Am Kirschblütenbaum ist eine Liebesgeschichte zwischen Harun und Havin. Der eine Türke, die andere Kurdin. Da Havin in ihrer Jugend viel Erfahrung mit antikurdischem Rassismus hatte, ist sie etwas abgeschreckt von Türken. Bis sie zum Beginn der Oberstufe Harun— Ein Türken— kennenlernt und er sie im laufe der Zeit vom Gegenteil überzeugt.
Die ersten hundert Seiten wirken durch teils überladenes Infodumping holprig. Themen wie antikurdischer Rassismus oder die Geschichte türkischer Gastarbeitermigration sind zweifellos essenziell, jedoch erscheinen sie in ihrer Darstellung stellenweise zu nüchtern und faktenlastig. Statt durch die Handlung oder Dialoge organisch eingeflochten zu werden, werden Informationen teils schlicht aufgelistet, wodurch die Erzählung an Lebendigkeit verliert. Es hat sich bisschen angefühlt als würde die Autorin sagen: Hier deine Aufklärung. Dabei gab es Charaktere, wie Haruns und Havins Väter die man zur der Darstellung von Faschismus und— oder Feindschaft hätte gut nutzen können. Denn Harun und Havins Vater, waren neben der Fascho Selin die größte Hürde für das junge Paar.
Nach den ersten 100 Seiten muss ich aber gestehen, dass ich richtig in das Buch eingetaucht bin. Haruns und Havins kulturelle Gemeinsamkeiten, wie das Essen, die Musik und die Sprache, waren schön mitzuerleben. Hinzu kommt Dede, die Verkörperung dessen, worüber Harun Havin aufgeklärt hat: ein herzlicher, weltoffener Großvater, der Havins Schmerz besser versteht als ihr eigener Vater.
Die Dynamik zwischen Havin und Dede hätte man noch viel stärker erkunden können. Da Havin durch ihre Vaterkomplexe Dedes Herzlichkeit so fremd war, entstand ein Verständnis zwischen ihnen, das sie mit ihrem eigenen Vater nie hatte. Ähnlich verhält es sich mit dem nur angerissenen Thema zwischen Harun und seinem Vater, auch hier blieb viel erzählerischer Spielraum ungenutzt.
Als es zur Klimax kam, wirkte diese durch den plötzlichen Zeitsprung etwas antiklimatisch. Dennoch muss ich sagen, dass ich diesen erzählerischen Weg im Hinblick auf die behandelte Thematik nachvollziehen kann.
Einige Kapitel wirkten langatmig, was ich persönlich jedoch als notwendigen Aufbau für die Beziehung zwischen Harun und Havin geschätzt habe. Erst nach dem Zeitsprung von neun Jahren begann ich mich zu fragen, ob sich nicht jedes Kapitel wie eine Wiederholung des vorherigen anfühlt. Alles was nach dem Zeitsprung geschieht, wirkte sehr schnelllebig. Obwohl Harun und Havin sich ein ganzes Jahrzehnt lang nicht gesehen haben, scheint sich vom ersten Augenblick ihrer Begegnung an nichts verändert zu haben, dabei verändert sich der Mensch mit der Zeit doch unweigerlich. Der abrupte Wechsel von langatmigen zu rasanten Kapiteln wirkte etwas unrealistisch, fast utopisch, als hätte die Autorin einige wichtige Entwicklungen übersprungen, die für das Verständnis der Leserinnen und Leser essenziell gewesen wären. Im großen und ganzen wirkte es beim lesen so als wäre es eine Rohfassung.
Trotz stilistischer und dramaturgischer Schwächen bleibt Am Kirschblütenbaum ein wichtiges Buch. Es thematisiert eine Liebe zwischen zwei Menschen, die aus Gesellschaften stammen, die durch Nationalismus, Faschismus und tief verwurzelte Vorurteile voneinander getrennt wurden. Die Geschichte zeigt eindrucksvoll, wie sehr diese politischen Spannungen bis in die intimsten Bereiche des Lebens hineinwirken und wie mutig es ist, sich dagegen zu entscheiden. Harun und Havin stehen stellvertretend für viele Paare, die nicht nur gegen äußere, sondern auch gegen innerfamiliäre Widerstände kämpfen müssen.
Das Buch ist ein Denkanstoß. Besonders für jene, die sich hinter vererbten Haltungen und nationalem Stolz verschanzen. Es erinnert daran, dass es immer ein „Anderswo“ geben kann, in dem auch sie nicht akzeptiert werden und dass Verständnis, Empathie und Liebe die stärkeren Brücken bauen.