Eine bestohlene Physikerin und ein verschwundener Die spannende Jagd nach dem Neutrino, erzählt in sieben Porträts durch die Zeit
Wenn in der Welt der physikalischen Teilchen ein Preis für Rätselhaftigkeit verliehen würde, dann ginge er an das Neutrino. Während Sie diesen Text lesen, fliegen unbemerkt Billionen Neutrinos durch Ihren Körper. Die »Geisterteilchen« sind ein Schlüssel zum Verständnis des Universums. Wie aber fängt man etwas ein, das sich nicht fangen lassen will? Christian Spiering ist ein international renommierter Neutrinoforscher. Hier erzählt er die spannende Geschichte einer seit 100 Jahren andauernden Jagd, die Physikerinnen und Physiker an den Südpol, tief unter die Erde, zwischen die Fronten des Kalten Kriegs und nicht selten an den Rand der Verzweiflung geführt hat - von Lise Meitner über Wolfgang Pauli bis mitten hinein in die Gegenwart. Verständlich und spannend wie ein Wissenschaftskrimi.
Ein sehr gutes Buch. Es ist mehr eine biografische zusammenfassende Beschreibung einzelner wichtiger Akteure rund um neutrinos seit ihrer ersten Idee. Weniger die wahre Physik hinter ihnen. Es hat gut getan über unterschiedliche Werdegänge von Physikern zu lesen, über Menschen mit sehr spannenden Leben, obwohl man sonst nie was von ihnen gehört hätte.
Das Neutrino: Wenn der Zoo der Elementarteilchen magisch wird Christian Spiering nimmt uns in „Das seltsamste Teilchen der Welt: Auf der Jagd nach dem Neutrino“ mit auf eine hundertjährige Expedition, die eindrucksvoll zeigt: Die Physik war schon immer ein wenig verrückt – und ihre Protagonistinnen und Protagonisten erst recht. Dieses Buch ist der beste Beweis dafür, dass im „Zoo der Elementarteilchen“ nicht Quarks oder Elektronen den Preis für Extravaganz gewinnen, sondern die Neutrinos. Diese „Geisterteilchen“ preschen unbemerkt durch unseren Körper, jagen durchs Herz, huschen durchs Gehirn – in Billionen pro Sekunde und ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Eine Eigenschaft, die sie zu wahren Zauberwesen der subatomaren Welt macht. Spiering erzählt die Geschichte dieser Jagd, die Forschende an den Südpol, tief unter die Erde und nicht selten an den Rand der Verzweiflung geführt hat – und zwar in sieben eindrucksvollen Porträts. Da ist Lise Meitner, fasziniert von einem öligen Fleck, als „Leseratte“ durch die Wohnung wandernd, und als erste Frau in Preußen mit einem bezahlten Assistentinnenposten bedacht – allerdings erst, nachdem sie zwei Jahre unbezahlt in einer ehemaligen Holzwerkstatt gearbeitet hatte, weil der Institutsdirektor Angst vor brennenden Frauenhaaren hatte. Neben ihr glänzt Wolfgang Pauli: Physikgenie, Nachtschwärmer und brillanter Provokateur, der die Existenz des Neutrinos in einem legendären Entschuldigungsbrief aus einem Züricher Ballsaal postulierte – da er selbst leider „unabkömmlich“ war. Die Chronik dieses „eigenartigsten und befremdlichsten aller bekannten Teilchen“ liest sich wie ein Wissenschaftskrimi. Sie ehrt die peniblen Ausdauerläufer (Davis, Bahcall), die genialen Vordenker (Pauli), die Besessenen (Pontecorvo, Reines) und jene, denen ein „astronomisches Jahrhundertereignis“ schließlich den Nobelpreis einbrachte (Koshiba). Das Neutrino mag ein Geisterteilchen sein – seine Jägerinnen und Jäger aber sind so lebendig, widersprüchlich und menschlich, dass es die „ganze Lise Meitner“ brauchte, um die Ungereimtheiten im radioaktiven Zerfall überhaupt zu erkennen, lange bevor sie durch die Kernspaltung berühmt wurde. Dieses Buch ist der spannendste Beweis dafür, dass Physik ganz sicher nicht nur im Physikbüchlein steht. Mit einem kleinen, humorvollen Bedauern bleibt allerdings festzuhalten: Das Buch porträtiert ausschließlich bereits Verstorbene. Die lebende Speerspitze der Neutrinoforschung – zu der der Autor selbst gehört – kommt (noch) nicht zu Wort. Man liest also ein Buch über Geisterteilchen, geschrieben von jemandem, der mitten unter ihnen arbeitet, sich selbst aber diskret aus dem Pantheon heraushält. Vielleicht ist das die letzte Pointe dieses Wissenschaftskrimis: Die spannendsten Jäger leben noch – und sind noch nicht Teil der Legende.