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Ohnmacht des Völkerrechts: Die Rückkehr des Kriegs und der Menschheitsverbrechen | 80 Jahre Nürnberger Kriegsverbrecherprozess - und die Folgen

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Weltweite Rückkehr imperialer Ist das Völkerrecht am Ende?

Nach dem doppelten Durchbruch des Völkerrechts nach 1945 und nach dem Ende des Kalten Krieges gilt zwischen Staaten heute zunehmend wieder das Recht des Stärkeren. Der amerikanische Einmarsch in den Irak, das Folterregime in Syrien, Russlands Überfall auf die Ukraine, der Terror der Hamas, einige der Reaktionen Israels darauf, die Angriffe auf den Iran – offene Verstöße gegen das Völkerrecht, von den meisten Staaten, von führenden Politikern, auch in Deutschland, mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen.

Christoph Safferling zeichnet die Geschichte des Völkerrechts von 1945 bis heute nach und benennt doppelte Standards und blinde Flecken gerade auch der deutschen Politik. Seine Bilanz ist ernüchternd, sein Appell Gerade Deutschland muss die völkerrechtlichen Standards einfordern – auch wenn dies bedeutet, in offenen Konflikt zu gehen zu jahrzehntelangen Verbündeten.

Das Buch der Stunde zum Thema VölkerrechtProfessor Christoph Safferling ist einer der renommiertesten deutschen Völkerrechtler und gefragter Experte in den Medien»Gekonnt rekonstruiert Safferling die Debatten um Frieden und Völkerrecht von 1945 bis in die Gegenwart, auch bis in die allerjüngste Gegenwart hinein.« Hendrik Simon, FAZ

»Ein eindrucksvolles und zugleich beklemmendes Buch über die Möglichkeiten und die Grenzen der internationalen Rechtsordnung. (…) Gleichermaßen Analyse, Diagnose und Warnruf.« Peggy Fiebig, Deutschlandfunk, Andruck

269 pages, Kindle Edition

Published October 16, 2025

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9 reviews
March 20, 2026
Eine gute generelle und populärwissenschaftliche Einführung zum Thema Völkerrecht. Hat mich sehr an die Vorlesung Völkerrecht I erinnert. Somit ist es ein gutes Buch für diejenigen, die einen populärwissenschaftlichen Einstieg zum Thema Völkerrecht möchten.
Kleinere Ungenauigkeiten führen zu einem Stern Abzug.
So schreibt der Autor auf S. 205 „Täuschung ist als Mittel der Kriegsführung nach humanitären Völkerrecht grundsätzlich verboten.“
Das stimmt so in seiner absoluten Aussage nicht.
Verboten ist das Vortäuschen einer Notlage (z.B. Verwundung) oder einer Kapitulation.
Militärische Täuschung wie Scheinangriffe, das Anlegen von Scheinstellungen/Scheinsperren, ist hingegen erlaubt.

Insgesamt sehr lesenswert zum Einstieg in das Thema Völkerrecht!
This entire review has been hidden because of spoilers.
Profile Image for Der Albrecht.
4 reviews1 follower
June 16, 2026
Zwischen Machtpolitik und Normanspruch: Christoph Safferling analysiert, warum das Völkerrecht in Krisenzeiten an seine Grenzen stößt

Die Ukraine, Venezuela, der Iran und zahlreiche weitere Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit: Das Völkerrecht hat aktuell keinen leichten Stand. Wenn der Bundeskanzler die im Sommer 2025 stattgefundenen Angriffe auf iranische Atomanlagen als »Drecksarbeit« bezeichnet und auch sonst sehr blumige Worte für »komplexe« völkerrechtswidrige Aktionen rund um den Globus findet, dann ist zu erkennen, dass etwas ins Rutschen gekommen ist.

Als Folge dieser Entwicklungen schaut sich Christoph Safferling in Ohnmacht des Völkerrechtsdie historische Entwicklung, den aktuellen Stand und die mögliche zukünftige Rolle des Völkerrechts an. Er ist Jurist und lehrt an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Ausgangspunkt ist die These, dass das Völkerrecht zwar ein umfassendes Regelwerk zur Friedenssicherung, zum Schutz der Menschenrechte und zur Regulierung internationaler Beziehungen bereitstellt, in zentralen Krisensituationen jedoch strukturell ohnmächtig erscheint. Die Antwort sieht er im Unwillen der Macht, sich der Vernunft unterzuordnen. Es existiere kein übergeordneter Weltstaat, der die Geschicke leite. Vielmehr bleibe die Einhaltung der Rechtsnormen auf die Kooperationsbereitschaft souveräner Staaten angewiesen.

Historische Entwicklungen und Perspektiven

Um das zu demonstrieren, zeichnet Safferling die Geschichte nach – angefangen bei Entwicklungen der Frühen Neuzeit wie dem Westfälischen Frieden, über die Haager Friedenskonferenzen bis hin zu aktuellen Debatten, etwa über Angriffe gegen den Iran im Juni 2025. Er erwähnt selbst, dass es sich bei dieser Betrachtung um eine eurozentristische Perspektive handelt, die postkoloniale Studien nur peripher behandelt.

Im Anschluss beschreibt er die große Enttäuschung, die mit der Etablierung von internationalen Institutionen einherginge. Nachdem es bis zu den Neunzigerjahren eine große Euphorie über Errungenschaften wie denInternationalen Strafgerichtshof gegeben habe, sei in den folgenden Jahren immer deutlicher geworden, dass die Machtasymmetrien im internationalen System eine große Schwäche darstellten. Institutionen wie der UN-Sicherheitsrat seien durch das Vetorecht der Großmächte politisch blockierbar, wodurch selbst eindeutige Verstöße gegen das Gewaltverbot – bei entsprechendem Votum – folgenlos blieben. Das Völkerrecht werde dadurch nicht nur begrenzt durchsetzbar, sondern teilweise auch politisch instrumentalisiert.

Normative Kraft trotz Ohnmacht

Gleichzeitig betont das Buch die anhaltende normative Bedeutung des Völkerrechts. Trotz seiner Durchsetzungsdefizite schaffe es einen globalen Referenzrahmen, an dem staatliches Handeln gemessen werde. Selbst machtpolitische Akteure rechtfertigten ihr Verhalten in rechtlicher Sprache, was auf die fortbestehende Autorität der Normen hinweise. In dieser Spannung zwischen rechtlichem Ideal und politischer Realität entfaltet sich die zentrale Argumentation: Die Ohnmacht des Völkerrechts sei weniger ein Zeichen völliger Wirkungslosigkeit als vielmehr Ausdruck seiner Abhängigkeit vom politischen Willen der Staaten. Als Perspektive sieht Safferling deswegen eine deutsche Verantwortung, für das Völkerrecht einzustehen. Auch wenn der Titel erst einmal anderes vermuten lässt, ist Safferling somit schlussendlich optimistisch, was die Zukunft des Völkerrechts angeht. Als Regelinstrument der internationalen Ordnung werde es auch weiterhin eine Funktion besitzen. Der Abgesang sei verfrüht.

Die Ohnmacht des Völkerrechtsbietet eine ideale Grundlageneinführung für Nicht-Jurist*innen, die nicht von den unzähligen Verträgen und deren Einzelheiten erschlagen werden wollen. Das Buch durchzieht ein optimistischer Grundgedanke, der sich elfenbeinturmartig der am Anfang geschilderten Realität verweigert. Doch vielleicht braucht es genau jene Stimmen, die am Völkerrecht festhalten. Erst wenn es niemanden mehr gibt, der am Völkerrecht festhält, ist es endgültig begraben.

- Bjarne
Profile Image for A YOGAM.
3,011 reviews21 followers
December 21, 2025
Die Illusion der Moral und das Primat der Macht
In seinem Werk zieht Christoph Safferling eine ernüchternde Bilanz über mehr als 80 Jahre Völkerrecht – von den moralischen Hoffnungen der Nürnberger Prozesse bis zur gegenwärtigen Realität fortdauernder Menschheitsverbrechen. Geopolitisch begreift Safferling das Völkerrecht nicht als stabiles Normensystem, sondern als fragiles Arrangement, das in einer zunehmend multipolaren Welt zwischen den Interessen von Großmächten wie den USA, Russland und aufstrebenden Akteuren aufgerieben wird. Schonungslos legt er die doppelten Standards offen, die entstehen, wenn völkerrechtliche Prinzipien selektiv angewandt werden – streng gegenüber den Schwachen, flexibel gegenüber den Mächtigen.
Die Sicht des Gorgias: Das Recht des Stärkeren
Legt man die Philosophie des Gorgias – insbesondere die von Kallikles im platonischen Dialog „Gorgias“ vertretene Position – zugrunde, erscheint Safferlings Diagnose der „Ohnmacht des Völkerrechts“ nicht als historischer Betriebsunfall, sondern als Ausdruck einer tieferen Ordnung. Für Gorgias ist das positive Recht (nomos) eine Erfindung der Schwachen, um die Starken zu zähmen. Die Gegenwart scheint diese Perspektive zu bestätigen: Von der Ukraine bis zum Nahen Osten zeigt sich, dass das „Recht der Natur“ (physis) weiterhin gilt – jenes Recht, nach dem der Stärkere herrscht und sich nimmt, was er nehmen kann.
Safferlings Analyse der völkerrechtlichen „blinden Flecken“ lässt sich in diesem Sinne radikalisieren: Das Völkerrecht erscheint weniger als Instrument der Gerechtigkeit denn als rhetorische Waffe. Wer über Macht verfügt, definiert, was als „Menschheitsverbrechen“ gilt – und wer sich dafür zu verantworten hat. Die Nürnberger Prozesse markieren aus dieser Perspektive keine moralische Stunde Null, sondern den paradigmatischen Fall von Siegerjustiz: den Moment, in dem militärische Überlegenheit in rechtliche und moralische Deutungshoheit übersetzt wurde.
Geopolitische Konsequenzen: Der Rückfall in die Machtpolitik
Safferling beschreibt überzeugend den Übergang von einer kurzen Phase regelbasierter Ordnung zu einer Welt harter Machtkonkurrenz. Während er insbesondere von Deutschland ein kompromissloses Festhalten an völkerrechtlichen Standards einfordert, würde ein Gorgias-Schüler darin vor allem ein Zeichen politischer Ohnmacht erkennen. Moralische Appelle eines Staates, der nicht bereit oder fähig ist, seine Interessen notfalls mit physischer Gewalt zu sichern, bleiben in einer anarchischen Weltordnung folgenlos. Das Recht mag keine Kompromisse vertragen – doch ohne das Schwert fehlt ihm die Durchsetzungskraft.
Ein notwendiges Dokument der Desillusionierung
Safferlings Buch ist ein präziser und unbequemer Weckruf für all jene, die an die selbsttragende Kraft des Völkerrechts glauben. Zugleich bestätigt es – zumindest implizit – die alte Einsicht der Sophistik: Recht wirkt nur solange, wie es die bestehenden Machtverhältnisse spiegelt. Verschieben sich diese, bricht die moralische Fassade ein. Zurück bleibt jener harte Kern globaler Politik, den Safferling mit analytischer Klarheit freilegt. Ein unverzichtbares Buch für alle, die die Kluft zwischen dem Wunsch nach einer gerechten Weltordnung und der brutalen Realität der Macht verstehen wollen.
Profile Image for anton.
59 reviews1 follower
May 17, 2026
3.5/5
Wäre eindrücklicher gewesen, wenn es nicht mit der Aufforderung nach einer Wehrpflicht und lauwarmer Kritik an Israel geendet hätte.
Profile Image for jordan amélie.
13 reviews
March 28, 2026
Die Ohnmacht des Völkerrechts. Ich hab ich gefreut es zu lesen, war zum Ende dann leider doch etwas umzufrieden. Ich finde das Buch ist ein gutes Buch gerade für Nicht-Jurist*innen, um die Problematiken des Völkerrechts nachvollziehen zu können, ohne direkt mit dem ganzen Kanon der völkerrechtlichen Verträge und den rechtlichen Grundlagen des Völkerrechts überladen zu werden. Ich würde gerne 3,5 Sterne geben, kann ich aber leider nicht. Das Buch an sich steht für sich, ich glaub ich würde einfach persönlich nicht mit dem Fazit von Prof. Safferling übereinstimmen. Vielleicht bin ich auch einfach eine Pessimistin, aber die Hoffnung die Safferling noch an das Völkerrecht hat, habe ich einfach nicht mehr.
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