1900: Aufbruch, Fortschritt, Optimismus – die Heirat der englischen Industriellentochter Claire mit dem Berliner Unternehmersohn Friwi ist ein Sinnbild des modernen Europas. Doch während Friwi in China und Afrika für Deutschlands Aufstieg zur Weltmacht kämpft, streitet Claire für die Rechte der Frauen. Wird sie Kaspar je vergessen, der sich in Paris und St. Petersburg der Revolution verschrieben hat? Die Träume der drei könnten nicht unterschiedlicher sein. Wie werden sie sich erfüllen?
Noch wetteifern bei Segelregatten nur die Jachten der Könige um den Sieg. Doch während Auguste Escoffier, der König der Köche und Koch der Könige, im Sommer 1914 ganz Europa zu einem Gastmahl vereint, taumelt die Welt dem Krieg entgegen.
Peter Pranges Schicksalsroman über Europa am Scheideweg zwischen Glanz und Abgrund - heute so aktuell wie vor hundert Jahren.
REZENSION – Als Bindeglied zwischen seiner Deutschland- und seiner Weltenbauer-Romanreihe versteht Bestseller-Autor Peter Prange (70) seinen aktuellen zweibändigen Roman „Herrliche Zeiten“ über den zur Jahrhundertwende um 1900 bestehenden Traum von einem modernen, offenen Europa. Nach dem erstem Band „Die Himmelsstürmer“ (2024) über die historisch bedeutenden Geschehnisse der Jahre 1870 bis 1900, leicht lesbar verwoben in die spannende Lebensgeschichte dreier junger Freunde – Bauunternehmer Paul Biermann (Berlin), Eisenbahn-Erbin Vicky Paxton-Stokes (London) und Meisterkoch Auguste Escoffier (Paris) –, setzt Prange nun im zweiten Band „Dem Himmel so nah“, im September im Scherz Verlag erschienen, seine Schilderung der wechselvollen Geschichte Europas bis zum Ende des Ersten Weltkriegs mit dessen spürbaren Auswirkungen fort. „Dem Himmel so nah“ ist die lebendig erzählte Schilderung der ab 1900 folgenden tiefgreifenden Umbrüche in Wirtschaft, Technik, Politik und Gesellschaft, in der nun schon die zweite Generation schrittweise ihren Eltern als Protagonisten nachfolgt. Doch die bei den Eltern noch vorherrschende euphorische Stimmung über den Aufbruch und Fortschritt der Belle Èpoque – die Heirat der Londoner Industriellentochter Claire mit dem Berliner Unternehmersohn Friwi ist noch Sinnbild dieses aufgeschlossenen, grenzenüberschreitenden Europas – erleidet in der zweiten Generation eine wachsende Spannung durch die Verbindung von Privatleben der Familien und zunehmend nationalistischer Politik in den drei so unterschiedlichen Ländern. Es ist die Phase des deutschen Kampfes um die Vormachtstellung in Europa, des Kolonialismus und wachsenden Antisemitismus. Es ist auch die Zeit gesellschaftlichen Umbruchs, in dem Frauen ihre Gleichberechtigung einfordern und Revolutionäre soziale Ungleichheit zu bekämpfen versuchen. Der Handlungsspielraum dieses zweiten Bandes weitet sich entsprechend weit über Europa nach China, Afrika und Russland aus. Noch wetteifern bei englischen Segelregatten nur die schnittigen Yachten des britischen Königs und des mit ihm verwandten deutschen Kaisers um den Sieg. Doch während Auguste Escoffier, „der König der Köche und Koch der Könige“, im Sommer 1914 noch ganz Europa zu einem Gastmahl vereint, geben andere das Signal zum Krieg, glaubt man doch in allen Ländern an einen schnellen siegreichen Verlauf: „Weihnachten sehen wir uns wieder!“ Wie in allen seinen Romanen zeichnet sich der Autor auch in seinem neuen Roman dadurch aus, dass ihm wieder einmal die Balance gelungen ist, mittels einer vielfältigen, zwei Generationen umfassenden und überaus authentisch wirkenden Familiengeschichte seinen Lesern den Verlauf europäischer Geschichte leicht verständlich, bildhaft greifbar sowie emotional und logisch nachvollziehbar zu vermitteln. Geschichte wird hier nicht wie im Schulunterricht erklärt, sondern der Leser erlebt die historische Abfolge während der Lektüre. Das Besondere an Pranges Roman „Dem Himmel so nah“ ist also wie schon beim ersten Teil „Die Himmelsstürmer“ wieder die gelungene Mischung von erzählerischer Spannung, emotionaler Tiefe und historischer Genauigkeit. Allerdings fehlt es gegen Ende dieses zweiten Bandes an notwendiger Ausgewogenheit. Fast scheint es, als habe Prange alle Ergebnisse seiner lobenswerten Recherche unbedingt noch im Text unterbringen wollen. Die Schilderung historischer Zusammenhänge überwiegt hier zu Lasten der Familiengeschichte, weshalb es am Schluss an Spannung und Unterhaltung fehlt. Sieht man über diesen Kritikpunkt aber hinweg, ist „Herrliche Zeiten“ auch mit seinem abschließendem zweiten Band „Dem Himmel so nah“ wegen seiner Vielseitigkeit, seines Unterhaltungswerts und der verständlichen Darstellung historischer Zusammenhänge ein empfehlenswerter Roman, der sich auch für eine TV-Verfilmung eignen würde. Es ist einerseits eine Hommage an den scheinbar unaufhaltsamen Unternehmer- und Fortschrittsgeist in Europa, andererseits aber auch eine deutliche Mahnung, mit wachsender Macht, moderner Technik und wissenschaftlicher Erkenntnis gut überlegt, moralisch korrekt und rücksichtsvoll umzugehen – zum allgemeinen Wohl aller Menschen.
Nicht immer waren es „Herrliche Zeiten“, von denen Peter Prange erzählt. Nachdem ich „Die Himmelsstürmer“, das erste Buch der Dilogie, vor nunmehr einem Jahr gelesen habe, ist auch der Nachfolgeband „Dem Himmel so nah“ zugeklappt, es waren wiederum sehr intensive Lesestunden. Prange zeigt ein Europa zwischen Glanz und Abgrund, zwischen Traum und Albtraum.
Von der Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 bis nach dem Ersten Weltkrieg sind die herrlichen Zeiten angesiedelt, der zweite Band beginnt im Jahre 1900.
Während der erste Band den Focus auf Vichy, Paul und Auguste legt, die sich in Karlsbad begegnen und nie mehr aus den Augen verlieren, sind es nun auch ihre Kinder und noch einige mehr, deren Wege wir verfolgen.
Claire ehelicht den Unternehmersohn Friwi, der zunächst in China und bald danach in den deutsch-südwestafrikanischen Kolonien gegen die Ureinwohner kämpft. Ein blutiger Kampf gegen die Herero, alles um Deutschland als kommende Weltmacht zu etablieren. Nachdem die Ehe gescheitert ist, geht Claire zurück nach England, dort schließt sie sich den Suffragetten an, während es Kaspar, ihre einstige große Liebe, nach Russland verschlägt. In St. Petersburg gerät er immer tiefer hinein in die politischen Unruhen, die Revoluzzer werden zunehmend radikal, was ihm dann doch nicht mehr behagt.
Drei Handlungsstränge – in Berlin, London und Paris – sind ineinander verwoben. Über Ländergrenzen hinweg verstehen sie sich, sowohl menschlich als auch kulturell funktioniert das Zusammenleben, was auf der politischen Ebene allmählich verloren geht. Der wiedererstarkte Antisemitismus etwa ist es, der mit dem Nationalsozialismus einhergeht und auf den Ersten Weltkrieg zusteuert. Ein Szenario, das aufzeigt, wie unfähig die Menschheit ist, in Frieden zu leben.
Zuvor aber wird investiert, es ist die Zeit der großen Erfindungen, die Untertunnelung des Ärmelkanals ist wieder im Gespräch. Auch Paul, der inzwischen mit Vicky verheiratet ist, hat große Pläne, die Auguste Escoffier, der Koch aus Leidenschaft, seit jeher umtreiben. Er pendelt zwischen Frankreich und England, vergisst dabei auch seinen deutschen Freund Paul nicht, viele seiner Kreationen sind weltberühmt – man denke nur an Crêpe Suzette.
Eingebettet in den historischen Hintergrund sind es die Charaktere, die den herrlichen Zeiten Struktur geben und die Geschichte lebendig werden lassen. Durch die kurzen Kapitel, die wechselseitig von den Hauptakteuren und deren weit verzweigter Familie, von deren Wünsche und Träume und ihrem unbedingten Durchhaltewillen erzählen, zuweilen aber auch von ihrem verbissenen Kampf und ihren Irrwegen, verliert man nie den Überblick. Die Personen sind überwiegend fiktiv, dem gut gegliederten Personenverzeichnis am Ende des Buches kann man die historischen Persönlichkeiten entnehmen, zu denen auch Auguste, der König der Köche oder auch der Koch der Könige gehört.
„Herrliche Zeiten – Dem Himmel so nah“ ist eine Geschichte von Liebe und Freundschaft in einem von Fortschritt geprägten Europa fern jeglicher Grenzen – auch wenn dieser schöne Traum nicht von Bestand ist. „Auf die herrlichen Zeiten, in denen wir leben“ und die wir uns hoffentlich nicht selbst zerstören.