert sich, als er in einem Krankenhaus in den Ostfjorden der jungen Sólrun begegnet. Genau dort erforscht die deutsche Genetikerin Maris über 100 Jahre später eine Schaf-Chimäre und kommt zu überraschenden Ergebnissen – auch für sich selbst. Faszinierend verwebt »Unter weitem Himmel« Zeitebenen der isländischen Geschichte. Mit ihrem atmosphärischen Roman spürt Berit Glanz der Frage nach, wie kultureller Austausch Identität formt und welche Rolle dabei die Liebe spielt.
Ich bin total gerne in die rauhe, stürmische und dabei doch irgendwie auch gemütlich-hoffnungsvolle Welt und die Liebesgeschichten von Sólrun, Olier, Alan, Gunnar, Maris, Adam (und dem Eishai) eingetaucht und ehrlich gesagt hätte ich mir völlig unironisch fast ~noch~ mehr Szenen über Kabeljaufang gewünscht. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, dem Roman gelingt, finde ich, die perfekte Mischung aus Abenteuer, Melancholie und Coziness und ich empfehle ihn wärmstens.
Anfang des 20. Jahrhunderts arbeitet die junge Isländerin Sólrún regelmäßig in der Sommersaison auf der Krankenstation von Fáskrúðsfjörður in den Ostfjorden. Um nicht nur angelernt zu werden, sondern sich zur Krankenschwester ausbilden zu lassen, müsste sie nach Kopenhagen gehen. Ihre Familie kann jedoch weder die Kosten aufbringen, noch kann sie sich vorstellen, so weit fort zu reisen, so dass Sólrún auch keinen Landsmann heiraten will, der plant auszuwandern. Sólrún führt ein Tagebuch, aus dem von der Abgelegenheit ihres Dorfes zu erfahren ist, von der ständigen Sorge der Angehörigen um die sichere Rückkehr der Männer vom Fischfang und von Auswanderung, die entlegene Dörfer wie Sólrúns eines Tages veröden lassen wird.
Parallel dazu rüstet sich in Nordfrankreich der Fischer Olier zur monatelangen Fahrt zum Fischfang vor Island, indem er zunächst nach Paimpol in der Bretagne reist, von wo die Boote früher aufbrechen als die in seiner Heimat. Nach einer Grippewelle, während der seine Angehörigen starben, hält den jungen Mann nichts mehr in seinem Heimatort. Im Gegenteil erhofft er sich Informationen über das Schicksal seines Vaters, der auf See vermisst wird. Durch Alan, seinen Vermittler, erfährt Olier Interessantes über den Fischfang vor Island mit Leinen und Ködern, wird jedoch auf dem Friedhof auch mit dem Untergang kompletter Schiffsbesatzungen konfrontiert. Als „rothaariger Fischer“ von der französischen Goëlette „Juliette“ wird Olier als Patient Sólrún begegnen, an anderer Stelle ihrem Bruder Gunnar.
In der Gegenwart kommt die deutsche Biologin Maris nach Fáskrúðsfjörður, um über Mutationen in der Schafzucht zu forschen. Maris lebt schon länger in Island und ist privat zur Hobby-Ahnenforscherin geworden, seit die DNA-Sequenzierung für Privatleute erschwinglich, Suche nach Vorfahren in DNA-Datenbanken und Austausch in entsprechenden Foren möglich ist. Die Biologin trifft in Fáskrúðsfjörður auf den betagten Bauern Siggi, der seinen Hof allein betrieb, bis vor einigen Jahren Adam aus Polen bei ihm die Arbeit aufnahm. Adam folgt der Spur der Auswanderer aus den Ostfjorden in umgekehrter Richtung, fühlt sich hier gebraucht und kann sich kein anderes Leben mehr vorstellen. Auf Siggis Hof schließt sich der Kreis von hundert Jahren isländischer Geschichte, als Maris, durch ein Unwetter auf dem Hof festsitzend, die sorgfältig geführten Hof-Unterlagen von Siggis Vorfahren, Wetteraufzeichnungen, ein Schifffahrtsbuch und weitere Aufzeichnungen sichtet.
Berit Glanz verknüpft vor dem historischen Hintergrund der engen Beziehung zwischen Island und der Bretagne Handlungsfäden von 1906/7, 1924 und der Gegenwart 2024 und focussiert zwischendurch auf einen Eishai/Grönlandhai, der theoretisch hunderte von Jahren alt werden und schon zu Sólrúns und Oliers Zeit in Islands Gewässern seine Bahnen gezogen haben kann. Durch Anekdoten, die ihre Figuren einander erzählen, wie auch durch den Clash der Kulturen (isländische Fischer können lesen, bretonische kaum) entsteht ein in den Details hochinteressantes Bild der „Islandfischer“, die vielen eher als Buch- oder Filmtitel bekannt sein werden.
Fazit „Unter weitem Himmel“ zeigt aus verschiedensten Perspektiven die Begegnung einander fremder Kulturen am Beispiel von Seefahrt, Fischerei und Rettung aus Seenot, die Arbeitswelt um 1900, wie auch Nuancen des Themas Auswanderung mit Blick auf Personen, die gehen, die kommen und jene, die sich nur schwer entschließen können. Durch das Erzählen von Anekdoten innerhalb des Romans fand ich die Lektüre kurzweilig, wäre jedoch in einige Details gern tiefer eingetaucht. So wundere ich mich stets, wenn Tagebucheinträge aus vergangenen Zeiten weitschweifig wirken, habe ich doch von meiner Großmutter gelernt, dass Papier Anfang des 20. Jahrhunderts einfachen Menschen so wertvoll war, dass die abgeschnittenen Ränder von Zeitungen für Notizen verwendet wurden. Ins Grübeln hat mich auch Maris überraschende Fähgikeit gebracht, hundert Jahre alte handschriftliche isländische Texte spontan lesen zu können – das wäre in Deutschland nach mehreren Schriftreformen nicht möglich gewesen.
Als Bretagne-Fan und Leserin von Seefahrtsromanen war „Unter weitem Himmel“ für mich insgesamt ein berührendes Leseerlebnis, das ich begeistert empfehle.
Sagt mal, mummelt ihr euch auch in eine Decke, trinkt heißen Tee, macht eine Nachttischlampe an und schaut dem kalten Schneetreiben da draußen zu, solange es noch hell ist?
Dazu passt die Lektüre dieses Buches wirklich ziemlich exakt. Stellt euch vor, ihr seid Fischer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ihr fahrt auf einem bretonischen Segelboot vor die isländische Küste, um dort Kabeljaue zu fangen. Es ist kalt, es ist nass, der Wind peitscht.
Es fühlt sich ziemlich authentisch an, auf diesem im Wasser schaukelnden Kahn zu stehen und salzige Luft einzuatmen, so wie Berit Glanz es beschreibt. Gleichzeitig lernen wir viel über das Leben im ländlichen Island gestern und heute.
In einem der Kommentare hier wurde geschrieben, dieser Text habe großes Potenzial, das er aber nicht vollständig nutze. Fest steht: Dieser Roman erschafft eine Atmosphäre, die atemberaubend und echt ist und mich als Leser komplett in diese für mich zum Glück fremde Welt zieht.
Tatsächlich: Man hätte daraus ein 1000-seitiges Meisterwerk machen können, ein Opus Magnum, aber ich glaube, das spricht in erster Linie für diesen Roman von Berit Glanz. Dass er dieses Potenzial hat, ist das Qualitätsmerkmal überhaupt.
Denjenigen, die ein solches Werk nicht hätten lesen wollen, weil es zu lang ist, hilft es, dass Berit Glanz es bei mindestens einer Liebesgeschichte und zweier abenteuerlich anmutenden Dienstreisen in weit entfernte Fischgründe belässt.
Ein grandioses Buch für ein grandioses Wochenende bei weniger grandiosem Schneeregen-Wetter. Lesenswert für alle, die eine gute Geschichte schätzen.
Pffft, da verpufft jeglicher Ansatz eines Spannungsbogens 🫠 das Setting war toll; die Idee auch - da hätte man viel mehr draus machen können, denke ich! Schade!
Ein poetischer Roman über die Suche nach Herkunft, Identität und Zugehörigkeit. Berit Glanz verwebt darin gekonnt Vergangenheit und Gegenwart vor der Kulisse von Meer, Wind und unendlichem Himmel.Der Roman ist still erzählt, regt zum Nachdenken an und ist atmosphärisch dicht.