Vea Kaiser erzählt in ihrem rasanten neuen Roman von einer jungen Mutter, die über alle Hürden hinweg im Wiener Traditionshotel Karriere macht und ihre Geschichte selbst in die Hand nimmt.
Wien, Ende der Angelika Moser, aufgewachsen im Gemeindebau als Tochter der Hausbesorgerin, verbringt ihre Freizeit durch das Nachtleben tanzend. Gleichzeitig liebt sie ihren Job in einer für sie neuen, eleganten Als Buchhalterin im Grand Hotel Frohner, das von Wiener Originalen und Gästen von überallher bevölkert wird, lässt sie sich auf zweifelhafte Zahlenspiele ein, um das Etablissement zu retten. Plötzlich mit kleinem Kind auf sich allein gestellt, nimmt Angelika den Kampf um ein gutes Leben auf und beginnt, Rechnungen zu manipulieren. Jahrzehnte vergehen – bis ihr die Zahlen um die Ohren fliegen.
Vea Kaiser erzählt in »Fabula Rasa« mit sprachlicher Brillanz, Witz und Gefühl vom Streben nach Glück.
Vea Kaiser wurde 1988 in St. Pölten geboren. Sie arbeitete als Übersetzerin, Fremdenführerin und Fotomodell. Seit 2007 studiert sie Klassische und Deutsche Philologie an der Universität Wien. Für ein Jahr studierte sie Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Sie lebt in Wien und Zürich. Für ihre belletristischen Arbeiten erhielt sie u.a. das Start-Stipendium des österreichischen Kultusministeriums, das Hans-Weigel-Literaturstipendium sowie den Theodor-Körner-Preis 2011 (Preis der Stadt Wien für Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam). Kaiser war Finalistin beim 17. Open Mike und nahm 2010 an der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin teil. Ihr Debütroman Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam wurde im September 2012 auf Platz eins der ORF-Bestenliste gewählt und avancierte zum Bestseller. Nach eigenen Angaben machen drei Dinge Vea Kaiser „richtig glücklich“: Fußball, Stöckelschuhe und Altgriechisch.
Wien, Ende der 80er Jahre: Angelika Moser zieht nachts gerne mit ihrer besten Freundin Ingi um die Häuser, während sie tagsüber ihrer Arbeit in der Verwaltung des Grand Hotel Frohner nachgeht. Sie liebt beides, sowohl das Wiener Nachtleben, als auch die Arbeit in diesem altehrwürdigen, glamourösen Hotel, das sich so absolut von dem Gemeindebau, in dem sie aufgewachsen ist, unterscheidet, sehr. Als der Direktor des Frohner sie bittet, einige Zahlen im Rechnungswesen zu verdrehen, um das Hotel zu retten, willigt sie ein - und hat seitdem bei ihm einen Stein im Brett. Nach der Geburt ihres Sohnes Sebastian beginnt sie, Rechnungen zu fälschen, um ihr Einkommen aufzubessern, nicht ohne Folgen...
Wie weit würde eine Mutter gehen, um ihrem Kind ein besseres Leben zu bieten? Und kann man irgendwann aufhören, Geld durch Betrug anzuhäufen, wenn der Betrug niemandem auffällt und das Leben durch die (Luxus-)Güter immer angenehmer wird? Angelehnt an einen realen Wiener Kriminalfall erzählt Vea Kaiser in ihrem neuen Roman "Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels" einen Schelminnenroman, der mich von der ersten bis zur letzten Seite bestens unterhalten hat und dabei noch unterschwellige Kritik am Patriarchat und der High Society Österreichs übt. Schon als ich Vea Kaiser auf der Frankfurter Buchmesse über ihr Buch habe sprechen hören wusste ich, dass es mich begeistern würde, und genau so ist es auch gekommen. Trotz der vielen Seiten war mir beim Lesen nie langweilig, es steht immer die permanente Angst im Raum, dass Angelika Mosers Betrug auffliegt und gleichzeitig schließt man die Figuren im Buch immer mehr ins Herz. Dieser Roman darf sich entfalten, er entführt die Lesenden in das Wien der 80er Jahre bis heute und wartet mit einer spannenden, manchmal witzigen, manchmal auch rührenden und traurig machenden Geschichte auf. Ich bin mittlerweile Fan der Autorin - "Fabula Rasa" ist eines meiner Lieblingsbücher in 2025!
Wann hat euch zuletzt ein Buch so richtig positiv überrascht? Fabula Rasa sprach mit inhaltlich zunächst gar nicht an. Nachdem es nun aber einmal dalag, warf ich doch einen Blick hinein. Völlig überzeugt hat mich dann das dazugehörige Hörbuch. Und was war das ein Spaß! Die Unterhaltungen der Charaktere sind meist in einem oft recht derben Wienerisch geschrieben. Auch die übrige Handlung ist mit vielen österreichischen Begriffen gespickt. Für Unkundige gibt es dazu ein eigenes kleines Wörterbuch am Ende des Romans (das meiste kannte ich, nur bei dem Begriff „Pudern“ hatte ich erst an koksen gedacht 😅) Aber nicht nur sprachlich ist Fabula Rasa ein Highlight. Auch die Personen und die sich daraus ergebenden Situationen sind grandios: Freddy ist einfach eine Type und die Geschichte mit Eugen unglaublich. Angelika fand ich ziemlich sympathisch. Als sie sich das erste Mal Geld „ausborgt“, konnte ich sie sogar verstehen. Die späteren Male dann nicht mehr, höchstens noch, wenn Basti in Schwierigkeiten steckte. Alles andere waren Situationen, in denen sie das Geld nicht gebraucht hätte. Zunächst störten mich die Einschübe der Autorin ein wenig, gegen Ende fand ich sie aber sehr gelungen. Fabula Rasa ist ein rundum gelungenes Buch und zeigt, dass man manchmal auch etwas lesen sollte, was einen auf den ersten Blick nicht ganz überzeugt. Manchmal erlebt man dabei eine wunderbare Überraschung.
Ende der 1980er Jahr in Wien arbeitet die junge Angelika Moser im Grand Hotel Frohner als Buchhalterin. Um der Langeweile wenigstens für ein paar Stunden zu entgehen, flaniert sie am Wochenende mit ihrer besten Freundin Ingi durch das Nachtleben. Doch nicht nur das Partyleben hat es ihr angetan. Sie will Abteilungsleiterin der Buchhaltung im Frohner werden. Angelika ist in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Ihre Mutter hat sie alleine groß gezogen und Angelika will ein anderes Leben. Das erste Mal lernt sie, die Zahlen phantasievoll zu gestalten, als der Direktor des Hotels sie darum bittet, um den Anwälten etwas vorzugaukeln.
An eine wahre Geschichte angelehnt spinnt die Autorin eine Geschichte über eine zunächst junge Frau, die es mit Geschick und Dreistigkeit schafft, ihren Arbeitgeber über Jahre hinweg um bemerkenswerte Summen zu erleichtern. Voller Enthusiasmus und Fleiß beginnt Angelika ihr Arbeitsleben. Durch die Machenschaften des Direktors wird doch ernüchtert, weiß aber auch, die man die Zahlen nach einem gewünschten Bild zurechtstricken kann. Als sie dann selbst ungewollt allein erziehend ist, sieht sie keine andere Wahl als sich den ein oder anderen geheimen Kredit bei ihrem Arbeitgeber zu gewähren. Alles genau dokumentiert, schließlich wird sie alles zurückzahlen, bis auf das Verbrauchsmaterial jedenfalls.
Die Presseveröffentlichungen geben der Story einen Rahmen vor, in dem sich die Autorin sicher einige Freiheiten erlauben konnte. Dadurch entsteht eine Erzählung um eine junge Frau, die zunächst noch Träume hatte, die aber auch vor ihrer eigenen Courage zurückschreckte und das Vertraute wählte. So saß sie dann da mit einem nicht ungewolltem Kind, dass eine bessere Mutter haben sollte als ihre eigene gewesen war. Leider verläuft sie Sache nicht so glatt wie gewünscht und der Filius entwickelt sich zumindest bemerkenswert. Angelika sieht sich gezwungen, immer mehr Geld zu leihen. Leider werden einem Angelika und ihr Umfeld nicht so wirklich sympathisch, man bringt zwar Verständnis auf, aber in einigen Momenten wirkt ihr Verhalten doch übertrieben. Man kommt an den Rand des Genervtseins. Auch der witzige Wiener Schmäh kann das nicht gänzlich übertönen. Wohl viel würde die Mutter für ihr Kind tun, aber muss nicht auch mal Schluss sein? Immerhin bleibt einiges der Phantasie überlassen, so das man sich noch eine andere Angelika denken kann.
Wohin der Leuchter auf dem Titelbild gehören könnte, ist nicht genau zu sagen. Wohl passte er in ein Hotel, aber auch in einen bürgerlichen Altbau.
Vea Kaisers neuer Roman „Fabula Rasa“ ist sowohl ein Entwicklungs- als auch ein Gesellschaftsroman über Aufstieg, Moral, Muttersein und das große Glück – oder die große Lüge – hinter einer makellosen Fassade. Schon die ersten Seiten ziehen einen mitten hinein ins Wien der späten Achtzigerjahre, in eine Welt aus Zigarettenrauch, Tanzflächen und glänzenden Hotelkorridoren.
Angelika Moser, die Tochter einer einfachen Hausmeisterin, arbeitet als Buchhalterin im Grand Hotel Frohner – einem Schauplatz, der ebenso mondän wie moralisch fragwürdig ist. Zwischen den Zahlenkolonnen, den eigenwilligen Gästen und den Wiener Originalen entwickelt sich Angelika zu einer Protagonistin, die ich nicht immer mochte, der ich aber doch gerne durch jedes Auf und Ab ihres Lebens gefolgt bin. Was laut Klappentext zunächst wie ein Roman über eine charmante Hochstaplerin wirkt, entpuppt sich bald als Entwicklungsroman über Selbstbehauptung, Familie, Einsamkeit und die Frage, wie weit man gehen darf, um ein gutes Leben zu führen.
Kaiser gelingt es, Angelika vielschichtig darzustellen. Ihre Entscheidungen – Rechnungen zu manipulieren, um das Hotel, ihren Sohn und später ihren Lebensstil zu retten – sind moralisch fragwürdig, aber menschlich teilweise nachvollziehbar und dann auch wieder nicht. Besonders spannend fand ich, wie sich Angelikas moralische Grenzen mit der Zeit verschieben. Stark sind auch die Passagen über Mutterschaft: ehrlich, unsentimental und oft schonungslos.
„Fabula Rasa“ ist insgesamt flüssig zu lesen: charmant, pointiert, mit einem leichten Wiener Schmäh, an den man sich aber schnell gewöhnt (zur Not hilft ein kurzes Wörterbuch im Anhang). Besonders gefallen haben mir die die metafiktionalen Einschübe der Erzählerin, die kommentierend eingreifen. Kleiner Kritikpunkt: Einzelne Passagen des Romans hätten durchaus etwas gestrafft werden können. Man muss also schon Lust haben, so richtig in Angelikas Leben mit all ihren verschiedenen Themen einzutauchen.
Ich habe diese Geschichte so gern gelesen! Sie sprüht vor Wiener Charme und erzählt uns den Weg von Angelika Moser - von einer kleinen Verwaltungsangestellten im Grand Hotel Frohner und alleinerziehenden Mutter, bis hin zur Verhaftung wegen Millionenbetrugs.. und das geschieht auf so charmante Art und Weise, dass man fast schon Verständnis für sie und ihr Streben nach Glück hat! Großartig! ☺️
Ich habe dieses Buch gelesen, weil es in einem meiner Uniseminare behandelt wurde. Doch ich muss sagen - ich habe Angelikas Geschichte sehr gerne verfolgt. Es fühlte sich authentisch an, fast wie eine Freundin, die man begleitet. Hätte auch noch mehr davon lesen können. Bin etwas traurig, dass es nun vorbei ist. Hat mich sehr positiv überrascht!
Ein tolles Geschenk, dieses Buch. Danke :-) Ich möchte das Hotel-Setting in Wien, die wienerischen Dialoge (ein neues Wort hab ich gelernt) und die Charaktere. Ich mag Geschichten über Frauen, die ihren Weg gehen mit allen Aufs und Abs. Es war spannend mitzuerleben wie sich das persönliche Gefühl von Recht und Unrecht verschiebt, wie sich Angelika nimmt was ihr ihrer Meinung nach zusteht. Eine Frau, die schlau, schnell und konsequent in allen Lebenslagen entscheidet - sehr geradlinig, sogar beim Zurechtbiegen von Rechnungen. Der Wechsel zwischen der Story und den Besuchen in der Justizanstalt haben die Geschichte so "echt" gemacht und ich hab sie sehr gerne gelesen!
"Angelika hatte unlängst gelesen, dass es dem Menschen von der Evolution eingeprägt war, sich alleine unwohl zu fühlen. Wer allein war, war leichte Beute für Raubtiere. Angelika entschied, dass man das nie so stark spürte, wie wenn man alleine schwimmen war und seine Wertgegenstände im Auge behalten musste."
Für mich war es reizvoll, das Buch nach dem angestaubten Klassiker HOTELvon Hailey zu lesen. So viel hat sich da nicht verändert in den 5-Sterne-Häusern. Die Geschichte ist ja fast unglaublich, auch wenn sie einige literarische Freiheiten enthalten dürfte. Sie fängt etwas zäh an, nimmt dann aber Fahrt auf. Das Bild einer modernen Frau zwischen Freiheitsdrang und Party, Beruf und Selbständigkeit, Partnerqu/wahlen und alleinerziehender Mutterschaft, auch noch zwischen verschiedenen Milieus bis hin zur Demenz der Mutter gibt das Buch ganz gut wieder. Am Ende gefallen die unerwarteten Wendungen. ich bin mir sicher, das wird verfilmt!
Das hat Spaß gemacht! Zwar geht es weit weniger um den Betrug am Hotel, als um den Weg dorthin. Es ist dennoch eine spannende, lustige, traurige, sich echt anfühlende Geschichte. Ich bin tief abgetaucht in das erfundene Wiener Luxushotel „Frohner“, und habe mich gestern erwischt, wie ich „ur spannend“ gesagt habe. Das Buch fetzt eh!
Manchmal stolpert man in ein Buch und merkt nach drei Seiten: Hier wird nicht spaziert – hier wird getanzt! Und Vea Kaiser lädt mit Fabula Rasa auf den Wiener Parkettboden des Lebens ein, wo Zahlen, Zigaretten und große Gefühle durcheinanderwirbeln wie Konfetti nach einer langen Ballnacht.
Angelika Moser ist keine Heldin aus dem Lehrbuch, sondern eine Frau mit Witz, Mut und einer gewissen Buchhaltungskriminalität im Blut. Vom Gemeindebau direkt ins Grand Hotel – und dort jongliert sie nicht nur mit Rechnungen, sondern auch mit ihrem Schicksal. Und während andere an der Liebe verzweifeln, zieht sie ihr Kind groß, biegt Zahlen gerade (oder eher krumm) und bleibt dabei irgendwie hinreißend normal-chaotisch.
Vea Kaiser schreibt mit so viel Tempo, dass man fast vergisst zu blinzeln. Jeder Satz klingt, als hätte er ein Wiener Schnitzel zu viel und einen Prosecco zu wenig – charmant, dezent drüber, aber auf den Punkt serviert. Das Grand Hotel wird zur Bühne einer Gesellschaft, die zwischen Glanz und Gulasch schwankt, und Angelika ist mittendrin: wild, clever, herzlich, mit einem moralischen Kompass, der sich manchmal einfach denkt: "Ach, heut nicht."
Es ist diese Mischung aus Humor, Tragik und Schmäh, die das Buch so unwiderstehlich macht. Da wird gelogen, geliebt und gelebt – und am Ende steht man da, applaudiert und denkt: „Jawohl, das war großes Kino in Buchform!“
Wer Wien liebt, Skandale schätzt und Figuren mag, die nicht alles richtig machen (aber dafür alles geben), wird hier glänzend unterhalten. Und ganz ehrlich: Wenn Buchhaltung immer so spannend wäre, hätte ich schon längst Karriere gemacht.
Ich habe dieses Buch als Hörbuch gehört und ich muss sagen, Proschat Madani macht ihre Sache hervorragend. Sie schafft es, den einzelnen Figuren ihre eigene Stimme zu geben und das Wiener Lokalkolorit punktgenau zu treffen. Die Textteile, die von der Autorin gesprochen werden, ergänzen das gut - natürlich auch inhaltlich - ein schöner Spagat zwischen der echten Geschichte, die zu dem Roman inspiriert hat, und der künstlerischen Freiheit. Was mir bei diesem Roman besonders gut gefallen hat ist, dass ich nur wenige Personen so richtig mochte (eigentlich nur eine und das ist eine Nebenfigur), die meisten sind einfach nicht wahnsinnig sympathsich und trotzdem habe ich unglaublich mitgefiebert, wollte immer wissen, wie es weiter geht (obwohl das Ende ja zu Beginn schon festzustehen scheint). Dazu kommt dann noch der Humor, die Gesellschaftskritik und die feministischen Ansätze. Ich kann gar nicht anders als dafür fünf Sterne zu geben.
Das war so toll Wien nostalgisch, aber eben nicht romantisiert sondern ganz ehrlich. Meine Zeit in Wien geht Anfang nächsten Jahres nach 11 Jahren vorbei und das war so ein schöner Abschluss💕
Sehr unterhaltsam, durchaus auch spannend, wunderbar realistisch für Frauen dieser Generation und in dieser Situation. Anschaulich-witziger Stil. Hat mir wider Erwarten ausgezeichnet gefallen.
Ein fantasievoller "weiblicher" Schelmenroman mit einer unendlich sympathischen Heldin, voll warmen Humors und sarkastischer Seitenhiebe auf die egoistischen oberen Zehntausend, die für die Nöte und Sehnsüchte derer da unten vollkommen unempfindlich sind.
EXTRAKLASSE Ich wollte dieses Buch unbedingt zugelost bekommen, weil ich Wien liebe und (naja fast...) alles, was in Wien spielt, gerne lese. Es hat nicht funktioniert, das Buch zu bekommen. Deswegen habe ich mir das Hörbuch gekauft - und vielleicht war das sogar der bessere Griff.
Denn es ist ein ganz schön langer Text; ich lese in anderen (Buch-)Rezensionen, dass einigen Leser:innen das Werk zu langatmig ist. Ich kann mir vorstellen, dass ich auch hätte kämpfen müssen. Die Zeitbudgets sind eng und wir finden sicher oft wenig Muße uns in einen so detailreichen Roman hineinzuversenken. "Blasmusikpop", der Debütroman der Autorin, zum Beispiel steht als relativ kleingedrucktes Taschenbuch-Exemplar bei mir - und es gelang mir nicht, in der Lektüre weit voran zu kommen.
"Fabula rasa" startet überraschend wenig rasant, es ist nicht gleich der erwartete Schelmenroman. Und ja, es wird detailreich erzählt. Aber meine Skespsis war im Falle des Hörerlebnisses sehr schnell vergangen: So großartig sprechen Proschat Madani und auch die Autorin selbst (in kürzeren Stücken) dieses Werk, dass es ein Riesen-Genuss ist, zuzuhören. Viel Wienerisch, facettenreiche Stimmen. Und so wird auch das Erzählte in seiner ganzen wortgewaltigen und fabulier(!)freudigen Pracht deutlich. Mir hat es eine ganz große Freude bereitet. Ich hatte ständig Angst, es könnte zu früh zu Ende gehen. Und da zahlte sich der Fleiß der Autorin dann aus: Es ist ein richtig schön langes Hörbuch.
Fantastisch finde ich das Spiel mit Dichtung und Wahrheit. Es gibt wohl einen wirklichen Vorbildfall, aber es schient auch so, als ob Vea Kaiser diesen doch eher zum Aufhänger genommen hat - und ihn formvollendet auserzählt, ausspinnt geradezu. Sie spielt mit der Täuschung als Schriftstellerin fast so wie die Protagonistin dies als Buchhalterin tut. Vea Kaiser fingiert das Dokumentarische durch "Gespräche in der Josefsstadt", die sie angeblich mit der im Gefängnis einsitzenden Betrügerin geführt habe. Und sie erdichtet, wie anders das nicht-fiktionale Schreiben sei, als wenn sie sich etwas ausdenken müsste. Dieses Spiel mit den fiktiven "Realitäten" ist ein großer Spaß.
Die Art, wie Vea Kaiser die Mühen der Mutterschaft zeigt, ohne Angelika (meiner Meinung nach) in ihrem Straucheln und in ihren Nöten zu diffamieren, hat mir ebenso sehr gefallen. Ach, Austria, was hast Du es gut, mit Deinen Schriftstellerinnen wie Mareike Fallwickl und eben Vea Kaiser. Ich find's ganz famos. Ich wollte dieses Buch unbedingt zugelost bekommen, weil ich Wien liebe und (naja fast...) alles, was in Wien spielt, gerne lese. Es hat nicht funktioniert, das Buch zu bekommen. Deswegen habe ich mir das Hörbuch gekauft - und vielleicht war das sogar der bessere Griff.
Denn es ist ein ganz schön langer Text; ich lese in anderen (Buch-)Rezensionen, dass einigen Leser:innen das Werk zu langatmig ist. Ich kann mir vorstellen, dass ich auch hätte kämpfen müssen. Die Zeitbudgets sind eng und wir finden sicher oft wenig Muße uns in einen so detailreichen Roman hineinzuversenken. "Blasmusikpop", der Debütroman der Autorin, zum Beispiel steht als relativ kleingedrucktes Taschenbuch-Exemplar bei mir - und es gelang mir nicht, in der Lektüre weit voran zu kommen.
"Fabula rasa" startet überraschend wenig rasant, es ist nicht gleich der erwartete Schelmenroman. Und ja, es wird detailreich erzählt. Aber meine Skespsis war im Falle des Hörerlebnisses sehr schnell vergangen: So großartig sprechen Proschat Madani und auch die Autorin selbst (in kürzeren Stücken) dieses Werk, dass es ein Riesen-Genuss ist, zuzuhören. Viel Wienerisch, facettenreiche Stimmen. Und so wird auch das Erzählte in seiner ganzen wortgewaltigen und fabulier(!)freudigen Pracht deutlich. Mir hat es eine ganz große Freude bereitet. Ich hatte ständig Angst, es könnte zu früh zu Ende gehen. Und da zahlte sich der Fleiß der Autorin dann aus: Es ist ein richtig schön langes Hörbuch.
Fantastisch finde ich das Spiel mit Dichtung und Wahrheit. Es gibt wohl einen wirklichen Vorbildfall, aber es schient auch so, als ob Vea Kaiser diesen doch eher zum Aufhänger genommen hat - und ihn formvollendet auserzählt, ausspinnt geradezu. Sie spielt mit der Täuschung als Schriftstellerin fast so wie die Protagonistin dies als Buchhalterin tut. Vea Kaiser fingiert das Dokumentarische durch "Gespräche in der Josefsstadt", die sie angeblich mit der im Gefängnis einsitzenden Betrügerin geführt habe. Und sie erdichtet, wie anders das nicht-fiktionale Schreiben sei, als wenn sie sich etwas ausdenken müsste. Dieses Spiel mit den fiktiven "Realitäten" ist ein großer Spaß.
Die Art, wie Vea Kaiser die Mühen der Mutterschaft zeigt, ohne Angelika (meiner Meinung nach) in ihrem Straucheln und in ihren Nöten zu diffamieren, hat mir ebenso sehr gefallen. Ach, Austria, was hast Du es gut, mit Deinen Schriftstellerinnen wie Mareike Fallwickl und eben Vea Kaiser. Ich find's ganz famos.
"Irgendwer von euch wird mir das Herz brechen", dachte ich mir beim Lesen von "Fabula Rasa" bereits auf Seite 150 - und ich sollte recht behalten.
Vea Kaiser ist für mich DIE Schriftstellerin der österreichischen Gegenwartsliteratur. Ihre bisherigen Bücher haben gezeigt, dass Kaiser nicht nur eine aufmerksame Beobachterin der menschlichen Eigenheiten ist, sondern auch ein besonderes Feingespür an den Tag legt, um das Epische im Alltäglichen zu entdecken und dies in einem beinahe märchenhaften Schreibstil aufs Papier zu bringen vermag. In ihrem neuesten Werk beweist sie wieder einmal, dass auch im Skurrilen Schönheit wohnt, und dass das Groteske oft das Menschlichste ist.
In Fabula Rasa stolpern wir gemeinsam mit der Protagonistin Angelika Moser durch das Wien den 1980er Jahre. Mit Ende 20 ist Angelika der Gemeindebausiedlung, in welcher sie aufgewachsen ist, entflohen und hat eine gutbürgerliche Anstellung in der Buchhaltung des Traditionshotels "Frohner" erhalten. Die meist schlaflosen Nächte verbringt sie mit Vorliebe in diversen Nachtclubs, in denen sie mit ihrer besten Freundin Ingi und dem exzentrischen Sänger Freddy bis zum Morgengrauen durchtanzt. Diese drei waren dann letztendlich auch für meinen bereits eingangs erwähnten Herzschmerz verantwortlich - und das mehrmals! Als Angelika dann überraschend schwanger wird, ist ihr schnell klar: sie möchte ihrem Sohn all das bieten können, was sie in ihrer Kindheit nie hatte - und dafür braucht sie vor allem eins: Geld. Ihr Buchhaltungsgehalt reicht hier bei weitem nicht aus und so beginnt sie, ihr Zahlengeschick nicht nur zum Vorteil des Hotel Frohners, sondern auch zu ihrer eigenen Bereicherung einzusetzen.
Bereits von Anfang an wissen wir, wo Angelika Mosers Geschichte enden wird: nämlich im Gefängnis Wien-Josefstadt. Hier wird sie von einer Autorin besucht, welche Angelikas Geschichte aus deren Sicht erzählen möchte. Diese Besuche sind in Fabula Rasa kurz gehalten und Kaiser streut sie nur selten zwischen den Kapiteln ein, doch diese flüchtigen Einstreuer reichen, um dem Leser immer wieder zum Grübeln zu bringen. Während dem Lesen der eigentlichen Rahmenhandlung taucht man vollständig in Angelikas Leben und Gefühlswelt ein. Man findet den Freddy abwechselnd grindig und anziehend; man fiebert bei jeder gefälschten Überweisung mir ihr mit; man bemitleidet sie um die Beziehung zu ihrer Mutter, ihrer besten Freundin, ihrem Sohn und diversen Männern. Man mag Angelika, sie ist klug, sie ist lebensbejahend, sie trägt ihr Herz auf der Zunge - aber vor allem ist sie nahbar. Von außen betrachtet mag die Geschichte vielleicht etwas weit hergeholt scheinen, doch wenn man sich im Sog von Vea Kaisers Wortgeschick befindet, fühlt man sich so, als ob Angelikas Leben genauso gut meines oder deines oder das der nächsten Person sein könnte. 3,3 Millionen Euro vom Arbeitgeben stehlen? Das kann doch mal passieren, wenn man eine neue Wohnung braucht, eine Kinderbetreuung braucht, einen Pflegeplatz für die Mutter braucht,... Doch die kurzen Besuche in der Josefstadt sind jedes Mal wie die im Buch erwähnte Luftwatsche: Plötzlich sieht man sich mit einer anderen Realität konfrontiert, mit einer anderen Angelika konfrontiert. Immer wieder werden Zweifel laut: Stimmt das alles, was die Protagonistin der namenlosen Autorin erzählt? Oder lassen wir uns ein bisschen zu gerne von Angelika in den moralischen Zwiespalt von Gemeindebau und Grand Hotels führen?
Auf den 550 Seiten von Fabula Rase habe ich nicht nur Sympathie für Angelika, sondern auch für Freddy, Julius, Ingi und viele anderen chaotisch-schillernden Figuren aufgebaut. Obwohl zu Beginn erwähnt wird, dass der Roman und die darin vorhandenen Akteure reine Fiktion sind, vermag man kaum zu glauben, dass derart lebendige und facettenreiche Charaktere nicht dem realen Leben entspringen - ich gestehe, ich habe während dem Lesen sogar des Öfteren nach ihnen und dem Grand Hotel gegoogelt.
Wer sich auf ihre Geschichten einlässt, betritt nicht nur den Gemeindebau aus Angelikas Kindheit und das Grand Hotel ihrer Karriere, sondern auch eine Welt, in der Lachen und Weinen nahe beieinanderliegen, und in der selbst die verschrobensten Figuren dank Kaisers phänomenalen Erzählstil eine unvergessliche Tiefe gewinnen.
Angelika ist eine gute Buchhalterin. Sie arbeitet im Grand Hotel Frohner in Wien und wird schnell die Vertraute vom Direktor, der sie ab und an bittet, nicht ganz legale Sachen für ihn zu erledigen. Da sie mit ihrer neu gekauften Wohnung Probleme hat und sie auch nicht das allerbeste Händchen für Männer besitzt, beschließt sie, sich ein bisserl was vom Hotel zu borgen. Erst ist sie panisch, erwischt zu werden, schnell aber merkt sie, dass das Borgen so überhaupt nicht auffällt. Und so läppert sich im Laufe der Jahre ein hübsches Sümmchen zusammen...
Vea Kaiser ist mit "Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels" ein amüsanter und kurzweiliger Roman gelungen, der nie im Leben leugnen kann, dass er aus Österreich stammt. Da ist die vielfältig eingesetzte österreichische Sprache (sogar mit einem wienerischen - deutschen Wörterbuch am Ende), da ist die österreichische Bussi-Bussi-Gesellschaft, zu der Angelika gern dazu gehören möchte und da ist der Fakt, dass man es mit der Buchhaltung nicht so genau nimmt, weil der Direktor das sagt und er schließlich auch seine Golfurlaube bezahlen muss - die natürlich nur im Sinne des Hotels getätigt werden.
Die Protagonistin ist zwar gut im Buchhalten, ein Menschengespür scheint sie aber nicht zu haben. Immer wieder klappt es nicht mit den Männern, auch nicht mit ihrem Sohn, für den sie alles, wirklich alles tut (u.a. natürlich sich für seine Spielschulden ein bisserl was vom Hotel ausleihen). Dann hat sie noch eine typisch österreichische Mutter, die mit ihrem ordinären Slang nicht in der Lage ist, Zuneigung zu zeigen, sondern lieber in ihrem Grant den Gemeindebau beglückt und einfach nicht in Pension gehen will, obwohl sie es mit dem Vergessen hat - sprich: dement ist.
Der Humor ist amüsant, die Sprache der Autorin sehr eingänglich zu lesen und lange Zeit kann man irgendwie Verständnis für Angelika aufbringen. Das hat auch damit zu tun, dass wir ausführlich und zum Mitfühlen mit der Figur vertraut werden, mit ihrem Karrierebewusstsein, ihren Männergeschichten, der Beziehung zu ihrer Mutter und zu ihrer heroinsüchtigen Freundin Ingi. Bis dass sich Angelika das erste Mal etwas borgt, dauert es sehr viele Seiten. Noch interessanter macht die Geschichte, dass zwischen den Kapiteln immer auch wieder die vermeintliche Autorin berichtet, wie sie Angelika im Gefängnis besucht und sie sie zu ihrer Lebensgeschichte interviewt. Vea Kaiser berichtete in Interviews, dass sie sich an einer realen Geschichte orientierte, die Interviews im Roman dürften aber reine Fiktion sein.
Trotzdem das umfangreiche Buch wirklich gut und schnell zum Lesen geht, bleibt bei mir am Ende ein wenig ein fahler Beigeschmack. Während wir wirklich sehr ausführlich in Angelikas Leben eingeführt werden und vorerst eher nur über wenige Monate und Jahre begleiten, beginnt die Geschichte ab ca. der Hälfte zu hetzen. Ganz schnell wird ihr Sohn groß, plötzlich gibt es neue Partner, ihre kriminellen Machenschaften bleiben immer eher im Hintergrund (auch wenn wir doch immer wieder von ihren Schuldgefühlen erfahren). So hat für mich das Erzählte ein Ungleichgewicht und ich konnte den Kern der Geschichte nicht so ganz ausmachen. Denn plötzlich ist Angelika auf Luxus aus, obwohl davon in der langen Einleitungsphase noch überhaupt nichts zu ahnen war. Der Tiefpunkt kommt ebenso schnell und auf wirklich den letzten Seiten des Buches. Von mir aus hätte das Buch ruhig noch ein paar Seiten mehr haben dürfen, damit ich besser nachvollziehen hätte können, wie sich der Wandel der Hauptfigur einstellte.
Mein Fazit: Fabula Rasa ist ein eingänglich zu lesendes Buch, dass mit viel österreichischem Kolorit und einem Humor, der eine viel schmunzeln lässt, aufwartet. Trotzdem ich das Buch wirklich sehr gern gelesen habe, finde ich schade, dass der Wandel der Hauptfigur für mich nicht ganz schlüssig von statten gegangen ist. Trotzdem kann ich das Buch allen empfehlen, die Lust auf humorig Österreichisches haben und sich nicht vom Umfang abschrecken lassen.
Ich liebe die Bücher von Vea Kaiser. Schon beim Rückwärtswalzer bin ich dahin geschmolzen. Und nun freue ich mich auf Ihr neuestes Buch Fabula Rasa. Der unnachahmliche Stil der Autorin, ihre Art die Hauptgestalten zu skizzieren und sie mit Leben zu füllen, die Handlung des Buches, sind lauter hervorragende Lesegründe sein. Die Rahmenhandlung lässt sich mit einem Satz zusammenfassen. Eine Buchhalterin erleichtert ihren Arbeitgeber über die Jahre hinweg um 3,320 Millionen Euro. Das ist alles.Aber dahinter steckt ein ganzes Universum. Das Leben der Buchhalterin Angelika, in Armut aufgewachsen, von der von der strengen alleinerziehenden Mutter selten unterstützt oder liebkost. die zwar gute Schule aber mit engstirnigen, reichen Kindern als Kollegen hat sie es nicht leicht. Dann erlernt sie den Beruf als Buchhalterin und heuert im Grand Hotel in Wien an. Von sich aus wäre Angelika nie auf den Gedanken gekommen, Geld zu entwenden. Aber sie wird in die Machenschaften des Direktors verwickelt. Als alleinerziehende Mutter muss sie sich gleichzeitig um ihre halb demente Mutter kümmern. Beides verschlingt viel Geld. Vom Kindsvater kann sie nicht viel finanzielle Hilfe erwarten. Er ist ein nicht angepasster Musiker, der sein Talent vergeudet, kurz vor Plattenverträgen steht, die er dann doch nicht honoriert. Angelika bekommt tagtäglich mit, wie der Hoteldirektor seine privaten Ausgaben über das Hotel abrechnet, mit der Begründung, das wären auch Ausgaben für das Hotel. Urlaubsreisen mit der Familie werden zu Dienstreisen umfunktioniert, teure Einkäufe sind zwar für den privaten Gebrauch aber werden als Ausgaben für das Hotel ausgewiesen und dergleichen mehr. Ist es da verwunderlich, dass Angelika ihre finanziellen Engpässe ebenfalls aus den Konten des Hotels überbrückt? Angelika wirkt auf mich sympathisch, ich verstehe ihre Beweggründe, leide und hoffe mit ihr. Mit dem Geld, das Direktor Frohner oder seine verschwenderische Schwiegertochter für sich selbst ausgeben, könnte man mehr Personal einstellen und dem bestehenden Personal anständige Löhne zahlen. Aber der zynische Kommentar des Direktors: "Die vorhandenen Beine haben schneller zu laufen” (S. 333). Es wird niemand zusätzlich eingestellt für Housekeeping oder Etagenservice, solange der Dachausbau für eine Luxuswohnung für Frohner Junior und Gemahlin nicht fertig ist. : Kein Wunder also, dass Angelika sich selbst immer wieder einen Kredit aus der Hotelkasse gewährt. Als Buchhalterin hat sie tiefe Einblicke in die privaten Ausgaben ihrer Arbeitgeber, die auch alle von der Hotelkasse beglichen werden, Angelika muss alles abrechnen, auf Wunsch des Direktors.Angelika findet auch heraus, dass in der Nazizeit, als das Grandhotel Frohner und einem jüdischen Mann gehörte, Frohner ihn übervorteilt hatte, seine Kunstwerke übernommen hatte und sich nach dem Krieg geweigert hat, die Gemälde herauszurücken. Zu solchen Menschen kann man nicht aufsehen, Vea Kaiser tritt in diesem Buch selbst in Erscheinung, sie besucht Angelika im Gefängnis, spricht mit ihr, lässt sich von ihr ihre Lebensgeschichte erzählen. Dadurch gewinnt das Buch an Authentizität, die Autorin tritt als objektive Chronistin auf und enthält sich jedwelcher persönlicher Kommentare. Und das Ganze in Vea Kaisers charmanten Stil, mit dem Wiener Schmäh und Ausdrücken, die die Sprache erst lebendig werden lassen. Ein unangenehmer Mensch wird zum Oarsch,ein dummer Mensch ist deppert, ein Vollidiot ist ein Fetzenschädel, aber ein Freund ist ein Hawara. Hier fand ich das alte wianerische “Hawidehre” aus meiner Kindheit wieder, das mein Vater und Großvater sich zum Abschied sagten. Man fühlt sich in dieser Sprache gleich wohl, die zunächst vielleicht fremden Begriffe sind selbsterklärend und werden heimisch. Man kann nämlich in einer Sprache sehr wohl beheimatet sein. Vea Kaiser schafft diese Heimat spielend für uns Leser aus dem Piefkeland.
Angelika Moser wohnt mit ihrer Mutter Erna im Veza-Canetti-Hof in Wien, wo ihre Mutter als Hausmeisterin arbeitet. Die 20-Jährige genießt das Wiener Nachtleben der 1980er Jahre und träumt von einem besseren Leben. Sie will der einfachen Umgebung entkommen und wünscht sich ein Leben auf der Sonnenseite.
Die junge Frau bekommt eine Stelle in der Verwaltung des exklusiven Grand Hotels Frohner. Angelika arbeitet strukturiert, ist klug, gewissenhaft und weiß sich gut zu positionieren. Schon bald wird der Hoteldirektor auf Angelika aufmerksam; er vertraut ihr und ihren buchhalterischen Fähigkeiten und aus einer besonderen Situation heraus bittet er sie, die Bilanzen „zu überarbeiten“. Dies erledigt Angelika mit viel Geschick und als Dank erhält sie eine Zuwendung, für die auf Anweisung des Inhabers ebenfalls eine nicht allzu legale Buchung getätigt wird.
In einem Club lernt Angelika den Musiker Freddy kennen, die beiden führen eine komplizierte Beziehung, feiern oft, viel und wild. Das Leben ist teuer, die junge Frau hat Träume und Wünsche, möchte ein anderes, erstklassiges Leben führen – ein Leben, dass mit dem Gehalt einer Hotelmitarbeiterin nicht finanzierbar ist. Aber hat nicht der Chef selbst Angelika Wege aufgezeigt, um entsprechende Mittel zu beschaffen? Eine Einmaligkeit wird mehr und mehr zur Gewohnheit, Angelika betrachtet das Geld als Darlehn und hat den festen Vorsatz es zurückzugeben, sobald die Umstände es zulassen.
Wie lange kann so etwas gutgehen?
„Der Direktor würde nie etwas merken.“ (S.355)
Es ist der Direktor des Hotels, der Angelika die „kreativen Buchführung“ näher bringt, geschickt gelingt es ihr, die Interessen des Hotels in den Bilanzen abzubilden – ebenso geschickt berücksichtigt sie auch ihre eigenen Belange und letztlich verleiten sie ihre Ambitionen zu immer gewagteren Transaktionen.
„Das der Fiat Panda vom Hotel bezahlt worden war, wusste zwar außer Angelika niemand, aber sie war zu dem Schluss gekommen, dass es so besser war.“ (S. 343)
Und bei einem Auto ist wahrlich nicht Schluss. Alle Buchungen zu ihren Gunsten notiert sie in ihrem Filofax – und es kommt eine stattliche Summe zusammen. In einem Rausch zwischen Notwendigkeit und Gelegenheit wird sie mutiger und maßloser, sie hat Angst entdeckt zu werden und plant gleichzeitig die nächste Buchung. Kalkuliert, kaltschnäuzig und dabei aber auch nachvollziehbar und gewinnend: Angelika Moser ist sympathische Heldin und egoistische Diebin in einer Person. Vea Kaiser erzählt die Geschichte lebhaft, wortgewandt und ausdrucksstark, mit ganz viel Wien, gutem Humor und nachdenklichen Momenten.
Zwischen den einzelnen Kapiteln gibt es die „Unterhaltungen in der Josefstadt“, in denen Angelika Kaiser selbst aus ihrem Leben erzählt.
Mich hat das Buch von der ersten bis zur letzten Seite aller bestens unterhalten, ich war neugierig, wie es weitergeht, habe Angelika ebenso verstanden wie verurteilt. Die Momente, in denen es um das Älterwerden und die damit verbundenen Veränderungen bei Angelikas Mutter geht, waren für mich schlüssig. Das Buch zu lesen fühlt sich an, als ob eine gute Freundin / ein guter Freund eine Geschichte erzählt.
„Angelika hatte den Aufstieg geschafft, den ihre Mutter ihr niemals zugetraut hatte. Von dem zu träumen sie ihr sogar verboten hatte. Angelika war Mitglied der Führungsriege eines Traditionsbetriebs, Eigentümerin einer Villa und einer Garçonnière, Mutter eines Sohnes, der den Opernball eröffnete, auf dem auch sie heute tanzen würde - als Teil der besten Wiener Gesellschaft.“ (S.467)
Vea Kaiser erzählt die Geschichte einer klugen Frau zwischen Mut und Übermut, Loyalität und Moral. Die Protagonistin ist für mich gleichermaßen nachvollziehbar und unverständlich. Eine spannende, unterhaltsame, mitreißende und einfach großartige Erzählung!
Die Geschichte der Angelika Moser, garniert mit Wiener Schmäh
Der Prolog verrät gleich mal, was Angelika Moser sich hat zuschulden kommen lassen. Sie ist im Grand Hotel Frohner Buchhalterin und wie es der Zufall so will, rettet sie den Hoteldirektor aus einer für ihn ziemlich misslichen Lage. Ob er sie deswegen um einen Gefallen bittet, der für sie weitreichende Folgen haben wird? Wir wissen es nicht. Fest steht jedoch, dass sie bald eine wertvolle Mitarbeiterin ist, die sich um alles kümmert, die über alles Bescheid weiß.
Zunächst erleben wir sie mit ihrer besten Freundin Ingi, wie sie die Nacht zum Tage machen. Wir sind im Wien der 1980er Jahre, die beiden jungen Frauen lassen es ganz schön krachen, auch sind sie den männlichen Wesen nicht abgeneigt und als dann Angelika im Frohner den Praktikanten Eugen zugewiesen bekommt, sind sie sich bald sehr vertraut. Er zieht weiter gen New York, sie bleibt.
Es ist mein erstes Buch von Vea Kaiser, deren Hauptakteurin sich nimmt, was ihr vermeintlich zusteht. Das ist die eine Seite der Angelika Moser, die vaterlos in einem Wiener Gemeindebau aufgewachsen ist, deren Mutter seit jeher Hausbesorgerin war und die nun zunehmend Aussetzer hat. Sie ist andererseits immer diejenige, an die sich alle hängen, die fordern, sogar wildfremde Leute wollen sich in ihr Leben schleichen und in das ihres Sohnes, den sie nach ihrem Gusto formen wollen. Hier erlebe ich eine sehr erwachsene, verantwortungsvolle starke Frau und Mutter, die sich nicht kaufen lässt.
Das Buch präsentiert ihre Heldin in Akt I bis III. Angelika etwa als Partymaus, garniert mit Ingis Drogenexzessen und selbstredend sind es auch die Männer, die ihr Leben versüßen – aber beileibe nicht immer. Eher ist sie es, die diese schon auch schrägen Typen umsorgt. Der Berti wäre einer gewesen, aber der war dann doch zu bieder, da schon lieber Freddy. Der hat´s so richtig drauf - als Musiker und auch sonst, wobei er sein Talent regelrecht verschleudert und sich an Angelika dranhängt - was das monetäre mit einschließt, da kennt der Freddy nix. Dazwischen gab es noch so einige Mängelexemplare und als dann Angelika Mutter wird, erkennt der Erzeuger die Vaterschaft an. Mehr noch, er freut sich, letztendlich aber hat Angelika nun zwei Kinder, die sie zu versorgen hat.
„Fabula Rasa“ kommt rasant daher, garniert mit Witz und Wiener Schmäh, der von so manch Filou erzählt, das sehr kleine Wienerisch-Wörterbuch am Ende des Buches erklärt die Begriffe, was bisweilen hilfreich ist. Zwischendurch sind es die Unterhaltungen in der Josefstadt, die den Besuch in der Justizvollzugsanstalt in Etappen wiedergeben. Vea Kaiser nimmt ihre Leser mit ins Wien der einfachen Leute, in die Beisl und Würstlstände, in die Kaffeehäuser und auch in die Wiener Staatsoper zum Wiener Opernball. All das wird mit einer Leichtigkeit erzählt, wobei die Themen Betrug, Demenz, Drogenmissbrauch und all die zwischenmenschlichen Unzulänglichkeiten es beileibe nicht sind.
Angelika Mosers Geschichte ist die einer starken Frau, aber auch die einer Betrügerin. Eine unterhaltsame Geschichte, die ich gerne gelesen habe, dessen Ausgang mir besonders gut gefällt.
“Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels” von Vea Kaiser, die Geschichte einer “Betrügerin aus Mutterliebe”, hat mich restlos begeistert und wunderbar unterhalten. Ganz besonders schön finde ich, dass der Verlag hier mal wieder einem umfangreichen zeitgenössischen Roman von 556 Seiten eine Bühne bereitet hat. Schön, dass Autor*innen mal wieder episch werden dürfen in unserer schnelllebigen Tik-Tok-Zeit, dass man auch mal die kleinen Details erwähnen kann, die das Leben ausmachen. Die Geschichte von Frau Moser wird ausführlich beschrieben und sie braucht diesen Raum, um die Lesenden auf ihre Seite zu ziehen.
Es geht eben um Angelika Moser, die wir im Wien der Achtziger Jahre kennenlernen, wo sie im Grandhotel Frohner als Buchhalterin anfängt. Sie ist Ende zwanzig, als wir sie zum ersten Mal während der Haupthandlung “treffen” und in ihren 60ern, als wir sie wieder verlassen. Wir erleben sozusagen Angelikas Aufstieg und Fall in der “Rushhour ihres Lebens”, in der Zeit, in der das Leben in die entscheidenden Bahnen gelenkt wird, hautnah mit. Eine wichtige Rolle spielen dabei ihre “Männergeschichten”, mal mehr mal weniger relevant - vom langweiligen Apotheker Berti über die Liebe ihres Lebens Freddy, künstlerischer Freigeist und Vater ihres Sohnes bis hin zu Julius Frohner, dem Jüngeren und Thomas, dem agilen Augenarzt. Konstanten in ihrem Sozialleben sind natürlich die Mutter Erna Moser, die sie als strenge Alleinerziehende im Gemeindebau (dem Veza-Canetti-Hof) großgezogen hat und natürlich die liebevolle Beziehung zu ihrem Sohn Sebastian, der schließlich der Grund ist, warum sie zur Verbrecherin wird.
Ich habe selten - eigentlich noch nie so realistisch - die Beschreibung der Mühsal gelesen, die es neben dem übervollen Tank an Liebe auch bedeutet, einen Säugling und später ein Kind zu haben. Die Problematik der frühen - also der gerade eben erst geschehenen - Mutterschaft - all die Schmerzen, all die Schlaflosigkeit, all die Selbstaufgabe und schließlich all die “großen Sorgen”, wenn die Kinder älter werden. Sehr gut gefallen haben mir auch die “autofiktionalen” Passagen, in denen Vea Kaiser wie ungefiltert über ihren langwierigen Schreibprozess am Roman berichtet bzw. über den der nicht namentlich genannten Autorin. Sie reflektiert darin auch über die Problematik schreibender Mütter, für die das Freischaufeln von schriftstellerischer Arbeitszeit mit einem Balance- und Kraftakt gleichzusetzen ist: “Wie soll man mit einem Kleinkind unauffällig recherchieren? Wo bringt man ein Kleinkind unter, um drei Monate lang im Rahmen eines Aufenthaltsstipendium konzentriert zu schreiben? Wie vereinbart man Schulpflicht mit Lesereisen?” (S.117)
Ein Roman wie das Leben, ein Roman voller Wiener Lebenslust und Todessehnsucht. Voller fetttriefender Debreziner, “Opernballleichen” und Wirtschaftskriminalität. Beeindruckend, welches Finanzwissen Vea Kaiser an den Tag legt. Beeindruckend, wie satt und schön und unterhaltsam sie erzählt. Hier muss wirklich kein/e Leser*in Hunger leiden. Absolute und uneingeschränkte Empfehlung.
Vom Gemeindebau ins Hotel am Ring Vea Kaiser erzählt in ihrem rasanten neuen Roman von einer jungen Frau, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt. Als Tochter einer Hausbesorgerin im Gemeindebau lernt Angelika Moser als Buchhalterin im Grand Hotel Frohner in der Wiener Innenstadt eine unbekannte, elegante Welt kennen. Ihre Freizeit widmet sie Ende der Achtzigerjahre dem Nachtleben, beruflich erfindet sie eine fantasievolle Buchhaltung, damit das Grand Hotel bestehen bleiben kann. Als sie plötzlich alleinerziehend ist, helfen ihr diese manipulierten Rechnungen auch auf privater Seite. Das geht zwar Jahrzehnte lang gut, fällt aber irgendwann doch auf. Ein heller Umschlag mit prachtvollem Kronleuchter und dem Titel in auffallend großen Lettern verbirgt ein in Gold gehaltenes Hardcover mit Lesebändchen. Eine edle Aufmachung, die ganz ins Ambiente eines Nobelhotels passt. Kaiser erzählt die Geschichte in drei Akten, die in Kapitel mit aussagekräftigen Überschriften unterteilt sind. Neben Prolog und Epilog verfügt das Buch über Zitatnachweise und ein Inhaltsverzeichnis des umfangreichen Werks, sowie ein kleines Wienerisch-Wörterbuch, da im Text auch immer wieder typische Ausdrücke fallen, die nicht von allen verstanden werden. Vea Kaiser fabuliert meisterhaft und sprachlich brillant. Geschichten aus dem Gemeindebau stellt sie jenen des Grand Hotels gegenüber. Immer wieder blitzt auch der Wiener Opernball auf, wenn die Bewohner der Gemeindewohnungen per Fernsehübertragung der Freizeit der oberen Zehntausend folgen dürfen. Soziale Unterschiede werden sichtbar, die menschliche Natur und die Moral scheint auf beide Seiten gleich verteilt zu sein. Anlass für dieses Buch lieferte zwar eine wahre Geschichte, der Lebensweg der Protagonistin Angelika Moser bleibt aber fiktiv. Dennoch sind immer wieder auch Kapitel eingestreut, die beim Besuch der Autorin im Gefängnis entstanden sein sollen, wo die Protagonistin schließlich landet. Die Charaktere sind sehr lebensecht und unterschiedlich gezeichnet; manche verstellen sich und setzen eine Maske auf, andere agieren stets authentisch. Die angekündigte Kraft starker Frauenfreundschaften habe ich in der Geschichte weniger verspürt, dass es darum geht, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und neue Wege zu gehen, aber dafür sehr stark. Es sind tatsächlich überaus außergewöhnliche Maßnahmen, die Angelika Moser ergreift, um als junge alleinerziehende Mutter ihr Leben zu sichern. Die Autorin greift unterschiedliche Themen auf, wie Alkohol und Drogen, Demenz, Kunst und Musik, und bringt vor allem das Ambiente der Achtziger Jahre zum Erstehen. Durch das detailreiche Erzählen entstehen etliche Längen; manchmal hätte ich mir daher eine Straffung gewünscht. Rückblickend konnte ich aber erkennen, dass jedes Wort zum Fortsetzen der Geschichte nötig war. Insgesamt handelt es sich um eine recht außergewöhnliche Lebensgeschichte, die mit viel Witz und Lebendigkeit erzählt ist.
Ich kann das Meidlinger L nicht akzentfrei intonieren und hab noch nie in Wien „Gebackene Fledermaus“ gegessen. Aber rote Spritzer hab ich in meinem Leben schon mehrere getrunken. Mit Sicherheit nicht so viele wie die Protagonistin des Romans Angelika Moser, deren Leibspeise dieses schnitzelartige Stück Fleisch ist. Von ihr berichtet die Erzählerin des sehr lustigen Romans. Merkwürdigerweise scheint sie sehr viel Ähnlichkeit mit der Autorin Vea Kaiser zu haben. Diese Erzählerin besucht ihre Hauptfigur immer wieder im Gefängnis und lässt sich deren Lebensgeschichte erzählen, um daraus einen Roman zu schreiben. Das ist ihr bzw. der Autorin ausgezeichnet gelungen. So leichtfüßig und witzig kommt die Geschichte daher, dass man nicht aufhören kann, bevor man die 556 Seiten verschlungen hat. Die haben es aber auch in sich. Angelika mausert sich vom „Hausmeisterbankert“ im Gemeindebau zur Inhaberin einer Villa im Cottageviertel und bleibt trotzdem sympathisch. Eine Frau, die sich das Geld nimmt, das man ihr nicht freiwillig zugesteht. Immer wieder mal mit Gewissensbissen, Bauchschmerzen, Schlaflosigkeit als Folge. Aber: Alle „geborgten“ Summen hat sie im Filofax ordentlich buchhalterisch verzeichnet, für spätere Rückgabe. Die Geschichte spielt in einem fiktiven Wiener Grandhotel, nicht weit von der Staatsoper. Von den 80er Jahren bis heute. Der alte Hotelier bittet seine fähigste Buchhalterin, aus dubiosen Gründen alte Bilanzen zu „verschlechtern“. Und weil das so gut gegangen ist und es eh niemand merkt, schafft sie sich selbst noch „ein bisschen“ Geld auf die Seite. Notwehr sozusagen. Schließlich muss sie ihr Kind aufziehen, die demente Mutter versorgen, Sanierungskosten für ihre „Garconnière“ mit Außenklo und Gemeinschafts-Telefonanschluss berappen. Unglaubliche Plot-Twists reißen Angelikas Schicksal voran. Man sieht sie im legendären Club U4 (in dem Konzerte stattfinden durften, aber Tanzen nicht erlaubt war), beim Absturz mit der Freundin beim „Branntweiner“, mit Herzweh und rotem Spritzer im Kaffeehaus oder im Beisl, im vornehmen Ambiente des Luxushotels, beim Opernball, am Würstelstand vor der Albertina und im Gemeindebau bei ihrer rabiaten Hausmeister-Mutter. Ein Panorama der Wiener Gesellschaft: frisch, leicht, tragikomisch, mit Herz und bösem Witz. Was will man auch anderes erwarten von der Autorin, die im „Rückwärtswalzer“ (2019) schon bewiesen hat, dass man eine Leiche äußerst unterhaltsam von Wien-Liesing nach Montenegro transportieren kann.
Im Vorwort erklärt Autorin Vea Kaiser, wie sie auf die Idee zu diesem Roman gekommen ist. Er beruht auf einer wahren Begebenheit, die vor ein paar Jahren Schlagzeilen in Österreich gemacht hat. Auch mir kam der Fall bekannt vor, ich musste aber doch erstmal kurz nach betreffenden Zeitungsartikeln googeln.
Vea Kaiser hat aber noch mehr als nur gegoogelt. Offensichtlich hat sie die Protagonistin auch mehrfach besucht und mit ihr über ihre Geschichte gesprochen. Dennoch denke ich, dass wohl so etwa 80% des Romans aus Fiktion besteht, die sich um das vorgegebene Grundgerüst rankt. Denn Vea Kaiser beschreibt in ihrem ziemlich umfangreiches Werk (wenn das die Geschichte einer ganzen Familie wäre, würde ich es fast "episch" nennen) sehr detailliert und genau die Geschehnisse und die Empfindungen der einzelnen Personen. Durch dieses Liebe fürs Detail kommt man anfangs nur sehr langsam in der Zeit voran (die erste Hälfte des Buches verbringen wir in 1989, erst danach gibt es dann auch mal Zeitsprünge) aber es wird nie langweilig. Zu gut kann Vea Kaiser einfach ihre Personen und vor allem auch die damalige Zeit beschreiben. Für mich war das auch eine Reise in ein Wien, das ich noch nicht kannte. Umso mehr freute ich mich, wenn ich hier und dort Lokalitäten wiedererkannte, besonders nachdem Angelika Moser in die Fleischmanngasse zog, also direkt in das Viertel in dem auch ich fast 15 Jahre gewohnt hatte. Bei der Beschreibung ihrer Wohnung dort fühlte ich mich sofort an meine erste Wohnung nur ein paar Straßen weiter erinnert, und hatte diese ab da an immer vor Augen.
Indem die Autorin mit ihrer Geschichte, dessen Ende durch das Vorwort ja bereits vorweg genommen wurde, so weit ausholt und die Protagonistin Angelika Moser nicht nur skizziert sondern in allen Farben (die hellen und auch die dunklen) ausmalt, lernt man sie wirklich gut kennen und vor allem auch verstehen. Das wird wohl so auch beabsichtigt worden sein von der Autorin. Ich für meinen Teil war jedenfalls immer Team Angelika. Nicht nur weil meine Mutter auch so hieß, sondern weil sie im Grunde ihres Herzens eigentlich immer korrekt sein wollte aber es irgendwann nicht mehr konnte.
PS: Ich konnte, nach über 20 Jahren in Österreich, das Buch problemlos lesen. Ich mag es, wenn umgangssprachliches und Dialekt vorkommt, das macht für mich ein Buch oftmals noch authentischer. Für alle nicht-österreichischen LeserInnen jedenfalls der Hinweis, dass sich hinten im Buch ein Glossar mit vielen Begriffen befindet, die für das Verständnis hilfreich sein können!