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Die Wut ist ein heller Stern

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Hedda hat sich ihren Traum erkä Artistin im »Alkazar« auf der Reeperbahn. Doch nichts zählt mehr, als in den dreißiger Jahren die neuen Uniformen wie selbstverständlich im Publikum auftauchen. Die Freiräume werden enger und auch für die Mädchen im Varieté wird es gefährlich. Wem kann Hedda noch trauen? Ihr Bruder Jaan heuert als Harpunenschmied auf einem Walfänger an, für eine Fahrt in die Antarktis. Und auch Hedda sucht für sich und ihren kleinen Bruder Pauli nach Auswegen.
Anja Kampmann erzählt in einer unvergleichlich atmosphärischen Sprache, der es auch an Leichtigkeit nicht fehlt, eine Geschichte weiblicher Selbstbehauptung aus einer ganz und gar von Männern dominierten Zeit.

497 pages, Kindle Edition

Published August 19, 2025

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About the author

Anja Kampmann

8 books10 followers

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17 (30%)
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15 (27%)
3 stars
13 (23%)
2 stars
7 (12%)
1 star
3 (5%)
Displaying 1 - 11 of 11 reviews
Profile Image for Alexander Carmele.
503 reviews507 followers
March 13, 2026
Sprachungetüme über ein von Nazischergen ausgehobenes Rotlichtmilieu.
Shortlist Leipziger-Buchmesse-Preis 2026.

Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com

Inhalt: 3/5 Sterne (ins Trauma abgleitend)
Form: 4/5 Sterne (verstört-schöpferisch)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (keine)
Komposition: 1/5 Sterne (Liveticker)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (anstrengend)
--> 10/5 = 2,0 = 2 Sterne

Anja Kampmann schlägt in Die Wut ist ein heller Stern einen widerborstigen, sehr eigentümlichen Ton an. Der Roman spielt im Rotlichtmilieu Hamburg, in St. Pauli, unter Luden, Prostituierten, Dieben und verschiedensten Tanz- und Ton- und Körperkunstschaffenden. Eine von ihnen heißt Hedda Möller. Sie schwingt auf Seilen, stürzt sich aus der Höhe herab über Kaimane und zieht das Publikum mit ihren wagemutigen Akrobatikeinlagen im Varieté Alkazar in Bann:

Von hier oben starre ich hinunter wie in einen dunklen Sumpf, ein Wirbel auf der Trommel, der lauter wird. Langsam lasse ich mich einmal herunter, halte inne, unten die Kaimane, das Publikum, sie sehen meinen Hals, die Arme, dann lasse ich mich fallen, die Drehung, rasch, auf sie zu, ich wirbele herum, rum, bleibe über ihnen waagerecht in der Luft, die Arme gestreckt bis in die Fingerspitzen. Applaus, die Dschungelnacht, das Mädchen läuft das Seil wieder hinauf, dreht sich, ich drehe mich, alles ist ganz leicht.

Hedda aus dem Sportverein Fichte Altona hat eine innige Beziehung zum Milieu und zu dem Varieté-Besitzer Artur, dessen Etablissement von diversen Seiten unter Beschuss gerät. Wie das Alkazar überlebt oder nicht überlebt, darum dreht sich der Hauptteil des Buches, das mit dem Jahr 1933 anfängt und mit 1937 schließt, und auch darum, wie Hedda ihren an Rachitis leidenden jungen Bruder Pauli vor der staatlichen Fürsorgeeinrichtung zu schützen versucht, die im Rahmen einer menschenfeindlichen Hygienegesetzgebung mit Kranken kurzen Protest macht. In der schwierigen Nachtschwärmer- und Alltagswelt schlägt sie sich durch, aber muss erleben wie nach und nach ihre engsten Bezugspersonen verschwinden, sterben oder abtauchen:

Durch die Fenster dringen Stimmen, einmal eine Trillerpfeife. Das ist ihre Macht, man schlägt nicht mehr zurück, Schritte, jemand rennt durch die nassen Straßen davon. Sie haben die Jungs von Rotfront enthauptet, wie man Hühnern den Kopf abschlägt. Mit einem Handbeil. All das ist da draußen, ich kann es hören.

In sehr eigenwilliger Diktion fließen Heddas Assoziationen, Wahrnehmungen, Erinnerungen und Vorstellungen, ja auch Träume in den Text ein und ergeben ein sehr unübersichtliches Echtzeit-Liveticker-Gemisch, das leider, so mikrologisch angelegt, kaum einen Kontext oder Hintergrund erschafft. Tatsächlich wirken die neuen Machthaber wie eine Art Drückerbande und das Problem, das Varieté zu halten, wie ein Mafiamobkonflikt, der wenig mit staatlich verordneten Terror zu tun hat. Der Bezug auf die Olympischen Sommerspiele 1936 bleiben äußerlich, und die Nationalsozialisten kollektiv als „Keiler“ zu bezeichnen, hilft auch nicht, um den Stoff zu dynamisieren, der leider dadurch zäh und löchrig wirkt:

Und ich bin das Loch in der Wand, die Lücke in der Erzählung, das verbindet uns, Arthur.

Heddas Konflikt bleibt der zwischen Anpassung, um Pauli zu schützen, und Flucht und Widerstandskampf. Hier pendelt ihr Ich zwischen der „Rita“, der gefälligen Opportunistin, die sich für die Männer schminkt und sich ihnen unterwirft, und Edda Récord, der furchtlosen Kaimanen-Dompteurin, die dem Publikum das Fürchten vor dem Dschungel lehrt. Leider verbleibt die Diktion zu äußerlich, und leider doppeln sich die Motive auf den vielen Seiten unermüdlich, so dass der Roman am Ende wie eine Improvisation über ein paar Grundakkorde wirkt, ohne je die Freiheit zu erlangen und sich hin zu einer Melodie zu weben.

Am Ende wirkt Die Wut ist ein heller Stern wie ein holpriges Gemisch aus Nora Bossongs Reichskanzlerplatz und Anna Seghers Das siebte Kreuz aber im Stile einer die Erzählbarkeit der Welt bekämpfenden Marlene Streeruwitz aus Partygirl, eine Mischung, die sich konsequent selbst annihiliert.




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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Hedda Möller, jung, Anfang zwanzig, Akrobatin in einem Varieté namens Alkazar, hat einen an Rachitis leidenden kleinen Bruder Pauli, einen großen Bruder Jaan, der mit einem Walfangschiff ausfährt, und einen gewalttätigen Vater und eine kranke, schwer arbeitende Mutter, Thea.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1933: Hedda (H) und Henri besorgen Fleisch für Eddy und Fred, zwei Kaimane aus Südamerika, mit denen H in Arturs Alkazar-Zirkus auftritt. Sie beauftragen ein paar Kinder, Ratten zu fangen. H macht sich Sorgen um den Boxer Kuddel, Bruder der Mutter, Joist, Schmied, droht Jaan zu kündigen, sollte er weiterhin der Arbeit fernbleiben. Raabe, eine erfahrene Artistin, dient als Mutterfigur für H. H hilft ihrem kleinen Bruder Pauli mit Morgenspaziergängen am Hafen entlang, um seine Muskeln zu stärken. Nicht nur Jaan, auch H muss sich eine Bleibe suchen, Vater zu gewalttätig. Sie zieht bei der Prostituierten Leni ein. Der Trompeter, jüdischer Herkunft, darf nicht mehr auftreten. Kuddel wird beerdigt, Umstände seines Todes unklar (Karl Johann August Hacker). Kuddel Leitfigur für H, Vorsitzender des Barmbeker Kraftsportvereins. Joist stolz, dass sein Neffe (Jaan) bei einem Walfänger anheuert. Joist geprägt vom Ersten Weltkrieg. H will nicht, dass ihr Bruder fährt, will den Zusammenhalt der Familie stärken.
1934: Artur, dem Varieté-Besitzer, der eine Bande namens „Die Finken“ anführt, einem der Galionsfiguren des Rotlichtmilieus, platzt der Kragen während einer Vorstellung, wird verhaftet. H prostituiert sich bei „dem Grauen“ für Essen und Geld, um ihre Familie durchzubringen, findet Drogen dort (Laudanum, Opiumtinktur). Ein Kleinfabrikant setzt H nach. Sie lockt ihn in die Falle. „Die Finken“ bringen ihn um. Artur verliert Besitzungen. H trifft einen ehemaligen Kameraden aus dem Turnverein, Maks, der den Polo-Spielern bei der Olympia-Vorbereitungen in Klein Flottbek hilft. H wird ins Stadthaus gefahren, soll Artur verpfeifen. Sie spielt die systemtreue Opportunistin, stolz auf ihren Walfangschiff-Bruder. Die Maske gelingt. Sie wird auf freien Fuß gesetzt. Muss sich einer Hygieneuntersuchung unterziehen. H betäubt sich mit Laudanum.
1935: Das Alkazar wird in Brand gesetzt. H nimmt Drogen beim Grauen. Artur gibt auf. H sorgt sich um ihren Bruder, der der „Volkskörperreinigung“ zum Opfer fallen könnte wegen seiner körperlichen Gebrechen. Lehrerin, Fräulein Thamm, hilft Pauli. Sie kann aber Pauli nicht mehr länger in der Schule schützen, wegen Leibesübungen, die zur Pflicht werden. Ein Georg Leopold übernimmt das Alkazar, völkische Unterhaltung, aber immer noch mit Kaimane. Artur und Raabe untergetaucht. Wollen sich nach Holland absetzen. H will aber Pauli nicht zurücklassen. Treffen mit Maks, Selbstbefragung, ob sie sich eine neue Imago zulegen sollte. Leni und H bespaßen Pauli. Leni schlägt vor, sich tagsüber um ihn zu kümmern. H lehnt ab, da Leni als Prostituierte Pauli noch mehr gefährdet. Als ein neuer Name fürs Alkazar gesucht wird, schmuggelt sich Artur ins Haus und wütet. Er muss fliehen. H hilft ihm. Artur gibt H zwei Goldmark und flieht aus Deutschland. Fred, einer der Kaimane stirbt. Ausflug mit dem Grauen nach Lopau, lernt einen Tierpräparator kennen.
1936: Das von Maks betreute Polo-Team scheitert bei den Olympischen Sommerspielen. Sohn vom Grauen kommt zurück, vorerst keine Treffen mehr bei ihm zuhause. Suche nach Carsten, verschollen. Auch Eddy stirbt, keine Kaimane mehr. Carsten hat Flugblätter aus dem Untergrund verteilt, noch da mit Kontakt zur Milchstraße. H übernimmt Jaans Zimmer. Jaan fährt mit der Jan Wellem los, Walfett zu erbeuten. Walfangphantastereien. H hilft den Tischlern, bei denen sie wohnt, erhält einen Muff als Weihnachtsgeschenk.
1937: Leni versteckt sich vor den Hygienewächtern. H weiß, dass sie sich in Gefahr bringt, behält sie aber bei sich. Sie werden erwischt und getrennt. H wird sterilisiert, sieht Leni nicht mehr. Als H nach Hause kommt, hat die Nachbarin Grubemöller Pauli an die Fürsorge gegeben. H gelingt es gerade noch so, ihn zu befreien. Fährt nach Blankenese zur Lehrerin Thamm und kommt dort unter. Pauli bekommt neue Schienen. Carsten mittlerweile wahrscheinlich im Bürgerkrieg. H sucht Anstellung im ehemaligen Alkazar, Allotria, und tanzt dort wieder. Rastet kurz wie Artur aus, reißt sich zusammen. Verabschiedung von Maks, trägt auch das Abzeichen auf der Brust. H wähnt Leni auf Farmsen, „Isolieranstalt für Geisteskranke und Geistesschwache“. Rückkehr von Jaan, 10. 5. 1937. Jaan nicht abgehauen, nun bei der Sache, blutgetränkt, kriegswillig. H erschreckt, Jaan will bleiben. H flieht mit Pauli nach Amerika, auf der Hansa.
Epilog:
Artur streift durchs Nachkriegshamburg auf der Suche nach H und anderen, alt und verbraucht.
●Kurzfassung: Hedda Möller, Akrobatin, rettet ihren an Rachitis leidenden kleinen Bruder vor einem missbräuchlichen Vater und der nationalsozialistischen Fürsorge, die ihn zu töten droht. Der Plan, mit dem älteren Bruder zusammen zu fliehen, platzt. Sie wandert nur mit dem kleinen Bruder nach Amerika aus.
●Charaktere: (rund/flach) kaum als Charaktere erkennbar, nur Andeutungen
●Überflüssige Szenen/Charaktere: der ältere Bruder Jaan, die ganze Walfang-Abschnitte, berühren sich mit dem Rest des Buches reichlich wenig. Die Figur der Raabe, wie Marlene Dietrich, erschließt sich auch nicht. Sehr an den Haaren herbeigezogen auch das Polo-Team. Der Trompeter illustriert nur die Anti-Juden-Gesetzgebung, ohne eingebunden zu sein, Swing-Verbot.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Die Krankenhausszene, in der Hedda sterilisiert wird. Die Befragungsszene, in der Hedda freikommt, indem sie überzeugte Nationalsozialistin spielt. Die Szene in Lenis Zimmer, als sie für Pauli Pinguin spielen, Hedda Leni aber beleidigt.
●Diskurs: Vergangenheitsaufarbeitung, Minderheitenverfolgung im Dritten Reich, Rotlichtmilieu, Artistentum.
… eigentlicher Plot wäre das Verschwinden zuerst von Kuddel, dann von Carsten, dann das von Pauli, dem Bruder. Angst vor dem Verschwinden der Mitmenschen. Dieser Plot mischt sich nicht gut mit dem historischen Hintergrund, der fast gar nicht gegeben ist – die Probleme könnten in jedweden Rotlichtmilieu auftauchen und haben mit staatlichem Terror wenig zu tun. Andeutungsweise „das Rassenlineal“, Euthanasie-Androhung etc … dennoch wird der historische Hintergrund stiefmütterlich behandelt. Spannung Fehlanzeige. Im letzten Drittel entschiedener und mitreißender durch die phantasmagorische Ebene Heddas.
--> 3 Sterne


Form:
●Eindruck: eher ein traumatisierte Sprachzerstückelung, Vereinzelung, Zersprengung von Sinngehalten, als mimetische Form, den Angstraum darzustellen, den Druck, der auf Hedda lastet, das Bedrohungsszenario, das keine Zeit zum Nachdenken, Reflektieren, Zusammenfassen lässt, in Echtzeit, Nominativ-Staccato, Pointillismus, gehetzte Diktion, auf der Flucht
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) filmisch, in Schnitten, schnell, dramaturgisch mit Szenenanweisungen, Blitzlichtgewitter, Einsprengsel; fiktional, aber nicht unbedingt mit literarischen Mitteln.
●Auffälligkeiten: „Schsch“, „Kuddel“, „mit aneinandergepressten Beinen“ … aber vor allem eben das „Schsch“, das Sich-Bremsen, das Einhalten, das Verstummen, das viel zu häufig eingesetzt wird und dadurch irgendwann auch nervt. Auch „der Keiler“ nervte mich zunehmend als Symbol für den nationalsozialistischen Schergen.
●Innovation: radikale Sprachzerstückelung und mutige Dissonanzgeste
… die Sprache erscheint oft unausgeglichen, gehetzt, sehr alltäglich, dann mit ein wenig Platt, ein paar Lokalkolorismen, Automarken (Wanderer), und andere auf den zeitlichen Hintergrund anspielende Beschreibung, Stapellauf der Wilhelm Gustloff, Blohm & Voss, etc … leider haben die unvollständigen Sätze, der in Präsens gehaltene Stenographie-Rausch, eine leseerschwerenden Einfluss gehabt, kryptisch, kaum nachzuvollziehen, oft eher wie ein Gedicht, aber kein harmonisches, melodisches, eher disruptiv und traumatisiert. In seinem Anspruch, sprachschöpfend hier und da zu sein, auch gelungene Sequenzen (das Bienenbild), aber als Sprachungestüm herausstechend
--> 4 Sterne


Erzählstimme:
●Eindruck: im Stile eines Ich-Echzeitsgeschehen gehaltener Bewusstseinsstrom, mit vielen kleine Abschnitten, die eine Art Cut-Szenen-Sequenz erzeugen, insgesamt assoziativ, als sinnliche Gewissheit strukturiert, inkohärent, Vermischung von Erinnerung, Vorstellung und Wahrnehmung in situ. Die Sprünge, und teilweise sehr langen Pausen, erscheinen hier leider unplausibel. Es gibt also eine Redigierungsinstanz im Hintergrund, die sich aber nicht zeigt.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): es gibt keine wirklich Erzählinstanz, da diese ineinsgesetzt mit dem Erzählvorgang selbst, Perspektivierung und Reflexion fallen gänzlich weg, da in Präsens erzählt wird, die Erzählinstanz gar keine Zeit hat, sich die Ereignisse vor Augen zu führen.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: unmittelbar, ungeschönt, ungeformt, ungefiltert, fast reportagenhaft
●Einschätzung: die Erzählform wird häufig für Krimis gewählt, um Verfolgungsszenen zu plausibilisieren und zu inszenieren. Als längerer Roman ungewöhnlich, das Präsens stört, die Abfolge, die Schnelligkeit führt zu sehr großer Unübersichtlichkeit und die Figuren bleiben schwach entwickelt, ohne Innerlichkeit; es wirkt wie das zusammengeschnittene Protokoll einer Zeugenanhörung. Insofern gibt es vom Erzählrahmen überhaupt keine Glaubwürdigkeitsversuche, noch Strukturen, das Erzählte zu plausibilisieren. Die Auswahl fällt weg. Es ist drauf losgeschrieben. Improvisiert entlang von ein paar Hauptmotiven.
… ein wenig wie Claude Simon, nur eben nicht in der Retrospektive. Hinzukommt, dass die Erzählinstanz sich von sich trennt, sich in eine Maske begibt (die „Rita“, die Musterfrau), insofern auch psychogrammatisch disparat.
--> 1 Sterne


Komposition:
●Eindruck: es gibt keine Komposition; linear erzählt von 1933 bis 1937, mit ein paar Problemkomplexen.
●Signal/Noise-Ratio: viel Rauschen, viel Noise, viel Ablenkung
●Operative Geschlossenheit: keine
●Rahmenstabilisierende Details: keine
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr gleichförmig, sehr unübersichtlich
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: viele seltsame, nicht zuordenbare Sequenzen, wer spricht was, persönlichkeitsabspaltend.
●Reliefbildung: nein, gleichförmiges Rauschen, Tickern, Liveticker.
●Einschätzung: keine Verdichtung, sehr unbeweglich, starr, wenig Akzente, ein Teppich an Hauptworten. Besonders ärgerlich – der Abschluss, wer erzählt da in Echtzeit, im Präsens, und wieso, Hedda? Und wieso? Sie stellt sich das vor, aber wann …
--> 1 Sterne


Leseerlebnis:
●Zusammenfassung:
… gestört hat mich, dass der historische Hintergrund beliebig gewesen ist, die Nazis erscheinen als Drückerband in einem Rotlichtmilieu, setzen einem Varieté-Besitzer namens Artur zu, der zwei Kaimane und eine Akrobatin namens Hedda hat; Prostitution, Zuhälterei, Gesundheitsprobleme, all das verengt die Handlungsspielräume der Figuren, aber das hat nicht wirklich etwas mit staatlich organisiertem Terror zu tun, wirkt eher wie ein Bandenkrieg aus „Krieg der Knöpfe“ – die roten gegen die braunen.
… was mich noch gestört hat, die zerfetzte Erzählweise in Echtzeitperspektive mit Lücken dazwischen, eine Art literarischer Ego-Shooter der Unübersichtlichkeit, keine melodische Sprache, ruppig, hart, brüchig. Pointillismus-Verknappung. Filmschnitt.
… erleichtert bin ich, dass das Leiden des körperlich-beeinträchtigten Bruders Pauli nicht ausgenutzt wurde, sentimental-klischiert. Er leidet an der englischen Krankheit, Rachitis, Knochenerweichung wegen Sonnenlichtmangel (Vitamin-D).
●eigenständig? (Inhalt: ja/nein) nein, ohne historisches Wissen unverständlich, der Keiler, der Schnauzer, die Roten, die Braunen, das alte Land etc …
●glaubwürdig? (Erzählinstanz: ja/nein) in seiner Rohform schon, nur nicht überzeugend
●schön? (Sprache/Form: ja/nein) nein, zu hastig, zu gehetzt, zu abgehackt
●stimmig?(Komposition: ja/nein) als Trauma-Widerspiegelung ja
●ein zweites Mal lesen? nein
--> 1 Stern

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Profile Image for Gedankenlabor.
865 reviews125 followers
November 20, 2025
„Die Wut ist ein heller Stern“ von Anja Kampmann ist für mich ein beeindruckendes sehr atmosphärisch dichtes Werk, das auch einen ganz eigenen nahezu poetischen Touch mit sich bringt und das mich vom ersten Moment an gefesselt hat. Im Zentrum der Geschichte steht hier Hedda, eine junge Artistin im Varieté „Alkazar“ auf der Reeperbahn. Während sie auf der Bühne ihren Traum lebt und sich zugleich um ihren kleinen Bruder Pauli kümmert, dringen außerhalb des Scheinwerferlichts immer stärker die Zeichen der neuen Zeit vor. Zunehmend werden mehr Uniformen im Publikum gesichtet, die Freiheit- auch das Gefühl der künstlerischen Freiheit schwindet mehr und mehr und eine Angst, die ich als Leser sehr spüren konnte macht sich breit und beeinflusst nicht nur Heddas Alltag und Leben. Heddas älterer Bruder Jaan flieht vor dieser Enge und heuert als Harpunenschmied auf einem Walfänger Richtung Antarktis an, jedoch ist das eine Entscheidung, die einerseits zwar Hoffnung und Sehnsucht aber eben auch Gefahr miteinander verknüpft. Zwischen familiären Erwartungen, dem gesellschaftlichem Druck und der Suche nach einem selbstbestimmten Weg kämpft Hedda um ihren Platz in einer Welt, die zunehmend feindselig und gefährlich wird.
Anja Kampmann schreibt klar, mit diesem besonderen leicht poetischen Touch und doch auch mit dem Ton der Reeperbahn zur damaligen Zeit. Diese Kombination hat es für mich als Leser einerseits fordernd, aber eben auch besonders greifbar und spürbar gemacht, wie sehr sich mehr und mehr die Gefahr aufbaut, die Enge der politischen Gegebenheiten nahezu die Luft der Freiheit zum atmen nehmen.
Themen wie Verlust, das dingende Bedürfnis nach Freiheit und freiem Leben, aber eben auch Mut und Stärke der einzelnen Protagonisten kommt hier zusammen und auch wenn mich das Buch durchaus gefordert hat, sprachlich als auch thematisch, war "Die Wut ist ein heller Stern" von Anja Kampmann ein sehr intensiver, bewegender Roman, der für mich persönlich definitiv noch länger nachhallen wird.
Profile Image for Buchdoktor.
2,425 reviews194 followers
August 18, 2025
Hedda Möller arbeitet 1933 auf der Reeperbahn in Arthur Wittkowskis Varieté „Alkazar“ als Artistin am Seil über einem Becken mit Kaimanen. Arthur hat früher im Hafen geschuftet, ist bestens vernetzt und beschäftigt durch sein Etablissement zahlreiche Menschen, die in den Krisenjahren zuvor hätten stempeln gehen müssen. So unterstützt er eine Familie mit mehreren Kindern, die ihn mit Ratten als Futter für die Kaimane versorgen. Als im Alkazar immer drängender geraunt wird, wer alles verschwunden sein soll, reißt Arthurs Enteignung Menschen wie Hedda und ihren behinderten Bruder Pauli mit. Da Pauli durch Rachitis sichtbar körperlich behindert ist und die Mutter der Geschwister arbeitet, wird es für Hedda immer schwieriger ihn vor dem Zugriff der „Wohlfahrtsbehörde“ zu verstecken – und andere dafür zu bezahlen. Während der ältere Bruder Jaan darauf wartet, als Harpunenschmied auf einem Walfänger anzuheuern und sich vor politischer Verfolgung in Hamburg zu retten, zieht sich um Hedda und die Prostituierte Leni, mit der sie Bett und Decke teilt, das Netz der NS-Rassenpolitik immer enger zu. Unter dem Vorwand der Gesundheitsfürsorge wird an Menschen wie ihnen das „Rasselineal“ angelegt. Wer als Kommunist verdächtigt wird, keine arischen Vorfahren nachweisen kann oder sein Geld auf der Reeperbahn verdient, wird denunziert, verhaftet, deportiert oder zwangssterilisiert. Über den Ereignissen schwebt stets die Drohung, dass sich gerade auch Männer, die den Rollenerwartungen nicht entsprechen, seit 1933 in Gefahr befinden.

Im Wechsel zwischen Hedda und Jaan als Icherzähler und einem allwissenden Erzähler erfahren wir von kleinen Leuten, die in den 30ern von der Hand in den Mund leben, von neuen Herren in schwarzen und braunen Uniformen, aber auch über Deutschlands Kolonie „Deutsch- Südwest“ (Namibia) und den Ausbau der „Jan Wellem“ zum Walfänger. Wer gerade frisch Unform trägt wie Heddas Vater, war vermutlich gestern noch arbeitslos, hieß es. Die zahlreichen Verbindungen zwischen den Figuren legt Anja Kampmann in einer Tonlage offen, die mitten im geraunten Satz stehen zu bleiben scheint, realistisch zu einer Zeit, in der man besser nicht hinsah oder hinhörte, um sich nicht selbst in Gefahr zu bringen.

Fazit
Wer hier reale und wer fiktive Person ist, wer über wen eine schützende Hand hielt und welche Ereignisse tatsächlich stattfanden, ergibt einen berührenden Roman vor der Kulisse des Hamburger Hafens mit seinen Werkstätten und Lagerhäusern. Mich hat besonders die Verknüpfung zum Arbeitermilieu und zu kleinen Handwerksbetrieben interessiert, ein realistisches Gegengewicht zur glitzernden Fassade der Vergnügungsmeile. Um die Beziehungen zwischen den Figuren nachzuvollziehen, leistet das Namensregister im Anhang mit über 60 Einträgen gute Dienste – wer dieser Spur folgen möchte, sollte zur Printausgabe greifen.
Profile Image for Hannah.
1 review1 follower
Read
February 17, 2026
Konnte nicht ins Buch und in den Schreibstil finden
Profile Image for MsWatson.
154 reviews2 followers
August 21, 2025
„Die Wut ist ein heller Stern“ von Anja Kampmann ist ein Roman, der sich Zeit nimmt – viele Seiten voller Sprache, die nicht nur erzählt, sondern lebendig ist, atmet, malt, spiegelt und mich durchaus an vielen Stellen zum Nachfühlen bewegt hat.

Im Mittelpunkt steht Hedda, die sich mit unerschütterlicher Entschlossenheit ihren Platz als Artistin im Varieté Alkazar auf der Reeperbahn erkämpft hat. Sie lebt ihren Traum, steht auf der Bühne, spielt mit der Kraft des Augenblicks und mit der Faszination, die ihr Körper, ihre Kunst bei ihren Auftritten beim Publikum hervorruft. Doch während das Rampenlicht sie scheinbar ins Zentrum rückt, verschieben sich die Schatten immer mehr, denn wir schreiben das Jahr 1930 und bewegen uns in einer Zeit, in der Uniformen sich immer deutlicher in die erste Reihe des Publikums schieben und in der Kunst, Freiheit und Weiblichkeit zunehmend unter ideologischen Druck geraten.

Heddas persönliche Situation verstärkt diese Spannungen - sie lebt zwischen Bühne, Familienpflicht und einer politischen Realität, die unberechenbarer und gefährlicher wird. Kampmann verknüpft das Private mit dem Politischen und verfällt dabei glücklicherweise nicht ins Didaktische. Sie zeigt in ihrem Buch eine Frau, die zwischen Selbstbehauptung und Fürsorge, zwischen Träumen und Angst nach einem Ort sucht, an dem sie bleiben kann, ohne sich selbst zu verraten oder verletzt zu werden.

Die Erzählung ist viel mehr als eine lineare Handlung. Kampmann schafft es, Atmosphäre so dicht zu gestalten, dass die Lektüre beinahe körperlich spürbar wird. Sie nimmt sich Zeit für innere Monologe, für die feinen Regungen von Angst, Sehnsucht oder Zweifel. Das Varieté mit seinen Lichtern, Kostümen und glitzernden Fassaden wird kontrastiert von der Härte der Zeit, die immer deutlicher in die Figuren einschneidet. Die erzählerische Tiefe entsteht gerade daraus, dass nicht jede Spannung sofort aufgelöst, nicht jedes Geheimnis restlos erklärt wird. Manchmal sind diese Momente wirklich so fesselnd und so bedrückend, dass man sich wirklich in diese Zeit hineinversetzen kann. Zumindest glaubt man das. Wirklich werden wir das nie können. In Summe ist der Roman ein vielschichtiges Bild aus Fragmenten, Erinnerungen, Andeutungen und stillen Momenten, die zusammen ein eindrucksvolles Panorama dieser Zeit ergeben.

Ihre Figuren zeichnet sie wirklich mit enormer Gründlichkeit und baut mit großer Sorgfalt die Atmosphäre einer Epoche auf, die einfach nur düster ist - und dennoch helle Räume bereithält, in denen die Protagonisten bestmöglich zu leben versuchen. Es ist ein Roman, der Geduld verlangt, aber dafür ein umso intensiveres Leseerlebnis schenkt. Wer sich auf den Rhythmus der Sprache einlässt, entdeckt nicht nur eine Geschichte über eine Frau im Widerstand gegen äußere und innere Zwänge, sondern auch ein Stück Literatur, das mit seiner Tiefe deutlich nachhallt.

„Die Wut ist ein heller Stern“ ist ein Buch, das in seiner sprachlichen Schönheit ebenso überzeugt wie in seiner thematischen Härte. Es erzählt von der Fragilität weiblicher Freiheit in einer feindlichen Welt, von Verantwortung und Sehnsucht, von Mut und Verletzlichkeit. Ein leises, aber intensives Werk, das in seiner Länge und Tiefe ein beeindruckendes Beispiel dafür ist, wie Literatur Menschen und ihre Zeit in all ihren Widersprüchen sichtbar machen kann.
Profile Image for Buchverliebt und leselustig.
96 reviews1 follower
September 1, 2025
Zwischen Anspruch und Zugangsschwierigkeiten

Anja Kampmann erzählt in Wut ist ein heller Stern die Geschichte von Hedda, die in den dreißiger Jahren als Artistin auf der Reeperbahn ihren Traum lebt – und doch spürt, wie sich die Freiräume durch die politischen Veränderungen immer mehr verengen. Zwischen Varieté, Uniformen im Publikum und den Fragen nach Vertrauen und Zukunft entfaltet sich eine Geschichte weiblicher Selbstbehauptung in einer Zeit, die Frauen kaum Raum ließ.

Die Sprache der Autorin ist kraftvoll, bildreich und von einer besonderen Atmosphäre getragen – zugleich war genau das für mich persönlich die größte Hürde. Der Verzicht auf wörtliche Rede und die kunstvolle Dichte haben es mir schwer gemacht, in den Text einzutauchen. Trotz mehrerer Versuche konnte ich keinen Zugang finden und habe die Lektüre schließlich abgebrochen.

Fazit: Wut ist ein heller Stern ist ein Werk von literarischem Anspruch und thematischer Relevanz, das zweifellos viele Leser:innen berühren wird. Für mich blieb es jedoch sprachlich unzugänglich. Da ich den Roman nicht beendet habe, bewerte ich neutal mit 3 Sternen – aus Respekt vor einer Erzählung, die anderen sicherlich viel geben kann.
Profile Image for Inge H..
488 reviews9 followers
August 19, 2025
1930er Jahre in Hamburg

Anja Kampmann führt uns in ihrem Roman, Die Wut ist ein heller Stern, in die 1930er Jahre.
Da weiß man ja inzwischen, das alle anders Denkende oder Behinderte um ihr Leben Angst haben müssen.
Auch wenn es eine fiktive Geschichte ist, sind ja viele Gretel wirklich geschehen.
Die Autorin schreibt das alles in einem poetischen Stil, das nimmt mich noch mehr mit.
Das ganze spielt in Hamburg.
Hedda arbeitet am Varitee um für den kleinen Bruder Pauli eine Pflegestelle bezahlen zu können. Ihr Bruder Jan arbeitet eine Reise lang als Walfänger.
In der Zeit musste Hedda schreckliches mitmachen.
Der Roman ist von der Autorin besonders geschrieben.
Es lohnt sich ihn zu lesen.


Profile Image for Dr..
58 reviews
February 22, 2026
Das Buch konnte ich nur schwer aushalten. Die Sprache ist verdichtet und braucht viel aufmerksames Lesen. Das braucht jedes Buch, aber dieses Buch braucht es besonders. Die Erzählungen von Menschen auf der Straße, im Handwerk, im Varieté, die zunehmende Repressionen für alle, die dem "Rasselineal" nicht genügen, in den frühen Jahren der Nazizeit sind beklemmend real. Besonders betroffen macht mich, dass Menschen nach 1945 nicht angeklagt und verurteilt werden, die Menschen entrechtet und entwürdigt haben (u.a. durch Zwangssterilisationen). Sie gelangten erneut in leitende Positionen der neuen Bundesrepublik. Die erzahlte Entrechtlichung und Entwürdigung im Alltag brennt sich nachhaltig in meine Erinnerung an dieses Buch ein.
Profile Image for Ralf Wiedemann.
11 reviews
February 17, 2026
Die(se) Sprache ist ein heller Stern...

In einer lyrischen sehr dichten Sprache entwirft Anja Kampmann das Porträt einer jungen Frau -Seiltänzerin im Varietè - am Beginn der NS-Zeit in Hamburg und zeichnet gleichzeitig das einer Epoche. Erschreckend wie sehr diese Zeit der unsrigen ähnelt und sich doch -noch - unterscheidet...
Konsequent aus weiblicher Sicht beschreibt der Roman den beginnenden Terror der Nationalsozialisten und ihrer Vasallen. Es zeigt die Emanzipation und die Stärke einer Frau, die buchstäblich am Seil hängt und sich in einer immer roher gebärdenden Männerwelt behaupten muss. Chapeau!
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