Ein junger Mann leidet unter panischer Angst, verrückt zu werden. Kein Wunder, denn in seiner Familie ist der Aufenthalt in der Psychiatrie fast schon normal. Im Biologieunterricht nimmt er die Vererbungslehre durch. Die Nachkommen von Meisen sind Meisen. Die Nachkommen von Kürbissen sind Kürbisse. Was sind dann die Nachkommen seines depressiven Vaters, seiner alkoholabhängigen Mutter, seines schizophrenen Großvaters, seiner bipolaren Großmutter? Er macht eine erste Hochrechnung. zu vierzig Prozent erblich. Alkoholabhä zu fünfzig Prozent erblich. Bipolare Stö zu achtzig Prozent erblich. Die Prognose? Hundertprozentig schlecht. Er versucht es mit nach New York, nach Paris, nach Wien. Er versucht es mit Er wird Psychologe, arbeitet in der Psychiatrie. Ausgerechnet dort, wo er nie hinwollte, sieht er die Geschichte seiner Familie in einem neuen Licht. »Unwiderstehlich. Leichtfüßig und ernst, zärtlich und brutal, ironisch und ehrlich.« SIRI HUSTVEDT
In “Botanik des Wahnsinns” geht es um den autofiktionalen Protagonisten Leon, der nachdem er mehr über die Vererblichkeit und Wahrscheinlichkeit von psychischen Erkrankungen erfahren hat, besessen von der Angst ist, selbst verrückt zu werden. Er entscheidet sich dazu, selbst Psychologe zu werden und stellt im Rahmen einer testweisen Aufnahme seiner selbst eine Familienanamnese auf.
Sprachlich hat mir das Buch sehr gefallen. Der Grundton ist distanziert, Verstörendes wird auch mal bloß im Nebensatz als Tatsache abgehandelt. Einige Sätze und Metaphern sind sehr stark. Was mir nicht gefallen hat, war die Struktur des Buches. Es ist mehr eine Aneinanderreihung von Anekdoten. Anekdoten aus dem Leben des Protagonisten, seinen Angehörigen und aus der Psychologiegeschichte sowie -wissenschaft. Dabei fehlt leider ein roter Faden. Oft wirkt die Erzählung sehr gehetzt.
Johannes Nussbaum als Sprecher war definitiv eine gute Wahl. Mit seiner außergewöhnlichen Stimme trifft er den Ton der Erzählung sehr gut. Auch ortstechnisch passt er mit seinem leichten, dem Wienerisch ähnlichen Dialekt gut zum Buch. Manchmal hatte ich jedoch das Gefühl, dass ein Satz nicht zu Ende gedacht und damit falsch betont wurde. Trotzdem freue ich mich für ihn über die Nominierung zum Deutschen Hörbuch 2026 als bester Interpret.
Insgesamt konnte mich das Buch leider nicht überzeugen. Das Thema, das wunderschöne Cover und der persönliche Bezug des Autors zu den Inhalten haben mich sehr angesprochen. Die Ausführung ist aber leider nicht besonders gelungen.
"Meine Familie war ohne Erzählung. Jetzt, da ich etwas aufschreibe, rückt es ins Licht. Es war ein weiter Weg hinaus aus der Sprachlosigkeit. Es ist eine Version dieser Geschichte, man könnte tausend verschiedene davon schreiben." (Seite 199)
Zwölf Mal hat sich seine Großmutter versucht, das Leben zu nehmen. Zwölf Mal hat seine Mutter das mitgemacht, hat sich wieder ohne Klagen um die bipolare Großmutter gekümmert, die sich immer mehr aus dem Leben zurückzieht, bis sie schließlich stirbt. Später wird seine Mutter alkoholsüchtig werden. Genauso wie sein Großvater väterlicherseits. Sein Vater, von der eigenen Mutter weggeben, von der zweiten Adoptivmutter ungeliebt, hat hingegen zeit seines Lebens schwere Depressionen. Keine guten Ankerpunkte für ein Kind, keine gute Grundlage für ein gesundes Erwachsenenleben.
Kein Wunder also, dass der namenlose Erzähler in Leon Englers "Botanik des Wahnsinns" ständig Angst hat, selbst psychisch krank zu werden - und sich dabei nicht traut, sein Leben zu leben. Fast manisch reist er durch die Welt, lebt nirgendwo sehr lange, lässt sich auf keine Beziehung wirklich ein.
Als seine Mutter stirbt, bleiben von ihrem Leben nur sieben Kartons. Davon ausgehend dröselt er nun seine Familiengeschichte auf. Begibt sich auf die Suche nach Ursachen, Zusammenhängen und versucht die vielen Lücken zu füllen, die seine Familiengeschichte hat.
"Nachempfinden, das bedeutet nicht nur, zu empfinden, was die Eltern und Großeltern empfunden haben, sondern auch, zu empfinden, was sie nicht empfunden haben. Emotionen nachholen, die Traurigkeit mehrerer Generationen in sich spüren. Die Verzweiflung, die einsamste Einsamkeit." (seite 195)
Zeitgleich beginnt er als Psychologe in einer Klinik zu arbeiten - er ist der erste in seiner Familie, der studiert hat - und durchläuft dort verschiedene Stationen. Zufälligerweise immer genau passend zu den Krankheitsbildern seiner Familie (Psychose, Depression, Sucht), was ich ein My zu konstruiert fand, aber natürlich einen guten Erzählrahmen bietet. Die Auseinandersetzung mit seiner Familiengeschichte wird auch eine Auseinandersetzung mit sich selbst, eine Konfrontation mit dem eigenen Leben.
"Ich lese, um nicht zu fühlen. Theoretisiere, um nicht zu begreifen. Zitiere, um nicht selbst sprechen zu müssen. Das ist meine Sucht. Meine Weltflucht. Lesen kann genauso süchtig machen wie der Alkohol und der Schwermut." (Seite 191)
"Botanik des Wahnsinns" hat sich schwer auf mich raufgelegt. Obwohl der Roman ganz leicht und sachlich daherkommt, hinterlässt er einen Abdruck, den ich nur schwer abstreifen kann. Weil Leon Englers Sätze sich eingraben und lange im Kopf bleiben. Weil das Thema der transgenerationalen Weitergabe von Traumata kein Fremdes ist. Und weil die Schwere des Erzählers aus jeder Pore dieses Romans schwillt - zumindest in meinem Empfnden. Ein starkes, trauriges und dennoch hoffnungsvolles Debüt, gespickt mit vielen Zitaten der (Fach)Literatur. Eine Leseempfehlung!
Psychische Erbkrankheit? Wer nicht vorbelastet ist, werfe den ersten Stein! Recht anekdotische Erzählung über die Familienamnesie des namenlosen Protagonisten. Immer dann interessant, wenn er von seinen Erlebnissen erzählt (z.B. als Psychologe), die der Eltern fand ich etwas ermüdend. Interessante Zitate durch das ganze Buch übrigens.
Wenn deine komplette Familie psychisch krank, labil, depressiv oder süchtig ist, dann fragst du dich garantiert irgendwann ob oder vielleicht sogar eher wann es dich trifft. Genau so geht es der Erzählstimme hier. Und er möchte mehr über diese Art der Erkrankungen wissen, auch die Ursachen. Wir erfahren von seinen Großeltern und seinen Eltern. Es geht um Psychose, Schizophrenie, Depression und Sucht und ein bisschen auch um ihre möglichen Ursachen.
Sehr interessant fand ich auch seine Spurensuche in der Literatur und die Zitate, die sich durch das Buch ziehen. Mich hatte nur heftig gestört, dass der Protagonist Psychologie studiert hatte und bei seiner ersten Stelle für mich so ahnungslos rüber kam. Erzählerisch macht es Sinn, aber für mich passte das nicht.
Tough lesson of the day: Wir können unsere Vergangenheit nicht aussuchen, aber werden trotzdem von ihr heimgesucht. Das einzige was wir dann wohl noch tun können, ist, entscheiden weiterzumachen und sehen, ob die Zukunft besser wird.
Leon Englers namenloser Icherzähler tritt seinen ersten Arbeitstag als Psychologe auf der psychiatrischen Station einer Klinik an und soll sich zur Einarbeitung selbst als Patient aufnehmen: Patientenakte, Familienanamnese, Diagnose, Behandlungsplan. Arbeite, handele verantwortlich und frage deine Patienten, was sie wollen, fordert ihn die leitende Psychologin auf. Mit seiner Vorgeschichte von Eltern (geboren 1957 und 1962) und Großeltern, die an Depressionen litten, manisch, bipolar, psychotisch und suchterkrankt waren, hat er rein statistisch ein erhöhtes Risiko, dem „Fluch der Ahnen“ zu folgen und selbst psychisch zu erkranken. In Rückblenden entsteht eine Familiengeschichte der Süchte und Wahnvorstellungen, die den Erzähler zur Erkenntnis leitet, psychische und Suchterkrankungen entständen u. a. innerhalb von Beziehungen, unter prekären Lebensumständen und durch Ausgrenzung; die Kategorien, in die seine Vorfahren eingeordnet waren, würden Menschen nicht gerecht. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Gefährdung erfolgt mit den Kommentaren eines gebildeten und belesenen Wohnungsnachbarn im Ohr, der Englers Erzähler auffordert, keine Fachbücher zu lesen, sondern Romane, schließlich würden Schriftsteller öfter psychisch erkranken als der Bevölkerungsdurchschnitt.
Fazit Neben einem gehörigen Maß an Psychiatriekritik und zahlreichen Literaturverweisen setzt sich Englers Psychologenfigur mit dem Schicksal von Kindern auseinander, die sehr jung ihre Eltern in der Psychiatrie besuchen mussten und selbst zu Eltern werden, die von ihren Kindern in der Psychiatrie besucht werden. Die Beschränkung auf die Perspektive des Erzählers fand ich eher unbefriedigend, weil sie sein Berufs-Ich samt einer evtl. Selbstanalyse weitgehend ausspart und sich auf seine Rolle als Sohn und Enkel beschränkt. Ob der Text autofiktional sein könnte, bleibt offen.
Sehr kluges und differenziertes Buch darüber, wie eine Gesellschaft darüber entscheidet, wer normal ist und wer nicht, und über eine Familie, in der Kommunikation kaum mehr möglich ist, bis ein Familienmitglied die Geschichte aufschreibt.
Wer ist wirklich verrückt oder unnormal? Die Menschen in einer Klinik oder die Menschen außerhalb?
Die knapp 200 Seiten enthalten viele kluge Beobachtungen und Gedanken, auch zum Thema Sucht, Abhängigkeit und die gesellschaftlich normierte Verharmlosung derselben.
Ich bin eigentlich kein Fan von diesen inflationären autofiktionalen Texten. Oft kommen dort Selbstüberschätzung der eigenen Familiengeschichte (wirklich interessant für andere Menschen?) und das Unvermögen, sich etwas auszudenken, zusammen. Botanik des Wahnsinns ist eine Ausnahme. Daher ausnahmsweise einmal vier Sterne für einen autofiktionalen Text.
Der Titel sowie das Cover vom Buch haben mich direkt magisch angezogen ✨
Das Thema, dass in „Botanik des Wahnsinns“ behandelt wird, finde ich super faszinierend: der Blick auf psychische Krankheit, die Beziehung zu den Eltern, transgenerationales Trauma und die Erfahrungen in der Psychiatrie. Außerdem Leon Englers eigene innere Zerissenheit. Die Angst und Überforderung all das zu begreifen. Die Angst davor, irgendwann selbst ver-rückt zu werden, weil alle in der Famielie ver-rückt sind. Er verarbeitet diese schweren Inhalte auf seine ganz eigene und wie ich finde sehr besondere Art. Irgendwie surreal, manchmal absurd-humorvoll, sodass ich manchmal nicht wusste ob ich jetzt lieber lachen oder weinen soll. Insgesamt hat es mich jetzt trotzdem nicht total begeistert. Irgendwie war es auch etwas gewöhnungsbedürftig, aber durchaus interessant.
Ich denke das Buch wird vor allem Menschen begeistern, die sich speziell für diese Themen interessieren oder selbst bereits damit in Berühung gekommen sind. _________________________________________________
~~ Wir teilen alles, selbst das Verrücktwerden. Althochdeutsch: firrucken. Mittelhochdeutsch: verrücken. An eine andere, falsche Stelle bringen.~~
~~ Kein Mensch ist verrückt, sein Verhalten wird von uns nur so genannt.~~
~~Manchmal verlasse ich die Klinik und bin voller Leben. Will singen, springen, tanzen, schreien. Alles fühlt sich echt an, wild, lebendig. Diese Menschen berühren mich, bis es wehtut.~~
~~ Ich liebe es, von Buch zu Buch zu irren, von Zufallsfund zu Zufallsfund. Die Idee, ein Buch aufzuschlagen und einen Satz zu lesen, der mich trifft, der verändert, wie ich die Dinge sehe.~~
~~ Was machte glücklich? Immer, wenn der Nachbar in den Spiegel geschaut hat, hat er gesagt: Niemand weiß, was er tut, niemand weiß, was er will, niemand weiß, was er weiß.~~
~~ »Wie geht es dir?«, fragte ich. »Der Katze geht es gut«, sagte er.~~
~~ Manchmal brechen Biografien wie Knochen, Herzen, Genicke. Reißen wie Geduld, Sehnen, Haut. Man spricht auch von Narben im Lebenslauf. Das Wort Narbe ist ein Januswort, beschreibt es doch genau das Gegenteil: verheiltes Gewebe. Das Leben hatte gewütet, doch nichts war verheilt. Als würde eine alte Wunde von Generation zu Generation weitergereicht, eine Stafette des Unheils.~~
~~ Am Ende siegt auch bei mir die Scham, der Ekel, die Angst vor der eigenen Geschichte. Die Angst, dazuzugehören, zu denen, denen es die Sprache verschlagen hat. Die sich ihre Zigaretten selbst stopfen und von der Hand in den Mund leben, ihre Träume vergessen und ihre Kinder.~~
~~ Nachempfinden, das bedeutet nicht nur, zu empfinden, was die Eltern und Großeltern empfunden haben, sondern auch, zu empfinden, was sie nicht empfunden haben. Emotionen nachholen, die Traurigkeit mehrerer Generationen in sich spüren. Die Verzweiflung, die einsamste Einsamkeit. Nachempfinden, das bedeutet in unserer Familie nicht nur, sich hineinzuversetzen in ihre Lage, sondern eine ähnliche Lage herzustellen.~~
Engler findet hier Worte für Dinge, über die man nicht spricht - klare, aber auch fast zarte Worte. Er reflektiert und kritisiert und kreiert damit ein Buch das nachwirkt.
Es ist absurd und faszinierend. Ich hab viel zum Thema Psyche/Psychiatrie gelesen, aber keines konnte den Alltag in der Psychiatrie oder das „Erleben��� und „Ertragen“ eben dieses so beschreiben wie er. Als Sozialarbeiterin auf einer geschützten Station hab ich mich in vielen Gedanken wiedergefunden, wie bspw hier: „Manchmal verlass ich die Klinik und bin voller Leben, will singen, springen, tanzen, schreien. Alles fühlt sich echt an, wild, lebendig. Diese Menschen berühren mich bis es weh tut“ … „‚Man gewöhnt sich an alles, hier im Grand Hotel zur lockeren Schraube’ sagte eine Patientin zu mir, die merkt wie überfordert ich bin. Es stimmt. Es dauert nicht lange und ich gewöhne mich an die monologisierenden Menschen, die Verse aus den heiligen Büchern, an diejenigen die abhauen und gefahndet werden. Gewöhne mich an die verlorenen Seelen die in ihren Zimmern in die Ecken pissen und scheissen. Gewöhne mich an die Antisozialen, die mit Blicken oder Händen töten wollen. Gewöhne mich an die, die sich für Geheimagenten, Superhelden, Hexen halten, an die Drogensüchtigen, die sich auf ihrem Zimmer wegschießen und an die, die Gegenstände schlucken, die man auf keinen Fall schlucken sollte. Alle hier geben ihr Bestes, aber es entsteht nichts Gutes. Ist das was Besser ist schon gut genug?“
Große Leseempfehlung- ein autobiografischer Roman mit Zitaten aus großer Fachliteratur und Exkursen in bspw die Psychiatrie der letzten Jahrhunderte. Liebs!
Mit „Botanik des Wahnsinns“ hat Leon Engler, der zuvor schon Theaterstücke, Hörspiele und Kurzgeschichten verfasst hat, sein Romandebüt geschaffen. Aber ist es wirklich ein Roman oder doch eine Biografie? Autofiktion? So ganz schlau bin ich daraus nicht geworden.
Die Hauptfigur Leon erzählt die Geschichte seiner Familie, in der psychische Erkrankungen über viele Generationen allgegenwärtig sind. Dabei nimmt er seine Eltern und Großeltern genauestens unter die Lupe und porträtiert deren Krankheitsverläufe. Vor lauter Angst, selbst psychisch zu erkranken, weist er sich zunächst selbst als Patient in der Psychiatrie ein. Kurz darauf beschließt er jedoch Psychologie zu studieren und anschließend als Psychologe in der Psychiatrie zu arbeiten.
Was mir gut gefallen hat, ist das psychiatrische Fachwissen, welches Engler in seinen Roman mit eingebunden hat. Der Schreibstil hingegen konnte mich leider gar nicht überzeugen. Kurze, stakkatoartige Sätze machen den Lesefluss zu einer Herausforderung. Die Figuren bleiben trotz detaillierter Darstellung eher schemenhaft und auch zur Hauptfigur hatte ich keinerlei Zugang. Zum Teil wirkt es einfach zu überladen und der Wechsel zwischen den einzelnen Figuren, Generationen und Krankheitsbildern ist zu sprunghaft, sodass es als Leser:in schwer fällt, den Überblick zu behalten.
Wer jedoch einen gut recherchierten Roman zum Thema psychische Erkrankungen sucht und sich nicht an einem eher sachlich, distanzierten Schreibstil stört, für den ist „Botanik des Wahnsinns“ vielleicht genau das richtige.
Leon Engler hat ein Buch über eine Familie geschrieben, in der die psychischen Probleme sich häufen: Depression, Schizophrenie, Alkoholismus - you name it. Der Ausgangspunkt der Handlung ist die Angst des Erzählers, das Schicksal seiner Eltern und Großeltern zu teilen und wahnsinnig zu werden. Um dieser Angst zu begegnen, lässt er sich selbst zum Psychotherapeuten ausbilden und beginnt in der Psychiatrie zu arbeiten... Herausgekommen ist ein Buch, das ich weniger als Roman denn als autofiktionalen Bericht klassifizieren würde. Der Stil Englers passt wunderbar zu diesem Bericht - er ist lakonisch, aber zugleich pointiert. In den Text fließen immer wieder theoretische Überlegungen, Zitate, psychologische Fachbegriffe und Analysen ein. Engler kann wirklich exzellent schreiben, das ist die große Stärke dieses Buches. Gleichwohl hat mich das Thema auf 200 Seiten ausgebreitet nicht komplett faszinieren und fesseln können.
Das Buch hat mich ordentlich runtergezogen und beschäftigt, was wahrscheinlich das Ziel war und somit erfüllt wurde. Streckenweise wollte ich einfach nur überfliegen, aber dann kam wieder ein Satz, der unglaublich getroffen hat. Würde es nur mit Vorsicht empfehlen.
3.25🌟 // ich habe mich total auf dieses buch gerfreut, musste mich am ende aber leider echt ein bisschen durchquälen.
die prämisse - der erzähler (leon, evtll semi-autobiografisch) hat panische angst davor, dass er so wie seine eltern, großeltern und urgroßeltern psychisch krank wird und geht der (krankheits-)geschichte seiner familie etappenweise auf den grund, wobei er lernt, dass jede:r nur ein resultat der jeweiligen umstände und dispositionen sein kann - hat mir gut gefallen. leider wurde ich vom roman nicht so mitgerissen, dass ich weiterlesen wollte.
ich bin froh darüber das buch beendet zu haben, verstehe auch den inhalt, das ende und die message, aber so richtig happy bin ich nicht mit dem lesen.
Nun hatte sie so so lange darüber nachgedacht, was sie auf der Welt zu suchen hatte, bis sie jede Orientierung verloren hatte. Ein anderes Leben fiel ihr nicht ein. Vielleicht fielen ihr auch zu viele mögliche Leben ein.
Ein Familienstammbaum voller Wahnsinn: Depressionen, Selbstmordversuche, Alkoholiker und Paranoia herrschen in jedem Ast. Wie ist das mit der Familie? Ist es ansteckend oder liegt es in den Genen? Wenn einer verrückt ist, werden wir es dann alle? Was ist mit der Psychologie? Wie nah ist sie am Menschen, an Schicksalen, an Gedanken, Gefühle, Erinnerungen?
Er dachte wieder so lange über ein mögliches Leben nach, das er leben könnte, bis er es nicht mehr zu leben brauchte.
Wir springen von Geschichte zu Geschichte, von Mutter zu Vater zu Sohn zu Großvater zu Großmutter. Sie alle eine Mischung aus Tragödie und Leben.
Sie wirkt jünger, als sie ist. Vielleicht altert man langsamer, wenn man das Leben in der Kindheit anderer Menschen verbringt.
Wir lesen über Stimmen in der Psychotherapie, Psychologie, Autorinnen und Autoren. Aller Art Stimmen finden Platz in diesem Buch.
Von ihm weiß ich, dass für die alten Griechen und Römer diese Art von Verliebtheit als Krankheit galt, ein Zustand zwischen Wahnsinn und Tollwut. Er nannte es lieber: vorübergehenden Schwachsinn.
Dieses Buch ist ein absolutes Erlebnis. Nicht ein sonderlich fröhliches Erlebnis, eher ein augenöffnendes, ein bisschen deprimierendes Erlebnis. Dennoch ein Erlebnis. Und eine Weiterempfehlung für die Neugierigen und interessierten des Wahnsinns.
Das hat nochmal anders gehittet, dadurch, dass ich es jetzt im Praktikum gelesen habe! In seinem Roman erforscht der Ich-Erzähler von Leon Engler im Rahmen einer eigenen Anamnese seine Familiengeschichte, mit einem Fokus auf psychischer Erkrankung. Er selbst arbeitet in einer Psychiatrie und reflektiert viel darüber, wie Menschen mit mentalen Erkrankungen/Belastungen behandelt werden und dass der Unterschied zwischen Therapeut*in & Patient*in oft nur im Studium liegt. Mich hat das Buch irgendwie sehr abgeholt, weil so viele Gedanken irgendwie sehr hilfreich für mich waren, um mit einem guten Gefühl diesen Berufsweg weiterzugehen. Deshalb hier meine liebsten Stellen, die mich zum Nachdenken angeregt haben:
“Zwang ist gefrorene Angst.”
“Die Möglichkeit sich das Leben zu nehmen ist ein Grund am Leben zu bleiben.”
“DU kannst eh nichts veraendern, nur Veraenderung begleiten.”
“Wir versuchen hier nur, unendliches Elend in normales Unglueck zu verwandeln.”
“Der Schmerz ist keine Krankheit, sondern ein blinkendes Warnlicht.”
Außerdem zeigt der Ich Erzähler an eigenem Beispiel, wie komplex und individuell jede Person und ihre Krankheitsgeschichte sind, denn obwohl man ein ganzes Buch über das Leben des Erzaehlers liest, konnte ich ihn am Ende doch wenig konkret greifen. In seinen Worten sagt er, dass im Grunde genommen jede*r Patienti ein Buch über die ganze Familie etc. schreiben muesste, um wirklich verstanden zu werden. Fand das Buch toll und es hat mich auf dem Weg zur eigenen therapeutischen Haltung auf jeden Fall sehr inspiriert!
zum abschluss meines praktikums gekauft und ich konnte wirklich sehr mit den psychiatrie-beschreibungen relaten :) deswegen fand ichs toll - nicht so toll fande ich, dass es trotz des schweren themas irgendwie an tiefe gelacked hat. statt hard facts der anamnese, kurzen erzählungen und sprüngen zwischen zeiten und verwandten wäre ich gerne noch deeper eingetaucht, die sprache war nämlich schön, lustig und schlau.
Leon Engler gelingt mit seinem Debüt ein eindrucksvoller Blick in die Abgründe einer Familie, in der psychische Erkrankungen über Generationen wirken. Spannend ist die Verbindung von psychologischem Wissen und persönlichen Erfahrungen. Allerdings wirkt die Struktur stellenweise etwas unruhig, und durch den namenlosen Ich-Erzähler bleibt eine gewisse Distanz.
Viele kluge Gedanken zu Psyche, Psychiatrie und generationellem Trauma. Ich bin aber in den nüchternen Steno-Schreibstil nicht rein gekommen und hatte mir erhofft mehr berührt zu werden.
Was ist normal, was unnormal? Gibt es ihn überhaupt, den normalen Menschen? Anhand seiner eigenen Familiengeschichte versucht sich der Erzähler in »Botanik des Wahnsinns« an einer Antwort dieser Fragen. Er blickt zurück auf seine eigene Kindheit, sein Aufwachsen und seinen Stammbaum des Wahnsinns. Denn alle in seiner Familie erkrankten früher oder später an einer psychischen Störung: die Großmutter bipolar, zwölf Suizidversuche, Großvater und Mutter alkoholkrank, der Vater depressiv. Und er selbst? Er erkrankt vor allem an seiner eigenen Angst, ebenfalls verrückt zu werden. Letztlich landet der Erzähler tatsächlich in der Psychiatrie – jedoch nicht als Patient, sondern als Psychologe.
Mit »Botanik des Wahnsinns« legt Leon Engler einen (im wahrsten Sinne des Wortes) wahnsinnig interessanten, aber auch anspruchsvollen Debütroman vor. Er schreibt sehr nüchtern und trocken, zum Teil auch ironisch, was mir gut gefallen hat, genau wie die vielen Fakten zur Geschichte der Psychiatrie und Psychologie (wenn auch sehr ausführlich). Allerdings hat der Roman auch viele melancholische Züge und hat mich oft eher traurig gestimmt. Insgesamt kein leichtes, aber ein außergewöhnliches und interessantes Buch, das ich literarisch begeisterten Leser:innen und Fans von Familiengeschichten empfehlen würde.
Ich wusste sofort, dass es ein Buch für mich ist - vom Titel, Cover bis zum Klappentext. Mache mir auch (leider oft) Gedanken, ob ich wahnsinnig werden könnte oder noch (chronisch) kränker. Die Leseerfahrung am Anfang war deshalb enorm unangenehm, weil ich den Gedanken (des Charakters und auch meiner) am liebsten aus dem Weg gehen würde, aber Konfrontationstherapie daraus gemacht habe. Das Buch ist insgesamt toll geschrieben, ein guter Schreibstil, die Kapitel sind relativ kurz und ich hab mir sehr viel markiert, weil ich manche Stellen so nachgefühlt bzw. mitgefühlt habe. Das hatte ich das letzte Mal so doll, als ich letztes Jahr 'Liebesmühe' von Christina Wessely gelesen hatte. Vieles hat mir aus dem Herz gesprochen, aber auf die Art und Weise, wo man zwischen erleichtert, erschrocken und gegruselt gefangen ist. Besonders gefallen hat mir, dass wir den Hauptcharakter beidseitig sehen, außen als Behandler und innen als Betroffener.
Wie ist es, in einer Familie aufzuwachsen, in der praktisch alle verrückt sind? Nicht in dem Sinne, dass sie sich nicht unbedingt den gesellschaftlichen Normen entsprechend verhalten, sondern tatsächlich psychisch krank. Der Erzähler in Botanik des Wahnsinns hat wahnsinnige (pun intended) Angst, selbst verrückt zu werden. Um diese Angst zu bewältigen, wird er Psychiater. Bei seiner ersten Stelle sind nicht nur die Patienten verrückt, auch das System selbst ist es: Leon soll nicht nur praktisch ohne Einarbeitung eine Station übernehmen, er darf sich auch selbst analysieren. Trotz der Ernsthaftigkeit des Themas erzählt Leon Engler alles mit einer guten Portion (bissigem) Humor. Die Kapitel sind in der Regel recht kurz und handeln meist von sehr unterschiedlichen Episoden, nicht nur aus Leons Leben, sondern auch von dem seiner Vorfahren. Mir war diese Struktur teilweise ein bisschen zu wild und auch die zeitlichen Zusammenhänge entbehrten manchmal einer gewissen Logik. Jedes Kapitel erforderte eine neues Eindenken, das ich oft als mühselig empfand. Botanik des Wahnsinns ist nur etwa 200 Seiten lang, sollte also eigentlich schnell gelesen sein. Dennoch benötige ich beinahe eine Woche dafür. Das Buch ist gut geschrieben, die Thematik sehr spannend, vieles ist geschickt gewählt. Doch der letzte Funke wollte leider nicht ganz überspringen.
Dieser autofiktionale Debütroman des Dramatikers und Psychologen Leon Endler hat mich begeistert!
„Botanik des Wahnsinns“ beginnt mit einer Verwechslung: bei der Zwangsräumung der Wohnung der Mutter des Protagonisten (sie ist auf dem Weg in eine Entzugsklinik) landen die Dinge mit persönlichem Wert in der Müllverbrennungsanlage. Es bleiben sieben Kartons mit Müll: Schreiben von Ämtern, Werbung, aussortierte Rechnungen. Ist das wirklich alles, was von seiner Familie geblieben ist? Sieben Kartons und eine Hochrechnung: die Wahrscheinlichkeit, dass Leon eines Tages in der Psychiatrie landen wird, ist hoch, denn erbliche psychische Erkrankungen treten in seiner Familie gehäuft auf.
Leon führt ein nomadisches Leben, flüchtet in Städte wie New York, Berlin, Wien, versucht, Normalität zu finden, doch auch Armut macht krank. Und das Risiko, psychisch zu erkranken, ist für Stadtbewohner*innen ohnehin höher. Er fühlt sich hingezogen zu den „Verstoßenen“ der Gesellschaft. Und er landet tatsächlich in der Psychiatrie, allerdings als erster in seiner Familie nicht als Patient, sondern als Psychologe.
„Sei einfach kein Arschloch“, das ist der Rat der leitenden Psychologin, bevor sie dem Protagonisten frisch von der Uni die Leitung der Station überlässt.
Immer wieder werden Anekdoten aus der Geschichte der Psychologie eingestreut. Und auch Stimmen aus der Literatur kommen zu Wort, Stimmen, die nicht von oben herab, sondern von innen heraus schauen, wie Ingeborg Bachmann, die beide Seiten der Psychiatrie kannte.
Hier liegt die große Stärke des Romans: die Begegnung auf Augenhöhe. Der Psychologe muss auch zum Patienten werden. Und: eine klare, unumstößliche Einordnung von geistigen Störungen wie in der Botanik, eine Klassifizierung von psychischen Krankheiten wie von Pflanzen gibt es nicht. „In seinen Untersuchungen zur Geschichte des Wahnsinns zweifelt Foucault die konventionellen Grenzen zwischen Vernunft und Wahnsinn an. Er zeichnet nach, wie die Gesellschaft das Konzept Wahnsinn überhaupt erst konstruiert und verwaltet. Der Akt des Etikettierens und Behandelns sagt mehr über die Ängste, Normen und Machtstrukturen der Gesellschaft aus als über den Zustand der Person, die behandelt wird. Wir, die klassifizieren und kontrollieren, können als diejenigen betrachtet werden, die selbst eine Art von Wahnsinn verkörpern - einen Wahnsinn der Autorität, der Kategorisierung und der Herrschaft.“
Die Annäherung des Protagonisten an die eigene Familiengeschichte ist wie eine prototypische therapeutische Reise angelegt. Hochinteressant, furchtlos und absolut lesenswert.