Ein gutes Buch, wenn auch zu lang. Willemsen besucht ein Jahr lang den Bundestag und gibt seine Eindrücke Tag für Tag wieder. Die Neujahrsansprache der Kanzlerin ist dabei eine schöne öffnende wie schließende Klammer. Daß das Jahr 2013 ist, gibt dem Bericht zusätzlich Struktur -- die Bundestagswahl im September bildet den Höhepunkt oder zumindest das Ziel der vorangegangenen, vom Wahlkampf geprägten Debatten, und die Koalitionsgespräche und Regierungsbildung (die fast bis zur Weihnachtspause bzw. bis zur neuerlichen Neujahrsansprache andauern) sind der Epilog.
Willemsen beobachtet und kritisiert festgefahrene Strukturen und Rituale im Parlament, und scheint dann selbst im Lauf des Buchs in selbige zu verfallen: Seine Beobachtungen und Vergleiche wiederholen sich:
- Die Worthülsen der Redner
- Der fehlende Bezug zur gelebten Wirklichkeit der Wähler bzw. der Bevölkerung (für die er oft beispielhaft die Besucher auf der Tribüne stehen läßt)
- Die mangelnde Diskussionskultur
- Die strenge (wörtliche) Parteilichkeit der Parlamentarier (geklatscht wird nur bei Beiträgen aus der eigenen Fraktion bzw. Koalition, hereingerufen nur bei Rednern des gegnerischen politischen Lagers)
- Die seltenen Ausnahmen von inspirierter oder fachkundiger Rede, die aber wirkungslos verpuffen
- Die noch selteneren Fälle von echtem überparteilichem Austausch und inhaltlicher Diskussion
- Das zur Schau getragene Desinteresse der Mitglieder f��r alle Beiträge außer denen ihrer Fraktion
- Wie lapidar und beiläufig auch kritische Themen (etwa Rüstung oder NSA-Affäre) behandelt werden.
- Die Absehbarkeit der Ausgänge der Abstimmungen.
Vielleicht wären weniger Besuche im Bundestag hier mehr gewesen (mind. einmal im Monat statt mind. einmal in der Woche?), oder eine stärkere Auswahl und Aggregation des Erlebten. Auch eine Anreicherung mit anderen Perspektiven wäre interessant gewesen, etwa eine Konfrontation eines MdB mit seinen (Willemsens) Eindrücken, oder ein Gastbesuch in einem anderen Parlament im In- oder Ausland, oder eine vergleichende Sichtung der Protokolle lange zurückliegender Sitzungen vor 20, 30 oder 40 Jahren. Willemsen reißt zumindest die zeitlich/historische Perspektive mehrmals kurz an, beläßt es aber bei rhetorischen Fragen der Art "ist das die freie parlamentarische Rede, für deren Einführung noch vor einigen hundert Jahren leidenschaftlich gekämpft wurde?". Was genau sich seitdem geändert hat, zum Schlechten wie auch zum Guten, darauf geht er nicht ein, und es bleibt ein oberflächlicher Eindruck von "früher war alles besser".
Schließlich hätte ich mir auch ganz platt Bilder gewünscht. Wie Merkel, Schäuble oder Steinbrück aussehen weiß ich natürlich, bei Claudia Roth oder Norbert Lammert wird es schon schwierig, und Dieter Wiefelspütz oder Wilhelm Priesmeier sind einfach nur noch Namen. Kein Wunder, bei 630 Abgeordneten! Selbst wenn er nur ein paar Dutzend namentlich nennt, und je ein paar Worte zu Aussehen oder Gestik verliert, bleibt auf den knapp 400 Seiten doch kein Raum für eine sinnvolle Charakterisierung. Fotos hätten geholfen.
Willemsen hat sich bewußt auf seine persönliche Perspektive beschränkt, das sagt er im Nachwort. Schade, ich denke es macht das Buch eintöniger. Dennoch ist es sehr lesenswert, wie ein Tagebuch macht es in seiner Unmittelbarkeit einen starken Eindruck.