Berlin, 1922. Der Anhalter Bahnhof am Askanischen Platz ist eines der prächtigsten und verheißungsvollsten Gebäude der Stadt. Täglich verreisen von hier aus Tausende in alle Menschen auf der Suche nach einer neuen Heimat, Menschen auf der Suche nach dem großen Glück. So auch die Passagiere, die an diesem Abend den Nachtzug nach Paris ein falscher Baron, ein Industrieller auf der Flucht, eine Haushälterin mit Fernweh, ein heldenhafter Kondukteur, ein heimliches Liebespaar und ein Dieb. Für sie alle wird die Reise im Grand Express zu einer Schicksalsfahrt, an deren Ende nichts mehr sein wird wie zuvor.
Durchaus hoffnungsvolles aber auch trauriges ende. zeigt gut den aufstieg und fall von adligen, und vorallem den unterschied von adel und “fußvolk” damals (auch aus kindlicher perspektive). meiner meinung nach etwas zu sehr in die länge gezogen, denn auf einmal ist dann alles passiert aber das erst nach ca. 200-250 seiten.
Hat Spaß gemacht! Die Autorin hat ein sehr gutes Gespür für Atmosphäre und die Eigenheiten der Epoche, in der ihr Debütroman spielt. Man merkt, dass sie die Zeit, über die sie schreibt, gut kennt und das sorgt für schöne, lebendige Details, die mir den vierten Stern wert waren. Als Fan von Serien wie Downton Abbey und The Gilded Age hat mir das Buch ein wenig denselben Vibe gegeben: Man erlebt die Zugreise von Berlin nach Nizza im Jahr 1921 durch viele verschiedene Perspektiven, von reichen Industriellen in der ersten Klasse bis hin zum Personal. Da alle Figuren vielschichtig und interessant gezeichnet waren, ging die Rechnung mit den vielen Erzählperspektiven für mich auf.
Alles in allem hat mir die erste Hälfte, der Streckenabschnitt Berlin - Paris aber besser gefallen, als die zweite Hälfte. Als hätte die Autorin geglaubt, sie müsste jetzt noch einen draufsetzen überschlagen sich die Ereignisse auf der Fahrt von Paris nach Nizza und das Ende fand ich leider in einigen Fällen unglaubwürdig, da die Geschichte alles in allem trotz ihrer 500 Seiten nur im Zeitraum von zwei Tagen spielt. Die Entwicklung der Figuren und der Beziehungen ist da und hat mir gefallen, aber dann kam der Gedanke: Moment mal, das ist jetzt alles in nur zwei Tagen passiert?
In der zweiten Hälfte gibt es außerdem einen - wie im Genre leider üblich - zu graphisch geschilderten, versuchten sexuellen Übergriff. Obwohl im Nachgang recht gut mit der Situation umgegangen wurde, hätte ich diesen Griff in die Genre-Klischeekiste wirklich nicht gebraucht, zumindest nicht so ausführlich geschildert. Gerade, weil der Roman einen sehr leichten, bunten, manchmal sogar recht campen Ton hat, fand ich eine so düstere Szene unpassend und für die Handlung auch unnötig.
Exakt dieses Campe, etwas Melodramatische sorgt aber dafür, dass der Roman für mich im Gesamtbild so gut funktioniert hat. Er traut sich, auch mal albern zu sein und auch seine Held*innen nicht immer als völlig unbescholten darzustellen, was ihnen Charakter gibt und für deutlich unterhaltsamere Situationen sorgt. Der Roman ist deutlich von seinen Figuren und ihren Entwicklungen getrieben. Richtig viel Plot gibt es nicht, viel eher geht es darum zu erkunden, wie die Figuren diese Luxus-Zugreise erleben und mit welchen Geheimnissen, Wünschen und Konflikten sie an Bord des Zugs gekommen sind. Gerade, weil die frühen 1920er so lebendig erzählt sind, ging das für mich auf. Wer atmosphärische Zeitreisen in diese Epoche per Buch mag, wird hier gut abgeholt.