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Großmutters Geheimnis

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1943. Die junge Opernsängerin Ruth wird nach Theresienstadt deportiert, nur die Liebe zur Musik gibt ihr Hoffnung. Ein halbes Jahrhundert später erzählt sie einem schnarrenden Kassettenrekorder in einem New Yorker Altersheim ihre Geschichte. Dänemark, 2015: Alexander kämpft mit seiner Gesangskarriere und einem unerfüllten Kinderwunsch, den er und seine Frau so sehr haben. Seine Mutter mischt sich ständig in sein Leben und seine Ehe ein, bleibt aber ungewohnt still, wenn es um ihre eigene Herkunft geht. Eines Tages findet Alexander auf dem Dachboden zwei kleine Kassetten, und als er sie abspielt, knistert ihm eine Stimme aus der Vergangenheit entgegen. Von Kopenhagen über Deutschland und New York - »Großmutters Geheimnis« ist eine warmherzige, das letzte Jahrhundert umspannende europäisch-jüdische Familiengeschichte über vererbte Traumata und die erlösende Kraft der Musik, inspiriert von der Familiengeschichte des Autors, ausgezeichnet mit dem dem wichtigsten dänischen Literaturpreis, der Goldenen Lorbeere.

488 pages, Kindle Edition

Published October 29, 2025

21 people want to read

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Benjamin Koppel

6 books16 followers

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Community Reviews

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Displaying 1 - 8 of 8 reviews
Profile Image for LeserinLu.
332 reviews39 followers
November 6, 2025
Benjamin Koppels Roman „Großmutters Geheimnis“ ist ein vielschichtiger Familienroman über Schweigen, Erinnerung und die Weitergabe von Trauma über Generationen hinweg. Die Kapitel wechseln zwischen Alexanders Perspektive im modernen Kopenhagen und Ruths nachträglichen Tonbandaufnahmen aus einem Altenheim in New York, in denen sie zum ersten Mal über ihre verdrängte Vergangenheit während der NS-Zeit spricht. Besonders Ruths Erzählstimme fand ich dabei sehr authentisch, erst nach und nach entfaltet sich ihre Geschichte. Alexanders Geschichte fand ich aber auch interessant: Es geht recht ausführlich um eine Kinderwunschbehandlung mit seiner Freundin Gry. Das hatte ich so detailliert nicht erwartet, fand es aber insgesamt dann sehr stimmig.

Koppel verbindet in seiner Geschichte so die Themen Erbschaft und Identität mit aktuellen Fragen: unerfüllter Kinderwunsch, Beziehungsdruck, emotionale Überforderung. Alexanders Unfähigkeit, seiner Partnerin Gry in der schwierigen Zeit beizustehen, wird plausibel als Ausdruck eines tieferliegenden, generationsübergreifenden Traumas erzählt. Ruths Erzählung über ihre Jugend, Flucht und das Überleben als Jüdin ist der erschütternde Kern des Romans, der von Ruths Erzählstimme lebendig und erschütternd erzählt wird. Der gemeinsame Nenner der Familienmitglieder über die Zeiten hinweg ist dabei die Musik, deren Wirkung im Roman ausführlich beschrieben wird - wer insbesondere Mahler und Verdis Requiem liebt, wird an diesen Beschreibungen seine Freude haben.

Das Ende des Romans, an dem die beiden Erzählstränge zusammengeführt werden, kann man sicher begründet kritisieren, mir hat es aber gut gefallen und es hat mich berührt. Insgesamt war für mich deshalb auch Koppels zweiter Roman nach seinem Debüt „Annas Lied“ eine tolle Lektüre und ich werde auch sein nächstes Buch sehnsüchtig erwarten.
Profile Image for Magnolia .
580 reviews3 followers
November 5, 2025
Ruths Geschichte überzeugt, der zweite Erzählstrang dagegen weniger

In Kopenhagen begegne ich Gry und Alexander und Lillian, seiner Mutter, einer gefeierten Musical-Sängerin. Wir schreiben das Jahr 2015. Lillians Geburtstagsvorstellung zu ihrem Siebzigsten steht an, die Bühne war ihr Metier und dahinter war seit jeher Alexanders Kinderstube. Dort hat er auf sie gewartet. Auf sie, den Star, ihr Kind hatte nur allzu oft das Nachsehen. Auch heute noch wähnt sich Lillian im Mittelpunkt, drängt sich in Alexander und Grys Leben, ist übergriffig und auch hat sie Alexander die vor langer Zeit von ihrer Mutter Ruth besprochenen Kassetten für ihn nie gegeben. Alexander verdient seine Brötchen als Musiker, er und Gry sind schon lange zusammen. Ihr Kinderwunsch hat sich nie erfüllt und nun versuchen sie es schon länger mit der In-vitro-Fertilisation.

Und da ist Ruth, die ich als junge Frau im Jahre 1943 sehe. Die Musik liegt ihr im Blut, ihre Stimme ist die einer Opernsängerin. Bis zu dem Tag, als sie und ihr Vater nach Theresienstadt deportiert werden, als sie verstummt. Dorthin folge ich ihr, sehe ihr tagtägliches Leid, ihr Elend und das ihrer Mitgefangenen. Benjamin Koppel beschreibt die Herrschaft der Nationalsozialisten und das Dahinvegetieren im Lager sehr eindringlich, die Qualen, deren die Inhaftierten ausgesetzt sind und so manch Martyrien, deren sie sich nicht erwehren können.

Und da ist die alte Ruth, die schon lange erblindet ist. Sie ist die älteste von vier Geschwistern, es verschlägt sie von Polen nach Dänemark, sehr viel später dann lebt sie in den USA. Dort bespricht sie für ihren Enkel, den sie nicht kennt, diese Kassetten, die er auf dem Dachboden seiner Mutter findet.

Vor einiger Zeit habe ich „Annas Lied“ von dem Autor gelesen. Auch dieses Buch ist ein Zeugnis einer Zeit, voll politischer Wirren, über eine jüdische Familie, die ihren Glauben hoch hält. Also war ich voller Vorfreude, als ich „Großmutters Geheimnis“ in Händen hielt. Ruths Part hat mir sowohl als junge und auch als sehr alte, 96jährige Frau, gut gefallen. Ich konnte ihr folgen, konnte sie verstehen, habe mit ihr gelitten. Ruths Geschichte hätte wesentlich mehr Raum verdient, denn auch wenn zwei Zeitebenen wechselseitig erzählt werden, so müssen sie beileibe nicht den in etwa gleichen Umfang haben.

Alexanders und Grys Geschichte mitsamt Lillians Dasein in der Jetztzeit nehmen dem Buch sehr viel. Gefühlt lese ich in dieser Erzählebene nur von der Fertilitätsbehandlung, gespickt mit einigen Nebensächlichkeiten. Schade, denn „Großmutters Geheimnis“ hat mit diesem über den in zu vielen Seiten ausgewalzten Kinderwunsch nichts zu tun.

Wäre noch das Ende, das zu gewollt geraten ist. Nicht alles muss sich in Wohlgefallen auflösen, nicht alles bis ins kleinste Detail geklärt sein. Von meinen anvisierten vier Sternen bleiben letztendlich drei übrig.
Profile Image for Gerwine Ogbuagu.
11 reviews
October 31, 2025
Antworten vom Dachboden

Diesen Roman kann man in gewisser Weise als Fortsetzung von „Annas Lied“ sehen. Er schließt nicht direkt an, aber enthält besonders gegen Ende Charaktere aus „Annas Lied“. Koppel ist ein großartiger Erzähler. Dieser neue Roman erzählt in zwei Strängen das Schicksal einer Familie, deren Mitgliedern wir zum Teil in „Annas Lied“ begegnet sind. Wir treffen den Musiker Alexander und seine Freundin Gry. Deren Geschichte ist hauptsächlich ihr Kinderwunsch. Dazu müssen sie Termine in einem Krankenhaus einhalten, nicht nur einen, viele, denn das Vorhaben klappt lange nicht. Alexander ist zerrissen von dem Schmerz, dass sein Sperma zu schwach scheint, ein Kind zu zeugen. Er hat Schuldgefühle, dass Gry in der Klinik Schmerzen ertragen muss. Doch Gry ist es, die immer wieder Versuche starten will. Über Gry und Alexander zu lesen ist traurig und erfreulich zugleich, denn sie sind einander sehr zugewandt.
Der zweite Strang ist die Geschichte der Vergangenheit seiner jüdischen Familie: Alexanders Großmutter hat Kassetten besprochen, die sie an ihren Enkel geschickt hat. Sie lebt inzwischen in einem Heim bei New York. Diese Kassetten hat Alexander auf dem Dachboden seiner Mutter gefunden, als er ihr beim Aussortieren von Sachen hilft. Seine Mutter hat die Kassetten von ihm fernhalten wollen. Auch sie selbst ist Teil von Großmutters Geheimnis, das sie nicht anrühren möchte. Es ist ein super Kunstgriff, die Geschichte der Großmutter von den Kassetten zu erfahren.
Alexander beginnt die Kassetten zu hören. Er fragt sich was seine Großmutter dazu gebracht hat, die Bänder für ihn aufzunehmen. Er nennt es „sie streckt ihre Hand nach ihm aus“. Gry findet die Erinnerungen spannend, sie zitiert ihre Professorin die rät, dass man über alles reden soll, was einem so durch den Kopf geht. Gry forscht über die Bedeutung von Traumata in ihren Studien. Dieses Thema ist hochaktuell, in der heutigen Forschung haben Traumata endlich einen wichtigen Platz eingenommen.
Die Geschichte ist reich an Überraschungen, je weiter man sie liest. Man kann sie kaum aus der Hand legen.
Diesen Roman halte ich für eines der wichtigsten Bücher der Gegenwart. Themen werden angesprochen, deren Bedeutung mehr und mehr zunimmt. Sie rufen geradezu danach, sich ihnen zu widmen. Koppel hat diese in bewundernswerter Weise bearbeitet und ihnen einen Platz in der Literatur der Gegenwart verschafft. Ich wünsche diesem Buch, das den dänischen Literaturpreis „Goldener Lorbeer“ (De Gyldne Laurbær) erhielt eine weite Verbreitung und damit unendlich viele Leser.




29 reviews
November 19, 2025
Die Vergangenheit beeinflusst uns immer

Ein Roman der in zwei Zeitebenen ja auch Perspektiven erzählt wird: Alexander und Alexanders Großmutter Ruth.

Alexander, im Jahr 2015 in Kopenhagen, Musiker in einer Fernsehshow, Nachkomme einer bekannten Musikerfamilie, von der er eigentlich nur seine (eher egozentrische) Mutter Liliane kennt. Als Fernsehmusiker verdient er sein Geld, lebt etwas das Musikerklischee von Drogen und Alkoholkonsum. Er versucht mit seiner langjährigen Freundin ein Kind durch künstliche Befruchtung zu bekommen. Greifbare Selbstzweifel von Alexander begleiten den Leser durch diese Abschnitte.

Ruth, Musikerin und Überlebende aus Theresienstadt, nimmt zu einem unbestimmten Zeitpunkt, allerdings schon in höherem Alter, in New York Tonbänder für ihren Enkel Alexander auf. Neben Beschreibungen ihres derzeitigen Alltags in einem Pflegeheim, erkundigt und sehnt sie sich nach Alexander, den sie nicht kennt. Sie spricht auf den Tonbändern ihre Lebensgeschichte nieder von einer glücklichen Jugend, die durch Musik geprägt war, bis hin zu schrecklichen Zeit in Theresienstadt ab 1943

Ein Roman der einerseits lange ist und andererseits auch wieder nicht. Während in Alexandersteilen über weite Strecken wenig passiert (kein Fortschritt, man dreht sich im Kreis), stolpert man mit Ruth, doch recht rasant durch ihr Leben, oder sagen wir prägendsten Jahre. Wir begleiten sie in ihrer Erinnerung von der Jugend bis kurz nach dem Ende ihrer Zeit in Theresienstadt. Auch das Ende kommt dann etwas rasch.

Speziell Ruths Kapitel, fand ich trotz eines gewissen Tempos schwer zu lesen, da sie natürlich sehr berührend ja bedrückend waren. Dies ist natürlich neben dem Thema auch dem entsprechendem Erzählstil geschuldet.

Ein Roman sehr tief in die Welt der Musik eintaucht und jedes Musikstück, egal in welcher Umgebung es gespielt wird feiert. Es ist bewundernswert mit welcher Hingabe Musikstücke beschrieben werden – Stimmen, Musikinstrumente, Tonarten.

Ein weiteres bzw. das zentrale Thema des Buches ist Generationentrauma. Wie beeinflusst das Leben der vorherigen Generationen das eigene, auch wenn man das Trauma so nicht mit erlebt hat. Ein denke ich sehr wichtiges Thema um viele Konflikte zu verstehen, denn Trauma gibt es ja in unterschiedlichsten Gestalten.

Für mich war es definitiv ein lesenswertes Buch, da ich das Thema Generationentrauma wichtig finde. Ich werde bei Gelegenheit auch das Vorgängerbuch Annas Lied lesen. Auch dabei erwarte ich wie hier kein Buch, dass sich leicht nebenbei lesen lässt.
Profile Image for Melanie.
461 reviews5 followers
November 8, 2025
Großmutters Geheimnis findet auf zwei Zeitebenen statt. Die eine, die Gegenwart, in Kopenhagen beginnend im Jahr 2015 und aus Sicht Alexanders, der mit seiner Freundin Gry versucht, ein Kind zu bekommen, die andere in Monticello, New York, ohne Zeitangabe - es sind Kassettenbänder, die Ruth Koppelmann, Alexanders Großmutter, für ihren Enkel bespricht und in denen sie ihm ihre Geschichte erzählt.

Während wir erfahren, wie Ruth zunächst behütet und glücklich im Kreis ihrer großen jüdischen Familie aufwächst und ihren Lebenstraum, Sängerin zu werden, verfolgt, lesen wir davon, wie Alexander und seine Freundin sich den Qualen einer Kinderwunschbehandlung unterziehen. Auch Alexander ist Musiker geworden und spielt in einer Band. Seine Mutter Lillian, die sich von ihrer Mutter Ruth vor Jahren entfremdet hat und keinen Kontakt mehr zu ihr hat, ist eine berühmte Musical-Darstellerin. Das Band der Musik zieht sich durch die Familie Koppelmann und durch den Roman. Ruth und ihr Vater werden im 2. Weltkrieg deportiert und nach Theresienstadt ins Ghetto gebracht.

Die beiden Stränge entwickeln sich parallel beim Lesen. Ich lese gerne Bücher mit verschiedenen Zeitebenen und das Thema, ob Traumata sich vererben können auf nachfolgende Generationen hat mich sehr angesprochen. Die "Kassetten" von Ruth waren eine wirklich gute Idee und der Strang hat mich bis zum Schluss sehr berührt und gefesselt. Der Gegenwartsstrang dagegen hat mich leider manchmal etwas enttäuscht. Alexander ist ein sehr unsympathischer Charakter in meinen Augen, der verantwortungslos und selbstsüchtig handelt. Seine Mutter Lillian ist ebenfalls ein schwieriger Charakter und hat mich in den Gegenwartsszenen oft wütend gemacht. Einzig Alexanders Freundin Gry konnte ich sehr fühlen, wenn ich auch absolut nicht wie sie hätte handeln können. Die Beschreibung der Kinderwunschbehandlungen waren sehr krass und vermutlich sehr realistisch, die haben mich echt mitgenommen.

Alles in allem ist das Buch sehr gut geschrieben und viele Szenen haben mich berührt und gefesselt. Der Schluss ist dann leider für meinen Geschmack deutlich zu kitschig geraten und wird dem Rest des Romans nicht gerecht.
Dennoch gebe ich eine Leseempfehlung ab für einen gut geschriebenen Roman mit einem interessanten und wichtigen Thema!
Profile Image for Lisa_V.
741 reviews3 followers
November 3, 2025
Thematisch interessant, Umsetzung aber wenig überzeugend

„Großmutters Geheimnis“ war mein erstes Buch des Autoren Benjamin Koppel und wird wahrscheinlich auch das letzte bleiben. Dabei ist der Roman inhaltlich doch eigentlich richtig interessant. Es gibt zwei Zeitstränge, Großmutter Ruth erzählt aus ihrer Vergangenheit und Enkel Alexander begleiten wir 2015/16. An sich erst mal ein klassischer Aufbau welchen viele historische Romane nutzen. Der Einstieg war für mich allerdings in beiden Erzählsträngen holprig. Die Lebensgeschichte von Ruth ist zwar durchgehend interessant, am Anfang ist die Erzählung aber noch sehr sprunghaft und etwas diffus. Nach und nach gewinnt sie dann aber an Kraft und geht auch mehr und mehr in die Tiefe. Besonders der Aufenthalt im Durchgangslager Theresienstadt wird sehr bewegend und authentisch geschildert.

Mit dem aktuelleren Strang wurde ich im Gegenzug dazu nie richtig warm. Einfach alle drei Hauptfiguren waren mir dermaßen unsympathisch, zudem konnte ich Alexanders Verhalten Streckenweise überhaupt nicht nachvollziehen. Manches erklärt sich zwar im Handlungsverlauf, aber längst nicht alles. Dominiert wird dieser Teil der Geschichte von einer sehr detailliert geschilderten Kinderwunschbehandlung. Eigentlich ein total emotionales Thema, welches mich aber aufgrund der Charaktere wirklich kalt ließ. Nachdem mich der Roman im Mittelteil endlich auf beiden Ebenen fesseln konnte, ging es dann leider rasch wieder abwärts. Ein gelungenes Ende kann an und für sich ein Buch durchaus retten finde ich. Hier ist nun genau das Gegenteil passiert und der Autor hat es in meinen Augen einfach nur vermasselt. Ich will jetzt nicht ins Detail gehen um nicht zu Spoilern. Nur so viel, das Ende wirkt unausgegoren und schnell herunter geschrieben. Diese Auflösung wird der eigentlich tiefgründigen Geschichte in keiner Weise gerecht und ist absolut unglaubwürdig. Und so lässt mich „Großmutters Geheimnis“ leider ziemlich enttäuscht zurück. Insgesamt kann ich nicht mehr als 3 Sterne vergeben, schade denn das Thema hätte eigentlich mehr hergegeben.
Profile Image for WildesKopfkino .
740 reviews7 followers
November 29, 2025
Musik als letzte Zuflucht — so fängt dieses Buch an, und es bleibt nicht bei der schönen Formulierung: Benjamin Koppel gelingt ein warmes, melancholisches Stück Literatur, das lange nachklingt. Die Geschichte beginnt 1943 mit Ruth, einer jungen Opernsängerin, deren Stimme mehr ist als bloß Talent: sie ist Überlebensfaden, Widerspruch und Erinnerung zugleich. Ein halbes Jahrhundert später knistert ihre Aufnahme aus einem New Yorker Heim wie ein Brief, der zu spät und doch rechtzeitig kommt. Parallel dazu stolpert Alexander durch sein modernes Dasein in Kopenhagen: Karriere, Ehe, der laute, schmerzliche Wunsch nach einem Kind — und eine Mutter, die lieber schweigt, als die Vergangenheit zu erzählen.

Stilistisch trifft Koppel genau den Ton zwischen leiser Würde und nordischer Direktheit. Kein Pathos-Geplapper, sondern kleine, scharf beobachtete Szenen — der Geruch von Dachbodenkartons, das eigenartige Schweigen bei Familienessen, die peinlich lustigen Versuche, ein altes Band abzuspielen. Das Buch schafft es, schwere Themen wie Vererbung von Traumata und jüdische Lebensgeschichten ohne Belehrungszeigefinger zu erzählen. Musik zieht sich wie ein roter Faden durch die Seiten und wirkt gleichzeitig Heilmittel und Mahnung.

Ein paar Figuren könnten noch etwas kantiger sein; manche Nebenstränge kippen gegen Ende ein wenig in Sentimentalität. Trotzdem sitzt die Mischung aus Familiengeheimnis, Historie und persönlichem Ringen. Wer emotionale, gut erzählte Familienromane mag — und Musik im Herzen trägt — findet hier ein echtes Kleinod. Herzschmerz trifft Intelligenz, und die Stimme des Erzählens bleibt lange im Ohr.
Profile Image for Michael Madel.
549 reviews11 followers
November 18, 2025
Eine bewegende, auch sprachlich überzeugende europäisch-jüdische Geschichte über generationenübergreifende Traumata, die das Leben der Menschen unbewusst, aber nachhaltig bestimmen und beeinflussen. Hoffnung, Zuversicht und Überlebensfähigkeit spenden die Kunst und die Musik.
Displaying 1 - 8 of 8 reviews

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