Denial of Service
ist eines dieser Bücher, das ich nicht einfach nur gelesen, sondern, dass mich begleitet hat. Still, intensiv und fordernd.
Es ist kein Sci Fi Thriller, der alle Antworten liefert oder klare moralische Urteile fällt. Stattdessen öffnet er Räume. Möglichkeitsräume, in denen Gedanken fließen dürfen, sich verheddern, neu zusammensetzen.
Was mich sehr abgeholt hat, ist Aikis Umgang mit Intimität. Nähe, geistig wie körperlich. Aiki schreibt Gefühle schnürkellos und trotzdem zart, schön. Schönheit entsteht in Aikis Büchern in Details: eine Beinprothese, spitze Schultern wie abgeschnittene Flügel, Blicke, die sich wie GIFs zwischen Menschen bewegen. Formulierungen, in denen für mich etwas stattfindet, das ich so noch nicht gedacht oder gefühlt habe und genau darin liegt für mich ihre Kraft. Diese Sprache ist an manchen Stellen ein bisschen Total-Alien-Syndrom. Entkoppelte Sprachwirklichkeit.
Ein Satz des Botmädchens hat sich besonders bei mir eingebrannt:
„Dingen Bedeutung zu verleihen, darin seid ihr gut. Euch darum zu kümmern – weniger.“
Dieser Gedanke zieht sich für mich durch das ganze Buch. Und er erinnert mich stark an Mary Shelley: nicht an das Staunen über die Schöpfung, sondern an die Verantwortung, die mit ihr einhergeht. Es geht nicht um die Großartigkeit der Erfinder:innen, sondern um die Folgen des Erfindens. Genau deshalb liebe ich Aikis Blick auf Technik, KI, Bots, Hybride und Synths. Sie sind hier keine reinen Werkzeuge, keine Monster, kein „slop“, sondern lebendiger Teil einer Welt, die Verantwortung einfordern.
Und ich mag Jov sehr, weil ich mich in ihrem Empfinden, ihrem Suchen und Zweifeln wiederfinde. In ihrer schroffen, manchmal ungeschickten Art sich auszudrücken und dem Wunsch nach Verbindung, die eine andere Ebene als reine körperliche Anziehung meint.
Überhaupt fühlen sich Aikis Bücher für mich ein bisschen wie Ghibli-Filme an: Es gibt kein klares Gut und Böse. Niemand ist einfach nur böse. Weder Feldmann noch Omono noch Lele noch das Botmädchen. Selbst Entscheidungen, die falsch oder verletzend sind, entstehen aus Kontexten, Bedürfnissen, Begrenzungen. Alles ist in Bewegung. Alles ist immer im Fluss.
Die Vielzahl an Figuren: Chala, Zuzie, Tad, Per und Fatma, Omono, Sasha, Hugo, Lele, Beexone II, weben ein dichtes, lebendiges Netz. Wir bekommen so viele verschiedene Realitäten von Leben und Erleben und Überleben präsentiert, die so unterschiedlich und alle auf ihre Weise faszinierend sind.
Frankfurt selbst wird dabei zur Kreatur: aus Stahl, Glas und modularer Architektur, vollautomatisiert, KI-autonom, atmend.
Und dann ist da Chala. Ein Kid, das stirbt. Und dessen Tod nichts auslöst. Denial of Service.
Protokolle greifen nicht. Mechanismen versagen. Und genau darin beginnt etwas. Keine Explosion, kein lauter Umbruch, sondern eine leise, tiefgreifende Verschiebung. Frankfurt verändert sich. Nicht nur äußerlich, sondern in seinem Wesen.
Denial of Service
ist für mich aufregend unaufgeregt. Trotz Mord, Angst, Prekarität. Trotz der geistigen Anstrengung, den einzelnen Realitäten und Gedankenströmen zu folgen. Oder vielleicht gerade deswegen. Aikis Bücher fordern mich, aber sie überfordern mich nicht. Sie laden mich ein, mitzudenken, mitzuspüren, mich treiben zu lassen. Dieses Denkanegbot ist besonders und für mich liegt die Stärke des Buches nicht in den Antworten, die gegeben werden, sondern in den Fragen die gestellt werden und auf die ich mich einlassen kann. Denn wie das Botmädchen sagt: “Es gibt kein Zurück mehr. Nur die Zukunft.”
Wie schon Proxi hat mich auch dieses Buch überrascht. Anders. Leiser. Aber nicht weniger kraftvoll.
Eine Zukunft, die unausweichlich ist (in welche Form auch immer wir die unsrige erleben werden) und die mehr sein kann als nur Verlust. Denn zurück gehen wir nicht mehr. Aber vielleicht lernen wir, besser hinzusehen. Und uns dann zu fragen: Was würde es für uns bedeuten, all diese Wesen, die mit uns leben, wahrzunehmen?