Woher kommt die rechte Gewalt im Osten? Seit den 1990er-Jahren heißt es immer Das ist eine Folge verinnerlichter autoritärer DDR-Strukturen. Stefan Wellgraf hingegen rückt aufmüpfige DDR-Jugendliche in den Mittelpunkt, die wegen ihrer antiautoritären Neigungen in Konflikt mit dem Staat gerieten und sich aus Protest rechten Subkulturen zuwandten. Auf Basis mehrjähriger Feldforschungen und Archivrecherchen untersucht er, wie Ressentiments gegen staatliche Eliten in Ostdeutschland entstanden sind und sich nach der Wende verfestigten. Anhand der Biografien ehemaliger Skinheads und Hooligans erzählt er, wie der Boden für den Rechtspopulismus bereitet wurde. Ein scharfsinniges Buch, das gängige Erklärungsmuster zur ostdeutschen Rechten auf den Kopf stellt und völlig neue Perspektiven auf die Wurzeln unserer politischen Gegenwart eröffnet.
Kein Buch für bequeme Gewissheiten. Schon nach den ersten Seiten sitzt da dieses leise Unbehagen, weil vertraute Erklärungen plötzlich wackeln. Rechte Gewalt im Osten, klar, DDR, Autoritarismus, das kennt man. Und dann kommt Stefan Wellgraf und dreht das Ganze einmal sauber auf links.
Statt der immergleichen Schuldzuweisung an einen angeblich allgegenwärtigen Gehorsam rücken hier aufmüpfige Jugendliche ins Zentrum. Typen, die anecken wollten, die Stress suchten, die keinen Bock auf staatliche Bevormundung hatten. Gerade diese Reibung mit dem System wird zur Brutstätte für spätere rechte Radikalisierung. Ein Gedanke, der erstmal hängen bleibt und dann immer schwerer wiegt.
Besonders stark sind die biografischen Passagen. Ehemalige Skinheads, Hooligans, junge Männer voller Wut, Leere und verletztem Stolz. Keine Entschuldigung, kein Verharmlosen, aber ein ehrlicher Blick auf soziale Brüche, Demütigungen und das tiefe Misstrauen gegenüber Eliten. Da entsteht ein Bild, das weh tut, weil es nachvollziehbar ist.
Wellgraf schreibt klug, ruhig und präzise. Keine belehrende Attitüde, keine moralische Keule. Stattdessen Feldforschung, Archivarbeit und ein feines Gespür für Zwischentöne. Man merkt, hier wollte jemand verstehen, nicht gewinnen.
Am Ende bleibt das Gefühl, ein wichtiges Puzzleteil zur politischen Gegenwart bekommen zu haben. Kein Wohlfühlbuch, aber eines, das hängen bleibt, Diskussionen auslöst und den Blick schärft. Genau solche Bücher braucht es gerade.