Die Romane von Leif Randt sind für mich Expeditionen in eine unbekannte Welt. Das war schon bei Allegro Pastell so, und dieser Roman hat es bestätigt: Erzählt wird von Marian, 41 Jahre alt, Sohn eines Models und eines Nachrichtensprechers. Marian betreibt einen Mode-Shop in Berlin, ist Teil der schicken und kreativen Szene, sein Lebensstil ist ein kontrollierter Hedonismus. Erlaubt ist, was gefälllt, aber wichtig ist, dass es dir gut damit geht... Ständig wird auch das eigene Auftreten, die eigene Wirkung, das Bild, das man abgibt, reflektiert und kuratiert. Eingeschränkt wird dies dadurch, dass Marians Laden nur sehr mäßig läuft und ihm für die richtig großen Sprünge die Mittel fehlen.
Der Roman setzt ein, als Marians Mutter stirbt und ihre Asche bei einer Schifffahrt im See verstreut wird. Wir begleiten Marian durch sein Trauerjahr, durch die Versuche, sein Verhältnis zur Mutter zu klären und zu reflektieren und zugleich seinen eigenen Weg in ein Erwachsenenleben zu finden, das mit Anfang 40 nun unweigerlich angebrochen ist.
Das macht Leif Randt großartig. Der kühle Blick über die Oberflächen, die Selbstkontrolle, das ständige unbewusste Abgleichen mit den Vorgaben der Szene, in der Marian sich bewegt, das erfährt man als Leser hautnah. Dabei ist Marian ein klassischer "Mann ohne Eigenschaften", er ist Produkt der Welt, in der er lebt und Projektionsfläche.
Obwohl mir Marian als Mensch und sein Umfeld von Herzen fremd ist, schafft Randt es doch, dass so etwas wie Nähe entsteht (von Verständnis würde ich nicht unbedingt sprechen). Als Marian am Ende ein Jahr nach dem Tod der Mutter allein im Restaurant sitzt und ein fake-Facetime mit seiner Mutter mimt, entstand sogar etwas wie Rührung bei mir. Das war bei Allegro Pastell noch anders. Und es ist auch glaubhafter als bei Christian Kracht.
Ich kann mir gut vorstellen, dass das Buch viele Leser befremdet oder buchstäblich kalt lässt. Gründe dafür gibt es genug. In meinen Augen ist es aber ein gelungener Roman, weil er das, was er will, überzeugend leistet.