Seit fünfzig Jahren sind sie verheiratet. Dann geht er weg, nach Indien. Sie reist ihm nach, besorgt und wütend. Viktor Goll, genannt Vigo, Leiter einer Denkfabrik für Abrüstung. Terese Weiler, Kinder- und Jugendtherapeutin. Was sie teilen, ist fast nur noch das Gefühl, aus dem andern jeweils das Schlechteste herauszuholen. Sollen sie zusammen alt werden? Die Frage ist plötzlich unausweichlich. Gehen oder bleiben? In Indien weiß Terese, dass sie Vigo verlassen muss. Als er um eine letzte Chance bittet, antwortet »Was du tun kannst, damit ich zurückkomme? Von dir absehen. Einmal im Leben.« Worauf Vigo einen Roman zu schreiben beginnt, erzählt aus der Sicht seiner Frau, ihre ganze gemeinsame Geschichte.
Bodo Kirchhoff legt seine Karten als Autor eines epischen Liebes- und Lebensromans mit der Suggestion, der Beobachtungsgabe und stilistischen Meisterschaft seines Erzählens.
»So brillant wie der reife Bodo Kirchhoff können nur wenige über das Wesen des Schmerzes, des Begehrens und der Liebe schreiben.« Christoph Schröder, Der Spiegel
Geboren 1948 in Hamburg; 1955 Umzug der Eltern in den Schwarzwald – ein Kulturschock. Ab 1959, nach Scheidung der Eltern, in einem christlichen Internat am Bodensee, auch ein Schock. Dort 1968 das Abitur gemacht, danach Ausbilder beim Militär und anschließend Eisverkäufer in Amerika.
Viele seiner zahlreichen Romane beschäftigen sich mit der Organisation von Intimität, etwa der Freundschaftsroman "Eros und Asche“ oder die Paar- und Liebesromane "Wo das Meer beginnt" und zuletzt sein großartiges Meisterwerk "Die Liebe in groben Zügen". Ein Roman unter anderem über „die unstillbare Sehnsucht nach Liebe: die einzige schwere Krankheit, mit der man alt werden kann, sogar gemeinsam“, den ein Kritiker als ein Liebesbrevier für Fortgeschrittene bezeichnete. Im Herbst 2014 erschien sein Roman "Verlangen und Melancholie“ und wurde von der Kritik einhellig als großes Werk gefeiert.
Schon Bodo Kirchhoffs Seit er sein Leben mit einem Tier teilt (2024) glänzte durch eine erbarmungslose Langsamkeit, in der Hauptrolle eine gealterter Schauspieler, der sich nochmals Hoffnungen auf ein bisschen Liebe und Sex im Alter macht. In Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt soll nun eine fast siebzigjährige Ehefrau im Zentrum des narrativen Geschehens stehen, Terese, die ihrem Mann nachreist, nachdem dieser sich mehrere Tage nicht auf ihre Kontaktversuche zurückgemeldet hat. Ihr schwant nichts Gutes:
Und dafür ist er nach Mumbai geflogen, um [für ein Buch über eine waffenlose Welt] zu recherchieren. Nur was? Sie hat von ihm bloß gehört, er sei gut angekommen, in einer Gegend, vor der gewarnt werde. Musste sie das wissen? Eher nein. Später noch ein Anruf, vom Dach seines Guesthouse, mit tollem Blick, wie er ihr zurief. Dann tagelang nichts, und er war auch nicht erreichbar. Sie hat ihm geschrieben, er hat nicht geantwortet, und mit der Sorge wuchs eine Wut, wie die bei seinen Ausflüchten während einer Affäre.
So, das Zitat umfasst mehr oder wenige das ganze Buch. Sie reist nach Indien, erwischt ihn, bei was auch immer, aber das spielt alles keine Rolle mehr. Die Erzählweise zeigt an, dass nicht Terese erzählt. Sie wird erzählt und zwar durch die Phantasie, die Bilder, die Filme, die sich der Ehemann von ihr macht, während sie sich fuchsteufelswild immer weiter von ihm und einem gemeinsamen Leben entfernt. Das Disparate der Erzählanlage beherrscht von Anfang an das Leseerlebnis: eine Figur, die im Hintergrund von sich durch die Augen einer anderen Figur erzählt. Hierbei können nur abstruse Paradoxien entstehen:
Man steht oder sitzt dort [am Marine Drive in Mumbai] zwischen tausend anderen auf dem Kai und verfolgt, wie die Sonne hinter der Bucht im Dunst versinkt, der Tag zur Nacht wird. Das sollten Sie tun, Terese. Das gehört zu Mumbai, wie es zu Ihrer Gegend gehört, auf dem Hinterwaldkopf zu wandern, hab ich mit meiner Mutter gemacht. Und Terese – nicht ganz sicher, ob der, der schon auf dem Hinterwaldkopf war, sie gerade beim Namen genannt hat – geht auf ihr Zimmer in dem Gefühl, so genannt worden zu sein, Terese, mit Betonung auf dem ersten e, wie es auch ihr Vater gesprochen hat, mit dem sie zuletzt auf dem Hinterwaldkopf war.
Vor lauter „Terese“ und „Hinterwaldkopf“ wird einem ganz schwindlig, davon abgesehen, dass Terese wirr, unsicher, wankelmütig und manipulierbar, ja wie eine Marionette erscheint, mit der die Männer in ihrer Umgebung im Grunde tun, was sie wollen. Und darum geht es auch, um die Phantasie einer Figur, die sich von ihrer Umgebung zu emanzipieren sucht, nur um in die nächste Abhängigkeit zu geraten usw. usf.
Dass das Buch keine melodramatische Wendung nimmt, spricht für das kompositorische Feingefühl Bodo Kirchhoffs; dass er aber seinen Ich-Erzähler, den Rotwein trinkenden, sich selbst bemitleidenden Ehegatten Vigo nicht in den Vordergrund stellt, eher für prätentiöse Augenwischerei. Das Buch handelt von ziemlich verlogenen Charakteren, die sich gegenseitig etwas vorzumachen versuchen, dabei aber zeitlebens scheitern. So lautet auch das Motto des Buches:
Und schließlich schreibt sie auch etwas an Vigo – Was du tun kannst, damit ich zurückkommen. Von dir absehen. Einmal im Leben.
Ja, aber mit wem will sie zusammensein? Mit dem, der von sich absieht. Sehr ungereimt, wie auch Bodo Kirchhoffs insgesamter Versuch, aus der Sicht einer siebzigjährigen Frau zu schreiben, indem er sie durch die Augen eines siebzigjährigen gehörnten Ehemannes betrachtet, der lieber alleine an seinem Buch schreibt, als mit seinem Kumpel Bier zu saufen und ein Schalke-Bundesliga-Spiel zu schauen. Öhem … gewollt, manieriert, unschön geschrieben, aber zumindest mit kompositorisch-perspektivischen Sinn, dem leider sein Gegenstand entgleitet (in diesem Falle, die Frau), da erscheinen ja sogar Martin Mosebachs Die Richtige und Bernhard Schlinks Das späte Leben in einem besseren Licht.
--------------------------------- --------------------------------- Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich): --------------------------------- ---------------------------------
Leseerlebnis: ●Zusammenfassung: Das Buch hat mir die Freude am Lesen für eine Weile genommen, alles war zäh, langsam, hingezogen, ängstlich, total kontrolliert und unpoetisch. Es wirkte auf mich gekünstelt, entfremdet, ja, widersprüchlich und zwiegespalten, eine sehr problematische Wirkung und vollständiges Fehlen von Fokus ●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) zu Zweidrittel ja, zu einem Drittel nein, inkonsequent. ●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) ja, glaubwürdig schon, Figuren sind realistisch, ohne jede Poesie, ziemlich aus dem Alltag gegriffen ●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, auf keinen Fall, gewollt, manieriert, sogar snobistisch. ●stimmig?(Komposition: ja/nein) irgendwie bei den Charakteren stimmig durch die Persönlichkeitsspaltungen und inkonsistenten Verhaltensweisen ●ein zweites Mal lesen? Nein, niemals --> 1 Stern
Inhalt: ●Hauptfigur(en): T: Terese Goll, Ende 60, Therapeutin, Spezialistin für Autismus, hat eine Mitte Dreißig Jahre alte Tochter, Ava, einen Ehemann namens Vigo Goll. V: Vigo Goll, wahrscheinlich im selben Alter, Friedensaktivist, Gründer einer Denkfabrik für Waffenlosigkeit, reist nach Indien zur Recherche, um mit einem Schweizer Drohnenfabrikanten ein Interview zu führen. R: Rana Walter Panjabi führt ein Guesthouse in Mumbai, hat eine deutsche Mutter, spricht fließend Deutsch und beginnt eine Affäre mit T. Z: Zlata, eine Ukrainerin, die in der Nähe von Dortmund sich für kriegstraumatisierte Kinder einsetzt, die von V eine Reise nach Indien als Dank finanziert bekommen hat, dass sie ihm für seine Recherche um den Krieg in der Ukraine herum zur Verfügung gestanden hat. ●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: 1. T im Flugzeug, reist V nach, nachdem er nichts von sich hören gelassen hat. 2. Erzählgegenwart: V als Ich-Erzähler (IE) berichtet von Ts Ankunft in Mumbai, im Panjabis Guesthouse. 3. R, der Besitzer, beeindruckt von Ts Schönheit. 4. Erzählgegenwart: IE, Erzählgegenwart, trinkt Wein, stellt sich die ersten Tage von T vor. 5. R und T treffen sich auf dem Dach des Guesthouses. R schlägt Unternehmungen in Mumbai vor. 6. T geht mit Kappe spazieren, fühlt sich zu R hingezogen. Erlebt Indien. 7. Wieder im Hotel, dann zum Marine Drive, fotografiert eine Prostituierte, die dagegen protestiert (sie werden sich später kennenlernen, Aaranyi). 8. T erfährt, dass V losgefahren ist, zu einem isolierten Strand, in Süd-Goa. R und T gehen essen. 9. Wieder auf dem Dach, Bier und Zigarette. 10. Erzählgegenwart: IE reflektiert über Bissspuren im Buch. 11. Zum Bahnhof, T verabschiedet sich von R. V meldet sich immer noch nicht. 12. T erreicht Koli-Beach nach beängstigender Taxifahrt. V schon wieder abgereist. 13. Übernachtung. Sie lernt den Schweizer-Waffenhändler Geysin kennen, der mit ihr flirtet. 14. Treffen mit dem Schweizer. Bewusstsein als Urwaffe. 15. Abendessen mit dem Schweizer. Zweifelt an ihrem Muttersein. 16. Frühstück. Sie findet eine zerschlagene Muräne. Abschied vom Schweizer, der ihr Koffer den Hang hochträgt. 17. Taxifahrt zum Flughafen. 18. Flug zurück nach Mumbai. Gedanken an Autismus der Tochter. 19. Erster Kuss zwischen R und T. Sein Arabisch erregt sie. 20. Erzählgegenwart: IE über seine Interviews mit einer Ukrainerin (Zlata), keine Affäre, mehr eine sprachliche Verbundenheit. 21. In Mumbai sieht sie V auf der Terrasse des Hotels am Marine Drive. Sie schießt ein Foto von ihm und schickt es ihm. Jemand Fremdes greift T an die Brust. 22. Im Hotel schläft T mit R. 23. Im deutschen Kulturinstitut stiehlt sie sich ein Foto von ihrem Ex-Geliebten Schellenberg, ein Liebestheoretiker und ihr Doktorvater. 24. In Mumbai, streunert herum, interessiert sich für eine Moschee. Lernt die Prostituierte Aarany kennen, von der sie ein Foto geschossen hat, das sie löschen musste. Sie rauchen eine Zigarette. 25. T erhält Nachricht von ihrer Tochter, dass sie etwas Dringendes mit ihnen zu besprechen hätte, mit V und ihr. 26. Nur wenige Tage bleiben (zwei). Sie kauft Glühbirnen fürs Guesthouse ein. 27. Schläft mit R. Er bringt sie zum Flughafen. Wiedertreffen mit V. 28. Erzählgegenwart: IE erhält Anruf von Potthaus, da IE, also V, wieder Single ist wie er. V lehnt Angebote zum Treffen ab. 29. Im Flugzeug, Schweigen, dann Sprechen, Schweigen, wieder Sprechen zwischen T und V. 30. Misslungene Aussprache an Flugzeugtür. 31. U-Bahnfahrt in London. V muss pinkeln, pinkelt in die Ecke. 32. Im Hotel, Annäherungsversuche von V. T gesteht ihre Affäre. 33. Kurzes Treffen mit A, Verabredung zum Treffen zu viert. 34. T und V trinken etwas. 35. Im Hotelzimmer, das zu heiß ist, will V Sex, aber T nicht. V drängt sich auf. Sie versucht ihn mit Nachrichten zu beruhigen. 36. V vergewaltigt T. 37. Beim Frühstück, Versuch der Versöhnung. 38. Sie fahren zur National Gallery. T will alleine sein. 39. Sie fahren zu Harrod’s, um sich einzukleiden. Lassen es aber. Kaufen stattdessen einen Präsentkorb. 40. Treffen bei Fortnum&Mason. Sie fühlen sich fremd und fehl am Platz. 41. A in Begleitung mit Thomas, einem Major, Soldaten, der in Litauen dient. 42. Gespräch am Tisch über den Pferdehof von Thomas Eltern. Beschwerde über den Champagner. Verlobungsring. 43. Gespräch über den Westfälischen Frieden. T im Rückblick. Sie sitzt bereits im Flieger. 44. Erzählgegenwart: IE denkt über das Zweier-Gespräch mit Thomas nach, während T und A auf der Toilette sind, im Powder Room. 45. Rückblick von T auf Gespräch mit A im Powder Room. Unversöhnlich. 46. Verabschiedung. T bricht auf, zurück nach Indien. 47. Im Flugzeug neben einer Influencerin. T hat Angst sich in R zu verlieren. 48. Zurück in Mumbai, trifft sich mit Aarany. 49. R überrascht sie in der Nacht. Sie haben Sex. 50. R schenkt ihr Kreolen, Ohrringe. 51. T nimmt sich ein Buch aus der Bibliothek von Rs Mutter, ein Buch von Annemarie Schwarzenbach (Eine Frau zu sehen). T lässt sich die Löcher für die Ohrenringe von Aarany stechen. 52. R will, dass T ein Tuch von seiner Mutter und die Ohrringe trägt. T weicht aus, fährt zum Marine Drive, zur Dachterrasse, wo sie V gesehen hat, um dort in Schwarzenbachs Buch zu lesen. 53. T lernt eine Ukrainerin kennen, die krault. Verabreden ein Treffen, um zur Elephanta Insel zu fahren. 54. T geht ins Kino, wird dort ekelhaft von einem Inder angemacht, schnalzende Zunge. 55. T will nicht mit R schlafen. R traurig. 56. T vermutet die Ukrainerin sei die Affäre von V. 57. Sie verbringen einen Tag auf Elephanta Island. Dort wird klar, dass die Ukrainerin V kennt, aber keine Affäre mit ihm gehabt hat. Z erzählt, wie sie bei einem Bombenangriff ihre Familie verloren hat. 58. T schreibt Potthaus, dass er nach Schellenberg sehen soll. Sch hat sich nicht gemeldet. Potthaus aber gar nicht in Deutschland. 59. Erzählgegenwart: IE über Ts Telefonnummer, die nicht mehr gültig ist. 60. T erzählt Z von ihrem Schwangerschaftsabbruch. Ein Sohn von Sch, den weder Sch noch V wollten, dann auch sie nicht. T und Z wollen sich wiedersehen. 61. Sie geht mit Aarany Essen, danach übergibt sie sich in einer Gasse. Erinnerungen an ein verkorkstes Weihnachten, als T ein 2500 Jahre altes Gefäß zerdeppert. 62. T krank, verbringt mehrere Tage im Bett (Noro-Virus). 63. Wieder genesen, Telefonat mit Moni aus der Silvestergruppe. 64. R und T haben wieder Sex, nach Ts Schwarzenbach-Lektüre. 65. Stadtrundgang, T schenkt die Ohrringe Aarany. Anruf von V, Sch gestorben. Beerdigung in ein paar Tagen. 66. T reist ab. 67. Ankunft in Deutschland. Telefonat mit A vom Flughafenhotel aus. 68. Taxifahrt mit Syrer aus Aleppo. Glatteis. 69. Trauerfeier. Wiedersehen mit V und anderen. 70. T unterbricht die Trauerrednerin und hält ihre Rede, spielt die Musik „Malafemmena“, Song von Antonio de Curtis, 1951. Song über eine Frau, die für einen Mann schlecht ist. 71. Erzählgegenwart: Überblende, Sicht vom IE auf die Trauerfeier. 72. Gang zum Grab, über Eis, T hält sich an V fest. Geschehnisse Monate her (von Erzählgegenwart aus). V läuft T hinterher, will sie am Einsteigen ins Taxi hindern. 73. Erzählgegenwart: Reflexion über seine Spekulation über T. 74. T lässt sich vom Syrer nach Dortmund zu Z fahren. Wahrscheinlich pflegt sie dort mit Z kriegstraumatisierte Kinder. Am Ende hört sie von Del Shannon „Runaway“. ●Kurzfassung: Eine Ehefrau, die schon oft zuvor fremdgegangen ist, entschließt sich, ihren langjährigen Ehemann zu verlassen und geht dabei den Umweg über Indien. ●Charaktere: (rund/flach) rund, ausgestaltet, auf ihre Weise, keine groben Schnitte, eher feinfühlige Nachzeichnungen, fast zu feinfühlig, fast verwaschen, weichgezeichnet, etwas zu ängstlich. ●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein, keine ●Besondere Ereignisse/Szenen: das Übergeben, die Viruserkrankung von Terese in Mumbai ●Diskurs: Politik, Krieg, viele Nachrichten, viele News, sehr unverständliche Dinge, die den Zeitgeist auffangen, später kaum noch zu verstehen sind. Bspw. die Pullover-Szene im weißen Haus, das Trump-Selenskyj-Debakel. … erinnert an Bernhard Schlinks „Das späte Leben“, an Martin Mosebach „Die Richtige“ und alles in allem etwas an Heinrich Mann „Professor Unrat“. Das Buch bleibt zu träge, watschelnd, zu unentschieden. Auch zu klischiert in mancherlei Hinsicht. Am Ende des letzten Drittels nimmt das Buch Fahrt auf, sie im Mumbai, kotzt, hat Sex, lernt Aaranyi kennen. Die besten Szenen im Buch. Daher, wegen der ermüdenden Lektüre: --> 2 Sterne
Erzählstimme: ●Eindruck: der Mann stellt sich seine Frau vor, wie sie sich von ihm entfremdet, er behandelt sie herbei wie eine narrative Marionette, nimmt sich nicht zurück, erfindet als Ich-Erzähler, fährt sich einen Film, sozusagen ●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): Situiert, ein paar Wochen nach der Beerdigung, vielleicht April des Jahres, der Ehemann, Viktor, alleine zuhause beim Rotwein und Schreiben. ●Erzählverhalten, -stil, -weise: wirkt nicht plausibel noch dringlich, irgendwie schläfrig, abgeschlafft, unklar, wie eine narrative Nebelbombe ●Einschätzung: schlimm unentschieden. --> 1 Sterne
Form: ●Eindruck: schlimm zu lesen, unrhythmisch, unmelodiös, fließt nicht, hakt, schwer zu verstehende Sätze, gewollt verdreht, gewollt unintuitiv hingeschrieben, ästhetisch widerborstig, aber auf wurstige Weise ●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) klar in seiner Fiktionalität zu erkennen, dennoch beständig verklausulierte Hinweise auf die Tagespolitik ●Wortschatz: nicht repetitiv, dennoch hier und da gewollt veraltet, gewollt distanzierend. ●Auffälligkeiten: verhakelt, gekünstelt, unecht, kaum lesbar, teilweise, fehlende Verben, gewollt-schnöselige Appositionen und Nachstellungen und Satzstellungen; formalästhetisch für mich eine Tortur, aber auf seine Weise gekonnt ●Innovation: nein, aber er zieht seine Form durch, besitzt eine Sprache, sie besitzt nur keine Glätte, keine Harmonie, keine synthetisierenden Kräfte. Alles zerplatzt. --> 2 Sterne
Komposition: ●Eindruck: Gelungen. Sie fliegt nach Indien hinterher, trifft ihn dort nicht an. Retardierungsszene: Koli-Beach und der unsympathische Waffenhändler, der Schweizer. Rückkehr und Affärenbeginn (auch durch Retardierung) mit Rana, das Heimische im Fremden (die Sprache der Mutter). Sieht dann ihren Ehemann auf dem Schiff, zieht sich zurück, will sich in die Affäre werfen. Dann aber Unterbrechung durch Tochter, Zwangsreise nach London, Retardierung in der Affäre mit Rana, Möglichkeit für Viktor, wieder einen gemeinsamen Nenner zu finden, aber dann vergewaltigt er sie. Sie flieht nach Indien, will dort bleiben, lässt sich auf Rana ein, lernt Zlata kennen, dann aber die Nachricht vom Tod ihrer großen Liebe, Schellenberg. Wieder erzwungene Reise. Bei der Beerdigung der endgültige Abschied. Sie zieht nach Dortmund, das Fremde im Heimischen. ●Signal/Noise-Ratio: gering ●Operative Geschlossenheit: ja, von seinem Ehe-Code her gesprochen, den Konflikt, die Psyche der Ehefrau, sie will die Sprache, aber die Sprache reicht nicht, und so entkommt sie am Ende der Sprache und zieht nach Dortmund. ●Rahmenstabilisierende Details: ja, Szenerien wirken weitestgehend ausgestaltet ●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): auch gelungen, gute Abwechslungen der Orte, Raffungen, Dehnungen, die Längen beim Flug etc … wohlaustariert. ●Extradiegetische Abschnitte: nein, keine ●Lose Versatzstücke: auch keine ●Reliefbildung: leider erlaubt die Erzählgegenstand kaum Relief. Das Drama, das keines ist. ●Einschätzung: im Grunde sehr gut komponiert, leider ohne Stoff und Plot, und mit zagender Erzählstimme. --> 4 Sterne
Bodo Kirchhoff ist ein großer Schriftsteller, keine Frage. Auch hier legt er eine sprachlich-handwerklich überragende Arbeit vor, eine komplexe und spannende Innenschau einer Frau namens Therese, die nach vielen Ehejahren dabei ist, ihren Mann aus guten Gründen zu verlassen. Der innere Prozess dieser Trennung, dem Ende einer Liebe, ist beeindruckend präzise geschildert, wenn auch arg ausführlich.
Und da liegt das erste von vielen Problemen des Romans: er ist viel, viel zu lang. Hätte man die 576 Seiten auf 200 Seiten gekürzt, dann wäre es ein richtig starker Kurzroman geworden. So ist es ein überlanger, zum Teil zäher und leider auch immer wieder latent rassistischer Text (Verwendung des M-Wortes und weiterer "Alter-weißer-Mann-Begriffe" inklusive Stereotypen gegenüber Andersaussehenden, Frauen und Homosexuellen), in dem an äußerer Handlung nichts, aber auch gar nichts passiert. Von einer zum Teil verschönigten Vergewaltigung (innerhalb einer Ehe, immerhin als unverzeihlicher Akt benannt) und sich endlos wiederholenden Sexszenen (in Indien, London und in Erinnerungen) mal abgesehen. Ich bin wahrlich nicht prüde, schätze gute Sexszenen sehr, und Kirchhoff kann diese definitiv toll beschreiben, aber wenn ein Text mitunter aus nichts anderem besteht und die Analyse von menschlicher Begierde jedwede Handlung ersetzt, dann wird es meines Erachtens nach schwierig.
Und dann die Konstruktion des Romans: die zugegeben interessante Entfernung Thereses von ihrem Mann ist - warum auch immer - ausgerechnet aus der Perspektive des Verlassenen beschrieben. Diesem wird aber nur gefühlt alle hundert Seiten mal ein Abschnitt in Ich-Perspektive zugestanden - und in den restlichen Kapiteln enorm viel Spielraum für Spekulationen und männliche Fantasien aufgemacht. Diese Perspektive für die Befreiungsgeschichte einer Frau ist nicht nur problematisch, sie kann auch nicht funktionieren, ist erzählerisch zum Scheitern verurteilt. Da nützt auch das zweifellos große sprachliche Können eines Bodo Kirchhoff nichts.
Zu Gute halten muss man ihm allerdings, dass uns hier einer der wenigen Fälle der Literatur vorliegt, in der einer Frau jenseits der 60 noch eine sexuelle Aktivität und Eigenständigkeit zugestanden wird. Etwas das in der Realität öfter vorkommt als in der Literatur. Und das von einem männlichen Autoren, der es aber gleichzeitig schafft, sie nicht nur darauf zu reduzieren. Das gehört für mich zu den Aspekten, die in diesem Text gut funktionieren.
Und dies zeigt für mich, dass seine Grundidee für diesem Text schon eine gute, eine spannende, eine überfällige war. Eine ältere Frau, die sich von einem problematischen Mann löst, weil Alter und viele Ehejahre kein Grund sind, unglücklich zusammen zu bleiben, weil man noch mal neu anfangen kann. Ich wünschte nur, Kirchhoff hätte eine andere Erzählperspektive gewählt mit weniger Redundanz, weniger männlichem Blick, weniger Stereotypen und weniger problematischen Begrifflichkeiten. Und: mit 300 Seiten weniger. Dann wäre es ein gutes Buch geworden.
Regine und Vivo sind nun seit mehr als 50 Jahren verheiratet, in ihren Siebzigern und Leben positiv gesagt, neben einander her. In der Zeit ihrer Beziehung haben sie sich gegenseitig betrogen, schien aber auch nie das Bedürfnis gehabt zu haben, sich zu trennen. Nun ist Vivo verreist, und Theresa fragt sich Initial, ob er mit einer anderen Frau unterwegs ist. Sie reißt ihn nach Indien hinterher scheint aber nicht so recht zu wissen, was sie damit bezwecken möchte. Anstatt ihm also im Land weiter zu folgen, geht sie selber eine Affäre ein. Erst eine geheimnisvolle Nachricht der Tochter Ava soll sie beide wieder nach England zurückholen, wo diese liest. Ich finde, das Kirchhoff es schafft, die Geschichte durchaus poetischer Sprache darzustellen, jedoch ist der Schreibstil, der sich so sehr stark aus der Perspektive der Protagonistin heraus zieht, manchmal befremdlich. Er gibt einem das Gefühl von Mutmaßungen, viel zu weit weg zu sein, um zu verstehen. Unabhängig davon möchte man der Geschichte weiter folgen. Manchmal saß ich einfach nur mit offenem Mund da. Eines stört mich jedoch ungemein, es dreht sich doch sehr oft um Sex und Geschlechtsverkehr.
Bodo Kirchhoff leuchtet die Untiefen einer langjährigen Ehe aus, in der der unbändige Egoismus und Narzissmus des männlichen Parts bestimmend ist, aber auch "sie" intellektuelle und sexuelle Höhepunkte zu genießen wusste und zu genießen weiß. Sprachmächtig und sprachlich souverän leuchtet der Autor alle Facetten der Beziehung zwischen Vigo und Terese und zur gemeinsamen autistischen Tochter sowie ihrer familiären Verhältnisse aus. Zuweilen jedoch verliert sich Kirchhoff selbstverliebt in seine Formulierungen und stilvollen Satzkonstrukte, allerdings ohne dass dies dem Unterhaltungswert und der literarischen Qualität Abbruch tut. Auch die Erzählkonstruktion ist gewagt, aber das Lesevergnügen überwiegt.