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Goldstrand

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Ein alternder Filmregisseur, eine bröckelnde römische Villa und eine Psychoanalyse, die aus dem Ruder lä In Katerina Poladjans neuem Roman »Goldstrand« erzählt ein Mann um sein Leben

An der bulgarischen Schwarzmeerküste entsteht in den 1950er Jahren ein Goldstrand, geplant als Platz an der Sonne für alle. Auf der Baustelle wird Eli gezeugt. Sechzig Jahre später hat er seine größten Erfolge als Filmregisseur längst gefeiert und liegt auf der Couch seiner Dottoressa in Rom. Er mutmaßt und fabuliert seine Familiengeschichte, die durch ein ganzes Jahrhundert und quer über den europäischen Kontinent führt, von Odessa über Konstantinopel und Warna in Bulgarien bis nach Rom. 

155 pages, Kindle Edition

Published August 27, 2025

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Katerina Poladjan

9 books4 followers

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Displaying 1 - 12 of 12 reviews
Profile Image for Alexander Carmele.
484 reviews454 followers
December 3, 2025
Musikalisch-literarisches Sonnenlicht gegen Narben und geschichtlich-vererbter Verhärtung.

Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com

Inhalt: 5/5 Sterne (sinfonische Ich-Suche)
Form: 5/5 Sterne (melodisch-präzis-nüchtern)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (unentschieden-empathisch)
Komposition: 5/5 Sterne (dialogisch-dialektisch)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (schwebend-simmernd)
-->23/25 -> 4,6

Fängt Katerina Poladjan in Zukunftsmusik das nahende Ende der Sowjetunion ein und zwar zum Zeitpunkt des Todes von Konstantin Tschernenko und bindet die Atmosphäre rundum die Suche nach einer Gitarre für ein Kwartirnik, befasst sie sich in Goldstrand mit der Lücke, die der vierzigjährige Kalte Krieg (1949-1989) in viele Familienleben geschlagen hat, in ein Zuvor und ein Danach. Poladjan strukturiert diese Dynamik um einen Filmregisseur namens Elia Fontana, um dessen Mutter Francesca und schließlich Felix, einem russisch-bulgarischen Architekten. Die Lücke selbst heißt Vera, abgeleitet sowohl aus dem lateinischen Sprachraum für „Wahrheit“ und dem slawischen für „Glauben“. Vera, die Schwester von Felix, verschwindet:

Die junge Frau tritt [aus dem Schiffsalon]. Auf dem Achterdeck ist sie allein, schaut auf den weißen Schaum des Kielwassers, dann in die Dunkelheit, wo die Lichter von Odessa längst verschwunden sind. Sie legt die Hände auf die Reling, schwingt ein Bein darüber, der Fuß findet Halt. Dann das andere Bein. Sie zögert. Sie springt. Das Stampfen der Dampfmaschine dröhnt, dumpfer als noch Augenblicke zuvor.

So beginnt der kurze Roman. Vera, mit ihrem Vater und ihrem Bruder auf der Flucht vor den Revolutionsunruhen 1922 und der sich andeutenden Stalinisierung, springt vom rettenden Schiff, das sie von Odessa nach Konstantinopel bringen soll. Später taucht eine andere Vera auf, Elias Tochter, geboren 1989, exakt zum Zeitpunkt als der Kalte Krieg endet und die Berliner Mauer fällt:

Jenny wurde schwanger, in Berlin fiel die Mauer, die Dualität der Weltordnung zerstob in Konfetti, und mir scheint, dass Vera nur einen Augenblick später geboren wurde. Vera war ein friedlicher Säugling, schrie kaum und schlief viel. Es war eine hoffnungsfrohe Zeit.

Doch die Zeit zwischen den zwei Veras hat Spuren hinterlassen, und diese arbeitet der Filmregisseur auf. Die Spaltung der Welt in Ost-West, Links-Rechts, in Kommunismus-Faschismus zerstört Familien, grenzt aus, führt zu Unruhen und Übergriffen, die ein leichtes Anknüpfen nach dem Ende der Spaltung verhindern. Europa wächst nicht einfach zusammen, auch wenn der „Goldstrand“ von Felix, Elias Vater, zu diesem Zwecke konzipiert worden ist, ein Kur- und Urlaubsort am Schwarzen Meer, in der Nähe von Warna, auf just der Höhe, wo Vera 1922 aus dem Schiff gesprungen ist:

Ganze Tage verbrachte [Felix] mit Zeichnen, bebaute das Ufer auf Papier, ließ Häuser in den Himmel wachsen. Hier sollten Menschen aller Nationen zusammenkommen, hier könnten in Sommerkleid und Badehose Klassenschranken und Sprachbarrieren fallen, hier würde Europa nach dem Krieg neu erstehen und zusammenfinden, hier sollte eine glänzende Zukunft mit Meerblick für alle entstehen. Wenn er Lew von seinen Plänen erzählte, nickte der nur.

Das westliche Gegenstück heißt in Rom Ostia, ein ebensolcher Strand, verrucht, ausgelassen, und just zu diesem Strand zieht es die neue Vera. Poladjan dynamisiert in Goldstrand die problematische Hoffnung, die Wunden der Vergangenheit heilen lassen zu können. Sie schreibt atmosphärisch, geradlinig, präzise und ruhig um dieses Problem herum. Als einigendes Motiv bleibt die Intensität, der Hedonismus, das Glück des jeweiligen Momentes, die sich in Kunst, Akrobatik, Film, Musik und Gemälden ausdrückt. Ihr Buch Goldstrand rettet ein Stück Utopie, indem sie Sprache in Musik verwandelt, glitternd, glitzernd, schillernd, schwebend, Sonnenlicht auf römischem Wasser. Odysseisches Gegenstück zu Alberto Moravias Die Verachtung.


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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Elia Fontana, 60 Jahre alt, lebt in Rom, Filmregisseur.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Rahmenhandlung. E geht zu einer Therapeutin, Dottoressa Malatesta. [Errica Malatesta, italienischer Anarchist 1853-1932]. Dort spricht er über seine Vergangenheit. Der erste Teil des Kapitels geht um den Dialog zwischen D und E, danach geht E nach Hause und erinnert sich allein.
Kapitel 1: In der Praxis: Großvater Lew von E flieht mit seinem Sohn Felix und seiner Tochter Vera von Odessa nach Konstantinopel 1922, um der Stalinisierung zu entgehen. Sein Freund Leo Isaakowitsch Schestow befindet sich bereits im Pariser Exil, schreibt seine Philosophie der Verzweiflung. Während der Überfahrt, geht Vera verloren, und zwar ziemlich auf der Mitte der Reise. Lew will seine Tochter, zumindest ihre Leiche finden, und lässt sich mit seinem Sohn zurück nach Bulgarien schmuggeln, wohin die Leiche abgetrieben sein könnte. Dort wohnt er am Strand. Später pflegt er den Garten einer Königin in Rumänien. Nach ihrem Tod ziehen sie wieder zurück zum Strand, wo Felix, begeistert von Architektur, ein großes Erholungsgebiet plant für ganz Europa, ohne Klassenschranken und Sprachbarrieren. Lew stirbt 1958, als 79jähriger.
Kapitel 1: Außerhalb: Geht in ein Café, trifft einen Fan, geht in eine Kirche, denkt an Jennys Dissertationsprojekt, geht nach Hause, überlegt, welches neue Filmprojekt er beginnen könnte.
Kapitel 2: In der Praxis: Über einen Statisten, der sich in den Film geschmuggelt hat, ein Doubles eines emigrierten russischen Schauspielers Iwan Iljitsch Mosjukin. Geschichte seiner Mutter Francesca, Eltern Anhänger von Mussolini, sie Kommunistin. Kurze Erwähnung der mysteriösen Todesumstände von Wilma Montesi – die Eltern geben ihr mehr Freiraum. Sie fährt mit Kommunisten nach Bulgarien, dort hat sie einen One-Night-Stand mit Felix, der sein Traum von dem Erholungsgebiet umgesetzt hat (Goldstrand). Sie bekommt neun Monate später Elia.
Kapitel 2: Außerhalb: Wieder Gedanken an neuen Film. Geht in ein Kino, sieht sich dort seinen ersten Film an, in welchem er als Statist mitwirkte. Francesa hat ihn auf die Filmarbeiten aufmerksam gemacht, Start seiner Filmkarriere.
Kapitel 3: In der Praxis: Sie sprechen über wichtige Gegenstände für E, Dose mit vier Milchzähnen, Postkarten mit Kathedrale aus Sofia. Familienstand, Jenny, getrennt, in Deutschland mit Tochter Vera, auch in Deutschland, arbeitet in Oranienburg. Brief an Felix aus Italien. Eltern verstoßen die Tochter. E wächst bei konservativ-militanten Großeltern Omero und Giuilia auf. Auf Es Drängen trifft er seine Mutter einmal pro Woche am Samstag, aber die Problematik mit den Großeltern bleibt. Ab 14 sieht er sie nicht mehr. Mit 16 rief sie ihn an wegen der Dreharbeiten.
Kapitel 3: Außerhalb: Schaut sich zuhause seinen ersten Film an.
Kapitel 4: In der Praxis: E bringt einen Wellensittich mit zu Dottoressa. E hat Geburtstag. Frage nach Büchern zum Untergehen. Pavese würde er nie versenken. Premiere mit der Mutter, die kein Urteil abzugeben vermag. Alles sei gut.
Kapitel 4: Außerhalb: Bekommt einen Geburtstagsgruß von Vera, Jenny mit auf dem Photo. Er besucht seine Mutter. Gehen in einen Buchladen. Bunker der Großeltern. Francesca muss ausziehen, vielleicht zu E. Erinnerung an das Zusammenleben mit Jenny und seinen Großeltern. Kollage: Mussolini bedeckt von Gramsci. E geht alleine in eine Bar. Tanzt zu Giorgio Moroder. Vater der Disco. Kommt spät zurück.
Kapitel 5: In der Praxis: Ein Paolo gesellt sich in die Therapiestunde. Wie E und Jenny sich kennenlernten, in einem Schuhgeschäft, wollten dasselbe Paar Schuhe, haben dieselben Schuhgröße. Am selben Tag stirbt Großmutter Guilia, Omero außer sich. Jenny beruhigt ihn bei der Trauerfeier. Er zieht zu Jenny, aber bald müssen sie sich um Omero kümmern. Jenny wird schwanger, Vera kommt 1989 auf die Welt. E viel am Arbeiten, Jenny schließt Studium ab, gute Tage am Strand. Hat Kindheit Veras verpasst. Vera und Omero verstehen sich. Kaum stirbt Omero, reisen Vera und Jenny ab. Jenny wirft ihm mangelnden Familiensinn vor.
Kapitel 5: Außerhalb: Nach Likör in der Praxis, E etwas schwankend. Kauft Parfüm für seine Mutter. Sie will nicht zu ihm ziehen, als er es ihr übergibt. Er schnüffelt in ihren Sachen, aber sie schiebt ihn aus der Tür heraus. In der Nacht kreisen Hubschrauber über seinen Bezirk. Er ruft Vera an, die ihn beruhigt.
Kapitel 6: In der Praxis: Erinnerung am Familienleben, E nicht aufgelegt, sich Terence Hill und Bud Spencer Filme anzusehen. E fragt sich, warum er nicht um die Beziehung gekämpft hat. Erinnerung an einen Besuch in Moskau, Besuch von Vera. Sie ist 16. Drei Jahre später kommt sie mit einer Freundin zu Besuch. Sie erdichtet eine Märchengeschichte über einen von einem Bären gefressenen Ex-Geliebten von Jenny. Danach 6 Jahre keine Besuch, Wiedersehen bei Premiere des Films über die Tante Vera. Vera fragt, was so ein Film soll? Er besucht sie in Deutschland. Sie leitet Führungen durch ein KZ in Oranienburg. Die Therapeutin beendet die Sitzungen, 40 Stück, das war’s.
Kapitel 6: Außerhalb: Vor der Haustür will E mit Paolo spazieren gehen, der aber entwischt. E beginnt zu steppen.
Kapitel 7: Außerhalb: Gartenarbeit. Er pflückt Orangen und Zitronen und kocht Marmelade. Er überlegt ein Projekt über Adriano Celentano durchzuführen. Maletesta und Paolo kommen zu Besuch, auch Francesca. Er träumt von einem Segeltörn nach Bulgarien. Die Holzente und Kiste mit Milchzähnen kommen von Felix. Francesca wütend über Es Nachforschungen – sie hat Felix einen Brief geschrieben. Vielleicht hat er den Kontakt abgebrochen. E beschreibt den Segeltörn, den er vorhat, wie er zum Schwarzen Meer segelt, in Istanbul Spuren seines Vaters und Großvaters sucht. Er fährt nach Warna, zum Goldstand, beobachtet eine Gestalt, die auf einen weißen Stier klettert. Er geht ins Hotel, dort gibt es einen Kirk. Er geht einkaufen. Er betritt ein Restaurant, wo ein Höllenhund kauert. Er lernt eine Vera kennen, wie sie aus Odessa abreiste, in einem Rettungsboot auf Deck einschlief, ihren Vater und Sohn verpasste, sie suchte, aber nicht wiederfand. Sie befreundet sich mit einem Stier an, wird Zirkusattraktion. Er hat Visionen von der ganzen Familie auf einem Kinderspielplatz. Seine Gäste verabschieden sich. E bleibt zurück. Er macht die Nacht durch, fährt nach Ostia, ruft Jenny an, sagt er vermisst sie, und schwimmt dann ins offene Meer hinaus.
… Strukturell: 40 Therapiesitzungen, 40 Jahre Ost-West-Konflikt in Europa (1949-1989). Vera wird zum Zeitpunkt des Mauerfalls geboren. Was ist passiert? Kampf zwischen Faschismus und Kommunismus, innerhalb der Familie von Francesca, was zur Zersplitterung führt; und auch innerhalb Russlands, weshalb es zur Emigration der Familie von Felix kommt. Strukturell: Vera verschwindet, als die Heimat verloren geht – Vera wird geboren, als der Ost-West-Konflikt formal beendet wurde. Zwischenzeitlich haben sich aber die Banden, die Zusammenhänge gelöst, und was nach dem Ost-West-Konfliktende passiert, lässt sich als Sturz ins Leere begreifen, ohne Verbindlichkeit. Wie also die Verbindlichkeit wieder etablieren? Durch Anamnese, durch Anarchismus (Malatesta, Name der Therapeutin und Name eines berühmtem italienischen Anarchisten), also gegen die Zwei-Ordnungsstruktur.
… Goldstrand in Bulgarien, von Felix geplant, vor dem Beginn des Kalten Krieges, als Versöhnung, dort treffen sich Felix und Francesca, West und Ost. Partytourismus seit 1956, nordöstlich der Stadt Warna. Besonders beliebt bei Deutschen. Dort wo seine Schwester hingeschwommen oder hingespült sein könnte. Der Ort, der genau zwischen Heimat und Exil liegt.
… Ostia, ein wichtiger Ort. Einerseits wurde dort Wilma Montesi tot aufgefunden, Skandale im Außenministerium. Omero, der auf die Prostituierten in Ostia schimpft. Später fährt Elia mit Vera nach Ostia, an den Strand, aber immer kommt etwas dazwischen. Nach Ende seiner Therapie fährt er alleine dort hin und geht schwimmen, vorher ruft er Jenny an und sagt, dass er sie vermisse. Ostia steht eben für das westliche Gegenstück zu Goldstrand.
… Großeltern heißen Romero und Julia, Omero und Guilia, auch Geschichte zweier verfeindeter Familien. Beide sterben.
… Vera heißt slawisch Glauben. Auf dem Weg aus ihrer Heimat ins Exil nach Konstantinopel verlieren Lew und Felix den Glauben (Vera). Sie suchen. Es entsteht Goldstrand. Am Goldstrand wird Elia gezeugt („der Herr ist mein Gott“), und Elia zeugt erneut mit Jenny, einer Deutschen, den Glauben (Vera).
… Verknüpfung über das blaue Seidenband von Veras Sommerhut, dass in die Hände von Elia gelangt. Die Rückbindung.
… insgesamt sehr stimmig, synthetisch, als Code der West-Ost-Konfikt (Rechts-Links/Faschismus-Kommunismus) im System Europa (Zeus/Stier, Entführung), die Formen erzeugt.
●Kurzfassung: Eine Familie in den Revolutionswirren aus Russland, die Tochter Vera geht verloren, wird gesucht nicht gefunden. Am wahrscheinlichen Ort ihres wahrscheinlichen Ertrinkens baut ihr Bruder eine Hotelanlage und hat einen One-Night-Stand mit einer Italienerin, mit der er einen Filmregisseur namens Elia zeugt, der später ein Tochter namens Vera hat und seiner Familiengeschichte nachforscht, vor allem weil seine Familie äußerst zersplittert ist.
●Charaktere: (rund/flach) geheimnisvoll.
●Besondere Ereignisse/Szenen: die imaginierte Reise der Vera, die Art der Odyssee, wie Elia von Rom aus nach Warna mit dem Boot fährt.
●Diskurs: Gespaltenheit der Welt in politische Lager; Ende des Kalten Krieges und was er hinterlassen hat.
… atmosphärisch sehr ähnlich zu Alberto Moravias „Die Verachtung“, auch ein Filmregisseur, auch ein Strand, auch ein Tod, der Topos „Odyssee“ nur hier als Ehedrama verarbeitet, bei Poladjan eher als Familienfluch. Sonne, Meer, Film, Italien erzeugen aber einen sehr gemeinsamen Background. Somnambul. Spannend und charakterlich überzeugend. Im Haus von Eli auch große Ähnlichkeiten zu Martin Suters „Melody“.
--> 5 Sterne

Form:
●Wortschatz: Nüchtern, distanziert, sehr präzise, auch sehr verdichtet, ohne poetisch zu sein, sehr wenig Schmalz, sehr wenig Kitsch, sehr zurückhaltend geschrieben, ohne Wort-
●Type-Token-Ratio, Satzlängen-Verteilung-Median, Anteil der 1000 häufigsten Wörter – 0,216 hoher Variationsgrad; 75% der 1000 häufigsten Wörter am Gesamttext, 1470 Wörter werden benötigt um 80% abzudecken; 12,6 Wörter pro Satz/STAB 9,7 Wörter
●Stimmige Wortfelder: stimmig, familiär, persönlich, melancholisch, keine wissenschaftlichen Exkurse, keine schmissigen Diskurse
●Satzstrukturen: fließend, rhythmisch, gleitend
●Wiederkehrende Motive/Tropen: nichts aufgefallen.
●Innovation: filmisch, stroboskopisch, blitzlichtartig, filmtechnisch geschrieben, sehr passend
--> 5 Sterne

Erzählstimme:
●Eindruck: wie ein Dokumentarfilm, eine Off-Stimme erzählt, während sie Eli filmt; zugleich aber existiert das Innenleben von; d.h. es ist personal erzählt, aber in Präsens, als Verfolgerkamera. Nacherzähltes Filmen, mit Innenperspektive. Es gibt also eine Disparatheit zwischen durch Elias Augen sehen und innerhalb von Elia ihn dennoch distanziert betrachten.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): keine Perspektivierung, Situierung und Reflexion möglich. Völlig immersiv in der Echtzeiterzählweise.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: immersiv, empathisch, verdichtend
●Einschätzung: leider Schwachpunkt des Textes, als Filmschnittprotokoll überzeugend, als eine Art dokumentierte, von Außen mit Insiderwissen ausgestattete Moderation, dennoch eben nicht völlig gerahmt, nicht so wie der Gegenstand und die Sprache selbst.
--> 3 Sterne

Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr interessante Dynamik, abweichend schnelle, verstörende Erinnerungsabschnitte, Pendeln zwischen privatimer Erinnerung und derjenige, die der Dottoressa erzählt wird.
●Extradiegetische Abschnitte: Nein, es sei denn Filme wären gemeint, es gibt Filmbeschreibung und die Vorstellung, die erzählte Version eines möglicherweise zu erstellenden Films, die Odyssee zurück nach Warna
●Lose Versatzstücke: nein, sehr verdichtet, strukturiert.
●Reliefbildung: durch die Zweitteilung, innerhalb/außerhalb der Praxis nimmt die Codierung in West-Ost, Rechts-Links auf …
●Einschätzung: kompositorisch überzeug Poladjan durchweg, die einzelnen Details gehen nie verloren, beziehen sich aufeinander, treiben sich gegenseitig weiter, ein sehr geschlossener, kohärenter Text.
--> 5 Sterne

Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein, sehr atmosphärisch, filmisch, intensiv
●Geärgert: nein
●Amüsiert: nicht wirklich, mitgerissen, sentimental
●Gefesselt: ja, wie alles sich zusammenbindet als Prozess
●Zweites Mal Lesen?: möglicherweise, leider etwas kurz.
… ein Problem mit dem Text bleibt die Kürze, dass diese Dichtheit nicht über einen längeren Raum aufrechterhalten wird, obwohl sie könnte, sich mehr Zeit lässt.
--> 5 Sterne

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Profile Image for Anna Carina.
688 reviews354 followers
October 4, 2025
Ich habe vieles nicht verstanden.
Das für mich Entscheidende habe ich verstanden. Und es reicht. Die Sprache trägt und trifft. Das Wie entscheidet…Es muss nicht jede Leerstelle gefüllt werden. Nach einer Weile der Suche und Orientierungslosigkeit, das Nicht-Wissen aushalten und weiter.
🥲
Profile Image for Uralte  Morla.
370 reviews129 followers
October 12, 2025
Katerina Poladjans "Goldstrand" ist ein zauberhafter, kurzweiliger und doch sehr tiefgehender Roman, der von Eli erzählt, der wiederum seine Familiengeschichte erzählt. Und zwar einer ominösen Dotttoressa in Rom, von der ich irgendwann nicht mehr wusste, ob sie wirklich existiert oder auch nur Elis Fabulierlust entspringt.
Denn der alternde Filmregisseur fabuliert gerne, dichtet seiner Familiengeschichte immer mal wieder etwas hinzu, kreiert Filmszenen aus ihr und flaniert in Rom umher, der wunderschönen ewigen Stadt.
Und so weiß man nicht: was ist hier Wirklichkeit, was Ausgedachtes? Wirklich wichtig ist das auch nicht, denn Katerina Poladjan schreibt einfach zu schön, verwebt Politik und Alltag so leichtfüßig, dass es wieder eine Freude war, ihren Worten zu folgen. Und am Ende wacht man auf und denkt: Das war ein guter Traum. Ein bisschen surreal, aber gut!
Und: Ich glaube, Cineast*innen kommen hier sehr auf ihre Kosten, weil sie viele Anspielunen verstehen werden, die ich nicht verstanden habe. Nur eine Referenz zu Italo Calvino "Der Baron auf den Bäumen" habe ich mit Freuden wahrgenommen - aber das ist ja auch kein Film.
Profile Image for Koprophagus.
286 reviews3 followers
October 27, 2025
Der melancholische Regisseur Eli liegt auf der Couch seiner Therapeutin und erzählt seine Familiengeschichte. So erscheint es zumindest.

Zwei Dinge haben mich an diesem sprachlich meisterlichen Text beeindruckt. Erstens ist die Erzählung unheimlich dicht und intensiv, bietet auf knappen Seiten sehr viel Inhalt, und trotzdem ist sie nicht überfordernd, fliesst musikalisch dahin und ist leicht wegzulesen. Kondensiert, atmosphärisch, sehr bildhaft, filmhaft von den Inszenierungen her. So sagt Katerina Poladjan selbst, dass sie beim Schreiben versucht, «mit den richtigen Konturen etwas plastisch werden zu lassen, was mit einem Übermass an Details wieder verflachen würde.» Wie «wenn ein Maler mit wenigen dunklen Linien Akzente und Schatten setzt.».

Es war sehr viel Arbeit, Mamma, sagte ich, denn es ist furchtbar kompliziert, genau das Richtige stehen zu lassen.

Zweitens geht die Erzählung kompositorisch wunderbar auf. Während der Erzähler immer unzuverlässiger wird, sich schwertut sich zurechtzufinden und den Faden zu halten, das Erzählte immer mehr hinterfragt werden muss und in alle Richtungen offen gelesen werden kann, bleibt der Rahmen stabil und kohärent, ohne dabei starr zu wirken oder seine spannende Dynamik zu verlieren.

Und obschon sich das Buch allein schon sprachlich trägt, hat es mir auch inhaltlich gut gefallen. Interessante Charaktere die einem trotz der Kürze ans Herz wachsen, vergnügliche Dialoge, gut eingebettete, nicht überbordende kulturellen Referenzen, historisch-politisch mit Gegenwartsbedeutung. Rundum schönes Leseerlebnis.
Profile Image for Linus.
11 reviews
October 22, 2025
Ein Filmregisseur geht zur Therapie und arbeitet sein Leben und das seiner Vorfahren auf. 3 Generationen von Russland bis Rom. Immer irgendwo zwischen Realität und Fiktion. Das alles auf ca. 150 Seiten. Respekt.
Profile Image for Agnieszka Hofmann.
Author 24 books57 followers
October 14, 2025
Rewelacyjny początek, a im dalej, tym bardziej robi się nieciekawie. Narracja siada na kozetce u psychiatrki, opowieść rozmywa się i zbacza w groteskę, aż w końcu przestałam rozumieć sens i straciłam zainteresowanie dla historii.
137 reviews
November 16, 2025
"Ich stellte das Drehbuch fertig, fand eine Produktionsfirma, und Berlusconi wurde als Steuerbetrüger verurteilt. Das Leben war voller Hoffnung" (S. 119)

Eli ist ein egozentrischer, schrulliger Kerl, knapp über 60, mutmaßlicher Erfolgsregisseur und sein Lebensmittelpunkt scheinen seine Besuche bei der "Dottoressa" zu sein. Ihr erzählt er in fantastischen Bildern und nicht immer ganz glaubhaft seine Lebensgeschichte und seine persönlichen Qualen . Dabei nimmt er uns mit in eine bewegte Familiengeschichte: über seinen Großvater Lew, der mit seinen beiden Kindern Vera und Felix aus Moskau flieht, Vera geht dabei verloren und am bulgarischen, zukünftigen Goldstrand gelandet, will er die Hoffnung immer noch nicht aufgeben, seine Tochter doch noch zu finden. Während der Vater Lew ein karges Leben führt, verwirklicht Felix - Elis künftiger Vater - seinen Traum und wird Architekt, kehrt an den Goldstrand zurück, um ihm architektonisch zu Glanzzeiten zu verhelfen. Dort trifft er auf die Italienerin Francesca, die schließlich Elis Mutter wird. Doch da ein uneheliches Kind für deren Eltern eine Schande ist, muss Eli bei den Großeltern aufwachsen. So nimmt die erzählte Geschichte ihren Lauf und wird zu dem großen Film, den Eli niemals drehte.

Katerina Poladjan ist mit "Goldstrand" ein großartiger, sehr humoriger Roman gelungen, der einen absolut unzuverlässigen Erzähler vorweist und man so schließlich niemals weiß, was an Elis Erzählung Fantastik oder erzählerische Wirklichkeit ist. In nur knappen 160 Seiten packt die Autorin nicht nur eine bildgewaltige Szenerie, die sich tief im Gedächtnis absetzt, sondern unterschwellig auch eine zeitgeschichtliche Abhandlung vom östlichen Teil Europas bis Italien. Eli ist ein gnadenloser Blender, der sich selbst und seine Familiengeschichte groß macht. Zuerst habe ich ihm (oder vielmehr der Autorin), alles abgekauft, doch langsam und unauffällig, spitzt sich die Fantastik zu und man beginnt sich zu wundern. Höhepunkt in dieser Trügerei war für mich, als in den Therapiesitzungen mit der Dottoressa plötzlich Paolo auftaucht - und durch seine bloße Anwesenheit in den Verlauf der Therapiesitzungen eingreift. Eli wird plötzlich klein und zurückhalten und beginnt vielleicht, sich selbst zu reflektieren. So genau weiß man es aber nicht, genauso wenig, ob nun Halluzinationen, Vergesslichkeit oder bloß eine Verwunderung auftritt. Jedenfalls besinnt er sich nun mehr auf die Gegenwart, als die Vergangenheit und beginnt, sich mit seiner eigenen, gescheiterten Familie auseinanderzusetzen. Was aber niemals fehlen darf, ist der Glauben an den Film.

Die Autorin zeichnet den Charakter Elis so eindrücklich mit ihrer bildhaften Sprachkunst, dass man ihn trotz - oder vielleicht gerade aufgrund - etlicher Unzulänglichkeit einfach mögen muss. Generell ist ihr Schreibstil beeindruckend, denn er protzt nicht mit Schnörkeleien, sondern ist eingänglich und zugleich charakterstark. Die humorige Note, die im ganzen Roman an den Tag gelegt wird, wenn Eli von sich selbst spricht, ist wirklich witzig und trotzdem nimmt sie dem Protagonisten nichts an Ernsthaftigkeit, stellt ihn nicht bloß. Die Themen sind zeitgeschichtlich und politisch äußerst geschickt in die Geschichte verwoben, ohne dass sie zu sehr in den Vordergrund treten, was dem Buch eine zusätzliche Tiefe verleiht.

Mein Fazit: Goldstrand ist für mich definitiv eines meiner Lesehighlights im Jahr 2025. Wer ein humoriges, tiefgründiges und bildhaftes Buch, mit unterschwelligem zeitgeschichtlichen und politischen Kolorit mag, das zudem noch sehr eingänglich zu lesen ist, muss unbedingt zu diesem großartigen Roman greifen!
1,408 reviews7 followers
August 27, 2025
Melancholische und faselnde Geschichte

Klappentext:
An der bulgarischen Schwarzmeerküste entsteht in den 1950er Jahren ein Ferienort: Goldstrand, geplant als Platz an der Sonne für alle. Auf der Baustelle wird Eli gezeugt. Sechzig Jahre später hat er seine größten Erfolge als Filmregisseur längst gefeiert und liegt auf der Couch seiner Dottoressa in Rom. Er mutmaßt und fabuliert seine Familiengeschichte, die durch ein ganzes Jahrhundert und quer über den europäischen Kontinent führt, von Odessa über Konstantinopel und Warna in Bulgarien bis nach Rom.

„Goldstand“ ist ein etwas melancholischer Roman von Katerina Poladjan.

Eli hatte einmal Erfolge als Filmregisseur. Jetzt scheint er mit seinem Leben nicht mehr viel anfangen zu können. Regelmäßig liegt er auch der Couch bei seiner Dottoressa. Er erzählt aus seinem Leben. Seinen Vater hat er nie kennengelernt. Er wurde auf einer Baustelle am Goldstrand gezeugt. Sein Vater hatte die ersten Pläne für das Bauvorhaben entworfen.

Katerina Poladjan erzählt in ihrer Geschichte über das Leben ihres Protagonisten Eli und über die Entstehung des Ferienorts Goldstand an der bulgarischen Küste.

Eli fand ich einen interessanten Charakter. Seinen Sitzungen bei der Dottoressa zu folgen war interessant. Man bekommt seine Lebensgeschichte häppchenweiße vorgetragen. Das Verschwinden seiner Tante von Bord eines Schiffes, die Entstehung des Goldstrands und die Filme, die Eli nicht drehen wird.

Katerina Poladjan beschreibt die Handlungsorte sehr genau, man kann sich alles gut vorstellen. Der Schreibstil, der Autorin ist flüssig, gut verständlich und fesselnd.

„Goldstand“ mutet etwas melancholisch an. Der Roman erzählt von einer Flucht, einem Verschwinden und von der Entstehung des Goldstands. Er erzählt aber auch von einem Leben, das nicht viele Lichtblicke erfahren durfte.

Profile Image for Andreas Hänisch.
60 reviews2 followers
January 4, 2026
Ein leichtfüßiger Sommer-Roman (den ich leider im Winter gelesen habe). Es geht um einen Regisseur, der in einer Art Schaffenskrise steckt. In den Sitzungen mit seiner Therapeutin erfährt man dann mehr über sein Leben. Wobei man als Leser immer unsicherer wird, was Dichtung und was Wahrheit ist.
Der Roman ist vor allem zu Beginn wirklich bezaubernd. Mir fehlte aber eine gewisse Handlung. Der Schreibstil ist toll, das Setting ebenso, aber reine Ästhetik reicht mir persönlich nicht in einem Roman. Trotzdem natürlich lesenswert.
1 review
January 6, 2026
literatur literatur - intertextualisiert - facettenreich - dicht - keine zufälle
Displaying 1 - 12 of 12 reviews

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