Wenn man an dem Essay etwas kritisieren kann, dann 1., dass Anfang und Ende etwas zu langatmig geraten sind (ein Essay kann durchaus prägnanter sein) und 2., dass Vorschläge für Maßnahmen fehlen, die die Lage entspannen können. Letzteres ist natürlich durch den Anspruch des Textes, ein Essay zu sein, zu relativieren. Außerdem stellt sich die Frage, ob nicht die einzig mögliche Maßnahme, die nicht dem kritisierten Schema folgt, die (hier zweifelsfrei gelungene) Aufdeckung der Mechanismen ist, die zur Verengung des Meinungskorridors und zur Diktatur der Hyper- Sensibilität geführt haben. Sachlich ist gegen die Analysen von Precht also nichts einzuwenden. Sie stimmen, auch wenn der Autor - lach (!) - kein Philosoph sein soll, weil er niemanden an einer Uni mit formaler Logik langweilt. Auch ein, freilich nicht neues, Analyseresultat: Hat jemand sachlich nichts zu sagen, kann er oder sie immer noch persönlich werden.
Aber zur Sache selbst: Precht stellt anfangs heraus, dass verschiedene gesellschaftliche Gruppen sehr unterschiedlich an der gesellschaftlichen Normbildung beteiligt sind, einfach, weil ihnen die dafür prädestinierten Räume verschlossen bleiben. (32) Als Ausgleichsmedium werden dann die SM in Anspruch genommen, die jedoch nicht wirklich "normbildend", sondern Echokammern seien, in denen Normen entweder bestätigt oder ihre Propagandisten ad hominem abgelehnt werden. Kurz: Argumentation findet nicht statt und würde, selbst wenn es sie gäbe, nichts bewirken.
Was die Echokammern anbelangt, so stellt Precht unter Rückgriff auf Reckwitz fest, dass das im Kapitalismus dominierend gewordene Streben nach "Singularität" Gemeinschaftsbildung behindert und notwendig zur Atomisierung der Gesellschaft führt, weil sie die immer weiteren Aufspaltung von ehemaligen Gesinnungsgemeinschaften in immer kleinere Gruppen nach sich zieht. Warum das so sei? Im Übergang von der Bedarfsdeckungsgesellschaft zur Bedarfsweckungsgesellschaft ab Ende der 70-iger entstehe eine "Welt der Imagination, der unausgesetzten Produktion von (Selbst-) Bildern und (Selbst-) Erzählungen" (41), die in der sich diversifizierenden Produktion sowohl ihre Selbstbestätigung wie auch ihren Antrieb (zu noch mehr diversifizierter Konsumtion) findet. Die daraus resultierende Sinngesellschaft werde jedoch in ihrer "Sinnsuche" permanent enttäuscht und jeder gefundene "Sinn" wird schnell wieder entzaubert. Die Frustration darüber sei das verbindende Element von links bis rechts und bedingt mehr (trotziges) Gegeneinander als Miteinander, dessen Minimum allerdings für Demokratie unabdingbar sei.
Meint, das gerade die Gefühle, die von den meisten als individuell begriffen werden, das sind, was am meisten einem Mainstream entspricht. (49) Allerdings sei dieser Mainstream kein verbindlicher Moralhorizont mehr wie früher, als Großgruppen (Klassen usw.) um Anerkennung ihrer Moral- und Gerechtigkeitsvorstellungen miteinander in Widerstreit traten, sondern "Moral" sei heute idiotischerweise zu etwas scheinbar sehr Persönlichem geworden, was man anhand der alltäglichen Moralisiererei von allem und jedem gut beobachten kann. "Wissen um das, was gerecht ist, ist weitgehend gefühltes Wissen geworden." (55) Damit reagieren Menschen zunehmend gefühlsbetont und gefühlsgeleitet, statt sich vernunftbetont und überlegend zu verhalten. Sie verbleiben damit auf dem Status von Kindern oder jungen Jugendlichen und sind unfähig, diesen infantilen Status zu verlassen. Als "Infantilisierung" ist der Befund schon älter; Precht nennt dasselbe Phänomen nun "Axolotilisierung", was witzig, aber nicht neu ist. Im Falle der gesellschaftlichen Linke, die an den Universitäten dominiert und von der die Bewegung ausgeht, auf die Rechte dann aufspringen, folgt daraus, dass sie den Kapitalismus nicht mehr überwinden wolle, sondern ihn gleichsam als "kulturellen Kapitalismus" auf die Spitze treibe. (67) Jepp, das kann man an der Neumitgliedschaft der Partei "Die Linke" gut ablesen, weshalb Wagenknecht mit ihrer Kritik in weiten Teilen eben auch Recht hatte.
Die Dominanz dieser neuen Empfindlichkeitskultur, für die Precht dann einige schlagende Beispiele anführt, führe unter anderem dazu, dass das gute (weil provozierende und zum Mitdenken anregende) alte Kabarett, das nach "oben" kritisierte, ausstirbt und durch Comedey ersetzt wird, die nach unten tritt und deren Oberflächlichkeit bestenfalls noch zum Mit(sic!)lachen reizt. Und das ist Prechts Hauptvorwurf: Alle diese Prozesse führten dazu, dass der Mainstream aus sich heraus zur Dominante werde, die jede Abweichung bestrafe und Menschen dazu bringe, sich aus Angst vor Ausgrenzung gruppenkonform zu verhalten. Er nennt das "Kleingruppenselbstbestätigung", womit auch charakterisiert ist, wie sich heute Journalisten verhalten, die ein entsprechendes "Gepäck" von den Universitäten und ihren Studienaufenthalten in den USA mitbringen. Nicht die Politik bestimme die Medien, sondern der mediale Selbstläufer, eben die Ausrichtung der Meinungsmacher an der dominierenden Art die Welt zu sehen und zu bewerten, treibe als "Empörungskultur" zunehmend die Politik vor sich her.
Was ist bei alledem nun der "Angststillstand"? Das wird am Beispiel von Kunst und Kultur aufgezeigt, die ihre Rolle zu provozieren oder etwas zur Diskussion zu stellen, Assoziationsräume im Widerspruch zu eröffnen usw., beinahe vollkommen eingebüßt haben, weil nur noch das stromlinienförmig Angepasste akzeptiert und mit Preisen bedacht werde. Die Folgen? "Kinder lernen, anders als in der Freiheitspädagogik der Siebzigerjahre, die ihre Eltern prägte, mit allen unkonventionellen Meinungen und Verhaltensweisen vorsichtig zu sein. Und was auf der einen Seite unterdrückt wird, kommt auf der anderen Seite wieder zum Vorschein, nämlich als Häme, wenn andere am Pranger stehen." (161/ 162) Aber nicht nur das, man macht natürlich nach Kräften mit, weil man sich dann als einer oder eine der "Guten" fühlen kann. Doch nicht (ironische) Häme über dieses nervige Verhalten ist Prechts Punkt, sondern er erinnert an das kommende Zeitalter der KI, die "Kreativität von gestern unausgesetzt reproduzier(e)", wodurch eine "Passivkultur" entstehe, die sich eine auf Innovation angewiesene Gesellschaft nicht leisten könne. (ebd.) Guter Punkt, wie ich meine. Darüber würde sich ein eigener Essay lohnen!
Den Schluss des Essays markieren Überlegungen dazu, dass "Freiheit" und "Gleichheit" rechtlich als durchsetzbare Ansprüche verankert sein können, "Brüderlichkeit" hingegen nicht. In einer "Gesellschaft der Singularitäten" (Reckwitz) sei vielmehr das Gegeneinander der Individuen folgerichtiger als die Ausbildung eines Gemeinschaftssinns, der seit Rousseau den Exzessen des von Hobbes begründeten Individualismus entgegen wirken sollte. Warum bleibt Precht in Ansehung der Notwendigkeit von mehr Brüder- und sicher auch Schwesterlichkeit (was Diverse einschließt) bei dem bloßen Appell an die Einsicht? Weil er, im Gegensatz zu vielen anderen (Philosophen? ;-) ) klar sieht, dass "Selbstverwirklichung" im "kulturellen Kapitalismus" nur als Abgrenzung von anderen (in Stil, Lifestyle Geschmack, Auffassungen usw.) zu haben ist. Dem stellt er die "gesellschaftliche Verwirklichung" gegenüber, die ein Minimum an Gleichem und gemeinsam Geteiltem zur Voraussetzung habe: "Auf die Summe des gemeinsam Geteilten kommt es an." (187) Woher soll aber Optimismus kommen, wenn Gemeinsames zunehmend als "völkisch" gedacht und die ach so "antifaschistische Linke" derart tief in die kulturellen Grabenkämpfe verstrickt ist, dass sie keinen Ausweg weisen oder herbeiführen kann? Daher endet der Essay etwas ratlos und zitiert stattdessen die kluge Einsicht von Svenja Flaßpöhler: "Wer Feindschaft verhindern will, muss Gegnerschaft zulassen." (202) Womit wir wieder bei der Meinungsfreiheit wären und dabei, was sie ausmacht: Gegner sollen unversöhnlich miteinander um den Konsens streiten, der den Rahmen für alles bilden soll. Einfach gesagt: Bist du Fußballfan, interessiert dich, dass Fußball gespielt werden kann. Als Fan deiner Mannschaft ist der Fan der gegnerischen Mannschaft dein...- ja, was nun? Im Prinzip doch dasselbe: Als Gegner Fußballfan! Als solche sollten alle beide nach dem Spiel zusammen ein Bierchen trinken können und sich den ganzen Abend über den Elfmeter streiten - ohne sich deswegen zur Schlägerei zu verabreden. Ist es falsche Nostalgie, wenn man sagt: "Wie es früher war"? Prechts Essay beschwört keine idealisierte Vergangenheit; er stellt die Forderungen an die Zukunft auf, ohne die es nicht gehen wird. Das ist die Stärke des bisweilen etwas zu ausführlich argumentierenden Textes, den man also lesen sollte.